Gespräch mit Susanne Goedecke
Sarah Knausenberger: Liebe Susanne, wir kennen uns ja noch aus Überlingen. Du hast damals einen Jugendkreis geleitet, an dem ich teilgenommen habe. Überlingen am Bodensee war deine erste Entsendung, richtig?
Susanne Goedecke: Ja, genau. 1997 war das. Da war ich 25 Jahre alt, ich bin also jetzt mehr als 28 Jahre lang Pfarrer.
SK: Wie bist du zur Christengemeinschaft gekommen?
SG: Ich bin in eine Pfarrersfamilie hineingeboren worden, weshalb ich die Christengemeinschaft Zeit meines Lebens kenne – obwohl ich meinen eigenen Wunsch, Pfarrer zu werden, nie damit in Verbindung gebracht habe. Und trotzdem kann ich sagen, man lernt natürlich vieles von hinter den Kulissen kennen als Pfarrerskind, weshalb ich mir in vielem auch keine Illusionen gemacht habe.
SK: Wie ändert sich die Perspektive auf unsere Bewegung, wenn man in der Leitung ist?
SG: Wenn man in den Siebenerkreis kommt, ist die größte Veränderung, dass man sich immer mehr in den Umkreis hinein ausdehnen muss, um nach und nach die ganze Welt ins Bewusstsein hereinbekommen: all die Lenkerschaften mit ihren unterschiedlichen Gemeinden und verschiedenen Lenkern … Vielleicht ist das vergleichbar mit einem Waldorflehrer, der versucht, seine Klasse als ganze ins Bewusstsein zu bekommen und wahrscheinlich nach und nach Übung darin erlangt, wie er das innerlich machen kann. Also: der Radius ändert sich mit dem Tragen des Kragens.
Der Radius ändert sich
SK: Wie sieht ein typisches Siebenerkreistreffen aus?
SG: Die wichtigste Grundlage bei einem Siebenerkreistreffen ist, dass wir den Morgen mit einer gemeinsamen Menschenweihehandlung beginnen. Es kann sein, dass wir bestimmte Fragen mit hereinnehmen, die uns mit Blick auf die Bewegung wichtig sind. Nach einem Frühstück steigen wir in eine inhaltliche Arbeit ein. Das kann ein Thema aus der Anthroposophie sein oder aus den Vorträgen, die Rudolf Steiner für die Priesterschaft gehalten hat.
Dann bewegen wir zum Beispiel Kultus-Fragen. Und da ist interessant, wie man zu siebt ganz anders auf diese Dinge blickt als allein. Dass wir immer miteinander an den kultischen Fragen dran sind, ist sehr wichtig. Manchmal sind das Fragen aus der Priesterschaft, wie etwas zu handhaben ist. Dann und wann besprechen wir sie gemeinsam mit der Kultus-Kommission. Aber die Verantwortung tragen wir. Das ist eine der großen heiligen Aufgaben.
Im Weiteren haben wir immer wieder auf Schicksale, Regionen und einzelne Pfarrer zu blicken. Eine freudige Aufgabe ist, neue Kandidaten kennenzulernen, die im Begriff sind, in den Priesterkreis zu treten. Wir müssen aber auch auf schwere Schicksale schauen, wenn jemand den Kreis verlassen hat und wir das bestätigen müssen, oder jemand krank ist und nicht weiterarbeiten kann. Dann gibt es auch das Gedenken der Verstorebenen. Das sind also die Personalien, wenn man so will.
Außerdem haben wir auch darüber zu entscheiden, wie weit in einer anderen Sprache begonnen werden darf, zu zelebrieren. Das ist eine rätselvolle Aufgabe, da wir die Sprachen zum Teil gar nicht sprechen. Zum Beispiel war es sehr interessant, als zum ersten Mal koreanisch in der Kapelle der Gubener Straße zelebriert wurde, keiner von uns die Sprache verstand und zugleich deutlich wurde, dass es sich noch einmal völlig abhebt vom Japanischen und etwas zum Ausdruck kommt, was etwas ganz Eigenes ist. Die Verantwortlichen taten sich m zum Beispiel nicht leicht etwa mit der Übersetzung des Wortes Vatergott. Er darf im Koreanischen eigentlich nicht als Du angesprochen werden und dennoch entschieden sie sich, für die Weihehandlung wie auch im Deutschen das direkte Gegenüber zu benutzen. Was bedeutet es für einen ungeheuren kulturellen Ruck in einer Sprache und für eine Kultur, dass auf diese Weise begonnen wird, zu zelebrieren? So etwas zu begleiten, ist besonders.
Natürlich treffen wir uns auch immer wieder mit unterschiedlichen Kommissionen, sei es rund um das Thema Arbeitsrichtlinien, die wir uns als Priesterschaft gegeben haben, sei es mit der Kultuskommission, den Musikern oder einzelnen Lenkern. Das ist dann das Tagesgeschäft.
Abends fragen wir uns, ob es bei einzelnen im Kreis noch irgendwelche „Gräten“ gibt, die quer sitzen. Wenn ja, wird das noch besprochen. Ansonsten folgt dann ein Abschluss vor dem Altar. Einer von uns zelebriert und hält eine Predigt, alle sitzen im Gewand dabei.
SK: Was tritt an die Stelle der Gemeindearbeit?
SG: Dieses weite Bewusstsein, das man versucht über die ganze Welt hin zu bilden. Es sind auch viele Schicksale, die man mitträgt und für die man persönlich Verantwortung übernimmt in der Art, wie man zuhört, wie man offen ist und seinen eigenen Kopf hinhält für Entscheidungen. Deshalb ist es mir wichtig, auf Regionalsynoden dabei zu sein. Der direkte Austausch ist für mich sehr wertvoll.
Ich meine auch, dass ich hierfür sehr viel gelernt habe durch die Arbeit in den Ferienfreizeiten, wenn ich einen kurzen Abstecher nehmen darf. Auch dort ist man in unterschiedlichen Rollen tätig. Mal als Helfer in den Gruppen, mal als Leiter. Wenn man als Freizeitleiter die Verantwortung für das Ganze trägt muss man sehen, dass man die Rolle so einnimmt, dass man sich nicht im Strudel verausgabt und übergeordnete Entscheidungen fällen kann. Ich meine, da habe ich über mein ganzes Pfarrerleben schon viel gelernt für diese Rollen, die man eben doch einnimmt und über die man sich im Klaren sein muss, wie ich glaube.
„Als Siebenerkreismitglied nimmt man eine Rolle ein.“
Als Siebenerkreismitglied nimmt man auch eine Rolle ein, und gemeinsam bilden wir ein Organ, das man als Ätherherz der Priesterschaft bezeichnen könnte. Es ist wichtig, dass wir uns dessen bewusst sind.
SK: Was sind die Baustellen in der Christengemeinschaft?
SG: Ich glaube, dass sich die Baustellen der Christengemeinschaft in den unglaublichen Umbrüchen, die wir auch gesellschaftlich wahrnehmen, widerspiegeln. Die Frage ist oft: Wie steht es mit unseren Kräften? Wie können wir uns glaubhaft und in guter Weise hineinstellen in die Arbeit, ohne dass wir unsere eigenen Lebensverhältnisse vernachlässigen? Pfarrerskinder brauchen ja zum Beispiel auch ihre Eltern. Und auch Alleinstehende bringen ihre Lebensthemen mit. Wie werden wie all dem gerecht?
Und dann stellt sich heute oft die Frage der Verbindlichkeit. Das trifft auch uns. Wieweit kann ich eine Entscheidung fällen, die lebenslang Bedeutung hat, wenn ich wirklich ehrlich mit mir bin? In einer so schnelllebigen Zeit, in der sich alle paar Jahre so viel ändert. Wie kann ich da Treue pflegen? Wäre ich zum Beispiel bereit, wenn die Gemeinden mich nicht mehr tragen können, auch einen anderen Beruf zu ergreifen – und wie wirke ich dort dann priesterlich? Oder wie bin ich unternehmerisch und kann durch Aufgaben, die durchaus mit dem Priestertum zu tun haben, etwas an Finanzen generieren, was wiederum in die Gemeinden fließen kann? Wie kann ich mit der Gemeinde gemeinsam darauf blicken, gemeinsam Verantwortung ergreifen?
Meines Erachtens leben wir in einer sehr spannenden Zeit, in der sich viele Strukturen völlig umdrehen. Das gilt auch für uns als Siebenerkreis. Wir leben auf verschiedenen Kontinenten und müssen trotzdem sehen, dass wir ein Lebensorgan bilden. Wie trifft man sich ohne zu viel Kräfteverschleiß? Wieweit kann man online etwas kompensieren, ohne dass man der Illusion verfällt, dadurch ein Treffen zu ersetzen?
SK: Was ändert sich gerade grundlegend in der Christengemeinschaft – was wird also z.B. in dreißig Jahren völlig anders sein als heute?
SG: Ich bin mal gespannt, ob wir in dreißig Jahren in dieser Weise noch feste Gemeinden haben werden, oder ob wir viel beweglicher werden müssen. Ob wir zum Beispiel noch stärker „Gemeinden auf Zeit“ bilden oder hier und da ohne Gebäude klarkommen müssen. Vielleicht werden wir in den Gebäuden dann ganz andere Sozialstrukturen pflegen, indem wir zum Beispiel noch stärker karitativ tätig werden.
Zugleich könnte es auch sein, dass unsere Gemeinden Kulturoasen bilden, die viel weiter und über den Kultus hinaus für Gemeinschaften Heimat bilden. Unsere Sakramente werden immer das Innerste bleiben. Aber wie wir aus diesem Quell auch großzügig anderes speisen können, wäre doch eine Frage.
SK: Wie können wir uns auf solche Zeiten vorbereiten?
SG: Vielleicht, indem wir nicht aufhören danach zu fragen, was jede Generation als Neues mitbringt, wie sie sich in die Welt stellt und wie wir dem begegnen müssen.
Den Mut haben, Vorstellungen aufzugeben
Man kann doch heute nicht mehr sagen, was Eduard Mörike noch einer Alten in den Mund gelegt hat: Bin jung gewesen, / Kann auch mitreden, / Bin alt geworden / Drum gilt mein Wort … Man kann heute nicht mehr sagen: Ich war auch mal jung, deshalb kann ich mitreden. Es ist alles so anders! Ich glaube, wir müssen immer wieder den Mut haben, Vorstellungen aufzugeben, um mit diesen Änderungen in der Zeit mitzugehen und neugierig zu bleiben für das, was auf uns zukommt.
SK: Was sind die brennendsten Themen, die heute die Menschen bewegen, und wie kann die Christengemeinschaft ihnen begegnen?
SG: Ich glaube, dass die Menschheit genau mit den Themen ringt, auf die wir Antworten haben könnten. Oder anders gesagt: Dass es heute viele Fragen gibt, mit denen man bei uns leben könnte. Wenn man hört oder liest von Menschen, die heute ins Erwachsenenalter treten, ist es doch unglaublich spannend zu hören, wie ernst sie auf der Suche sind nach Entwicklung und danach, was Sinn macht. Wie schaffen wir es, diese spirituell so offene Generation zu erreichen? Oder: Was machen wir falsch, wenn man bei uns nicht mit seinen Fragen leben kann? Wie sind wir erreichbar, wie kann man uns finden?
Die Anthroposophie ist noch lange nicht ausgeschöpft für all die großen Fragen des Lebens, sie kann in so vielen Bereichen etwas geben, das sinnstiftend für das Leben sein kann. Das haben wir auch in der Christengemeinschaft, ohne dass wir irgendjemanden zu etwas bringen wollen. Wir haben diese große Freiheit, dass jeder seine eigene Weltanschauung ausbilden kann, und zugleich nehmen wir ernst, dass jeder Mensch sein eigenes Spirituelles mitbringt und darin eine Aufgabe auf der Erde hat. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Menschheit an den richtigen Fragen dran ist und dass wir denselben Fragen bei uns begegnen.
Unsere Schwestern und Brüdern im Geiste suchen
Und darüber hinaus mag nicht verloren werden zu suchen: Wo sind unsere Schwestern und Brüder im Geiste? Vielleicht sind sie in anderen Gewässern oder Gemeinschaften unterwegs und wir gehören trotzdem zusammen!
SK: Vielen Dank für dieses Gespräch!
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Susanne Goedecke wurde 1971 in Hamburg geboren. Nach ihrer Weihe 1997 arbeitete sie in Überlingen, Kiel und nun in Berlin. Sie ist seit 2021 Mitglied des Siebenerkreises.



