Von der Brücke zwischen den Welten und den Wesen
Als ich etwa sechs Jahre alt war, entdeckte ich etwas, das mich faszinierte: Wenn ich beim Celloüben auf der G-Saite das D spielte, begann plötzlich die leere D-Saite mitzuschwingen, ohne dass sie berührt worden war. Sie hörte damit auf, sobald ich den Ton etwas erhöhte oder erniedrigte; nur wenn ich ihn genau traf, schwang sie mit – und klang auch noch weiter, wenn ich den Bogen anhielt.
Ich war dem Phänomen der Resonanz begegnet. Damals ahnte ich noch nichts davon, dass dies ein Blick in einen Weltbereich war, der alles Sein durchdringt und für alles Werden und In-Beziehung-Treten von entscheidender Bedeutung ist.
Später fiel mir auf, dass ich oft gähnen musste, wenn ich erlebte, dass ein Mensch in meiner Nähe gähnte, oder dass in einem Gesprächskreis, wenn jemand das übergeschlagene Bein wechselte, plötzlich auch andere diese Bewegung vollzogen; auch, dass ich unwillkürlich zurück lächelte, wenn jemand mir mit einem Lächeln begegnete, oder dass ich mich räuspern musste, weil die Stimme des gerade Sprechenden belegt war.
Viele Jahre später begegnete ich den großartigen Büchern von Joachim Bauer (Warum ich fühle, was du fühlst) und Harmut Rosa (Resonanz – eine Soziologie der Weltbeziehung), die umfassend deutlich machen, dass die auf Resonanz beruhende Wechselwirkung zwischen Wesen ein wesentlicher »Motor« der Welt- und Menschenentwicklung ist.
Was passiert, wenn der Lehrer in der 1. Klasse zu den entsprechenden Worten die Arme erhebt und weit ausbreitet? Die meisten Kinder erheben ihre Arme mit und vollziehen dieselbe Gebärde, ganz unwillkürlich.
Das Prinzip der Nachahmung beruht auf Resonanz und Resonanzfähigkeit. Wir erlernen unsere allerelementarsten menschlichen Fähigkeiten auf diese Weise: das Aufrichten, das Stehen und Gehen, die Sprache. Wir würden verkümmern und diese Fähigkeiten nie ausbilden, wenn uns nicht schon im Kleinkindalter (und auch bereits im Mutterleib) die Möglichkeit gegeben wäre, auf geheimnisvolle Weise zu unserer menschlichen Umwelt resonierend in Beziehung zu treten.
Eine der leiblichen Grundlagen für diese Fähigkeit sind die sogenannten »Spiegelneuronen«. Untersuchungen haben gezeigt, dass, wenn wir einen Menschen aufmerksam dabei beobachten, wie er etwas tut, wir das in allen Bereitschaftspotenzialen unseres Nervensystems mittun, bis kurz vor die Schwelle dessen, dass wir das, was wir sehen, auch selbst ausführen. Als Erwachsene unterbinden wir die äußere Bewegung dann meistens durch unseren bewussten Willen – anders als die kleinen Kinder. Außer vielleicht im Fußballstadion, wo Zigtausende den Moment, in dem der Stürmer sein Bein schwingt, um das Tor zu schießen, mit der Bewegung des eigenen Beines begleiten.
Das betrifft aber nicht nur die motorischen Anteile, auch die sensiblen sind in Resonanz mit dem, was ich wahrnehme. Sticht sich jemand vor meinen Augen mit der Nadel in den Finger, kann es mich bis in die Füße hinein mit einer Empfindung durchziehen, die mir vermittelt, was der andere jetzt fühlt. Wird ein Mensch vor meinen Augen misshandelt, ist es ebenso. Meine empathische Seelenempfindung stützt sich auf dieses nahezu leibliche Miterleben.
Das geschieht, wenn wir menschliches Handeln oder Erleiden wahrnehmen. Nehmen wir maschinelle Bewegung oder Interaktion wahr, geschieht dies nicht.
Alle Werbefilme machen sich dieses Prinzip zunutze.
Nur erahnen können wir, was es vor diesem Hintergrund bedeutet, dass wir heute mit einer Flut von Gewaltdarstellungen in Film, Fernsehen und Computerspielen konfrontiert sind, die sich eben nicht nur von der leidenden, sondern auch von der gewalttätigen Seite her in unser resonierendes und spiegelndes Nervensystem und unsere Seele einschreiben. –
Wenn ein anderer Mensch spricht, können wir ihn deshalb verstehen, weil wir mit dem ganzen Leib Mitsprechende sind. Der Waldorflehrer Peter Lutzker erwähnt in seinem Buch über den Sprachsinn die Forschungen von William Condon, der schon 1975 davon berichtet, dass der ganze Leib des Sprechers in Mikrobewegungen »tanzt« in Synchronizität mit den Sprachorganen – und dass dieser Tanz auch im Leib des Hörers stattfindet. Ein weiteres frappierendes Beispiel von wirksamer Resonanz.
Über einen etwas anderen Aspekt der Resonanzvorgänge beim Sprechen und Zuhören sagt Rudolf Steiner im Jahr 1919:
»Unser Zuhören, namentlich bei den Tätigkeitsworten, ist in Wirklichkeit immer ein Mittun. Das Geistigste zunächst im Menschen tut mit, es unterdrückt nur die Tätigkeit. In der Eurythmie wird nun diese Tätigkeit in die Außenwelt hineingestellt. Die Eurythmie gibt neben allem Übrigen eben auch das Zuhören. Wenn einer etwas erzählt, so hört der andere zu, indem er das, was in Lauten physisch lebt, in seinem Ich mittut, doch er unterdrückt es. Das Ich macht immer Eurythmie mit, und das, was wieder die Eurythmie an dem physischen Leibe ausführt, ist nur das Sichtbarwerden des Zuhörens. Sie eurythmisieren also immer, indem Sie zuhören, indem Sie wirklich eurythmisieren, machen Sie nur dasjenige sichtbar, was Sie unsichtbar sein lassen (im Unsichtbaren lassen) beim Zuhören.«[1]
Wir können davon ausgehen, dass wir zu unserer gesamten irdischen und kosmischen Umgebung in Resonanzverhältnissen stehen, allermeist unbewusst. Davon kündet die seriöse Astrologie, davon kündet z.B. auch das Phänomen der Wetterfühligkeit. Aber auch in den Naturreichen der Tiere und Pflanzen ist dies Prinzip wirksam – ja, die Erde als Ganzes schwingt in den Kräften der anderen Planeten und des Tierkreises, befindet sich in einer resonierenden Wechselwirkung mit dem All und den darin wirkenden Wesen. In der Anthroposophie sind viele dieser Zusammenhänge beschrieben, auch wenn das Wort »Resonanz« dabei selten eine Rolle spielt.
Wir stehen als Menschen aber nicht nur einfach in gegebenen leiblichen und seelischen Resonanzverhältnissen, sondern wir können auch aktiv solche hervorbringen oder beeinflussen.
Was geschieht denn, wenn Lehrer sich bei der Besprechung eines Kindes die Zeit nehmen, sorgfältig und ohne Urteile ein Bild dieses Schülers in ihrer Mitte lebendig werden zu lassen – und plötzlich, wie durch ein Wunder, dieser Mensch die Möglichkeit hat, aus altgewohnten Verhaltensweisen auszubrechen?
Haben wir einen immanenten und verursachenden Anteil an der Art, wie ein anderer Mensch uns begegnet, durch die in uns lebenden Vorstellungen und Urteile dieser Person gegenüber? Sind wir es vielleicht selbst, die den Mitmenschen auf dem Wege der Resonanz in ein Verhaltensmuster zwingen, weil wir keinen unbefangenen und urteilsfreien Blick auf ihn mehr in uns erzeugen können? Wenn wir uns jedoch seelisch aktiv für Neues öffnen – und dazu bedarf es stets einer Überwindung und eines ichhaften Entschlusses, dann kann der andere womöglich in dieses Neue auch anders eintreten und sich anders zeigen als zuvor.
Was hat dies alles nun mit dem religiösen Leben zu tun? Sehr viel. Wenn wir das oben Beschriebene ernst nehmen, dann können wir ahnen, wie stark wir z.B. in der Menschenweihehandlung bis ins Leibliche hinein Mitvollbringer des Altargeschehens sind. Die Adventsepistel spricht von einer Tatsache, wenn sie sagt: sinnend werden unsere Seelen, indem wir vor dem Altare stehen – ja, wir stehen vor dem Altar, wenn der Priester dort steht. Alles, was wir die sprechenden und handelnden Menschen während des Kultus tun sehen, tun wir – wenn wir wach und aufmerksam dabei sind – mit ihnen. Und diese Tatsache kann man als zelebrierender Priester erleben, als einen Tragegrund, als eine helfend wirksame Kraft. Die Größe einer Gemeinde hat da auch eine qualitativ wahrnehmbare Komponente. Es ist wie bei einem Klang, der durch zahlreiche mitschwingende Resonanzkörper eine größere Reichhaltigkeit und Tiefe sowie eine stärkere Ausstrahlung und Wirksamkeit erlangt. Nur, dass in diesem Fall die »Resonanzkörper« inkarnierte individuelle Menschen sind – und dass es sich nicht um ein passives Geschehen handelt, sondern um eine geistige Aufmerksamkeit und Hingabe, die sich in hohem Maße der freien inneren Zuwendung verdankt.
Die drei menschlichen Wesensglieder: Leib, Seele und Geist stehen fortwährend in einer resonanzgetragenen Wechselbeziehung untereinander. Die ganze Psychosomatik beruht auf dieser Erfahrung. Seelische Anspannung hat auf Dauer leibliche Auswirkungen – aber auch: körperliche Entspannungsübungen haben einen Einfluss auf unser Seelenleben.
Auch innerhalb der Seele stehen die Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens miteinander in Beziehung – nicht immer harmonisch, selbstverständlich, aber wir können sie durch beharrliches und ausdauerndes Üben wenn wir das wollen, immer mehr ausbilden und in Harmonie bringen (siehe die sechs Nebenübungen Rudolf Steiners).
Und wir können diese Kräfte im Gebet, vereint mit den Seelenkräften der anderen mitbetenden Menschen der göttlichen Welt und den göttlichen Wesen zuwenden. Kann da auch eine Wechselwirkung, eine sich verstärkende Resonanz entstehen? Und: können wir die wahrnehmen? Ist dies nicht die ureigene Sphäre der Wirksamkeit des Heiligen Geistes? Wenn wir an das Ur-Pfingstfest denken, wo gesagt wird: sie waren ein Herz und eine Seele?
Wie kann es sein, dass der Ministrant nach der Verkündigung des Evangeliums sagt: »Wir erheben unsere Seele zu Dir, o Christus?« Singular: unsere Seele? Was ist geschehen, indem alle der Logos-Offenbarung mit offenem Herzen gelauscht haben? Die Seelen der vielen Einzelnen haben einen gemeinsamen Hörraum und dann einen gemeinsamen Seelenraum gebildet, in dem schließlich die geeinte Seele der Gemeinde als solche gegenwärtig wird, die sich zu dem Geist der Gemeinde, dem mit Christus verbundenen Engel der Gemeinde, erhebt.
Wir können sagen: die Gemeinde erhebt ihre Seele zum Geist – und zugleich kommt der Geist zur Seele der Gemeinde herab. Ergreifen und Ergriffenwerden sind im Geistigen eines.
Das erleben wir bei jedem Ideal, von dem wir uns befeuern lassen, bei jeder fruchtbaren Idee: Wird für uns die Idee zum Ideal, so ergreift uns das Ideal und schenkt uns Kraft, und wir ahnen von Ferne, dass das Ideal kein neutrales »Ding«, sondern ein geistiges Wesen ist, das uns nahekommt.
Immer wenn in der Menschenweihehandlung vom »Einen« und »Vereinigen« gesprochen wird, ist auf diese Sphäre der geistig-seelischen Resonanz gedeutet, die Raum und Zeit übergreifend innerhalb der Gemeinde den geistigen Ort bereitet – im Zusammenwirken mit den Verstorbenen und all denen, die sich seit der Zeitenwende opfernd mit Christus verbunden haben –, in den Christus eintreten kann. Wobei Rudolf Steiner davon spricht, dass sich durch das harmonische Zusammenwirken vieler die Kräfte nicht addieren, sondern potenzieren. Besonders ist, dass wir diese Einigkeit nicht einfach »machen« können, sondern wir beten und bitten darum, dass der Christus sie uns schenken möge. Indem unsere so individuellen Seelen sich jeweils und gemeinsam auf ihn hin ausrichten, entsteht diese Gemeinsamkeit, die zugleich Voraussetzung für sein Eintreten und Folge seiner Gegenwart ist.
Was geschieht vor diesem Hintergrund im zentralen Wandlungsgeschehen, wenn der Priester niederkniet, Brot und Wein erhebt und die Einsetzungsworte spricht?
Können wir uns vorstellen, dass die Worte, die Christus damals, am Gründonnerstag Abend bei der Einsetzung des Abendmahles gesprochen hat, nicht einfach verklungen und verschwunden sind, sondern in der geistigen Welt weiterklingen – und leben und weben?
»meine Worte aber werden nicht vergehen …«, Lk 21,33.
Wäre es denkbar, dass heute, wenn der Priester (und mit ihm die Gemeinde) diese Worte nachspricht, neu spricht, sich dieses Sprechen verbindet, einschwingt, in Resonanz geht, mit den durch die Zeiten gehenden Worten des Christus in ihrer Ewigkeitskraft?
Und können wir ahnen, dass auf den Schwingen dieser Worte – in welcher irdischen Sprache auch immer sie erklingen – das Wesen dessen, der sie einst und in Ewigkeit gesprochen hat, sich mit den Substanzen von Brot und Wein verbindet?
Welch großes Geheimnis!
Aber, wenn alles aus dem göttlichen Wort, dem Logos hervorgegangen ist, wie es der Prolog des Johannes-Evangeliums aussagt, dann hat auch die welten- und menschenverbindende Kraft der Resonanz in ihm ihren Ursprung. Wir können lernen, sie immer bewusster wahrzunehmen und für eine gedeihliche Entwicklung unserer Menschheit und der Welt wirksam werden zu lassen.
[1]Rudolf Steiner: Erziehungskunst. Methodisch-Didaktisches, GA 294, Vortrag vom 25.9.1919.

Verfasst von Christward Kröner
geboren 1963, Priester in Berlin



