Auf die Anfrage der Redaktion möchte ich von unseren Gemeindeinitiativen in Cali, Kolumbien erzählen.
Wir besuchen seit 14 Jahren die Menschen auf der Straße: Recycler und Obdachlose. Früher bezeichneten wir es mit dem Begriff: soziale Arbeit. Dann stellten wir fest, dass es sehr wertvolle menschliche Begegnungen sind, die wir da haben, die uns oft in der Seele bewegen und begleiten. Es ist absolut keine Arbeit, sondern eine Begegnen von Mensch zu Mensch. Wir beschenken uns gegenseitig. Die Begegnungen, die Blicke hinterlassen oft einen tiefen Eindruck. Meist sind es nur wenige Sätze, die wir mit ihnen austauschen, aber sie treffen ins Herz.
Wie schaffen sie es, im Jetzt zu leben?
Es macht nicht viel Sinn für sie, an die Vergangenheit zu denken, weil irgend etwas passiert ist, wodurch sie auf der Straße gelandet sind. Es macht nicht viel Sinn, an die Zukunft zu denken, weil alles unsicher ist. »Gezwungenermaßen « machen sie eine ganz wichtige Erfahrung: Sie leben im Moment, ohne Sicherheit, im Hier und Jetzt, ohne verrückt zu werden. Sie gehen einfach weiter … meistens mit einem tiefen Gottvertrauen.
Im Grunde sind wir alle auf diesem Weg, jeder mit unterschiedlichen Vorzeichen. Wir versuchen bei unseren Besuchen zu lernen, nicht zu urteilen, dem Anderen von Mensch zu Mensch zu begegnen. Wir fragen oft nach dem Namen und stellen uns selber vor. So versuchen wir uns auf Augenhöhe zu begegnen. Dann bieten wir Essen und Getränk an, vielleicht ein T-Shirt, ein Medikament, eine selbst gestaltete Postkarte mit einem einfachen Spruch. Einmal sagte ein Obdachloser: »Nein, es ist nicht das Essen, was ihr uns gebt; ihr redet mit uns und das ist mehr.« Am Ende der Aktion versuchen wir uns an all die Namen von den Menschen zu erinnern, denen wir begegnet sind, an ihre Situation zu denken, sie eine Nacht innerlich zu begleiten und am Altar gegenwärtig zu haben. Die äußeren Umstände, in denen wir leben, können sehr unterschiedlich sein, aber worauf kommt es an? Wir können nicht die Situation der Menschen auf der Straße verändern, aber wir wollen sie als Mitmenschen wahrnehmen, sie ein Stück des Weges begleiten.
Gottvertrauen
Bei einem unserer Besuche auf der Straße trafen wir Josue, der uns erzählte, dass er siebenmal die Bibel gelesen hat und dass das doch das Eigentliche ist, die eigentliche Welt. Er sagte uns, dass er recycelt, mit der Holzkarre in den Vierteln umherzieht, dass er auf der Straße lebt, aber dass das doch nur die äußere Hülle ist. – Gustavito mit seinen 62 Jahren hat ein Spruch begeistert, den er von einer Dame unserer Gruppe gehört hat: »Es gibt nichts Wichtigeres, als mit den Händen zu arbeiten, weil es eine Möglichkeit ist, sich mit dem Geist zu verbinden.« Dieser Spruch ist zu seinem Motto geworden, was seine Recycle-Arbeit mit Sinn erfüllt. Ein Chirurg, der mit uns zusammenarbeitet, hat ihm die Tür zum städtischen Krankenhaus geöffnet und ihn wegen eines Leistenbruches operiert. – Eines Abends finden wir Luis unter einer Decke. Wir dachten, es wäre ein Kind – wegen der Größe. Luis hat beide Unterschenkel verloren und ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Er richtete sich auf, soweit er das konnte, schaute uns an und sagte nur ganz ruhig: »Sie haben mir den Rollstuhl geklaut« – ohne Wut, ohne Trauer, ohne unser Mitleid wecken zu wollen – einfach sachlich. Unglaublich! Wir wären verzweifelt, am Rande einer Depression und er? … Am nächsten Tag wurde uns erzählt, dass ihm jemand einen Rollstuhl geschenkt hat: Gottvertrauen?
Eine andere Gemeindeinitiative ist unser Kinderferienlager mit Kindern aus »armen« Verhältnissen. Sind sie wirklich arm? Jeden Donnerstag treffen wir uns mit ihnen in der Gemeinde und gestalten gemeinsam einen halben Kinderferienlagertag mit singen, essen, beten, Geschichten hören, Handarbeiten machen etc. Ihre Lebensfreude zu erleben, ihren Lebenswillen und die Lebenskraft, die sie haben, ist ein Geschenk. Sie haben einen inneren Reichtum. – Und dann gibt es noch unser Projekt im städtischen Krankenhaus, dem größten in Cali. Hier begleiten wir junge Menschen, die mit Stich- oder Schusswunden eingeliefert werden. Ein Ergebnis der ständigen Bandenkriege. Natürlich sind sie oft »arm dran«. Einige verlassen das Krankenhaus im Rollstuhl, da sie einen Schuss in die Wirbelsäule abbekommen haben. Einmal hatten wir das Erlebnis, dass sich ein solcher Jugendlicher im Krankenbett aufrichtet und das Gebet zu sprechen beginnt, was er über Wochen in der Intensivstation gehört hat (ohne selbst sprechen zu können): Vom Kopf bis zum Fuß bin ich Gottes Bild … Das erfüllt uns mit der Hoffnung, dass sich für ihn ein Fenster zum Himmel geöffnet hat, dass ihn etwas weiter begleiten wird auf seinem schwierigen Lebensweg im Rollstuhl.
Verfasst von: Andreas Loos, geboren 1960, Priester in Cali, Kolumbien.


