Wie finanzieren sich unsere Gemeinden?

Wie finanzieren sich unsere Gemeinden?

Interview Ulrich Meier mit Thomas Nayda

Februar 2026

Ulrich Meier | Wir haben uns ein bisschen Zeit genommen, um über das Thema «Ideale und Illusionen» zu sprechen – an einem Punkt, wo es oft wehtut, und das ist das Geld. Es gibt eine Stelle im Oberuferer Weihnachtsspiel, dem Christgeburtsspiel, wo es heißt: «Das Geld mangelt an allen Enden und Orten.» Ich denke, das ist auf jeden Fall kein Idealzustand zu sagen: Das wäre doch eine wunderschöne Sache, wenn zum Beispiel wir als Christengemeinschaft sagen würden, wir wollen eigentlich nie, dass genügend Geld da ist, das wäre gar nicht gut für uns, sondern wir möchten das Ideal erleben, dass immer zu wenig da ist. Oder siehst du das anders?

Thomas Nayda | Das könnte man natürlich einerseits als Ideal ansetzen. Die Gegenfrage wäre aber, dass, wenn ich mir so die Welt anschaue, die meisten Menschen immer sagen würden, sie haben zu wenig Geld. Insofern könnte man auch umgekehrt das betrachten und sagen: Egal wieviel Geld die Christengemeinschaft hat, es könnte sowieso immer zu wenig sein. Das würde dann aber das eigentliche Ziel ad absurdum führen.

UM | Und was ist das eigentliche Ziel?

TN | Das ist die Frage. Wenn das ein Ideal sein soll, dass man eher zu wenig Geld hat, steckt da ja irgendetwas dahinter, dass man sagt: Man muss sich doch immer noch ein bisschen anstrengen oder man soll nicht zu bequem werden und nicht irgendwie sich gehen lassen, weil es einem ja so gutgeht. Aber das ist ja alles relativ.

UM | … mehr ein pädagogisches Ideal?

TN | Ja, aber selbst da. Pädagogisch kann ja sein, aber in welcher Relation steht das? Das ist ja sehr individuell, wann ich zu wenig habe und wie ich das empfinde. Von daher finde ich das eigentlich sehr schwierig, diese Aussage so einfach hinzustellen und zu sagen: Es ist ein Ideal, immer ein bisschen zu wenig zu haben. Für was denn eigentlich? Aber wenn es davon abhängt, dass ich mich betätige, um eben etwas Gutes zu tun, nur weil ich zu wenig Geld habe, dann, glaube ich, ist das eigentlich für die Christengemeinschaft nicht der richtige Weg. Insofern verstehe ich dieses Ideal nicht wirklich.

UM | Ich habe bisher auch noch nicht gehört, dass jemand das als Ideal formuliert hat, außer eben aus pädagogischen Gründen, so wie man einem Kind möglichst wenig Taschengeld gibt, damit es bemerkt, dass das Leben notwendig macht, dass man sich anstrengt, um vielleicht mehr Geld zu haben. Aber vielleicht würde das zu einem ganz falschen Ideal führen, nämlich dass Leute, auch wenn sie schon sehr viel Geld haben, immer noch weiter behaupten, sie hätten zu wenig Geld, weil es so tief verinnerlicht wurde.

Wir haben ja unser Gelder an den Gemeindeverhältnissen – darauf würde ich heute auch den Schwerpunkt legen – dadurch, dass Menschen bereit sind, etwas von ihrem Geld zur Verfügung zu stellen dafür, dass eine Kirche da sein kann, dass Priester, Mitarbeiter da sind, dass die ganzen Kultusmittel da sind, die Gewänder usw., weil sie möchten, dass Christengemeinschaft als Religionsgemeinschaft, als Sakramentsgemeinschaft existiert. Das, finde ich, schon ein sehr positives Ideal, dass wir erwarten und bitten, dass Menschen etwas, was sie nicht bezahlen müssen als Preis, doch geben, um die Christengemeinschaft überhaupt möglich zu machen. Manchmal frage ich mich aber: Bewegen wir uns auch da an der Grenze schon zu Illusionären, dass wir das aufrechterhalten, auch wenn wir das Gefühl haben, Menschen finden das gar nicht mehr so selbstverständlich wie in anderen Zeiten, etwas zu geben? Wie erlebst du das? Was, würdest du sagen, hat sich auch so im Wandel der Jahre ergeben – du bist ja auch schon lange für Gemeindefinanzen zuständig –, wie sieht der Wandel für dich aus? Ist das heute immer noch das Hauptideal, das wir haben sollten?

TN | Als Ideal halte ich das eigentlich immer noch für sehr gut, einfach zu sagen: Wir brauchen soundso viel Geld, um eben eine Kirche zu bauen, um eine Gemeinde am Leben zu erhalten, und die Menschen geben freiwillig das, was sie eben können. Das finde ich als Ideal eigentlich gut und denke, daran sollte man auf dieser Seite festhalten. Für mich gibt es aber demgegenüber eine andere Seite, nämlich die Seite, wo einfach Geld ja gebraucht wird. In dem Moment, wo ich eben eine Kirche bauen will, kann ich ja dem Handwerker nicht sagen, ich hätte jetzt gerne die und die Kirche und wir können dich aber leider nicht ganz so bezahlen, wie du das vielleicht eigentlich willst, denn wir haben gar nicht so viel. Da besteht ja auf der anderen Seite einfach eine feste Notwendigkeit für eine bestimmte Menge Geld, die dann eben da sein muss, d. h. da ist eben keine irgendwie Idealvorstellung – normalerweise jedenfalls nicht. Wenn jemand ehrenamtlich sich einbringt, dann haben wir diese Möglichkeiten auch, oder wenn Handwerker sagen: Ja, das mache ich einfach nebenbei oder erlasse euch einen Teil der Rechnung. Das kann es natürlich auch mal geben, aber in der Regel … gut, beim Kirchenbau ist das vielleicht noch so, aber wenn es jetzt um das Dienstfahrzeug des Pfarrers geht und der fährt zur Tankstelle, glaube ich nicht, dass man da mit dem Tankwart irgendwie in die Verhandlung gehen oder irgendwie sagen kann: Mmmh, geht es heute irgendwie auch ein bisschen billiger? Dann kostet es einfach das, was es kostet. Das heißt also, auf der Seite haben wir gar nicht irgendwie eine Idealvorstellung. Das Problem ist eben dieses Ideal auf der einen Seite, wo das Geld hereinkommt in die Gemeinde, und da, wo es ausgegeben wird, wo es wieder hinausgeht, das passt eben nicht immer zusammen. Da ist die Frage: Wie gehen wir damit um?

UM | Das finde ich eine schöne Beschreibung, weil es deutlich macht: Es ist eigentlich ein Dilemma. Im Innenverhältnis, in der Gemeinde, bei den Menschen, die zur Gemeinde gehören und wenn um die Gemeinde selber geht, ist es ein absolut wichtiges und auch nicht zur Disposition stehendes Ideal, dass wir sagen: Wir werden nicht irgendwie die Leute verordnen: Das und das müsst ihr geben. Aber in dem Moment – du hast recht –, wo es um die Ausgaben geht, können wir nicht in derselben Art und Weise handeln.

TN | Ich glaube, und das ist eine gewisse Illusion: Dieses Ideal, glaube ich, ist gut für die Christengemeinschaft, aber es hat sich eben im Laufe der Zeit oder vor 20, 30, 40 Jahren war es so, dass auf diese Art und Weise genügend Geld hereingekommen ist, weil die Christengemeinschaft gewachsen ist, weil immer mehr Menschen in die Kirchen kamen, viele Kinder im Religionsunterricht waren, konfirmiert wurden usw. Also in einer Wachstumsphase war das wahrscheinlich überhaupt gar kein Problem, weil eigentlich immer genügend Geld da war. Aber daraus ist eben die Illusion entstanden, dass das funktioniert, einfach so, automatisch. Und das ist, denke ich, das Problem. Und das ist eben die Illusion, die so nicht richtig ist, sondern wir müssen eigentlich unternehmerisch handeln doch gegenüber auch dem, was an manchen Stellen auch gesagt wurde, dass die Christengemeinschaft ja nicht als Unternehmer auftreten solle oder keine Unternehmungen planen soll oder eben nicht wirtschaftlich tätig sein soll. In dem Sinne zwar nicht, aber wir sind ja gezwungen zu wirtschaften. In dem Moment, wo Geld hereinkommt und wir Geld ausgeben müssen wir schauen, dass das irgendwie zusammenpasst. Da ist es eben eine Illusion zu glauben, dass das automatisch einfach so geht, sondern da muss trotzdem vernünftiges und ich glaube auch betriebswirtschaftliches Denken und Wirtschaften eintreten oder vorgenommen werden, um diese Situation, dass es nicht funktioniert, auszugleichen, um da in bestimmten Situationen zu sparen, damit man irgendwann für anderes Geld hat oder eben zu sagen: Nein, das können wir uns nicht leisten, wir können das jetzt nur so machen – was auch immer. Oder tatsächlich auf andere Art und Weise noch zu schauen, ob Geld zusätzlich eingenommen werden kann.

UM | Diesen Gedanken, den du da so nebenbei geäußert hast, finde ich sehr wichtig. Du hast gesagt: In Wachstumsphasen der Christengemeinschaft war das anders. Damit haben wir ja sozusagen einem Ideal auch Wirtschaftswissenschaften entsprochen, über das Wachstum den Ausgleich zu schaffen für die allgemeine Entwertung usw. Die Frage wäre dann eben für die Zukunft der Christengemeinschaft: Welche Perspektiven haben wir, da wir nicht davon ausgehen können, dass über Nacht sich das jetzt wieder verändert und sehr viele Menschen plötzlich der Christengemeinschaft jetzt wieder zuströmen (wir sprechen von den Verhältnissen in Deutschland)? Wie können wir trotzdem dieses Ideal haben, müssen aber unsere Pragmatik, auch unsere unternehmerische Pragmatik insofern anpassen, dass wir nicht vor lauter Ideal immer mehr in Armutsverhältnisse verfallen und dann eben nicht mehr unsere Kirchen erhalten können, unsere Liegenschaften pflegen können, unsere Mitarbeiter und Pfarrer vernünftig versorgen können? Das, meine ich, ist ein Kapitel – du hast jetzt schon eine Sache angesprochen. Wo kann es denn noch andere Möglichkeiten geben, dass die Gemeinden Einnahmen bekommen? Da ist, glaube ich, ein Punkt eingetreten, den ich auch jedenfalls von dir zum ersten Mal deutlich gehört habe, dass die Notwendigkeit gesehen werden können, dass es ein Aspekt wäre, auf andere Gelder zu kommen, durch Vermietung, was ja in einer früheren Zeit da nicht als Ideal angesehen wurde, sondern mehr als eine fragwürdige Geschichte, ob das denn keine Christengemeinschafts-Unternehmung sein könnte, dass wir dadurch, was wir an Eigentum haben, an Wohnungseigentum oder auch die Räume der Gemeinde über die Vermietung eben einen Ausgleich schaffen können für das weniger werdende Geld. Wie könnte man das denn jetzt für die Verfechter des Ideals vom Denken her auflösen, dass da nicht irgendein Gefühl entsteht, wir werden unserem Ideal doch untreu, wenn wir das machen? Vermietungen zu machen ist eigentlich gegen das Ideal.

TN | Vermietung ist für mich an der Stelle eigentlich nur ein Teilbereich von Unternehmertum oder von Wirtschaften. Ich würde auf jeden Fall auch sagen, ähnlich wie bei dem Ideal, das wir ganz am Anfang des Gesprächs hatten, dass es natürlich ganz selbstverständlich nicht Aufgabe der Christengemeinschaft ist, durch Immobilienspekulationen irgendwie viel Geld zu verdienen. Das heißt also, dass wir möglichst natürlich nicht die Situation ausnutzen sollten, dass irgendwie die Preise am Immobilienmarkt steigen, dass wir eben keine exorbitanten Mieten verlangen, sondern dass wir eben sozialverträgliche Mieten berechnen und unsere Immobilien einfach auch vernünftig instand halten. Natürlich ist das auch eine gewisse Aufgabe, die dann daran hängt, das ist ganz klar, aber da muss man einfach schauen, was dann jeweils möglich ist. Aber auch an der Stelle ist es ja so, dass ja ganz viele Menschen, die für die Christengemeinschaft tätig sind, mindestens jedenfalls die Pfarrerinnen und Pfarrer, alle irgendwo in einer Immobilie wohnen. Und mindestens an der Stelle kann man doch sagen: Warum sollen wir nicht diese Immobilien eben selber bewirtschaften? Mindestens das ist ja eine Situation, wo man sagen kann: Das ist ja dann keine externe Immobilienwirtschaft, sondern das ist ja einfach nur Eigennutz. Im Grunde genommen, glaube ich, ist das auch der wesentliche Punkt, der in unseren Gemeinden stattfindet, lediglich mit der Abweichung, die durchaus aber regelmäßig eintritt, dass natürlich der Wohnraum dann nicht ganz exakt passt, weil das vielleicht nur eine Zwei-Zimmer-Wohnung ist, die eigentlich nur für jemanden Alleinstehenden ist, und wenn in die Gemeinde dann eine sechsköpfige Familie kommt, dann passt natürlich die Immobilie nicht, oder umgekehrt, wenn sie zu groß ist. Von daher gibt es dann natürlich entsprechende Vermietungssituationen auch mal nach draußen. Aber das muss ja in keiner Weise automatisch mit dem Immobilienhype mit steigenden Preisen und exorbitanten Wertsteigerungen einhergehen, sondern man kann ja da auch in einem vernünftigen Rahmen sich weiterhin bewegen. Das, denke ich, ist auf jeden Fall eine Sache, die sicherlich sinnvoll ist, aber das ist für mich nur ein Teil des unternehmerischen Handelns der Christengemeinschaft. Es gibt, denke ich, noch viele andere Bereiche (da habe ich auch noch einen anderen Punkt, auf den können wir vielleicht gleich zu sprechen kommen).

UM | Da bin ich sehr neugierig. Das finde ich einen sehr wichtigen Gedankenschritt zu sagen: Es gibt nicht sozusagen den bösen Turbokapitalismus auf der einen Seite und das menschengemäße idealistische Wirtschaften, wie wir es bei den Einnahmen durch die Mitglieder oder durch die Menschen, die zur Gemeinde gehören, praktizieren, sondern es gibt – das habe ich bei Erich Kreuzmann gelernt in seinem Buch über den Unternehmer – den einen Unterschied, einen sinnvollen Gewinn zu erzielen, weil man weiß: Er dient anderen Möglichkeiten innerhalb der Organisation. Oder zu sagen: Wir erzielen Gewinn um des Gewinnes willen, und dann natürlich möglichst maximal. Diese Unterscheidung könnte ein wesentliches Argument sein, dass Menschen sagen: Ja, dann haben wir das Menschliche tatsächlich doch wieder drin, wenn wir nicht auf eine möglichst maximale Steigerung der Einnahmen aus sind, sondern sagen: Wir wissen, wofür es da ist, weil wir wissen, wofür diese Gelder dann in der Christengemeinschaft verwendet werden.

Wir waren gerade hängen geblieben bei dem Thema Vermietung. Du hattest in Aussicht gestellt, dass es andere Instrumente gibt einer unternehmerischen Haltung.

TN | Da kommt mir aber zunächst mal eigentlich ein anderes Thema in den Sinn, wo ich eben auch denke: Das ist ein Stück weit auch ein illusorisches Thema oder eine Illusion oder eben ein Ideal, wo ich mich aber frage: Schaffen wir das wirklich? Funktioniert das? Und zwar, in dem Moment, wo wir sagen, wir wollen für unsere Priesterschaft Lohn und Leistung voneinander entkoppeln. Das halte ich grundsätzlich auch eigentlich für ein gutes, schönes Ideal, muss aber auch bedeuten, dass ich eben nicht nur die Leistung vom Lohn entkopple, sondern auch den Lohn von der Leistung. Denn unter Umständen muss ich auch sagen: Okay, ich leiste das, was ich eben kann, auch wenn ich vielleicht gar keinen Lohn dafür bekomme, weil vielleicht einfach kein Geld da ist. Das spielt hinein in die Frage: Wann ist denn eine Pfarrstelle eine ganze Pfarrstelle? Wir reden in der Regel – so kannte ich jedenfalls die Christengemeinschaft bisher – davon: Eine Gemeinde hat eine oder zwei Pfarrstellen, dann hilft noch ein Emeriti mit aus. Natürlich, wenn jetzt das Priesterseminar hier in Hamburg nebenan ist, dann gibt es auch mal irgendwie halbe oder viertelte Pfarrstellen, weil man dann einfach die Gehälter irgendwie aufteilt. Aber wann hat denn eine Gemeinde eine volle Pfarrstelle? Bei 50, 60, 100, 200 Menschen, die da sich der Gemeinde zugehörig fühlen? Und wann kann eine Priesterin oder ein Priester soundso viele Menschen betreuen oder auch nicht? Das ist ja keine Akkordarbeit oder in keiner Weise in dem Sinne praktisch in diesem Zusammenhang zu sehen. Aber die Frage ist natürlich, wenn eine Gemeinde so klein ist, dass sie eben die Bedürfnisse ja nicht leisten kann, die gebraucht werden, um das Gebäude zu unterhalten und die Versorgung zu leisten – wie geht man dann damit um?

UM | … weil ich den polnischen Sonderweg aus nächster Nähe … weiterverfolge. Da ist ja einfach aus der Situation des Landes die Sache entstanden, dass es eine Gemeinde in Warschau gibt, die etwas größer ist, und eine kleinere Gemeinde in Krakau; es gibt drei Priester, und die Gemeinden sind gefragt, das Geld aufzubringen, damit die Kultusmittel, die Räume und vielleicht Sachkosten von den Priestern abgedeckt sind. Aber das, was die Priester zum Leben brauchen, das verdienen sie in ganz unterschiedlichen Berufen. Das ist in der Christengemeinschaft bisher so offen und so deutlich nicht gemacht worden. Man muss ehrlicherweise sagen, dass überall, wo wir uns nicht im Kernland von Deutschland, Schweiz, Niederlanden usw. bewegen, ist eigentlich das in kaum einer Region möglich, dass die Gemeinden, wie wir es in Deutschland kennen, volle Pfarrstellen ausbilden können, vielleicht auch mehrere. Und trotzdem entsteht ja dort Christengemeinschaft, lebt dort auch das ganze Ideal, sodass man natürlich, so wie ein Gemeindemitglied sich nicht ein Sakrament kaufen kann, auch nicht sagen kann, wir können uns einen Priester kaufen, damit er unsere Sakramente vollziehen kann. Da sind ja tatsächlich Freiheitsideale drin, wo wir schon von der Bibel her gehalten sind zu sagen: Sei vorsichtig! Das kann ich nicht …??? Das ist so nicht denkbar, sondern das ist Teil des Opfers, und das Opfer ist sozusagen bedingungslos und kann deswegen weder als Tausch noch als Geschäft, als Kauf verstanden werden, sondern das geht nur mit der Freiheit des Schenkens. Ich glaube, dass wir – und das entnehme ich auch deinen Worten – an der Stelle stehen, wo wir sagen: Was wäre denn, wenn wir das mal in Bewegung bringen? Dass wir nicht sagen, es kann immer nur noch weniger Pfarrerstellen geben, weil die Christengemeinschaft nicht mehr so viel Geld aufbringt, sondern wie können wir tatsächlich auch in der Gehaltsbildung der Priester in Deutschland zum Beispiel, ohne jetzt gleich die polnischen Verhältnisse ganz zu ??? schaffen, wie könnte das in Bewegung kommen?

TN | Ich hätte da zunächst eine Rückfrage. Ich kenne mich damit nicht so gut aus bzw. das ist ja nicht so in der Christengemeinschaft-Öffentlichkeit nicht so bekannt oder wird nicht so viel darüber gesprochen. Ich meine jedenfalls zu wissen, dass Rudolf Steiner ja ursprünglich zur Gründung der Christengemeinschaft gesagt hatte – ich weiß jetzt nicht ob notwendig oder sinnvoll oder richtig oder wichtig wäre –, dass sich ein Priester voll und ganz in seinen Priesterberuf und in die Gemeinde hineinstellt. Da wäre meine erste Frage: Ist das tatsächlich so? Und was bedeutet das dann? Ist das dann eben eine volle Pfarrerstelle, d. h. ein Priester kann immer nur hundert Prozent Priester oder Pfarrer sein und eben nicht noch irgendetwas anderes machen? Oder was bedeutet das?

UM | Soweit es mir bekannt ist, geht diese Auffassung, dass das Priestertum nicht teilbar sein sollte, zurück (es ist ja ein religiöses Prinzip, das nicht teilbar sein soll) auf den Moment, wo ein Priester für sich dieses Amt annimmt, um mit vollem Herzen das zu tun. Das ist ein Teil des Gelübdes auch, das die Priester ablegen, dass sie die Priesterweihe als für ihr Leben bindend anerkennen. Das heißt aber für mich nicht gleich – und das ist eben eine Interpretationsfrage –, dass das bedeutet, dass ein Priester nicht noch andere Einkünfte haben kann, sondern es bedeutet zunächst einmal, auch im Sinne dieses Bibelwortes, dass man nicht zwei Herren dienen kann, d. h. man kann nicht gleichrangig zwei Sachen in seiner Seele haben und die mit demselben Herzenseifer verfolgen, sondern es wird immer ein Abwägen dann geben. Aber damit mussten viele leben. Ich bin da einer Kollegin sehr nahe gekommen, die in den 1950er-Jahren nach den USA kam, Rosemarie Bergmann, und deren priesterliches Leben darin bestand, dass sie von Montag bis Freitag in einem Reisebüro arbeitete und von Freitag bis Sonntag für den Pfarrdienst zur Verfügung stand. Mein Eindruck war, auch in der Ansehung dieser wunderbaren Person, nicht, dass sie mit halbem Herzen oder mit einem Drittel Herzen da bei der Sache war, sondern dass beides die Notwendigkeit war, für sich und die Gemeinde zum Teil auch noch zu sorgen, damit das Eigentliche dann auch noch stattfinden konnte. Ein Priestertum zu leben, das den weltlichen Aspekt nicht vernachlässigt und sogar vielleicht auch unter Entbehrungen das auf sich nimmt, es nicht mehr zu tun als die zwei Tage – ich glaube, dass man nicht einmal sagen kann, das tut dem Priestertum etwas Schlechtes an oder der Christlichkeit oder dem Ideal, dem man eigentlich nachstrebt. Im Gegenteil. Es könnte sogar bedeuten – und ich erlebe das bei meinen polnischen Kollegen so –, dass die mit einem tiefen Ernst eigentlich, den ich mir manchmal auch für mich selber wünschen würde, immer wieder danach suchen: Wie können wir das Leben so einrichten, auch die Berufstätigkeit so einrichten, dass möglichst viel sozusagen am Altar landet an Kraft und Möglichkeiten und für das gemeinschaftliche Leben?

TN | Mir geht jetzt gerade ein sehr einfaches Beispiel durch den Kopf, auch im Hinblick auf die polnischen Priester: Jeder Priester, der in einer Gemeinde tätig ist, muss sich ja irgendwie versorgen, muss sich ja jeden Tag sein Mittagessen kochen oder irgendetwas machen. Was spricht denn dagegen, wenn ein Priester einen eigenen Garten hat und sich da irgendwie sein Gemüse anbaut? Das kann ja nicht verboten sein. Oder wo macht man da die Grenze dahin, dass ein Priester eben nur Priester sein darf? Ist er dann plötzlich schon Bauer, nur weil er jetzt einen eigenen Garten bewirtschaftet? Dann ist die nächste Frage: Was ist denn, wenn dann doch der Garten relativ groß ist, sodass der Priester da eben auch noch von dem Gemüse und dem Obst etwas verkaufen kann? Das ist doch keine klare Grenze. Deswegen finde ich das absolut richtig, dass man sagt: Es kann doch alles möglich sein! Das muss sich doch überhaupt nicht widersprechen in dem, ob man im Herzen permanent und immer Priester ist, ganz egal was ich tue. Es gibt doch, selbst wenn ich jetzt eine echte Hundert-Prozent-Stelle als Priester habe und die voll und ganz bezahlt wird, gibt es doch innerhalb von 24 Stunden immer irgendwelche Tätigkeiten, wo der Priester nicht am Altar tätig ist, sei es, wenn man Auto fährt oder so etwas. Da kann man doch auch nicht sagen: Nein, das ist nicht mein Beruf, ich lasse mich immer fahren. Das sind doch ganz normale Tätigkeiten. Wenn man damit Geld verdient, ist es natürlich ein bisschen etwas anderes, aber ich finde, das widerspricht sich überhaupt nicht, dass man da trotzdem mit vollem Herzen Priester ist.

UM | Es gibt natürlich eine andere Schicht, auf die man schauen kann, das ist die Gründungssituation gewesen. Eine Zeit, die wirtschaftlich in Deutschland höchst problematisch war, die Zwanzigerjahre. In dieser Zeit wurde unendlich viel gelitten, gerade auf diesem Feld, und vielleicht ist manches Ideal, das dann auch nach der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in der Christengemeinschaft da war, auch mit davon bestimmt worden ist, dass in der ersten Generation wirklich zum Teil Hunger gelitten wurde, um irgendwie das aufzubauen aus einer Nicht-Tradition, aus einer nicht-gesettelten Lage heraus und dann sich manches vielleicht auch da überspannt hat. Kirchengeschichtlich sehe ich immer auch den mittelalterlichen Modus des Priesters, dass man sagt: Der Priester wird sozusagen bewusst aus der Welt herausgestellt, um für die anderen zu beten. Das ist aber für mich kein Ideal heutzutage. Rudolf Steiner hat an anderer Stelle, wo es um die Trauung, um die Hochzeit für Priester ging, betont, dass es sehr wohl möglich sein sollte, dass Priester verheiratet sind, denn sie sollen sich nicht der Welt entfremden. Und diese Weltentfremdung droht ja auch bei der vollständigen Abschnürung eines Priesterverständnisses, das man möglichst von allen möglichen weltlichen Dingen fernhalten will. Also die Bezüge entstanden. Es gab Priester, die sind in Westdeutschland dann eingefahren und haben im Bergwerk gearbeitet und haben in dem Umkreis auch versucht, ihre Gemeinschaft, ihre Gemeinden zu bilden. Es entstehen ja auch Kontakte dadurch, dass man sich mit der Welt bewegt. Das werden nicht immer die Kontakte sein, die dann auch gleichzeitig die Gemeinde bedingen, aber die Bejahung dieser Weltkontakte zu den Menschen, die in der Welt leben, würde, glaube ich, dem Priestertum auch eine Glaubwürdigkeit geben, die es in diesem mittelalterlichen Modus nicht hatte.

TN | Ich glaube, dass da innerhalb der Christengemeinschaft eine gewisse Illusion im Laufe der Zeit entstanden ist, vielleicht auch aus dieser Gründerzeit heraus, weil man eben im Nachhinein gesehen hat, wie aufwendig und schwierig das gewesen ist, natürlich ganz am Anfang ganz ohne jegliches Einkommen trotzdem Priester zu sein, und dass da heraus dann dieses Ideal entstanden ist, dass man als Priester vollständig von diesen Dingen befreit sein sollte, um sich wirklich voll und ganz dem Priesterberuf hinzugeben. Das ist aber, glaube ich, ein Stück weit eine Illusion. Gerade in den Zeiten, in denen wir jetzt wirtschaftlich wieder nicht mehr so gut dastehen oder nicht mehr im Wachstum sind, zeigt sich das ganz deutlich, dass es so eben eigentlich nicht funktioniert. Oder aber, wie ich vorhin auch schon sagte, man muss eben ansonsten auf der anderen Seite, bei dem anderen Ideal praktisch Abstriche machen oder muss eben sagen: Ja, dann muss ich eben mit ganz wenig auch zufrieden sein, wenn nicht mehr da ist.

UM | Ich habe vor Jahren mehr aus Verzweiflung und auch ein bisschen Spaß gesagt: Diese Idee von dem bedingungslosen Grundeinkommen könnte auch mal eine Idee sein in der Frage: Wie werden Priester in der Christengemeinschaft versorgt? Dass man sagt, es gibt einen gewissen Grundstock, und die Priester haben auch ein Stück Selbstverantwortung zu sehen, wie sie das für ihr eigenes Leben, für ihre Familie und auf der anderen Seite für die Gemeinde in ein positives und diesem Ideal des aus ganzem Herzen Priesterseins miteinander in Beziehung bekommen. Du weißt ja, wir sind ja auch schon im Gespräch gewesen, dass ich gerade eine Fortbildung am Hamburger Seminar pflege, wo es um die unternehmerische Seite der Gemeindeführung geht, also um die Mitverantwortung und das stärkere Bewusstsein der Priester – und freue mich, dass Kollegen da mitmachen –, sich dafür stark zu machen und sich zu interessieren, wie die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Gemeinde aussehen und wie sie sich optimieren lassen können in dem idealen Sinne, den wir gesagt haben, dass alles dem dient, was wir als Ideal haben, und dass es auch realistisch ist und nicht sozusagen als Zerrbild der Priester auftritt, der sagt: Ich weiß nicht, woher das Geld kommt, aber gut, dass es da ist. Das kann ja auch kein Priesterideal sein. Das wäre ein sehr spannender Bereich: Wie kann man in Bezug auf die Priesterschaft das anschauen?

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