In unserer Kultur wird uns bereits in früher Kindheit beigebracht, uns den gesellschaftlichen Gepflogenheiten entsprechend zu verhalten. Wichtig ist es, Impulsen nicht sofort nachzugeben, sondern sie zu beherrschen, zu reflektieren und dann ein angemessenes Auftreten zu zeigen.
Mauern um unser Inneres
Den sozialen Normen zu entsprechen wird eine große Relevanz zugestanden, die ihre Berechtigung darin zu finden meint, dass ein definierter Umgang miteinander sich als Schmierstoff erweist, der das Zusammenleben als soziale Wesen vereinfacht und berechenbar macht. Mit fortschreitender Kindheit und Jugend lernen wir, unser Inneres zu verbergen, Gedanken und Gefühle zu kaschieren und Verletzungen zu verstecken. Individuell verschieden sind die Stärke und Höhe der Mauern, die wir sorgsam um unser Inneres gezogen haben, um unsere Persönlichkeit vor Angriffen zu bewahren. So verhindern Scham, die Angst, ausgelacht oder vom Gegenüber verurteilt zu werden, sowie jahrzehntelange Übung im Verbergen der eigenen Verletzlichkeit manche echte Begegnung. Als Erwachsene haben wir schließlich viel gelernt, sind stolz auf unser Wissen, erworbene Kenntnisse, beruflichen Erfolge und unsere Lebenserfahrung.
Der Respekt einem Kopfarbeiter gegenüber ist in unseren Breiten nach wie vor oft höher als vor einem Handarbeiter. Während häufig von einem einfachen Handwerker, einer einfachen Reinigungskraft gesprochen wird, sind mir ein einfacher Professor oder ein einfacher Arzt noch nicht untergekommen. Intellekt scheint also eine wichtige Qualität zu sein, es wird anerkannt, rationale Entscheidungen zu treffen und dem Bauchgefühl keinen so hohen Stellenwert beizumessen. Auch in unserer Sprache spiegelt sich das wieder: »gefühlsduselig« oder auch »melodramatisch« sind Zuschreibungen, die besonders im Zusammenhang mit Gefühl genannt und gern dem weiblichen Geschlecht zugesprochen werden. Sie sind im Regelfall nicht als Kompliment zu verstehen.
Wenn nur noch der Moment zählt
Warum schreibe ich das? Weil es sehr spannend und heilsam sein kann, sich in die Begegnung mit Menschen mit Demenz zu begeben, deren Lebenswelt eine andere ist.[1]
Welche Reputation ich mitbringe, welche Titel ich besitze und was für Leistungen ich vollbracht habe, spielt keine Rolle. Diese Menschen verlieren allmählich ihre kognitiven Fähigkeiten und damit in der Regel zuallererst ihre Fassade, die sie noch einige Zeit floskelhaft aufrechterhalten wollen. Alles fällt nach und nach dem Vergessen anheim. Das bedeutet: frei von sozialer Konvention, frei von Regeln und Normen, ohne Zukunft und mit schwindender Vergangenheit. Ein Leben im Hier und Jetzt, immer nur der aktuelle Moment wird gelebt und zählt. Das bedeutet auch, frei vom Nachtragen zu sein, wozu Erinnerungsfähigkeit nötig ist, frei von der Sorge, was andere von mir denken könnten, keine Möglichkeit, Intrigen zu spinnen oder Menschen gegeneinander auszuspielen. Für all diese und viele weitere Verhaltens- und Kommunikationsweisen benötigen wir kognitive Möglichkeiten und Kapazität, um mehrschrittige Handlungsabfolgen vorzubedenken, durchzuführen und über sie nachdenken zu können. Es gibt also immer nur diesen Moment und den nächsten Moment und den nächsten Moment.
Was in der Demenz jedoch bleibt sind Gefühle wie Nähe, Vertrauen, Angst, Scham, Abneigung, Freude, Trauer, Liebe, Eifersucht, Ärger. [2]
Diese Gefühle erleben wir unmittelbar, in ihrer Reinform und ohne Reflexion. Ein Mensch mit Demenz zeigt dagegen mit jeder Lebensäußerung seine innere Gestimmtheit, das, was jetzt gerade empfunden wird. Ohne Beschönigung oder Abschwächung, stets unverstellt, roh und ehrlich. Es wird auch nicht abgewogen, relativiert oder Rücksicht auf den Ort, die Situation oder das Gegenüber genommen. Das ist natürlich nicht immer angenehm, daran dürfen wir anstoßen und manches Mal ist es auch schmerzhaft. Immer aber kann es uns aufmerksam auf die jeweils aktuelle Gefühls- und Lebenslage des Menschen machen.
Umgang
Menschen mit Demenz können ein Spiegel für uns sein. Mit schwindendem Zugriff auf kognitive Fähigkeiten werden sie zunehmend sensibler für Stimmungen, Atmosphäre und alles, was das Gegenüber im eigenen Rucksack mitbringt und möglicherweise zu verbergen sucht. Sie spüren, wie es wirklich um uns bestellt ist.
Es kann ein echter und ehrlicher Austausch stattfinden – wenn ich mich auf die Resonanz einlasse, die sich in meiner eigenen Seele in der Begegnung einstellt. Dazu bedarf es großer Offenheit und ich brauche manchmal vielleicht auch Mut, alle intellektuelle Brillanz fahren zu lassen, meine Ratio abzulegen und stattdessen ausschließlich auf der Gefühlsebene zu kommunizieren. Ich achte auf die Schwingung, die mir entgegenkommt und schwinge mit ihr mit.
Wenn Sie sich fragen, wie das geht, beobachten Sie kleine Kinder, die oft ganz hervorragend mit Menschen mit Demenz umgehen können.
[1] Auch Menschen mit Down-Syndrom und anderen Besonderheiten können hier eingeschlossen werden.
[2] Ausnahmen sind Menschen mit seltenen Demenzformen wie z.B. frontotemporaler Demenz, bei der in der Verhaltensvariante das Empathieempfinden gestört sein kann.

Verfasst von Christine Berg
geboren 1968, Beratung und Begleitung von Menschen mit Demenz, Referentin,
Hamburg



