
Liebe Gemeinde,
der Mensch lernt nur durch Schmerzen – es ist ein Gemeinplatz und doch nur zu wahr!
Große Kunst und große Schönheit werden oft nur durch tiefe Krisen ermöglicht. Gleiches gilt für
die Veredlung unserer Seele, die zumeist großen Schmerzen abgerungen werden muss. Nicht
zuletzt ist jede Geburt ein Akt größten Schmerzes und zugleich größter Wonne.
Selbst die furchtbarsten Ereignisse in der Welt lassen zuweilen tiefe Menschlichkeit zutage treten.
Ein Gemeindemitglied der Gemeinde in Odesa schrieb mir ihren innigen Dank, nachdem sie
etwas von unserer Kältehilfe empfangen hatte. Das Wichtigste aber, das, was nicht nur sie
persönlich am Meisten aufrichte, sei die Tatsache, dass wir an sie denken, uns für sie einsetzen
und sie nicht vergessen. Gelegentliche Nachrichten, ein paar liebevolle Zeilen, vor allem aber
die Menschenweihehandlung – das sei es, was die Not in Wahrheit lindere.
Es braucht ein warmes Herz, mehr nicht, um das Licht in der Finsternis aufleuchten zu lassen.
Und es braucht Mut und Tragekraft, sich dem komplizierten und widersprüchlichen, grausamen
Treiben in der Welt immer wieder zuzuwenden. Alle Teufel scheinen von der Kette zu sein –
blindwütige Zerstörungsfreude heizt einen Konflikt nach dem anderen an. Ob es vielleicht der
große Schmerz ist, der eine neue Geburt begleitet?
Vielleicht hängt es auch an jedem einzelnen, was daraus wird – und zwar in dem Sinne, dass wir
unsere Herzen zu hellen Orten machen, in denen Christus Wohnung nehmen kann. So wird
Licht, Wärme, Liebe in die geistige Waagschale gelegt, Auferstehungskraft der Zerstörung
entgegengesetzt.
Herzliche Grüße,
Ihre Annette Semrau


