Der Siebenerkreis stellt sich vor

Der Siebenerkreis stellt sich vor

Gespräch mit Oliver Steinrueck

Sarah Knausenberger: Hallo nach New York! Wie ist die Lage bei Euch?

Oliver Steinrueck: Gut. Hier ist alles voller Schnee. In Hamburg auch?

SK: Ein bisschen noch. Magst Du einmal deine berufliche Situation schildern, Oliver? Die ist ja etwas speziell.

OS: Gern. Ich habe jetzt eine halbe Stelle in der Gemeinde hier in New York City und meine andere halbe Stelle ist im Siebenerkreis. Das heißt, ich fliege vier Mal im Jahr nach Deutschland. Das nächste Mal Anfang März für die Weihebeschlüsse und die Weihen. Dann geht es weiter nach Toronto, ich werde auch da Weihen halten.
Aber das ist so eine Sache mit den halben Stellen. Als Richard Dancey nach Chicago kam, sollte er halb für das Seminar da sein und halb für die Gemeinde. Er sagte aber: das stimmt nicht! Ich bin ganz für das Seminar da und ganz für die Gemeinde. So ist es bei mir auch ein bisschen.

SK: Das glaube ich sofort. Was ändert sich für Dich, wenn Du von der Position des Gemeindepfarrers in den Siebenerkreis wechselst?

OS: Das ist für mich ein ganz wichtiges Thema. Ich war früh Lenker, in meinen Dreißigerjahren schon. Erst in Chicago, danach in San Francisco.  Ich war dort der einzige Pfarrer und gleichzeitig auch Lenker für Nordamerika, das war ideal, weil ich alles so einrichten konnte, dass es für mich passte.

In den Siebenerkreis zu kommen, hat viel geändert. Ich glaube, alle in der Leitung, die nicht mehr in einer Gemeinde verankert sind, leiden darunter. Und zwar, weil das Ziel, mit dem wir uns haben weihen lassen, plötzlich nicht mehr direkt erfüllt werden kann. Mit der Weihe haben wir eine lebenslängliche Aufgabe bekommen, die mit dem Zelebrieren und Wirken in der Gemeinde zu tun hat. Und plötzlich fehlt die Gemeinde! Es kann die Frage aufkommen: wofür bin ich da?

Das eigentliche Ziel der Weihe ist, voll in der Gemeinde Pfarrer zu sein. Und die Leitung ist da, um das zu ermöglichen.

Wenn man das nicht hat, die Beziehung zur Gemeinde, ist das ein Verlust.  Ich war in meiner Berliner Zeit zwar in der Gemeinde Ruhrstraße willkommen, konnte kommen und gehen. Aber es ist nicht dasselbe.

SK: Man kann sich nicht so mit den Schicksalen verbinden, weil man immer nur kurz da ist oder?

OS: Genau. Mir war es wichtig, ein Bein im Gemeindeleben zu haben. Und das habe ich jetzt wieder. Und ein Beispiel dafür, was sich dann ändert: Ich habe mehr Beichtgespräche in den letzten zwei Monaten gehabt als in den letzten sechs Jahren.
Ich halte auch wieder Trauungen und Bestattungen. Jedes Sakrament bringt einen in Verbindung mit dem Wesen der Gemeinde. Und das ist wichtig.

SK: Was habt Ihr gerade für Themen im Siebenerkreis?

OS: Unsere Aufgabe ist in erster Linie, den Zusammenhalt der Priesterschaft zu gewährleisten, sodass diese wiederum der Welt dienen kann.

Als Siebenerkreis reagieren wir viel auf das, was auf uns zukommt. Es gibt immer viel zu lösen. Manchmal versuchen wir auch, übergeordnete Themen hereinzuholen. Viel Raum gibt es dafür nicht. Man kann aber auch die Frage haben. Sollen die Impulse aus dem Priesterkreis kommen oder vom Siebenerkreis?

Ein wichtiges Augenmerk sind für uns die Stellen, wo Priester herein- und hinausgehen aus unserem Kreis. Wir fassen den Weihebeschluss immer mit der Frage: Wer kommt da herein in den Priesterkreis? Selten zeigt es sich auch, dass durch jemanden ein Schaden entsteht. Dann kann auch mal eine Trennung sinnvoll sein.  

Wo für unsere Bewegung die Aufgaben in der Welt liegen – das sehen wir als Mitglieder des Siebenerkreises unterschiedlich. Für mich ist wichtig, wie wir mit der virtuellen Welt umgehen. Es ist wichtig zu verstehen, was im Sinnlichen geschieht, wenn das Geistige hereinkommt. 

Der Christus kommt aus der ewigen Geisteswelt in die sinnliche Welt.

Wir müssen also in der sinnlichen Welt Räume schaffen für das Übersinnliche. Das können wir nicht in der virtuellen Welt. Denn die virtuelle Welt ist nicht sinnlich. Sie ist zwar geistig, aber eher auf untersinnliche Art.

Manche werden erst heute wach dazu, was es bedeutet, sich persönlich zu begegnen, weil wir so viele andere Möglichkeiten haben. Das sakramentale Leben scheint heutzutage dünn zu sein. Aber es ist belegt, dass junge Menschen wieder vermehrt das Orthodoxe suchen, weil da wenig diskutiert und viel im Kultischen erlebt werden kann.

SK: Aber wie finden die Menschen zum Kultus?

OS: Ja, viele finden uns durch die digitalen Kanäle. Aber sie findet in den Kanälen selbst nicht die Nahrung. Es ist wie mit gutem Brot. Man kann ein Buch übers Brot lesen, aber das macht einen nicht satt. Es geht um diese Sensibilisierung: Woher bekommen wir wirkliche Nahrung? Das wird die Frage in der Zukunft sein. Wie wir die virtuelle Welt als Brücke nutzen und nicht hineinfallen.

Bei Jugendtagungen habe ich paar Mal Workshops gegeben über die reale und virtuelle Welt. Die Jugendlichen sagen selbst, wie wohltuend es ist, bei so einer Tagung zu sein. Einer hat mal beschrieben, dass er merkte, er brauchte sein Handy gar nicht mehr.  Er wurde genährt durch das Miteinander. Als er es nach der Tagung wieder anmachte, schienen ihm die ganzen Spiele wie Stroh. Aber später, als er das Nahrung von der Jugendfreizeit nicht mehr hatte, ist er wieder reingerutscht.

Wir müssen herausfinden, wie wir mit etwas umgehen, das eben auch sehr giftig ist. Das müssen wir in der Christengemeinschaft auf Jugendtagungen besprechen. Das fehlende Gespräch darüber ist einer der Gründe für unsere leeren Gemeinden.   

SK: Wie sieht es in der New Yorker Gemeinde aus mit der Jugend?

OS: Es gibt hier leider keine Jugendgruppe. Vier, fünf Kinder kommen sonntags. Das war aber schon lange so. Es gibt Gemeinden, wo es aktiver ist, aber das sind die wenigsten. Früher waren dreißig Menschen in der Jugendgruppe, heute freut man sich über fünf.  

SK: Beschäftigt Euch das im Siebenerkreis? Denn die Jugend ist ja die Zukunft …

OS: Entweder wir sagen: Wir haben das Wahre und wir pflegen das bescheiden und treu, sodass man uns vielleicht in 200 Jahren wiederentdecken kann. Oder man sagt: How do we meet the people? Wie hören wir auf die Fragen, die heute in den Seelen sind und wir können wir uns ändern, um diesen Fragen Rechnung zu tragen? Das ist mein Ansatz. Aber als Siebenerkreis muss man offen sein.

Ein Jahr nach der Gründung der Christengemeinschaft hat Rudolf Steiner mit den Priestern darüber gesprochen, dass wir bald in einer neuen elektrischen Welt leben werden. Damals ging es um diese Masten mit Drähten. Rudolf Steiner sagte sinngemäß: Ihr seid eine Bewegung, die dem etwas entgegensetzen kann, weil Ihr in einer Zeit entstanden seid, wo die Elektrizität schon in der Welt war. Ihr habt schon die Kräfte mitbekommen, dem etwas entgegenzusetzen.

SK: Was meint er mit entgegensetzen? Kannst Du ein Beispiel nennen?

OS: Das Erleben ins Denken bringen zu können. Das ist unsere Stärke. Wir haben ein sakramentales Leben, das fundiert ist auf ein Verstehen. In der Menschenweihehandlung heißt es: Nehmt dieses auf in euer Denken. Das ist ein neues Christuswort, das mit unserer Zeit zu tun hat.

SK: Nochmal einen Schritt zurück: Wo finden wir denn die Fragen unserer Zeit? Müssen wir zu Poetry Slams gehen, ins MOMA?

OS: Wir haben uns hier bei den Synoden in den USA tatsächlich mal vorgenommen, immer zwischen den Sitzungen rauszugehen, raus aus unseren Komfortzonen. Und das sind dann zum Beispiel Poetry Slams, ja, oder was auch immer. Es muss eben ein Setting sein, wo ich unsicher bin, wie ich das vertrete, was ich zu vertreten habe. Das ist individuell, wo man das findet. Jeder macht das ein bisschen, aber wir müssen es stärker machen. Wir müssen Mut haben, in eine Situation zu gehen, wo das Ergebnis ungewiss ist. Am Seminar hatten wir Kurse bei Irene Johannson. Sie hat uns für den Religionsunterricht geschult mit dem Motto: Mut zur Blamage. Diesen Mut brauchen wir.

SK: Das erinnere ich nicht mehr vom Stuttgarter Seminar …

OS: Ja, das Stuttgarter Seminar hat sehr viel Tradition und Geschichte – das ist auch ein bisschen ein Schatten. Toronto ist da offener. Wir müssen das als Siebenerkeis mehr fordern. Es kommen allerdings auch Vorschläge für Proseminare, die manchmal grenzwertig sind. Bei der Ausbildung in Stuttgart weiß man, das hat Hand und Fuß. Das geht in die Tiefe. Aber wir müssen auch immer offen gucken, was kommt uns entgegen aus der Welt. Eben immer mit der Frage: Ist es tief genug? Möglich ist so etwas schon. In die Tiefe gehen heißt nicht, immer in die alten Formen zurückzugehen.

SK: Wie steht es eigentlich mit den Priesterseminaren?

OS: Das Vollzeitstudium in Hamburg hat geschlossen, dafür kann man dort nun berufsbegleitend studieren. Stuttgart ist auch kleiner geworden, mit etwa zehn neuen Studierenden pro Semester. In Toronto sind derzeit etwa fünf, sechs Studentinnen und Studenten insgesamt. 

SK: Macht Dir diese Entwicklung Sorgen?

OS: Ja, aber wir sind da in die Zeitentwicklung eingebunden.

SK: Sag mir doch noch zum Abschluss, wie du die Stimmung in den USA derzeit wahrnimmst. Einerseits ist das alles erschütternd, was man da mitbekommt, aber man spürt auch einen Aufbruch.

OS: Ja, morgen nehme ich an einer Demo gegen ICE teil, die in allen Städten parallel stattfindet. Ich glaube, was jetzt gerade geschieht, das geht selbst den Rechtsgelagerten zu weit.

New York selber ist eine liberale Stadt, es ist nicht so spannungsgeladen hier. Aber wir haben Gemeinden, wo Menschen auf verschiedenen Seiten des politischen Konflikts stehen. Ich versuche immer, alle Seiten zu sehen. Ich bin froh, dass wir auch Republikaner in den Gemeinden haben. Die Medien entzünden und polarisieren, davon leben sie. Wir müssen sehen, dass wir die Spaltung überbrücken. Das geht nur durch die Begegnung. Dafür Räume zu schaffen, ist die Aufgabe der Christengemeinschaft.

SK: Das bringt uns zum Ausgangspunkt …

OS: Genau. Wir müssen aus dem Virtuellen raus und in die Begegnung rein.
Über die sinnliche Welt können wir Dinge bewirken, die anders nicht möglich sind.

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Oliver Steinrück ist Pfarrer in New York und Mitglied des Siebenerkreises.

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