Glaubwürdigkeit

Glaubwürdigkeit

Im Kraftfeld des Wahrhaftigen

Die Glaubwürdigkeit, die ein Mensch besitzt, hat etwas mit dem Vertrauen zu tun, das andere in ihn haben. Sie hat etwas zu tun mit Erfahrungen, die man mit diesem Menschen gemacht hat. Etwa, dass man sich auf ihn verlassen kann, dass er seinen Worten auch Taten folgen lässt, dass er Versprechen, die er gegeben hat, hält. Glaubwürdigkeit ist also etwas, das nicht von Anfang an da ist, sondern das entsteht und wächst, das sich ein Mensch dadurch, dass sich sein Sprechen und Handeln in Übereinstimmung befinden, erwirbt.

Die Bekanntschaft und Begegnung mit einem solchen Menschen hat etwas, das uns Sicherheit gibt, das Ruhe und Kraft vermittelt, das unmittelbar Anerkennung hervorruft.

Wir können auch die Erfahrung machen, dass die Gegenwart eines solchen Menschen in einer Menschengemeinschaft stärkend, belebend und lichtvoll ausstrahlt. Dass ein moralisch handelnder glaubwürdiger Mensch ein Segen für seine Umgebung ist. Er offenbart etwas von dem, was auch in dem Wort enthalten ist: eine besondere Würde. Dabei muss er keineswegs alles dominieren – im Gegenteil. Er wird in einem Gespräch frei bekennen, wenn er etwas nicht weiß, eine Frage nicht beantworten kann oder etwas, das er nicht überschaut, auch nicht beurteilen möchte. Dies alles trägt zur Glaubwürdigkeit bei.

Heimat im Vertrauen

Wir können uns – auch wenn keine persönliche Nähe vorhanden ist – in einem glaubwürdigen Menschen »beheimaten« – und er sich in uns. Man findet in ihm einen »Grund«, auf dem man sicher stehen kann.

Wie anders ist es, wenn jemand für uns seine Glaubwürdigkeit verloren hat! Wenn wir – vielleicht sogar wiederholt – belogen wurden, wenn Versprechen nicht gehalten wurden oder aber sich immer neu eine große Kluft zwischen Worten und Taten offenbart hat. Dann beschleicht uns das Gefühl der Unsicherheit und Kränkung, dann meiden wir den Kontakt. Wir können dann erleben, dass diese Charaktereigenschaft auch in die Gemeinschaft ausstrahlt, aber zehrend, mindernd, verdunkelnd. Wir erleben, wie in uns das Misstrauen wächst, die Distanz, dass wir selbst vielleicht Gedanken zu denken beginnen, die wir eigentlich nicht denken wollen.

Und welche Anstrengungen und wie viel Zeit braucht es, um ein einmal verlorengegangenes Vertrauen wieder aufzubauen! Es ist wie im Krieg: die Zerstörung geschieht blitzschnell – der Wiederaufbau braucht Jahre.

In der heutigen Zeit haben viele Menschen das Vertrauen in die Medien und in die Politik verloren – nicht zuletzt der zahlreichen gebrochenen Wahlversprechen und der offensichtlichen Meinungsmache wegen. Davon legen immer wieder entsprechende Umfrage-Ergebnisse Zeugnis ab. So haben manche vielleicht die Frage: Wem kann man (noch) trauen?

Es ist leicht, bei dieser Frage den Finger urteilend auf andere zu richten. Richtig spannend wird es aber erst, wenn wir diese Frage umdrehen und uns selbst in den Blick nehmen: Kann man uns trauen? Kann ich mir selbst trauen? Wie ist mein Umgang mit der Wahrheit? Sind meine Worte und Taten in Kongruenz? Können sich andere auf mich verlassen – ja, kann ich mich auf mich selbst verlassen? Kann ich das, was ich mir vornehme, auch umsetzen? – Wie war das noch mit dem Weg zur Hölle, der mit guten Vorsätzen gepflastert ist? Wie schwer ist es, sich selbst gegenüber in diesem Sinne Glaubwürdigkeit zu erwerben!

In diesem Zusammenhang können wir auf eine legendenhafte Anekdote blicken, die über Mahatma Gandhi berichtet wird:

Eine Mutter nimmt mit ihrem Kind an einer der wöchentlichen Audienzen teil, bei der man Gandhi erleben und seinen Worten lauschen kann. Anschließend bildet sich jeweils eine lange Schlange von Menschen, die ein persönliches Wort mit ihm wechseln wollen. Die Mutter stellt sich mit ihrem Kind geduldig in die Schlange und wartet lange, bis sie schließlich dran ist. Sodann äußert sie ihre Bitte: dass Gandhi doch das Kind ermahnen möge, nicht zwischen den Mahlzeiten heimlich von den Süßigkeiten in der Speisekammer zu naschen. Gandhi antwortet, dass er das nicht sagen könne, und bittet die Mutter, doch in der nächsten Woche wiederzukommen. Die Mutter ist sehr verwundert, tut aber, was er sagt. In der folgenden Woche steht sie schließlich wieder nach langem Warten mit ihrem Kind vor dem Mahatma. Und kaum hat sie ihr Anliegen erneut vorgebracht, schaut Gandhi das Kind an und ermahnt es liebevoll, doch nicht heimlich von den Süßigkeiten in der Speisekammer zu naschen. Die Mutter ist erstaunt und fragt: Warum konntest du das nicht schon in der vergangenen Woche sagen? Und Gandhi antwortet: Ich musste mir das Naschen erst selbst abgewöhnen.

Daraus wird deutlich: Ich stehe nicht außen, gewissermaßen auf einem erhöhten Ort, von dem aus ich das Handeln der anderen anschauen und beurteilen kann, von dem aus ich wohlfeile Ratschläge und Ermahnungen äußern kann, sondern ich stehe mitten in einem Kraftfeld des Wahrhaftigen, das alles durchdringt. Und mein Rat ist hohl und steht auf tönernen Füßen, verzerrt dieses Kraftfeld, wenn ich die Erwartungen, die ich anderen gegenüber formuliere, nicht auch mir selbst gegenüber habe.

Vorbild sein

Jeder Lehrer macht diese Erfahrung unmittelbar am eigenen Leib: Nur mein eigenes Bemühen, mein eigenes Ringen, meine Selbsterziehung lassen mich glaubhaft – glaubwürdig – vor Schülern stehen, die ein unmittelbares Empfinden dafür haben, ob diese innere Deckung vorliegt oder nicht, wenn sie zu irgend etwas ermahnt werden.

Das gilt natürlich auch für das Verhältnis des Pfarrers zu seiner Gemeinde – wenngleich es hier nicht um eine Lehrer-Schüler-Beziehung geht und um pädagogisches Wirken, sondern um die freie Begegnung unter Erwachsenen.

Als Pfarrer muss ich mich fragen: Worüber kann ich glaubwürdig sprechen, da, wo es um Ideale, um Umgang mit menschlichen Schwächen, um Orientierung in der Lebensführung geht? Wenn ich diesbezüglich einen Impuls verspüre und dann auch auf mich selbst blicke, geht es mir vielleicht wie Gandhi: dass ich erst einmal nichts sagen kann und besser schweige. Und vermutlich lässt sich nicht alles, was ich da bei mir entdecke, in einer Woche ändern …

Aus dem Erleben dieser Diskrepanz kann die Gefahr einer Berufsdeformation erwachsen, indem ich eine Fassade aufbaue und versuche, diese Kluft mittels eines angenommenen Habitus zu überspielen, so dass ich mich von meinem echten Sein abspalte, um einer gesellschaftlichen Erwartung oder einer Rolle zu entsprechen. Geschieht dies, so betrete ich gefährliches Terrain. Denn dann schade ich nicht nur mir selbst, sondern auch den Menschen, die sich mir anvertrauen, ja der ganzen Gemeinschaft. In dem, was ich oben Kraftfeld des Wahrhaftigen genannt habe, kann ein solches Verhalten verheerende und bleibende Spuren hinterlassen.

Können also nur vollkommene Menschen Erzieher, Lehrer, Ärzte oder Priester werden, wenn die beschriebene Fehlentwicklung hinsichtlich der Glaubwürdigkeit vermieden werden soll? – Mitnichten. Es handelt sich im Grunde auch nicht um eine berufsspezifische, sondern um eine allgemein menschliche Herausforderung.

Was braucht es, um ihr zu begegnen?

Ehrlichkeit

Es braucht nicht Vollkommenheit, sondern die andauernde Bereitschaft, sich – ohne in depressive Stimmung zu verfallen – immer neu einen schonungslos ehrlichen Blick auf sich selbst zu verschaffen. Das ist schwer genug und es geht vermutlich nicht ohne den Spiegel anderer Menschen, den anzunehmen gelernt werden muss.

Sodann braucht es die Bereitschaft, an sich zu arbeiten. Was ebenfalls schwer ist und selten schnelle Erfolge zeitigt. Aber es führt kein Weg daran vorbei.

Unversehens bemerke ich, dass ich mich auf einem Schulungsweg befinde. Um für diesen Weg Perspektiven zu finden, hilft es ungemein, sich mit Anthroposophie zu beschäftigen. Sie kann mich z.B. über das Wesen der Lüge und der Unwahrhaftigkeit aufklären. Darüber, dass jede Lüge im Astralen eine Tötung ist, dass geistig-seelisch ein realer Schaden eintritt, sowohl bei dem belogenen Menschen als auch bei dem Lügenden. Es findet sofort eine Schwächung im Kraftfeld der Wahrhaftigkeit statt. Es wird mit Worten etwas gesagt, das in der Welt des Faktischen keine Entsprechung hat. In dem Belogenen lebt die Lüge fort, die er für Wahrheit nimmt – bis er vielleicht entdeckt, dass er getäuscht wurde. Dieser Schaden wird eines Tages – oder in einem anderen Leben – wieder aufzuarbeiten, wieder auszugleichen sein.

Der Vorteil, den man sich kurzfristig von einer Lüge erhofft, wandelt sich langfristig in einen Nachteil, der die Entwicklung behindert und hemmt und ein irgendwann zu überwindendes Hindernis auf meinem Weg darstellt.

So gesehen könnte mich schon die pure Eigenliebe, der Gedanke, dass ich mir selbst nicht Steine in den Weg legen möchte, davon abhalten, die Unwahrheit zu sagen. Ich kann mir aber auch vergegenwärtigen, wie ich mich fühle, wenn ich belogen werde, und mich dann fragen: Möchte ich das einem anderen Menschen zufügen?

Natürlich ist es auch möglich, die platte Lüge zu vermeiden und so zu sprechen, dass ich die Gedanken meines Gegenübers in die gewünschte falsche Richtung lenke, ohne direkt die Unwahrheit zu sagen.

Mir steht die Situation eines etwa 7 Jahre alten Jungen vor Augen, der in der zweiten Klasse war. Damals hatte noch kein Schüler eine Trinkflasche mit an der Schulbank. Es war heiß und er hatte Durst. Die Pause war noch weit entfernt. Man durfte den Klassenraum allenfalls für die Toilette verlassen. Er musste aber nicht aufs Klo, sondern er wollte trinken. Er wollte keinesfalls eine Unwahrheit sagen – aber er wollte auch seinen Durst löschen. So meldete er sich denn nach einiger Überlegung, wie eine Lüge vermieden werden könnte, und sagte: »Ich muss dringend zum Klo« (denn dort gab es ein Waschbecken mit dem heiß ersehnten Wasserhahn). Die Lehrerin ließ ihn gehen, in der Meinung, er müsse aufs Klo. – Ein triviales Beispiel aus der Kinderwelt für etwas, das häufig in der Welt der Erwachsenen geschieht. Es zeigt, dass das Entscheidende nicht unbedingt in den geschickt gewählten Worten liegt, sondern in der falschen Vorstellung, die mit Absicht in dem anderen Menschen hervorgerufen wird, auch wenn die Worte selbst nicht täuschen …

Ganz bei der Wahrheit bleiben kann – in den verschiedensten denkbaren Lebensumständen – bedeuten, dass ich leiden muss. Und wie gern vermeiden wir das und nehmen dann Zuflucht bei einer sogenannten Notlüge.

Der Moment der absoluten Wahrheit

Aber eines Tages – auch dies lehrt uns die Anthroposophie – stehen wir dann in der Totalität der Wahrhaftigkeit. Nachdem wir die Schwelle des Todes überschritten haben. Dann wird uns ein vollständiges Bild unseres Selbstes und unseres Handelns und Unterlassens im vergangenen Leben zuteil.

Und nun kommt das Wichtige: Mache ich mir diese Tatsache zu Lebzeiten klar, dann kann dieser Gedanke eine reale Kraftquelle in Augenblicken der Versuchung werden. Den Tod schon zu Lebzeiten zu integrieren – so gut es eben geht – kann mir helfen, ein authentisches Leben zu führen. Von seiner Perspektive aus auf mein Leben zu blicken, hilft mir, richtig leben zu lernen und erst die Kostbarkeit des Lebens und des mir in ihm gegebenen Freiheitsraumes in seiner ganzen Bedeutung zu fühlen. Von ihm aus leben zu lernen kann mir helfen, sicherer, ruhiger und eben auch glaubwürdiger im Leben zu stehen. Das Bedürfnis, etwas gelten zu wollen, ohne es zu sein, das Hängen am äußeren Besitz, unangemessener Ehrgeiz und vieles andere können bei immer neuem Einnehmen der Ewigkeitsperspektive auf Dauer schwer bestehen.

Auf der anderen Seite wächst das Empfinden für die Heiligkeit des Kraftfeldes der Wahrhaftigkeit, das so eng mit der Essenz des Lebens selbst verbunden ist. Und es kann das Bewusstsein davon wachsen, dass wir es dabei nicht mit einem Abstraktum, sondern mit einem Wesen zu tun haben. Mit dem Wesen, das in der Wahrheit stehend sagt: Ich bin.

Nur von ihm her – und auf ihn zu (um mit Paulus zu sprechen) kann wahrhaft Glaubwürdigkeit entstehen.

Verfasst von Christward Kröner

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