Ich pflege zu sagen, dass der Baum wahr ist, der eine bestimmte Beziehung zwischen seinen Teilen darstellt. Sodann der Wald, der eine bestimmte Beziehung zwischen den Bäumen darstellt. Sodann das Landgut, das eine bestimmte Beziehung zwischen den Bäumen und den Ebenen und den anderen Bestandteilen des Landguts darstellt. Sodann das Reich, das eine bestimmte Beziehung zwischen den Landgütern und Städten und anderen Bestandteilen des Reiches darstellt. Sodann Gott, der eine vollkommene Beziehung zwischen den Reichen und allem, was es in der Welt gibt, darstellt. Gott ist ebenso wahr wie der Baum, obwohl er schwerer zu lesen ist.
Antoine de St. Exupéry: Die Stadt in der Wüste
Die Beziehung der Dinge untereinander macht deren Ganzheit erst wirklich und wahrhaftig erlebbar. So beschreibt es Antoine de Saint Exupéry anhand eines Baumes.
Für die Beziehung zwischen Menschen gilt eigentlich dasselbe. Wobei es in der Beziehung zwischen Menschen viel komplexer zugeht. Auch die einzelnen Menschen sind nicht leicht zu lesen. Und doch ist das, was zwischen uns lebt und webt, das Eigentliche, das Wesentliche. Begegnungen mit anderen Menschen können ausgesprochen belebend auf uns wirken. Ganz erfrischt gehen wir nach so einer Begegnung auseinander. Die Resonanz in uns ist eine sehr positive, eine die uns froh macht, uns öffnet, uns wachsen lässt. Andere Begegnungen sind anstrengend, fordern viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt von uns. Finden wir die richtigen Worte, ohne zu verletzen? Sagen wir aber doch deutlich, was gesagt werden muss, auch wenn es unbequem ist? Werden wir vielleicht selbst verletzt oder gar manipuliert? Achtet der Andere unsere Freiheit? Hier sieht die Resonanz in uns ganz anders aus: sie macht uns eng und weckt unser Bedürfnis nach Sicherheit.
Im Johannesevangelium ist von zwei Begegnungen die Rede, bei denen jeweils ein Mensch dem Christus begegnet. Beide Male steht die Frage im Raum: Kann dieser Mensch Gott erkennen? Hat er ein Wahrnehmungsorgan für das Göttlich-Geistige? Welche Resonanz entsteht bei solch einer Begegnung?
… aus Wasser und Geist geboren …
Da ist zunächst Nikodemus, der in der Nacht zu Christus kommt. Er ist ein hochstehender, geschulter Mensch, der – wie der Name vermuten lässt[1] – die Beengtheit der Familienbande, der Dorfgemeinschaft, ja sogar der Volkszugehörigkeit überwunden hat. Er ist ein Weltbürger, sogar ein Bürger zweier Welten, wie es die Begegnung im Nachtbereich deutlich macht. Er weiß, wer Christus ist, kennt ihn schon, glaubt es zumindest. Doch im Verlauf des Gesprächs wird deutlich, dass hier mit den an der physischen Welt gewonnenen Erkenntnismöglichkeiten keine echte Erkenntnis möglich ist. Was Nikodemus zu wissen glaubt, wird in Frage gestellt.
Die Antwort Jesu Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen (Joh 3,5) macht die Verunsicherung komplett. Zurück in den Mutterschoß? Ein Ding der Unmöglichkeit. Was Nikodemus zu glauben meinte, muss er loslassen. Bei dieser Begegnung bleibt Nikodemus beim Gedanklichen stehen, aber sie klingt in ihm nach. Als er Christus zum zweiten Mal, beim Laubhüttenfest in Jerusalem begegnet, hat sich bereits etwas verändert. Im Volk hat sich bereits eine Spaltung ergeben. Die Person Jesu ist stark umstritten. Da ist es Nikodemus, der aufsteht und das Wort für Jesus ergreift. Er findet im wahrsten Sinne des Wortes das rechte Wort zur rechten Zeit (Joh 7,51). Und schließlich ist es Nikodemus, der weiß, was zu tun ist, gleich nach dem Tod Jesu am Kreuz. Er kümmert sich um das Salböl für das Begräbnis des Leichnams (Joh 19,39–40). So wird jede Begegnung, die Nikodemus mit dem Christus hat, von der jeweils vorangehenden tingiert. Mehr und mehr entsteht in seinem Innern Resonanz im Sinne dessen, was ihm Jesus in der Nacht über die Wiedergeburt »von oben her« gesagt hatte: ein Zusammenklang, ein Verstehen dessen, was gerade in diesem Augenblick nötig ist.
… im Geist und in der Wahrheit …
Eine ganz und gar andere Begegnung eines Menschen mit Christus findet kurz nach dem Nachtgespräch in der Stadt Sychar statt. Schon dieser Name ist bemerkenswert, er bedeutet: »versiegt«. Am Brunnen eines Ortes, der »versiegt« heißt, wollen die Menschen ihren Durst stillen. Eine Frage von Leben und Tod. Am Rand des Jakobsbrunnens sitzt Jesus. Auch er hat Durst. Eine Samaritanerin kommt in der Mittagsstunde, um Wasser zu schöpfen. Sie hat offensichtlich kein Wasser mehr, sonst wäre sie wohl nicht in der sengenden Hitze des Tages zum Brunnen gekommen. Die Begegnung ist eher zufällig, denn sie ist unterwegs gewesen, um Wasser zu schöpfen, sie hat Christus nicht gekannt und nicht zielgerichtet aufgesucht. Erst im Verlauf des Gesprächs wird ihr deutlich, wen sie vor sich hat. Die innere Dynamik der Begegnung beginnt mit einer Bitte Jesu: »Gib mir zu trinken!« (Joh 4,7). Ein elementares Bedürfnis, nämlich Durst, soll gestillt werden. Auch hier steht zunächst eine scheinbare Unmöglichkeit, ein Bruch der bestehenden Regeln im Raum: Juden und Samariter pflegten normalerweise keinen Umgang miteinander. Das Gespräch bewegt sich zunächst auf der physischen Ebene. Die Frau fasst das »lebendige Wasser« (Joh 4,10) in einem äußeren Sinne auf. Doch im weiteren Verlauf des Gesprächs lenkt der Christus den Blick auf die Frau. Es geht jetzt um sie selbst und um die Frage nach ihren Männern.
Gehen wir davon aus, dass Frau und Mann eine Einheit bilden. Diese Einheit entsteht, wenn die Seele (im Bild der Frau) mit dem Geist (dafür steht der Mann) sich verbindet. Wo Seele und Geist sich verbinden, kann die jeweilige Einseitigkeit überwunden werden. Auf diese Verbindung zielen auch viele Märchen hin: Dass Geist nicht seelenlos sei und Seele nicht geistlos, sondern in der Verbindung, der Hochzeit, erst vollkommen werden. Diese Vollkommenheit fehlte offenbar bei der Samaritanerin. Einen Mann nach dem anderen hatte sie verloren, als käme diese Verbindung für sie nicht in Frage, so als sollte da etwas offengehalten werden. Durch dieses Offensein wird aber auch etwas ermöglicht. Es ist wie bei dem Resonanzkörper eines Saiteninstruments. Nur dadurch, dass da ein Innenraum freigehalten ist, kann sich der Klang des Instruments voll entfalten. Die Worte des Christus klingen in der Samaritanerin nach, sie ermöglichen auch in ihr schon in der Begegnung selber Resonanz. So kann sie für das Geistige wach werden und klar formulieren: »Ich weiß, dass der Messias kommt. Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden.« Und Jesus antwortet ihr, wörtlich übersetzt: »Ich bin der mit dir Sprechende« (Joh 4,25–26). Christus hat das Gespräch ganz ins Innere gelenkt. Bis dahin, dass der Ort der Anbetung nicht mehr im Äußeren zu finden ist, sondern von nun an im Inneren des Menschen, im Geist und in der Wahrheit.
Die beiden Begegnungen und Gespräche lassen sich in ihrer Gegenläufigkeit erleben. Da ist das Nachtgespräch, das Nikodemus sucht, dessen Begegnung mit Christus im Geistbereich beginnt und im weiteren Verlauf seines Lebens immer mehr zur Lebenstatsache wird, bis schließlich auch sein Handeln im Einklang mit dem Göttlichen ist. Zuerst sollen seine Gedanken sich dem Geistigen öffnen, dann spricht und handelt er geistesgegenwärtig.
Die Samaritanerin begegnet dem Christus unvermittelt in der Mittagsstunde, ganz direkt, unmittelbar. Sie wird im Verlauf dieser Begegnung von den äußeren Gegebenheiten aus immer tiefer ins eigene Innere geführt, bis ihr auch die geistigen Tatsachen ganz und gar erlebbar und bewusst werden.
Es sind die Beziehungen der Dinge untereinander, die die Ganzheit erst wirklich erlebbar machen. Es sind die Beziehungen der Menschen untereinander, die uns formen und uns weiterbringen. Es ist die Beziehung, die wir zu Christus suchen können, die unser Denken, Sprechen und Handeln verändern wird. Versuchen wir, zu ihm zu kommen. Sei es bei Tag oder bei Nacht. Die Begegnung mit ihm wird uns nicht unberührt lassen, sie wird in uns nachklingen, wird als Resonanz zu einer neuen Verbindung von Äußerem und Inneren führen.
Rainer Maria Rilke, dessen 150. Geburtstag wir gerade begangen haben, hat diese Qualität von Beziehung in einem seiner Gedichte berührt:
Liebes-Lied
Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiter schwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.
[1]Wörtlich würde der Name Nikodemus als »Sieger über das Volk« zu übersetzen sein.

Verfasst von Sabine Layer
geboren 1965, Priesterin in Wiesbaden



