Der Siebener-Kreis

Wer leitet die Christengemeinschaft eigentlich? Viele Menschen, die mit der Christengemeinschaft verbunden sind, fragen sich das.

In dieser Interview-Reihe stellen die Mitglieder des Siebener-Kreises sich vor und geben Einblicke in ihre Arbeit.

Gespräch mit Irma Gössler

Sarah Knausenberger: Schön, dass wir uns unterhalten können! In deinen Worten: Was ist die Aufgabe des Siebener Kreises?

Irma Gössler: Unsere Bewegung im Bewusstsein zusammenzuhalten, mit allem Auf und Ab. Das ist die eine Aufgabe unserer Leitung. Irgendjemand muss das ja tun! So eine große Bewegung – jemand muss da den Überblick behalten.

Das andere ist, dass Entscheidungen getroffen werden müssen. In diesem Bereich sind wir sehr unterschiedlich, es kann so unterschiedliche Wege geben, ein Problem zu lösen. Aber es geht darum, gemeinsam Entscheidungen zu treffen und dann den Weg zu gehen. Erfahrungen zu machen, zu lernen. Und zu vertrauen. Ich habe gemerkt, dass man das guten Gewissens tun kann. Manchmal, wenn man innerlich denkt: bloß nicht!, wundert man sich später und merkt, dass es doch richtig war.

Keine Entscheidung wird leicht gewonnen, wir wägen immer alle Vorteile und Nachteile so gut wie möglich ab, alles wird so gut es eben geht durchdacht.

Und bei all dem kommt es sehr auf das menschliche Miteinander an. Das ist dann der „mittlere“ Bereich der Leitung.

SK: Gibt es ein Ritual dafür, wenn jemand in den Siebener Kreis aufgenommen wird?  

IG: Nein. Wer im Siebener-Kreis mitarbeitet, erhält keine zusätzliche Weihe oder irgendeine von der geistigen Welt vorgegebene Vollmacht. Es ist eine Vollmacht, die aus der Gemeinschaft gegeben wird.

SK: Voraussetzung ist aber, dass man Lenker ist, richtig?

IG: Ja.

SK: Und gibt es ein Ritual, wenn man Lenker wird?

IG: Es findet eine festliche Übergabe des Lenkerkragens statt. Nicht so feierlich, wie beim Erzoberlenker, aber doch ein kleines Ritual. Rudolf Steiner hat da keine Angaben gemacht – hätte er Zeit gehabt, wäre da von ihm bestimmt auch noch ein Vorschlag gekommen.

SK: Wie würdest du das Lenkertum definieren?

IG: Das Lenkertum definiere ich mit dem Bewusstsein für die Region.
Die Lenker-Aufgabe zu übernehmen, war für mich etwas ganz und gar anderes als der Eintritt in den Siebener Kreis. Die Last, Verantwortung für die Kolleginnen und Kollegen in der Region zu tragen, das habe ich sehr deutlich gespürt. So viele Schicksale hängen von einem ab. Da alles richtig zu machen – das ist erstmal ein Gewicht.
Ich hatte ja keine Ahnung, was in den einzelnen Gemeinden lebt und wie die Kolleginnen und Kollegen arbeiten. Um Gotteswillen!, habe ich gedacht. Da sind lauter schwarze Flecken, lauter Bereiche, die ich noch nicht kenne.

SK: Wie hast du das gelöst? Hast du viele Besuche gemacht?

IG: Das Leben nimmt es in die Hand. Ich fand mich in der Situation, plötzlich in all den Gemeinden, für die ich verantwortlich war, Konfirmationen durchführen zu müssen. Da sagte mein Kollege Helmut, der auch mein Vorgänger als Lenker war, zu mir:
„Jetzt musst du dich mit den Gemeindeengeln in Verbindung setzen!“.
Das hat mir eingeleuchtet. Während des Zelebrierens der Menschenweihehandlung und der Konfirmationen habe ich gemerkt, dass ich ein Gefühl für die Gemeinde bekommen habe, auch wenn ich sie vorher kaum kannte. Die Konfirmation ist ja ein offener Anlass, wo viele kommen.

Bei der Jahresversammlung einer Gemeinde anwesend zu sein, ist auch gut, aber eben nicht immer möglich. Wichtig sind natürlich auch die Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen. Bei Schwierigkeiten werde ich oft dazu gerufen. Einfach, weil es gut ist, eine unbefangene Person dabei zu haben.

SK: Also war das schon eine große Veränderung, dieses Lenkertum anzunehmen?

IG: Ja. es hat einen sehr tiefen Einschnitt in meine Arbeit gemacht. Als Lenker steht man allein da. Die Anfrage, zum Siebenerkreis zu kommen, konnte ich leicht zusagen, denn ich wusste, ich bin dort nicht allein. Ich kannte die Kollegen und wusste, das wird ein Miteinander sein. Zu Beginn meiner Arbeit dort waren die Erlebnisse, die ich bei der Priesterweihe hatte, wieder sehr gegenwärtig. Die Tatsache, durch die Weihe in einen geistigen Strom eingetreten zu sein, die war wieder real spürbar. Vor allem aber hatte ich dieses starke Erlebnis, dass der Kreis ein lebendiges Organ ist.

SK: Wie unterscheidet sich deine jetzige Arbeit von der Gemeindearbeit?

IG: Das regelmäßige Zelebrieren in der Gemeinde schafft eine Gemeinschaft, einen gemeinsamen Ätherleib. Für die Leitung ist die gesamte Priesterschaft dieser Leib.
Die Gelegenheit, wie in der Gemeinde eine gemeinsame Substanz zu bilden, haben wir nicht. Zwei aus unserem Kreis sind in Amerika – wir sehen uns nicht so oft, nur vier Mal im Jahr. Dann machen wir dafür immer ein richtiges Klausurtreffen. Ansonsten müssen wir die Verbindung innerlich pflegen. Und einmal die Woche treffen wir uns über Zoom. Jeden Mittwoch haben wir Konferenz, das ist aber vor allem ein Informationsaustausch.

Die Gemeinschaft in der Leitung ist wichtig, damit wir ein gesundes Organ in der Priesterschaft sein können. Die Synode ist für uns alle unbedingte Pflicht. Hier kommt die ganze Priesterschaft zusammen.

Hilfreich ist auch ein Ort, wo man hindenken kann. Denn im Christentum muss es bis ins Irdische gehen.

SK: Was bedeutete der Umzug der Leitung für Eure Arbeit?

IG: Der Umzug ist aus äußeren Gründen in die Wege geleitet worden. Die Erfahrung hat gezeigt: wenn die Räume keinen Anschluss mehr haben, wenn sie nicht mehr gefüllt werden, dann verwaisen sie.

Die Ursprungsidee, in Berlin einen separaten Sitz für den Siebenerkreis zu schaffen, kam aus dem Impuls, die Gemeinde zu entlasten. Anfangs war die Leitung in Stuttgart Mitte. Das hat die Gemeinde aber überlastet. Damals waren ja auch alle sieben Mitglieder noch vor Ort. Und die Treffen sind ja nicht nur schön. Man wollte der Gemeinde mehr Freiraum geben. Aber die Situation in Berlin war nicht mehr lebenstüchtig. Ein paar Jahre lang ging es gut, da wurde dort auch öfter zelebriert, etc. Aber jetzt sind wir so international besetzt, dass es keinen Sinn mehr macht.  

Stuttgart ist eine Zwischenstation. Es ist gut erreichbar, dort gibt es viele Räume, die genutzt werden können. Wir treffen uns selten, werden also die Gemeinde hoffentlich nicht zu sehr belasten. Wir können dort in aller Ruhe und ohne Druck eine Entscheidung treffen, wie es weitergehen soll.

SK: Was sind derzeit die größten Baustellen in der Christengemeinschaft?

IG: Die internen Baustellen kann man nicht von denen trennen, die derzeit in der Welt stattfinden. Wir kommen ja alle aus der Welt. Um ein paar Themen zu nennen: Viele Kolleginnen und Kollegen haben mit Erschöpfung zu kämpfen. Sie können nicht mehr so viel reinbuttern wie früher. Es gibt schneller Burnouts, auch bei den Jüngeren. Eine zentrale Frage ist also: Woher kommt der Kräfte-Schwund?

Noch ein großes Thema sind die Finanzen. Das besorgt mich aber ehrlich gesagt nicht besonders. Früher, in der Gründungszeit, gab es auch kaum Geld. Wir leben vom Zusammensein. Durch die Beziehungen. Die müssen wir aber lebendig halten!

Zum Thema Jugend: Da wird viel gejammert. Wo sind die jungen Leute?, wird gefragt. Mich ärgert es, wenn man das eigene Verstaubtsein nicht merkt. Die Frage ist: Wo ist die eigene Jugend? Wie bleibe ich innerlich jung? Wenn uns das gelingt, strahlt es auch aus.

SK: Ich danke dir für das Gespräch!

IG: Sehr gerne.

Irma Gössler wurde am — geboren, ist seit – Pfarrerin und seit — Mitglied in der Leitung.

Sie wohnt mit ihrem Mann in Karlsruhe.

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