EIN MENSCH: Eugen Roth

Zum 50. Geburtstag

Ein Mensch erblickt das Licht der Welt –
Doch oft hat sich herausgestellt
Nach manchem trüb verbrachten Jahr,
Dass dies der einzige Lichtblick war.

Wohl jeder aus der geschätzten Leserschar wird schon eines der Mensch-Gedichte gelesen haben: humorvoll, schmerzlich sarkastisch, wohltuend erlösend, nicht verletzend und manchmal doch ein Tropfen Bitternis hinterlassend und mindestens wohlbekannt – ganz sicher auch der eigenen Gestimmtheit geschuldet. Für den Menschen dahinter, muss ich ehrlich gestehen, hatte ich es bisher halb bewusst abgelehnt, mich zu interessieren. Ist das Dichtung oder kann das weg?

Der Vater legte ihm die Liebe zur Sprache bereits in die Wiege: Hermann Roth, Schriftsteller und Journalist, war Vater des am 24. Januar 1895 in München Geborenen. Der Vater reimte auch, und er ließ seine Kinder die Verse bisweilen zum Vergnügen aufsagen, selbst bei Volksfesten. Eines dieser Spaßgedichte fing an mit »Ein Mensch …«

Aufgewachsen in der als Planstadt angelegten, im klassizistischen Stil erbauten Maxvorstadt, in der Augustenstraße, besuchte er die Luisenschule, später das Theresiengymnasium, für fünf Jahre die Klosterschule in Ettal, bevor er dann 1914 am Wittelsbacher Gymnasium das Abitur ablegte. Was mag da bereits an Kriegspropaganda die jugendlichen Herzen bewegt haben? Jedenfalls meldete sich Roth schon bald als Freiwilliger beim Königlich Bayerischen Reserveinfanterieregiment 16 und wurde Ende Oktober 1914 bei der Schlacht von Ypern durch einen Bauchschuss schwer verwundet. Seit dieser bitteren Erfahrung – er nannte es seine zweite Geburt – lehnte er Militär und kriegerische Auseinandersetzung grundsätzlich ab und konstatierte in Anlehnung an Gottfried Keller, dass aller Humor auf einer Grundtrauer beruht.

»Denn sowie man diese Grundeinstellung nicht hat, wird’s ja eben leichter Spaß oder Ironie oder Sarkasmus. Die Grundtrauer, sowohl wie eine wirkliche Liebe zu den Menschen sind die Grundlagen meines dichterischen Schaffens.«

Die Soldaten verteilten unterdessen seine Gedichte über die Schlachtfelder. So mancher schien sich im Schützengraben gesehen und verstanden:

Vorsicht

Ein Mensch, mit keinem Grund zur Klage.
Als dem der allgemeinen Lage,
Klagt trotzdem und auf jeden Fall,
Klagt herzlich, laut und überall.
Daß jedermann sich überzeugt,
Wie tief ihn Not und Sorge beugt.
Wenn er sich nämlich unterfinge
Zu sagen, daß es gut ihm ginge,
So ging es ihm nicht mehr gut:
Der Neid, der rasche Arbeit tut,
hätt ihm vielleicht schon über Nacht
Um all sein Gutergehn gebracht.
Darum hat der Mensch im Grunde recht,
Der gleich erklärt, ihm ging’ es schlecht.

Stattdessen studierte Roth nun an der Ludwig-Maximilians-Universität München Geschichte, Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie und promovierte 1922 mit der Arbeit »Das Gemeinschaftserlebnis des Göttinger Dichterkreises« zum Dr. phil. Er wurde Lokalredakteur der Münchner Neuesten Nachrichten von 1927 bis zu seiner fristlosen Entlassung durch die Nationalsozialisten im April 1933 – nun galt er als »politisch unzuverlässig«. Immerhin waren seine Gelegenheitsarbeiten gefragt, so z.B. ein Text zu einem Festspiel, das 1935 unter dem Titel »Eisernes Band« für die Hundertjahrfeier der ersten deutschen Eisenbahn in Nürnberg vorgesehen war, aber nicht zur Aufführung kam.

»Ich sage immer im Spaß, nicht wahr, dass an meinem literarischen Ruhm eigentlich unser Führer schuld ist, der mich innerhalb einer Stunde aus den Räumen der Redaktion entfernt hat und mich sozusagen als Freischwimmer in die damals wirklich schlechte Zeit geschickt hat. Ich war ja nichts als ein entlassener Schriftleiter, und dann kam wie ein Wunder dieses Buch.«

Als 1935 im Weimarer Duncker-Verlag Ein Mensch erschien (zehn Verlage hatten es bereits abgelehnt), wurde er über Nacht zum erfolgreichen Lyriker. Die Auflage von Ein Mensch erreichte 450.000, Die Frau in der Weltgeschichte 240.000 und Der Wunderdoktor 230.000 Exemplare.

Man wusste um seine antimilitaristische Haltung und schickte ihn dennoch im Zweiten Weltkrieg auf Lesereise zur Truppenbetreuung. Ein Mensch lädt Kameraden ein / mit ihm ein Stündchen froh zu sein, lautete eine Sonderausgabe für die Wehrmacht. Später betrachtete er die NS-Zeit kritisch:

Kein Mensch will es gewesen sein.
Die Wahrheit ist in diesem Falle:
Mehr oder minder warn wirs alle!

Es folgten 1948 Mensch und Unmensch als zweiter und 1964 Der letzte Mensch als dritter Band der Ein Mensch-Gedichte – letzterer mit seiner Kapitelgliederung Scherz, Satire, Ironie in Bezug auf Grabbes Komödie Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung.

Ein Mensch schaut in die Zeit zurück
Und sieht: Sein Unglück war sein Glück.

Mit seinem »Ein Mensch« »… bin ich immer auf das Menschliche gegangen und habe mich immer mit einbezogen. Ich habe mich nie über andere lustig gemacht, sondern dargestellt, wie man in bestimmten Lebenslagen sich stellt.«

Ein Mensch fällt jäh in eine Grube,
Die ihm gegraben so ein Bube.
Wie? denkt der Mensch, das kann nicht sein:
Wer Gruben gräbt, fällt selbst hinein!
Das mag vielleicht als Regel gelten
Ausnahmen aber sind nicht selten.

Einhergehend mit dem sprunghaften Anwachsen des Wandschmucks in den Jahren um 1850 und bedingt durch Verbesserungen von Drucktechniken im Rahmen der fortschreitenden Industrialisierung kam es zu einer massiven Produktion von Sinnsprüchen. Und aus dieser reichen Spruchkultur heraus entwickelten sich dann Spruchkarten im Postkartenformat – man konnte sie sammeln und auch als Wandschmuck verwenden.

Des weiteren erschienen launige Ratgeber, eine Tierfibel u. a. Er musste nur den Menschen beobachten mit seinen Unzulänglichkeiten, Ängsten und Peinlichkeiten, den leidenden Menschen, den verliebten Menschen, den Menschen im Alltag, kämpfend mit den Unbilden des Lebens:

Ein Mensch, der sich ein Schnitzel briet,
Bemerkte, daß ihm das missriet.
Jedoch, da er es selbst gebraten,
Tut er, als wär’ es ihm geraten,
Und, um sich nicht zu strafen Lügen,
Ißt er’s mit herzlichem Vergnügen.
Der Mensch an sich – ein einziges, aber unerschöpfliches Thema.

Mit der Erzählung Unter Brüdern (1958) nahm er Bezug auf seine Söhne Thomas und Stefan. Anekdotisch erzählte er aus dem Leben der heranwachsenden Söhne, berichtet von Erziehungsgedanken der Eltern: »Sollen die Buben gezüchtigt werden?« So las der Vater dem Sohn einen vermeintlichen Zeitungsartikel über den frechen Sohn vor, woraufhin dieser schlagfertig das Blatt ergriff und nun ebenso »vorlas«: »Thomas könnte vermutlich ein liebes Kind werden, wenn er nicht immer gehaut würde.« Für den Sohn wurde »das Buch eine Qual«, da man ihn daraufhin öfter ansprach. Die Beobachtungsfähigkeit des Vaters, die in den Geschichten aufblitzt, konnte der ältere Sohn jedoch wertschätzen. Es betrübte Roth, dass seine ernste Lyrik und seine teils ergreifenden Erzählungen kaum Anerkennung und Wertschätzung fanden. Seine Erzählungen Der Weg übers Gebirg (1942), Abenteuer in Banz (1952) und die Anekdotenbände Lebenslauf in Anekdoten (1962), Erinnerungen eines Vergesslichen (1972) sind fast nicht bekannt.

Er fand das Heitere im Ernst des Lebens. »Ich kann zwar meine eigenen Gedichte im Allgemeinen nicht auswendig, aber ein Vierzeiler wird mir ja wohl einfallen«:

Ein Mensch nimmt guten Glaubens an,
er hab’ das Äußerste getan,
doch leider Gotts versäumt er nun,
auch noch das Innerste zu tun.
Er war auch ein umweltbewusster Zeitgenosse:
Die Welt, bedacht auf platten Nutzen,
sucht auch die Seelen auszuputzen.
Das Sumpfentwässern, Wälderroden,
schafft einwandfreien Ackerboden
und schon kann die Statistik prahlen,
mit beispiellosen Fortschrittszahlen,
doch langsam merkens auch die Deppen,
die Seelen schwinden und versteppen,
denn nirgends mehr so weit man sieht,
gibt es ein Seelenschutzgebiet.
Kein Wald drin Traumes Vöglein sitzen,
kein Bach drin Frohsinns Fischlein blitzen,
kein Busch im Schmerz sich zu verkriechen,
kein Blümlein Andacht rauszuriechen,
nichts als ein ödes Feld mit Leuten,
bestellt es restlos auszubeuten,
drum wollt ihr nicht zugrunde gehen,
lasst noch ein bißchen Wildnis stehen.

1965 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz. Seine letzte Ruhestätte fanden er 1976 und seine Frau Klothilde, mit der er eine vorbildliche Ehe geführt hatte, in der Nähe seines Wohnhauses auf dem Nymphenburger Friedhof in München.

Lebenszweck

Ein Mensch, der schon als kleiner Christ
Weiß, wozu er geschaffen ist:
»Um Gott zu dienen hier auf Erden
Und ewig selig einst zu werden!« –
Vergißt nach manchem lieben Jahr,
Dies Ziel, das doch so einfach war,
Das heißt, das einfach nur geschienen:
Denn es ist schwierig, Gott zu dienen.

Sein Nachlass, von Sohn Thomas gewissenhaft in persönlicher Vertrautheit betreut, dokumentiert die Vielfältigkeit seines literarischen Schaffens anschaulich. Thomas Roth weiß aber auch: »Jedes Bergwerk ist einmal ausgeschöpft.« Er möchte nicht alle Texte des Vaters veröffentlicht sehen:

Vom Ernst des Lebens halb verschont,
ist der schon, der in München wohnt

»… glauben Sie, dass ein Obdachloser drei Grad wärmer friert, nur weil er in München unter der Brücke schläft?«, so der Sohn, der darauf schaut, in welchem Kontext die Werke seines Vaters erscheinen. Ein München-Roman, von dem der Vater meinte, dass er ihn verbrannt habe, der wohl aber doch vorliegt, wird jedenfalls nicht erscheinen.

Ein Mensch sieht nur ein bißchen scharf,
schon sieht er schärfer, als er darf.

So umfasst der Nachlass die vollständigen Manuskripte der gedruckten und ungedruckten Werke, darunter über 76 in Leder gebundene Bände sowie die Sammlung seiner Zeitungs- und Zeitschriftenartikel. Seine umfangreichen Lebensdokumente enthalten daneben Aufzeichnungen, Tagebücher und Presseartikel sowie die Dokumentation der unglaublich vielen Lesereisen.

Im Nachlass befindet sich auch umfangreiche Korrespondenz, die sich zeitlich über das ganze Leben Roths erstreckt, einschließlich vieler Briefe bekannter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens – er war Teil eines bewussten weitverzweigte Netzwerks im Kulturleben Münchens.

Schau in die Welt so vielgestaltig,
Sorgfältig, doch nicht sorgenfaltig!

Verfasst von Kirsten Rennert, geboren 1960, Priesterin, Erfurt

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