100 Jahre Heilpädagogischer Kurs

AutorIn: Regine Bruhn

Der Heilpädagogische Kurs fand vor nunmehr 100 Jahren vom 25. Juni bis zum 7. Juli 1924 in Dornach statt. Es hatte keine öffentliche Bekanntmachung gegeben. Einladungen waren nur an von Rudolf Steiner namentlich genannte Personen ergangen. Neben den Vorstandsmitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft und wenigen anderen waren dies die Mitarbeitenden des Heilpädagogischen Heims Lauenstein in Jena, die verantwortlichen Ärztinnen vom Haus »Holle«, der heilpädagogischen Dependance der Klinik in Arlesheim, der Schularzt der Stuttgarter Waldorfschule, die Lehrer der »Hilfsklasse« und einiger besonders schwieriger Kinder. Aus dem Kreis der Priester der Christengemeinschaft war Emil Bock eingeladen worden.
Diese ausgewählte kleine Gruppe repräsentierte somit das Zusammenwirken pastoraler, me­dizinischer und (heil-)pädagogischer Impulse.
Wenn man bedenkt, dass schon 1920 das Werk »Zur Freigabe der Tötung lebensunwerten Lebens« von Binding und Hoche erschienen war und der Deutsche Hilfsschullehrerbund sich 1924 in diesem Sinne positioniert hatte, ist die Gründung der anthroposophischen Heilpäda­gogik kaum hoch genug zu schätzen.


Wie war es zum Kurs gekommen?

Im September 1923 war Albrecht Strohschein gefragt worden, ob er von Menschen wüsste, die sich im Jugendsanatorium Sophienhöhe in Jena im anthroposophischen Sinn betätigen würden. Er und seine Freunde Siegfried Pickert und Franz Löffler hatten am »Pädagogischen Jugendkurs« mit Rudolf Steiner teilgenommen, bei dem es besonders um Fragen junger Menschen gegangen war. Der Kurs endete mit dem Bild Michaels, der den Drachen besiegt und hineinfahren will in die Zivilisation. Die drei wollten nun tiefer in die Anthroposophie eintauchen und waren bereit für eine kommende Aufgabe. So begann Pickert in Jena am 1. Oktober ohne heilpädagogische Vorbildung, Löffler folgte am 1. November. Betraut mit den schwierigsten Fällen, gab es erste kleine Erfolge, die einem mehr gefühlsmäßigen Umgang entsprangen. Zusammen mit Strohschein, mittlerweile Student der Psychologie in Jena, und der Ärztin Ilse Knauer fuhren sie nach Dornach zur Weihnachtstagung 1923/24.
Bei einer eher zufälligen Begegnung mit Strohschein lud Steiner die drei Freunde zu ­einem Gespräch über ihre neue Aufgabe in sein ­Atelier, wo die Holzstatue des Menschheitsreprä­sentanten im Entstehen war. Als junger Student hatte Steiner grundlegende pädagogische Erfahrungen bei der Erziehung eines an Hydro­zepha­lie leidendenden Elfjährigen gesammelt, der ganz geheilt werden konnte. Auf die Frage Löfflers nach dem Schicksal solcher Kinder, wie der von ihnen betreuten, war Steiner sichtbar bewegt und erwiderte, dass dies nur individuell zu beantworten sei. Nach seiner Forschung sei jedes Genie einmal durch ein solches Dasein gegangen. Vielleicht könne er ihnen zukünftig Hilfe an Ort und Stelle geben. Es wurde klar, dass dies nur innerhalb einer eigenständigen Initiative möglich wäre. Dafür fand sich bald das ehemalige Ausflugslokal Haus Lauenstein oberhalb der Stadt. Geld fehlte allerdings an allen Ecken und Enden.
Albrecht Strohschein schaffte es, von Emil Molt, der schon die Gründung der Stuttgarter Waldorfschule ermöglicht hatte, einen gewissen Grundstock für die Pacht und die nötigste Einrichtung zu erhalten. Das Haus wurde notdürftig hergerichtet, die Zimmer in den Farben gestrichen, die Steiner telegraphisch empfahl.
Im Mai 1924 konnte die Arbeit mit Pickert und Löffler beginnen. Strohschein reiste wieder zu Rudolf Steiner und erhielt den Rat, für einen geplanten Prospekt die Bezeichnung »Heil- und Erziehungsheim für Seelenpflege-bedürftige Kin­der« zu nutzen und sie nicht wie üblich als »pathologisch« abzustempeln. Außerdem versprach er einen Besuch und einen Kurs.
So kam Steiner am 17. Juni 1924 direkt von der Jugendansprache im Anschluss an den Kurs über Landwirtschaft aus Breslau nach Jena. Er übernachtete im alten Hotel »Zum Bären«, das er schon aus dem Jahr 1894 von der Feier zum 60. Geburtstag von Ernst Haeckel kannte. Am Morgen des 18. Juni wurde er zum Lauenstein gefahren, wo er am Tor von allen Mitarbeitenden und Kindern begrüßt wurde. Eine Weile stand man auf dem Hof und schaute sich um. Steiner fragte Strohschein leise: Sagen Sie, wie haben Sie das eigentlich gemacht?
Steiner bewies dabei einen praktischen Blick von der Eignung des Hauses für eine bestimmte Anzahl von Kindern bis zur Nutzung des Gartens. Dann wurden ihm die Kinder einzeln vorgestellt, und er gab Hilfen zu ihrer Behandlung. Weiter riet er, dass jemand für die Konzessionierung das Lehrerexamen erwerben müsse.
Als Steiner beim gemeinsamen Mittagessen mit warmer, tiefer Stimme in das »Amen« des Tischgebets einfiel, empfanden es die Anwesenden wie einen Segen für dieses neue Arbeitsfeld. Während des Tischgesprächs wies er auf die Jenaer Geistesimpulse hin, die ihm aus seiner Weimarer Zeit vertraut waren. Hier hatte Schiller bei seinen Geschichtsvorlesungen viele junge Studenten um sich geschart; Goethe im Botanischen Garten seine Metamorphosenlehre entwickelt, war am Saaleufer zu seinem Märchen inspiriert worden und beide hatten zahllose Gespräche geführt. Zusammen mit Fichte, Schelling, Hegel und Novalis hatten sie Jena zum Mittelpunkt des Deutschen Idealismus gemacht.
Der 18. Juni 1924 gilt als Gründungstag der Heilpädagogik, weil dieser Tag mit Rudolf ­Steiner zum Urbild für das ganze zukünftige Zusammenleben mit den Kindern wurde. Wenig später kam man für den angekündigten Kurs in Dornach zusammen.

 

Worum ging es im Kurs?

Steiner betonte die Notwendigkeit einer Kenntnis der Erziehungspraxis für gesunde Kinder, um unvollständig entwickelte Kinder zu erziehen, und sprach über die Bedingungen, durch die sich das Seelisch-Geistige im Physisch-Lebendigen verkörpern kann. In Bezug auf einzelne Kinder gab er dann pädagogische und therapeutische Hinweise, diesen Prozess zu unterstützen und zu fördern. Bei etwaigen Einseitigkeiten sollte versucht werden, ein Gleichgewicht herzustellen.
Steiner führte über die seelenpflegebedürftigen Kinder aus, dass es sich hier um in tiefem Sinne karmische Zusammenhänge handele, die zum Vorschein kämen, und dass jeder Grad der Besserung ein Gewinn für die Kinder sei. Man dürfe sich niemals mit dem Gedanken trösten, dass Karma so sei und Dinge deshalb einen gewissen Verlauf nehmen müssten. Ein »Abbiegen des Karmas« sei möglich, da Dinge auf verschiedene Weisen erfüllt werden können. Es handele sich quasi um ein Eingreifen in die »Arbeit der Götter«, die sonst im Nachtodlichen vollzogen würde. Jedes Kind stelle sich immer als ein neues Rätsel dar, und man solle sich durch die Wesenheit des Kindes leiten lassen. Es käme vor allem darauf an, wie man sei, nicht so sehr darauf, was man sage oder tue (2. Vortrag). Des Weiteren sprach er über die Notwendigkeit der Selbsterziehung für die Heilerziehenden (4. Vortrag). Steiner machte verschiedene Vorschläge für meditative Übungen, unter anderem um sich imaginativ für Möglichkeiten der Metamorphose zu öffnen (10. und 11. Vortrag).
Neben der heileurythmischen, heilpädagogischen und medikamentösen Therapie käme es auf Humor, Beweglichkeit und Enthusiasmus an (6. Vortrag). Die Beschäftigung mit dem ­Genius eines Ortes – in Jena z.B. mit der Entelechie eines Ernst Haeckel – könne die Jugendkräfte der Begeisterung anregen (11. Vortrag).


Was wurde daraus?

Rudolf Steiner verwies die ersten Heilpädagogen als Ansprechpartnerin auf Ita Wegman, die Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum. Diese Zusammenarbeit bewährte sich besonders nach seinem Tod. Schon bald wurde das Haus »Holle« in Arlesheim zu klein und der Sonnenhof der Ort für die heilpädagogische Arbeit. Es entstand ein reger Austausch zwischen den dortigen Mitarbeitenden und jenen im Heim Lauenstein über die therapeutischen Entwicklungen in der Heileurythmie, Kunst und Musik, über das Feiern der Jahresfeste, Spiele und Lieder. Der heilpäda­gogische Bedarf wuchs, und schon bald gab es Neugrün­dungen. Alles geschah in enger Absprache mit Ita Wegman, die auch andere Ärzte in die heilpädagogischen Zusammenhänge einwies. Sie war es auch, die auf die Bedeutung des religiösen Erlebens für die Seelenpflege hinwies. Für die Heime vermittelte sie den freien christlichen Kultus der Sonntagshandlung, wie er bis dahin nur in der Stuttgarter Waldorfschule gepflegt worden war. Sie vertiefte auch die Zusammenarbeit mit den Priestern der Christengemeinschaft. Es kam zu einem intensiven pastoral-medizinischen Zusammenwirken des Arztes und Heilpädagogen Karl König mit dem Priester Emil Bock, Teilnehmer des Heilpädago­gi­schen Kurses. Seminare zu damals drängenden sozialen Fragen wurden veranstaltet und sogar eine Freie Schule für Soziale Arbeit in Eisenach gegründet. Mit Beginn der NS-Herrschaft 1933 wurde die Arbeit im damaligen Deutschen Reich zunehmend schwieriger beziehungsweise unmöglich. Sowohl Mitarbeitende als auch Betreute mit jüdischem Hintergrund mussten fliehen oder untertauchen. Euthanasie wur­de für die betroffenen Kinder und Erwachsenen zur realen Bedrohung.
Einer der Flüchtlinge war Karl König, der zusammen mit einer Gruppe junger Menschen im schottischen Exil die heilpädagogische Gemeinschaft Camphill begründete. Im Sinne des mit Emil Bock entwickelten pastoral-medizinischen Impulses kam es schließlich 1955 mit Botton Village in England zur Gründung einer ersten sozialtherapeutischen Gemeinschaft in Zusammenarbeit mit einer Gemeinde der Christengemeinschaft. Auch anderswo entstand nach dem Zweiten Weltkrieg eine große Vielfalt anthroposophischer Schul-, Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, die heute ­einen Fokus auf Individualität und Entwicklungen sozialer Inklusion richten. Im Herbst dieses Jahres wird nach 100 Jahren eine eigene Sektion am Goetheanum in Dornach gegründet. 


Regine Bruhn, geboren 1960, langjährige Erfahrung in Heilpädagogik und Erwachsenenbildung, Mitbegründerin des Karl König Instituts, Berlin und Zürich