Fide, sed cui, vide! (Ver)traue, aber achte darauf, wem!
– Lateinisches Sprichwort
Wem kann man denn noch trauen? Diese Frage ist wohl schon manchem wie ein Stoßseufzer über die Lippen gekommen. Die sozialen Gefüge werden brüchiger und undurchschaubarer. Verlässlichkeiten brechen weg. Glaubwürdigkeit wird zum Fremdwort.
Vorweg: glaubwürdig können nur individuelle Menschen sein. Keiner Zeitung oder Nachrichtensendung, keiner Institution oder Kommission, keinem Gremium und keiner Regierung, auch nicht einer öffentlichen oder veröffentlichten Meinung kann man Würde zusprechen, sondern immer nur dem Individuum, daher ist auch das Reden von Glaubwürdigkeit in diesen Bereichen Unsinn. In der Markt- und Meinungsforschung für Politik und Wirtschaft spielt allerdings die dort so genannte »Glaubwürdigkeit « eine große Rolle (»wie glaubwürdig ist das denn?«). Wenn man aber von »Glaubwürdigkeit « etwa einer Marke, eines Produkts, einer Kampagne, eines Parteiprogramms oder Grundsatzpapiers spricht bzw. von der Glaubwürdigkeit von Institutionen und Personen, insofern sie diese vertreten, meine ich, müsste man eigentlich von Glaubhaftigkeit sprechen, vergleichbar der Verwendung dieser Begriffe im Rechtswesen, wo unter »Glaubwürdigkeit« die Vertrauenswürdigkeit der Person z.B. eines Zeugen verstanden wird, während sich »Glaubhaftigkeit« auf den Inhalt einer Aussage bezieht (jemand hat z.B. etwas glaubhaft versichert).
Also wollen wir uns hier nicht mit der Frage beschäftigen, wie glaubhaft die unendlich vielen Informationen sind, mit denen wir zugeschüttet werden, die alten Kamellen oder neuen Nachrichten, die News und Fake News, die uns vorgesetzt werden, die Moden und Meinungen, in die wir verstrickt sind, sondern werden uns auf die Frage der Glaubwürdigkeit beschränken. Dass man trotzdem auf Glaubhaftigkeit prüfen soll, was man zur Kenntnis nimmt, steht ja außer Frage.
Glaubwürdigkeit
Wenn es um Glaubwürdigkeit geht, muss man wohl auf die Integrität (lat. »Unversehrtheit« oder »Ganzheit«) des Menschen schauen. Stimmen Worte und Taten überein? Bestehen Interessenkonflikte? Wie geht der Mensch damit um? Abhängigkeiten. Befangenheiten. Zwänge innerer oder äußerer Art. Spricht der Betreffende wirklich aus sich oder letztlich als Interessenvertreter? Das kann vordergründig – »Wes Brot ich ess, des Lied ich sing« – oder auch sehr diffizil sein. Es kann ja auch sein, dass sich jemand so stark mit seiner sozialen Gruppe, mit seiner Arbeitsstelle, seiner Partei, seiner politischen, weltanschaulichen oder religiösen Beheimatung identifiziert, dass er gar nicht bemerkt, wie er nicht aus sich, sondern im Sinne oder vielleicht auch nur vermeintlichen Sinne dieser Gruppe spricht. Dem sogenannten Gruppenzwang unterliegen nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch erwachsene Menschen bis ins höchste Alter. Sich aber aus der Erwartungshaltung der eigenen Gruppe zu lösen, um wirklich zu sich selbst zu stehen, ist manchmal nicht einfach. Dass man dann womöglich als »Nestbeschmutzer« beschimpft wird, ist noch das kleinere Ungemach, das einen treffen kann. Glaubwürdig ist aber letztlich nur der, der zu sich selbst steht. Das schließt nicht aus, dass er irren kann.
In einer religiösen Gemeinschaft etwa, in der Glaubens- und Bekenntnisfreiheit des Einzelnen und Lehrfreiheit auch für die Geistlichen, wie sie in der Christengemeinschaft als einer Bewegung für religiöse Erneuerung angelegt sind, schon vollständig verwirklicht wären, unterläge niemand mehr dem Gruppenzwang einer Meinungsgesinnung. Die Gemeinschaft wird dann die Integrität der einzelnen Persönlichkeiten nicht hemmen, sondern fördern.
Glaubwürdigkeit kann man nicht kaufen, sie muss erarbeitet werden. Sie ist eine Qualität des Seins und nicht des Besitzens. Dabei lässt sie sich aber gar nicht direkt anstreben, sondern ergibt sich wie nebenbei als Resultat moralischer Entwicklung. Sie ist keine Qualifikation, sondern eine Ehre oder Würde. Mit einem kleinen Ratgeber »Wie werde ich schnell erfolgreich« ist sie nicht zu bekommen. Aber auch wenn sie einmal erreicht war, ist sie schnell wieder verspielt. Glaubwürdigkeit ist ein empfindliches Gut …
»Glaubwürdigkeit – wem trauen?« Diesen Titel, unter dem ich um diesen kleinen Beitrag gebeten wurde, fand ich so anregend, dass ich mich nach einem gewissen Zögern entschlossen habe, doch etwas zu schreiben. Die erste, kürzeste Fassung des Artikels war: mir selbst am wenigsten. Die ehrliche Antwort auf die Frage nach der eigenen Integrität fällt ja meist ernüchternd aus. Man könnte dem Titel, der ja eine Frage ist, auch eine andere, ganz banale Antwort entgegenstellen: Trauen kann man dem, der glaubwürdig ist. (oder nur dem lieben Gott: auf den kommen wir zum Schluss noch zurück) Zur Glaubwürdigkeit habe ich mich schon ausgelassen.
Nun zum Trauen.
Trauen
Da klingt »Vertrauen« und »Zutrauen« mit. Sprachlich hängt es mit »treu« zusammen. Die Wurzel mit der Grundbedeutung »fest«, »stark« oder »treu« ist bis ins Altgermanische nachzuweisen. Trauen meint so etwas wie »keine Vorbehalte haben«, »Glauben schenken«, »sich auf etwas oder jemanden verlassen«. Wird das Verb reflexiv verwendet (sich trauen), dann meint es »etwas wagen«, »den Mut zu etwas haben«.
Wem trauen? Neugeborene vertrauen noch instinktiv ihrer Mutter. Und viele Kinder können dieses grundsätzliche Zutrauen in die Welt und in alle Menschen, denen sie begegnen, erstaunlich lange aufrechterhalten. Die Welt ist ihnen ein guter und sicherer Ort.
Aber es bleibt nicht so. Die Erfahrung lehrt, dass Menschen zwielichtig sein können und die Welt nicht nur ein guter und sicherer Ort ist. Aus Vertrauen wird Vorsicht und Misstrauen. Man schließt sich ab. Lediglich die Grunderfahrung, dass der Mensch eigentlich gut und verlässlich ist und dass ihm zumindest ein solcher Kern innewohnt, bleibt (hoffentlich!) bestehen. Und diesem Kern an Glaubwürdigkeit kann man trauen. Ein solches Vertrauen ist nicht mehr naturgegeben, sondern man trägt es bewusst und willentlich dem Gegenüber entgegen. Damit gibt man ein Stück weit den eigenen Schutz und die eigene Sicherheit auf und macht sich verletzlich. Man muss in Vorleistung gehen und kann vom Gegenüber nichts als Gegenleistung einfordern. Vertrauen kann man letztlich nur schenken. Es bleibt ein Risiko, denn das entgegengebrachte Vertrauen kann missbraucht oder enttäuscht werden. Traut man dem Gegenüber, vertraut ihm, traut ihm etwas zu, öffnet das einen Raum, in dem der, dem das Vertrauen geschenkt wird, sich zeigen kann, aber nicht muss. Das, was sozusagen zusammengeknüllt als Möglichkeit in ihm lag, kann sich entfalten.
»Vertrauen ist Magie«, sagt Friedrich Rittelmeyer. Denn es ermöglicht etwas, was ohne diesen geöffneten Raum des Vertrauens nicht möglich wäre. Entgegengebrachtes Vertrauen erhöht und stärkt den Menschen. »Die größte Ehre, die man einem Menschen antun kann, ist die, dass man Vertrauen zu ihm habe« (Martin Luther). Kinder können sich letztlich nur gesund entwickeln in einem solchen Raum des Vertrauens und des Zutrauens in ihre Kraft und ihre Fähigkeiten. »Du schaffst das!« ist ein wenig banal, aber drückt aus, was als Haltung gemeint ist. Die Erfahrung hat hoffentlich jeder gemacht, dass dadurch, dass ihm etwas zugetraut wurde, diese Aufgabe auch gemeistert werden konnte. Und das gilt nicht nur für Kinder …
Meist wird entgegengebrachtes Vertrauen mit Vertrauen belohnt. Das schafft dann einen wirklich von beiden Seiten her geöffneten Raum. Wer nicht vertraut, wird auch kein Vertrauen finden. Man kann nicht erwarten, dass einem die Menschen vertrauen, denen man selbst misstrauisch gegenübersteht. Eine Vertrauenskultur aufzubauen, ist nicht nur Aufgabe im Mitmenschlichen, sondern auch im sozialen und gesellschaftlichen Miteinander. Krieg und Frieden – kann man auch einem Gegner trauen? Geht das auch in kleinen Schritten, mit »vertrauensbildenden Maßnahmen«? Oder sind die immer zu zweckorientiert und damit manipulativ?
Vertrauen braucht eine Grundlage. Und da wird es schwierig. Man muss überschauen, was dem Gegenüber potenziell möglich ist und auch sehen, was unmöglich ist. Um ein radikales Beispiel zu wählen: einem Kleptomanen das eigene Haus zur Bewachung anzuvertrauen, ist unverantwortlich und muss schiefgehen. Blindes Vertrauen kann ins Desaster führen. Vertrauen benötigt letztlich den Blick dafür, inwieweit der andere Zugang zu seinem »Glaubwürdigkeitskern« hat. Für diesen Blick braucht es Schulung und Erfahrung.
Zwischen einem allgemeinen unreflektierten Vertrauen und einem generellen Misstrauen (»Trau niemandem über den Weg«) gilt es das Gleichgewicht zu halten. Dieses Gleichgewicht ist ein wesentlicher Teil der Kunst des Miteinanders.
Die Nachbarskinder
Wer andern gar zu wenig traut,
Hat Angst an allen Ecken;
Wer gar zu viel auf andre baut,
Erwacht mit Schrecken.
Es trennt sie nur ein leichter Zaun,
Die beiden Sorgengründer;
Zu wenig und zu viel Vertraun
Sind Nachbarskinder.
– Wilhelm Busch (aus Schein und Sein, Gedichte)
Kann man Gott trauen?
Ein naiv-gläubiges Gottvertrauen zu dem »allliebenden Vater«, wie es Menschen früherer Generationen oft noch gehabt haben, ist heute für die meisten Zeitgenossen nicht mehr möglich. Man muss sich wohl zu Gott – oder sagen wir: zur göttlich-geistigen Welt, denn Gott ist drei- und vielfältig – wie auch zum Mitmenschen einen Zugang erarbeiten, man muss sich ihm zuwenden, um ihn zu erfahren. Vielleicht kann man sogar sagen: auch Gott gegenüber muss man in Vorleistung gehen, die eigenen Sicherheiten aufgeben, sich verletzlich machen.
Es braucht vielleicht auch Gott diese ermöglichende Kraft des entgegengebrachten Vertrauens, um in den menschlichen Zusammenhängen wirken und helfen und heilen zu können.
Verfasst von Martin Kühnert



