Vom Geist der Hoffnung und Zuversicht
Sie wurde 1876 als Kind von Niederländern in Indonesien (Java) geboren, kam mit ihrer Familie an der Wende zum 20. Jahrhundert nach Europa zurück, wurde Physiotherapeutin und später Ärztin und baute an der Seite Rudolf Steiners die Anthroposophische Medizin, Heilpädagogik und Sozialtherapie auf. Sie war Klinikleiterin und Kosmopolitin, stand mit Therapeuten und Patienten europaweit in Verbindung, war die Hälfte des Jahres unterwegs, um anthroposophische wie anthroposophischmedizinische und heilpädagogische Einrichtungen zu besuchen und zu unterstützen. Sie leitete mit ihren Kolleginnen aber auch weiter ihre Arlesheimer Klinik, entwickelte Aus- und Fortbildungsseminare im Bereich der Anthroposophischen Medizin, der Krankenpflege und Kunsttherapie sowie der Heilpädagogik, sorgte für den Zusammenhalt der beteiligten Menschen mit bemerkenswerten Sozialfähigkeiten, ja einer seltenen Leitungsgabe. Sie brachte auch die wissenschaftlichen und publizistischen Tätigkeiten in Gang, gab Buchreihen und Publikationsorgane in einem eigenen Verlag heraus und war eine Person des öffentlichen Lebens, ohne Scheu und Scheuklappen vor Andersdenkenden, die sie stets interessierten. Sie hatte einen ausgebildeten Blick für die sozialen Notlagen ihrer Zeit und eine bemerkenswerte politische Urteilskraft – wenige Anthroposophen sahen die Abgründe des Nationalsozialismus so früh und deutlich wie sie voraus (schon vor dem 30. Januar 1933), und niemand war von anthroposophischer Seite damals so engagiert und erfolgreich in der Flüchtlingshilfe, der jüdischen Emigration und der Rettung gefährdeter Menschen tätig wie die Klinikleiterin von Arlesheim, auch wenn sie nur einem kleinen Teil der existenziell Gefährdeten beistehen konnte (und im schmerzlichen Bewusstsein dieser Tatsache lebte). Ihre Aussagen zur totalitären Zeitgeschichte und zu den Perspektiven der Zeit danach, die sie nicht mehr erlebte, sind bis heute lesenswert.
Freundin und Mitarbeiterin
Ohne Ita Wegman an der Seite Rudolf Steiners hätte es wohl keine Weihnachtstagung der Anthroposophischen Gesellschaft gegeben, keinen solch dynamischen Neuanfang auf den Ruinen des brandzerstörten ersten Goetheanum, keinen Aufbau der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und keine Gründung der irdischen Michaelschule in dieser Zeit. Sie pflegte Rudolf Steiner in den letzten sechs schweren Krankheitsmonaten durch Tag und Nacht und hatte tiefgehende Erlebnisse mit ihm, in enger Freundschaft und Schicksalsverbundenheit. Am 28. August 1924 nannte er sie in London seine »Freundin und Mitarbeiterin auf medizinischem und auf sonstigem geistesforscherischem Gebiete, auf dem Gesamtgebiete der Geistesforschung«[1] – eine singuläre Aussage in seinem Lebenswerk.
Dass ein Priester der Christengemeinschaft, Emanuel Zeylmans van Emmichoven, ihre Biographie, mit Unterstützung von Friedmut Kröner und Cordula Zeylmans van Emmichoven, in drei grundlegenden Bänden erforschte und publizierte und in einem vierten Band, der nach seinem Tod erschien, auch ihre spirituelle Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner, war kein Zufall und auch nicht lediglich genealogischen Umständen geschuldet – Emanuels Vater, der Anthroposoph, Psychiater, Klinikleiter und geschulte Esoteriker Willem Zeylmans van Emmichoven war ein enger Mitarbeiter und Weggenosse von Wegman und Steiner gewesen. Emanuel Zeylmans van Emmichoven brachte eine Vielzahl von Gaben und Fähigkeiten für diese schicksalhafte Lebensaufgabe mit. Eine gewisse Rolle aber spielte auch, dass Ita Wegman dem esoterischen wie kultischen Leben sehr verbunden war, die Gründung der Christengemeinschaft aus nächster Nähe erlebt hatte und ihr auch weiterhin verbunden blieb. Sie wusste um die Bedeutung der Menschenweihehandlung und des gesamten sakramentalen Lebens in der Not und Notwendigkeit des 20. Jahrhunderts und der Zukunft; sie förderte mit Willem Zeylmans van Emmichoven den Beginn der Christengemeinschaft in Holland und hatte, anders als die Mehrzahl der damaligen Dornacher Vorstandskollegen, eine unkomplizierte Beziehung zu ihr. Unkompliziert deswegen, weil Wegman ein klares Unterscheidungsvermögen für die differenten Aufgaben der Anthroposophischen Gesellschaft, der Hochschule und Michaelschule sowie der Christengemeinschaft als einer »Bewegung für religiöse Erneuerung« hatte und zugleich das Zusammengehörige und Verbindende sah. Im Februar 1923 hatte Steiner in Stuttgart gesagt:
»… Es handelt sich darum, ganz und gar ernst zu machen mit der anthroposophischen Arbeit. Alle einzelnen Strebungen innerhalb der anthroposophischen Bewegung müssen zusammenwirken, um diesen Ernst herbeizuführen. Da darf es nicht geben abgesondert eine Waldorfschul-Bewegung, eine Bewegung für freies Geistesleben, eine Bewegung für religiöse Erneuerung, sondern das alles kann nur gedeihen, wenn es sich fühlt innerhalb der Mutterbewegung, der anthroposophischen Bewegung.«[2]
Man kann die Lebens- und Werkgeschichte Ita Wegmans, wie nahezu jeder bedeutenden Persönlichkeit und geschichtlich wirksamen Individualität, von sehr verschiedenen Perspektiven aus betrachten. Eine dieser Perspektiven ist die tragische, die auch all das umfasst, was in einer Vita nicht möglich oder geradezu verhindert wurde. Emanuel Zeylmans van Emmichoven hatte sich auch mit diesem Aspekt ausführlich zu beschäftigen; die Geschichte von Wegmans Ausschluss aus dem Goetheanum (1934/35), die Geschichte ihrer Verkennung und Diffamierung ist schockierend – und sie spielte sich im Herzen der Anthroposophischen Gesellschaft und ihrer Hochschule ab. Ita Wegman kam jedoch darüber hinweg oder wuchs darüber hinaus, nahm das Schwere auf sich und ging einen weiteren Weg der Verinnerlichung, um nicht zu sagen der »Durchchristung«, bis hin zu ihren letzten drei Jahren in Ascona (1940–1943).
Eine ganz andere Perspektive ist die des Zukünftigen in ihrem Wesen, Leben und Werk, ihre so besondere Lebensfreude und Zuversicht bis zuletzt, die inneren Lichtkräfte, die um und mit ihr waren, und selbst auf vielen Photographien noch zu sehen sind.
»Sie kannte keine Resignation.«
»Hoffnungslos, dieses Wort gab es nicht für sie«, schrieb ihre enge Mitarbeiterin, die Ärztin Madeleine van Deventer. Und an anderer Stelle: »Ita Wegman besaß die Kraft des Glaubens. Glauben nicht als Surrogat des Wissens: was man nicht beweisen kann, muss man eben glauben. Sondern vielmehr als die ›Bergeversetzende Kraft‹, wovon die Evangelien sprechen: ›Wenn ihr glaubt, der Berg, der vor euch steht, soll sich ins Meer stürzen und ihr habt den wirklichen Glauben, so wird er sich ins Meer stürzen.‹ Mit diesen Worten senkte der Christus die Kraft des Glaubens als Impuls in die Seelen der Jünger. Also Glauben im Sinne des Vertrauens. Es ist die tätige Vorstellung, die unsere moralischen Gedanken real machen kann. Diese Glaubenskraft – als stärkste Seelenkraft – ist von größter Bedeutung in der Gegenwart, wo die menschliche Seele von Zerstörung bedroht ist.«[3] Die Medizingeschichte kennt die wichtige Aussage Wilhelm Hufelands: »Wer nicht mehr hofft, denkt auch nicht mehr […], und der Kranke muss notwendig sterben, weil der Helfer schon gestorben ist.«[4] Ita Wegmans Präsenz, so schildern Patienten- und Kollegenberichte, »bannte Todesangst und Unruhe« in schwierigen, mitunter auch aussichtslos erscheinenden Krankheitssituationen (van Deventer[5]). »Sie müssen immer denken, dass jeder Atemzug auf der Erde bedeutsam ist und alles dafür tun, was möglich ist. Bis zum letzten Atemzug kann das Schicksal sich noch wenden«, sagte sie einmal im Zimmer eines Schwerkranken zu einer Freundin des Patienten.[6] Sie hatte eine Willensverbindung mit der Welt des Werdens und setzte auf die Überwindung von Hindernissen, die im Gesamtzusammenhang des Werdens stehen; auch den Tod, wenn er denn nicht zu verhindern ist, rechnete sie dazu.
Sie trug in sich eine fundamentale Bejahung des Menschen als Menschen und freute sich an seiner Vielgestalt, den vielen Farben des Seins, der Vielfalt des Menschlichen in der Welt; sie hatte auch einen Sinn für komische Situationen und konnte herzlich lachen. Rudolf Steiners anthroposophisches Verständnis des physischen Leibes als eines »Hoffnungsleibes«, eines Leibes, der von realen Hoffnungskräften geradezu aufgebaut wurde, war ihr nah; die Hoffnung als reale Kraft der Menschwerdung verstanden, die, so Steiner, den physischen Leib zusammen- und aufrechterhält. Verzweiflung, Aussichts- und Hoffnungslosigkeit sind krankmachend, und bringen unser Daseins-Gefüge in Auflösung, zumindest in ihrer chronischen Form. Der Materialismus und Agnostizismus hat dem Menschen die Hoffnung als »Grundkraft« der Seele geradezu genommen, so lehrte Rudolf Steiner; die Lebenslehre der Anthroposophie aber durchdringe ihn neuerlich mit dieser »Grundkraft «.
»Das was wir im Leben brauchen als im eminentesten Sinne belebende Kräfte, das sind die Kräfte der Hoffnung, der Zuversicht für das Zukünftige. Der Mensch kann ohne die Hoffnung überhaupt nicht einen Schritt im Dasein machen, insoweit es der physischen Welt angehört. «[7]
Anthroposophen, so Rudolf Steiner, sollten eine »mutvolle Hoffnung« in sich tragen und auf das Kommende zuleben, es vorbereiten helfen; sie sollten mutvoll in die Zukunft schauen, auf den sich eröffnenden Weg, auf den Weg in die Zukunft, auf die Ankunft der Zukunft. Michael Bauer sagte einmal, Rudolf Steiner habe immer klarer den Menschen an einem Entwicklungspunkt stehen sehen, wo nur sein Wille noch eine günstige Wendung schaffen könne. Auch die Erkenntnis habe Steiner letztlich von diesem Willen abhängig gesehen. »Sein Werk wurde schließlich eine einzigartige Anstrengung zur Ermutigung des Menschen.«[8]
Ita Wegmans Patient Giovanni Manzoni war das dritte von sieben Kindern eines armen italienischen Maurers und einer Schweizerin und wuchs in Sent im Engadin auf, wo sein Vater ein kleines Bauunternehmen führte und die Mutter durch eine Gastwirtschaft im eigenen Haus das schmale Einkommen der Familie etwas hob. 15-jährig hatte Giovanni einen ersten großen epileptischen Anfall nachts aus dem Schlaf heraus; er dauerte ungefähr 30 Minuten und ging mit einem starken Zungenbiss und heftigem Erbrechen einher, gefolgt von einer tagelangen Erschöpfung. Die Frequenz der Anfälle des Jugendlichen steigerte sich in den nachfolgenden Jahren immer mehr; später musste er den Besuch des Technikums in Chur aufgrund der Krankheit aufgeben und arbeitete als Hotelportier und landwirtschaftlicher Gehilfe in Sent. 1919, knapp 30jährig, machte er sich auf nach Dornach, um mit Rudolf Steiner zu sprechen, von dem er ein Buch gelesen hatte. Es wurde der Beginn eines denkwürdigen Weges therapeutischer Begleitung durch Steiner/Wegman, die auch heilmeditative Bemühungen einschloss. Eine der Meditationen, die Giovanni Manzoni von Rudolf Steiner erhielt, lautete:
Meine Seele ist im Lichte
☉
Ich ergreife meine Seelenkraft
♂
Ich ergreife im Herzen
Meine Geistesmacht
♃
Ich halte fest
Im ganzen Menschen
mein Gottesziel[9]
♄
Eine Heilung
1930 beschrieb Manzoni die Geschichte seiner Therapie und Heilung.[10] Mit Ita Wegman blieb er bis zum Ende ihres Lebens in Verbindung. Noch 1941 schrieb sie ihm aus Ascona: »Lassen Sie sich nicht deprimieren … Wir haben so oft Schläge bekommen und haben uns immer wieder erholt. So eine Krise ist immer in dem großen Zug des Lebens relativ zu bewerten und hat oft den Keim eines Guten in sich, das sich darin verborgen hat.«[11] Sie lebte die Bejahung des Menschen und beendete ihren allmorgendliche Studienarbeit mit den Krankenschwestern ihrer Klinik mit den Strophen Rudolf Steiners:
Finde dich im Lichte
Mit der Seele Eigenton.
Und Ton zerstäubt
Wird Farbgebild
Im Lichte –
Licht – Götter – Wesen.
Verschwundner Ton
In ihm wiedererstandener Ton
Spricht aus ihm:
Du bist
Eigenton im Weltenlicht
Töne leuchtend
leuchte tönend.[12]
Verfasst von Prof. Dr. med. Peter Selg, geboren 1963, Goetheanumleitung, Freiburg im Breisgau
[1] Rudolf Steiner: Anthroposophische Menschenerkenntnis und Medizin, Dornach 1994, S. 220.
[2] Rudolf Steiner: Anthroposophische Gemeinschaftsbildung, GA 257, Dornach 1989, S. 68.
[3] Ita Wegman Archiv (IWA
[4] Christoph Wilhelm Hufeland: Die Verhältnisse des Arztes. In: Hufelands Journal, Heft 23, 1806, S. 15.
[5] IWA.
[6] Tagebuch Werner Pache. Abschrift, Ita Wegman Archiv (IWA).
[7] Rudolf Steiner: Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit, Dornach 1995, S. 175.
[8] Michael Bauer: Gesammelte Werke. Band 4, Stuttgart 1990, S. 178.
[9] In: Peter Selg: Patienten-Meditationen von Rudolf Steiner, Arlesheim 2019, S. 129.
[10] Ebd., S. 131–152.
[11] IWA.
[12] Rudolf Steiner: Mantrische Sprüche. Seelenübungen Band II, 1903–1925, Dornach 1999, S. 115.



