Eine besondere Beziehung
Die Christengemeinschaft verdankt Rudolf Steiner ihre Wirklichkeit in der Sinneswelt. Aber die innere Voraussetzung dafür, den inneren Weg dahin, musste Rudolf Steiner erst schaffen. Gleich zu Beginn der Gründungstage, bei der Vorbesprechung am 6. September 1922, sprach er davon:
»Es war mir von Anfang an klar bewusst, als diese Ihre Bewegung sich mir offenbarte, welcher Ernst gerade durch diese Ihre Bewegung gehen muss.«[1]
Das bedeutet konkret: in Rudolf Steiners Leben gab es die Zeit vor dieser Offenbarung, in der ihm Aufgaben einer solchen Bewegung nicht greifbar waren. So gibt es für die Gründung der Christengemeinschaft zwei Quellen: die sinnliche Wirklichkeit ihres Entstehens und die übersinnliche Wirklichkeit, die sich Rudolf Steiner offenbarte.
Den auslösenden Impuls für den Prozess der sinnlichen Wirklichkeit gab am 8. Februar 1920 der 21-jährige Marburger Philosophie-Studenten Johannes Werner Klein in einem persönlichen Gespräch mit Rudolf Steiner. Da stellte er die Frage nach einer »dritten Kirche« als einer Wirklichkeit über Katholizismus und Protestantismus hinaus.[2] Diese Frage führte schließlich zur Gründung der Christengemeinschaft am 16. September 1922 mit 45 Gründern. Zwei Jahre später charakterisiert Rudolf Steiner schriftlich diesen Prozess: »Diese Bewegung für christliche Erneuerung ist nicht aus der Anthroposophie herausgewachsen. Sie hat ihren Ursprung bei Persönlichkeiten genommen, die vom Erleben im Christentum heraus, nicht vom Erleben in der Anthroposophie heraus einen neuen religiösen Weg suchten. Sie empfanden den Drang, in einem lebendigen Ergreifen des übersinnlichen Gehaltes des Christentums die Verbindung der Menschenseele mit ihrer ewigen Wesenswelt zu finden. Sie glaubten fest daran, dass es ein solches lebendiges Ergreifen geben müsse. Aber sie empfanden, dass die Wege, die sich ihnen gegenwärtig für die Erlangung des Priesteramtes öffnen, sie zu diesem Ergreifen nicht führen können. So kamen denn diese Zöglinge eines ehrlich und geistgemäß gemeinten Priestertums vertrauensvoll zu mir. Sie hatten Anthroposophie kennengelernt. Sie waren überzeugt, dass ihnen Anthroposophie vermitteln könne, was sie suchten. Aber sie suchten nicht den anthroposophischen Weg, sie suchten einen spezifisch religiösen.«[3]
Wenige Tage vorher hatte Rudolf Steiner in einem Vortrag für die Priester, die Quelle der übersinnlichen Wirklichkeit zur Gründung der Christengemeinschaft benannt – zusammengefasst in einem Satz: »Die Christengemeinschaft ist auf geistigem Boden von geistigen Wesenheiten gestiftet in Wirklichkeit.«[4]
Anthroposophie und Religion
Das öffentliche Wirken Rudolf Steiners begann Ende seiner dreißiger Jahre in Berlin. Schon bald entstand eine Verbindung zu den Theosophen, zunächst durch Vorträge, die man von ihm erbat. Das führte 1902 zur Gründung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, [5] als deren Generalsekretär er dann tätig war. Da stellte sich die Frage, welches Verhältnis die Theosophische Gesellschaft zur christlichen Kirche haben würde. Seine eigene Erkenntnis der Kirche gegenüber war deutlich: »Ich fand das Christentum, das ich suchen musste, nirgends in den Bekenntnissen vorhanden.«[6] Umso erstaunlicher ist es, dass er jetzt aus der Perspektive der Theosophischen Gesellschaft den Kirchen dennoch eine Aufgabe zuordnet. So hatte er schon 1904 in einem Brief über die Aufgaben geschrieben, die nun in der theosophischen Bewegung in Deutschland zu bearbeiten wären: »Christliche Mystik, Interpretation der christlichen Symbole usw. soll betrieben werden. Es wird unsere Aufgabe gewiss sein, Prediger, sogar katholische Priester für das esoterische Christentum zu gewinnen. An diesen wird es dann sein, die Esoterik einströmen zu lassen in ihre Lehren.«[7] Ein Jahr später spricht er in einem öffentlichen Vortrag noch deutlicher: »Theosophie wird keine Religion in keiner Form bekämpfen. Der ist ein rechter Theosoph, der wünscht, dass einströmen kann die Weisheit in diejenigen, die berufen sind, zu der Menschheit zu sprechen.«[8]
Das Bild der Kirche, das hier gezeichnet ist, ist kein negatives, zeigt aber auch keine eigene Aufgabe, sondern deutet auf eine besondere Aufgabe in Bezug auf die theosophische »Weisheit«, die ergriffen werden soll durch die »Prediger« auf den Kanzeln, »die berufen sind«, zu den Menschen zu sprechen. Aufgabe der Theosophen wird es dann sein, für dieses esoterische Christentum »Prediger« zu gewinnen. Die Kanzel wird da der Wirkungsort sein. Aber das ursprüngliche Wirken der Kirche, das vom Altar ausgeht, ist an sein Ende gekommen und spielt keine Rolle mehr. Damit hat die theosophische (anthroposophische) Bewegung nichts zu tun.
17 Jahre nach dem zitierten öffentlichen Vortrag wurde am 16. September 1922 die Christengemeinschaft als Kirche begründet. Was hatte sich geändert, dass Rudolf Steiner nun ein offensichtlich ganz anderes Bild von der Kirche vor Augen hatte?
Wir haben schon darauf geschaut: Es gab für ihn ein Erlebnis (»als diese Ihre Bewegung sich mir offenbarte«), das seinem inneren Blick auf die Kirche eine neue Richtung gab. Vieles weist darauf hin, dass dieses Erlebnis die erste Begegnung mit Friedrich Rittelmeyer, evangelischem Pfarrer in Nürnberg, war. Der war ein erfolgreicher Prediger und hatte die Aufgabe übernommen, über die religiösen Strömungen der Gegenwart klärend zu berichten. Der Theosophie und Rudolf Steiner gegenüber hatte er skeptische Urteile, suchte aber dennoch um der Sache willen das persönliche Gespräch mit Rudolf Steiner, als dieser zu Vorträgen nach Nürnberg kam. Am 2. Dezember 1911 fand das Gespräch statt, das für Rittelmeyer, wie er berichtet,[9] einen sehr ungewöhnlichen Verlauf nahm. Dennoch wurde es für ihn der Anfang eines allmählichen Weges zur Anthroposophie – immer wieder mit neuen Vorbehalten, die er überwinden musste – aber auch überwinden konnte. Das Bild von Rittelmeyer, das sich für Steiner in diesem Gespräch erschloss, zeigte ihm offensichtlich klar den vom Schicksal gesandten Repräsentanten der »Kirchenströmung«,[10] die eine unserer Zeit entsprechende Erneuerung des religiösen Lebens erfahren sollte. Das mag der Moment gewesen sein, »als diese Ihre Bewegung sich mir offenbarte«. Später charakterisierte er Rittelmeyer in diesem Sinne: »Aus der Anthroposophischen Gesellschaft heraus für die christliche Erneuerung etwas darreichen, forderte wie selbstverständlich die praktische Frage heraus: wie wird Rittelmeyer das Dargereichte aufnehmen? Wie wird er sich zu der Verwirklichung des Gewollten stellen? … Und Rittelmeyer sagte aus vollem Herzen heraus ›Ja‹.«[11]
Nun war die Türe offen für das Erscheinen der »Religiösen Erneuerung« in unserer Zeit. In diesem Sinne bejahte Rudolf Steiner die religiöse Erneuerung:
»Ich verwies sie [die Gründer] darauf, dass der Kultus und die ihm zugrunde liegende Lehre allerdings durch die Anthroposophie dargereicht werden können, trotzdem die anthroposophische Bewegung die Pflege des geistigen Lebens von anderen Seiten aus als ihre Aufgabe betrachten müsse.«[12]
Christengemeinschaft und Goetheanum
Im September 1922 war die Zeit gekommen, dass die religiöse Erneuerung auf der Erde Wirklichkeit werden sollte. Wir können uns auch heute noch rückblickend fragen, wo eigentlich der passende Ort für diese Gründung gewesen wäre? Bei der Gründung der Waldorfschule 1919 war der Ort selbstverständlich Stuttgart, der Wirkungsbereich des Initiators Emil Molt. Auch jetzt hätte man an Stuttgart denken können, wo schon der erste Kurs für die werdenden Priester stattgefunden hatte. Und Berlin wäre als Wirkungsort Friedrich Rittelmeyers ebenfalls naheliegend gewesen. Aber man wäre wohl kaum auf den Gedanken gekommen, dass die Gründung der Christengemeinschaft in Dornach im Goetheanum stattfinden sollte, wo Rudolf Steiner doch deutlich gesagt hatte, dass »die anthroposophische Bewegung die Pflege des geistigen Lebens von anderen Seiten aus als ihre Aufgabe betrachtet …« Doch am 16. September 1922 wurde die erste Menschenweihehandlung im Goetheanum, oben im »Weißen Saal«, durch Friedrich Rittelmeyer zelebriert.
Dieses Ereignis hatte von Anfang an eine starke Ausstrahlung in der anthroposophischen Welt. Das Erlebnis vieler Menschen war etwa so: Ganz neu geht jetzt ein Kultus vom Goetheanum aus! Als dann die Menschenweihehandlung an verschiedenen Orten auch öffentlich gefeiert wurde, gab es von anthroposophischer Seite dafür großes Interesse auch an der Teilnahme. Das aber war das Gegenteil von dem, was Rudolf Steiner für die anthroposophische Bewegung anstrebte. Wäre es da nicht besser gewesen, so könnten wir uns heute fragen, wenn die Gründung nicht im Goetheanum vollzogen worden wäre? Dass aber Steiner dennoch so entschieden hatte, legt die Frage nahe, ob es auch denkbar wäre, dass auf eine ganz eigene Weise und vielleicht zukunftsorientiert zwischen dem Wesen der Christengemeinschaft und dem Wesen des Goetheanum eine Beziehung besteht? Nun aber musste Steiner reagieren auf das greifbar gewordene Missverständnis in Bezug auf das Verhältnis von Anthroposophie und Christengemeinschaft. Am 30.12.1922 hielt er, als Einschaltung innerhalb einer thematisch ganz anders ausgerichteten Vortragsreihe, eine klärende und unmissverständliche Darstellung des anthroposophischen Weges in Abgrenzung zum Weg der Christengemeinschaft. –
Für alle unfassbar war dann das Ereignis am 31.12.1922: In der Silvesternacht brannte das Goetheanum ab.
Die Zukunft
Rudolf Steiners Reaktion auf die Brandkatastrophe war so, dass er sie rein äußerlich im Hinblick auf die geistige Arbeit ignorierte. Die angesagten Vorträge wurden, räumlich etwa im notdürftig hergerichteten Schreinereisaal, zeitlich unverändert fortgesetzt. Andererseits hat er die Menschen aber auch unmissverständlich darauf hingewiesen, dass die Trümmer des Goetheanums nun das Bild seien für die anthroposophische Arbeit der letzten 10 Jahre. Ernsthaft bewegte er die Frage, ob die weitere Entwicklung der Anthroposophie nun ganz andere Formen annehmen müsse, etwa konzentriert auf einen kleinen auserwählten Kreis von Menschen. Nach einem Jahr aber entschloss er sich, die bisherige Arbeit fortzuführen, jedoch so, dass er nun selbst Führung und Verantwortung übernahm. Das geschah auf der »Weihnachtstagung« (24.12.1923 – 1.1.1924) und der damit verbundenen Gründung der »Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft«.
Die Christengemeinschaft war an dieser Tagung scheinbar kaum beteiligt. Die Priester fühlten sich in der Weihnachtszeit an ihre Gemeinden gebunden, nur Einzelne waren gekommen. Emil Bock schreibt: »An der Weihnachtstagung in Dornach, die wohl zu den größten Geistereignissen dieses Jahrhunderts gehört, nahmen von der Priesterschaft [vier Kollegen] teil. Wenn man den Tagesverlauf der Weihnachtstagung in Betracht zieht …, will es einem geradezu als ein Wunder erscheinen, dass Dr. Steiner dennoch mit äußerster Genauigkeit das Versprechen hielt, das er uns gegeben hatte: am 1. oder 2. Januar war es, dass er [uns] die Epiphanias-Epistel überreichte.«[13]
Im christlichen Jahreslauf treten die Festeszeiten in der Menschenweihehandlung durch entsprechende Episteln in Erscheinung. Fast alle Episteln für den Jahreslauf hatte die Christengemeinschaft schon empfangen. Für die Epiphanias-Zeit, die am 6. Januar die Weihnachtszeit ablöst, gab es aber die Epistel noch nicht. Doch Rudolf Steiner hatte auf die an ihn gerichtete Bitte schon zusagend geantwortet, diese Epistel noch »rechtzeitig« zu übermitteln, trotz der vorangehenden Inanspruchnahme durch die Weihnachtstagung. »Geradezu als ein Wunder« – wie Emil Bock schrieb – erschien es den Priestern dann, wie Steiner »mit äußerster Genauigkeit das Versprechen hielt, das er uns gegeben hatte.«
Sollte es zwischen der Weihnachtstagung und dieser aus ihr wie herausgewachsenen Epistel einen inneren Zusammenhang geben? Rein äußerlich besteht dieser Zusammenhang zwischen anthroposophischer Weihnachtstagung und Epiphanias-Epistel für den Kultus der Christengemeinschaft.
Wie das Erlebnis der Weihnachtstagung nun in jedem Teilnehmer fruchtbar werden könnte, lässt sich vielleicht durch zwei Sätze andeuten:
Rückblick auf das Erlebnis der esoterischen Substanz der Weihnachtstagung.
Damit verbunden: Die Aufforderung, aus dieser Substanz eine neue Zukunft zu entwickeln.
Tatsächlich erscheint in der Epiphanias-Epistel an entsprechender Stelle eine zur Gemeinde gesprochene Aufforderung in zwei Sätzen, in der man zugleich auch eine innere Schluss-Aufforderungen an die Teilnehmer der Weihnachtstagung hören kann:
Es kündigten die Geistes-Welten sternstrahlend den suchenden Menschenseelen
des Heiles rechten Weg.
Es mögen finden die Menschen-Seelen Herz-Liebe-strahlend
den Weg-weisenden Welten-Gnade-Stern im göttlich-warmen Heiles-Leuchten.
Da kann nun ein inneres Erwachen einem die bewegende Klarheit geben, was die Epiphanias-Epistel zugleich auch als »Weihnachtstagungs«-Epistel erscheinen lässt und wie die Christengemeinschaft auf ganz neue Weise mit dieser Weihnachtstagung der Zukunft verbunden ist.
[1] Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken III, GA 344, 6.9.1922.
[2] Hans-Werner Schroeder: Die Christengemeinschaft, Stuttgart 2001, S. 25.
[3] Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft …, GA 260a, Nachrichtenblatt, 5.10.1924.
[4] Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken V, GA 346, 20.9.1924.
[5] »Theosophie« kann hier bis etwa 1912 schon als »Anthroposophie« verstanden werden. 1913 wurde dann tatsächlich die Anthroposophische Gesellschaft gegründet, jetzt in deutlicher Distanzierung zur Theosophischen Gesellschaft.
[6] Mein Lebensgang, GA 28, Kap. XXVI.
[7] Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904–1914, GA 264, 14.9.1904 (Brief an Günther Wagner).
[8] Ursprung und Ziel des Menschen, GA 53, 11.5.1905.
[9] Friedrich Rittelmeyer: Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner, Stuttgart 1983, S. 37.
[10] Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken II, GA 343, 4.10.1921 nachmittags.
[11] Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft …, GA 260a, Nachrichtenblatt 5.10.1924.
[12] Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft …, GA 260a, Nachrichtenblatt 5.10.1924.
[13] Gespräche und Erinnerungen, interne Veröffentlichung 1984
Dieser Artikel erschien ursprünglich in dem Sonderheft Was die Christengemeinschaft Rudolf Steiner verdankt – eine Würdigung zu seinem 100. Todestag.
Verlag Urachhaus, 2025.
Er wurde verfasst von Michael Debus, Pfarrer im Ruhestand, Stuttgart.


