Vor kurzem ist der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren verstorben, begleitet von großer Anteilnahme. Habermas hat ausdrücklich betont, „nicht fromm“ zu sein, aber dennoch kann ich in seinem Bestreben und seiner Haltung vieles erkennen, was ihn zu einem geistigen Bruder macht …
Vor zwei Jahren erschien ein Buch mit dem Titel »Habermas und wir«, verfasst von dem Publizisten Philipp Felsch, der, ausgehend von einer persönlichen Begegnung und einem ausführlichen Gespräch mit Habermas, die Wirkungsgeschichte von Habermas in seiner Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Wandlungen seit den 50er-Jahren nachzeichnete. Wir werden dabei entlang derjenigen Ereignisse, die die Gesellschaft geprägt haben, geführt; entlang der Werke und Äußerungen von Habermas sowie den Reaktionen darauf. Dabei begegnen wir nicht nur einem Dreivierteljahrhundert Zeitgeschichte (bis hin zu den jüngsten Krisen seit 2020), sondern auch dem einzigartigen Verhältnis eines bedeutenden Intellektuellen zu gleich mehreren Generationen von Bürgern, das sich so schwer auf den Punkt bringen lässt wie kaum etwas Vergleichbares. Das mag daran liegen, dass er als Soziologe und Philosoph schon immer einen fakultätsübergreifenden Blick gesucht hat, aber dadurch für manche schwer zu greifen ist, ganz ähnlich wie Carl Friedrich von Weizsäcker (1912 – 2007), mit dem er zwischen 1971 und 1981 das in Starnberg angesiedelte Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt leitete.
Was macht die Bedeutung und die Stellung dieses bis zuletzt wachen und engagierten Menschen und Bürgers Jürgen Habermas aus?
Wer in bestimmten sozialen Zusammenhängen über längere Zeit verantwortlich mitarbeitet, dem kann nach und nach aufgehen, dass es berechtigt ist, von drei verschiedenen Arten von Kompetenz zu sprechen:
Zunächst diejenige Kompetenz, die dadurch gegeben ist, dass jemand sich entsprechende fachliche Kenntnisse und Fähigkeiten erworben hat.
Überdies entsteht eine Kompetenz durch einfachen Zuspruch: Ungeachtet der Frage, wer am besten dafür geeignet ist, kann jemand z.B. mit der Leitung einer Konferenz, eines Kolloquiums beauftragt werden, der allein durch diesen Zuspruch nun die Rolle übernimmt – und ihr desto besser gerecht werden kann, je mehr der Zuspruch von allen Beteiligten anerkannt wird.
In einem unwägbaren Bereich kann durch Beziehung eine dritte Art von Kompetenz entstehen: Jemand ist lange dabei, hat vieles erlebt, erlitten und mitverantwortet, war treu einer Sache verbunden, unabhängig von persönlichen Neigungen und Erfolgen. Damit kann er sich mitunter in hohem Maße urteilsfähig erweisen, und man tut gut daran, sein Urteil in Erwägung zu ziehen, auch wenn es sich vielleicht nicht klar und stringent begründen lässt.
Mir kommt vor, als ob es diese Art von »Treue-Kompetenz« ist, die Jürgen Habermas’ Äußerungen in unserer Zeit mehr noch als seine unbestrittene Kompetenz als Gesellschaftswissenschaftler Gewicht verleiht. Er hat, so schreibt Felsch bewundernd, »Adorno nahegestanden, in New York mit Hannah Arendt und in Paris mit Michel Foucault diskutiert«. Er hat hierzulande schon die Kriegs- und die unmittelbare Nachkriegszeit miterlebt. Bei Kriegsende war er knapp 16 Jahre alt, und Felsch charakterisiert den Jahrgang der 1929 Geborenen, dem Habermas angehört, so: »Zu jung, um ernstlich kompromittiert, aber alt genug, um für den Epochenbruch voll empfänglich zu sein«. Aber weiter, Habermas konnte die 68er, den Deutschen Herbst, die politische Wende von 1982, die Wende von 1989, die Wiedervereinigung, Nine Eleven, die Krisen von 2008 und 2015 … und alles folgende (s.o.) bezeugen, und immer war er um Verständnis und konstruktive Beiträge bemüht, konnte energisch Partei ergreifen (z.B. im so genannten Historikerstreit 1986 gegen die Relativierung der Nazi-Verbrechen), war bereit sich unbeliebt machen, und mehr noch immer bereit, dazuzulernen.
Ließen seine differenzierten, ausgewogenen und in mehrere Richtungen mahnenden Beiträge zur deutschen Haltung und Politik hinsichtlich des Ukraine-Krieges aufhorchen, so blieb eine 2022 erschienene kleine Standortbestimmung allzu sehr im Schatten davon, was auch an dem – typisch Habermas’schen – sperrigen Titel liegen mag: Das Büchlein »Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik« bezieht sich auf seine mehr als 60 (!) Jahre davor erschienene Habilitationsschrift »Strukturwandel der Öffentlichkeit« und enthält zwei Aufsätze und ein Interview. In diesen Texten findet sich eine klare und weitsichtige Beschreibung der Veränderungen des öffentlichen Diskurses durch die sozialen Medien – und, noch wichtiger, der Erfordernisse für die Politik, die sich heute dringender denn je ergeben. Seine nahe liegende und gut nachvollziehbare Skepsis gegenüber den sozialen Medien kommt darin deutlich zum Ausdruck: »Wie der Buchdruck alle zu potenziellen Lesern gemacht hatte, so macht die Digitalisierung heute alle zu potenziellen Autoren. Aber wie lange hat es gedauert, bis alle lesen gelernt hatten?« Ebenso deutlich aber charakterisiert er die Notwendigkeiten unserer Zeit, »dass alle Bürger in den tatsächlich implementierten Gesetzen und Freiheiten, die aus einer pluralistischen demokratischen Willensbildung hervorgehen, im Großen und Ganzen auch ihren eigenen Willen wiedererkennen können. Wie weit sich die real existierenden Demokratien – und die ältesten von ihnen auf skandalöse Weise allen voran – inzwischen von diesem politischen Ziel auch immer entfernt haben, sie verdienen den Namen einer Demokratie nur so lange, wie die Masse ihrer Bürger an diesem Ziel glaubwürdig festhält.«
Ein ganz unscheinbarer Satz aus dem oben erwähnten Büchlein von Habermas ist heute besonders berührend – und überaus charakteristisch für seine Gesinnung. So mühsam und schwer zugänglich Habermas als Autor auch sein mag, so ist es ihm mit diesem Satz gelungen, etwas zu geben, was so vieles klären kann, woraus im Grunde alles für gegenwärtige und künftige Diskurse folgt. Der Satz ist ganz kurz – und lautet: »Der Stil ist das Argument.«
Foto: Wikipedia
Verfasst von Johannes Roth, Pfarrer in Stuttgart



