Die Christengemeinschaft
Cuxhaven

Gemeindebrief

Liebe Gemeinde, die Welt ist geneigt, sich in gut und böse einzuteilen. Das führt meist in die Irre.
Es ist Rudolf Steiners Verdienst, dass er auf zwei Arten von Bösem hingewiesen hat (siehe Theosophische Moral GA155, 30. Mai l912).
„Es wurde dem Mysterienschüler gezeigt, dass die menschliche Natur nach zwei Seiten hin Verheerungen, Übles anrichten kann, und dass nur dadurch der Mensch in der Lage ist, einen freien Willen zu entwickeln, dass er nach zwei Seiten hin imstande ist, Übles anzurichten; dass ferner das Leben in richtigem, in günstigem Sinne nur dann verlaufen kann, wenn man diese zwei Seiten der Abirrung betrachtet wie zwei Waagschalen, von denen bald die eine, bald die andere hinauf- und hinuntergeht. Das richtige Gleichgewicht ist nur dann vorhanden, wenn der Waagebalken horizontal liegt. So wurde den Mysterienschülern gezeigt, dass das richtige Verhalten des Menschen gar nicht in der Weise aufgezeigt werden kann, dass man sagt: Dies ist richtig, und das ist unrichtig. Das richtige Verhalten kann nur dadurch gewonnen werden, dass der Mensch in jedem Augenblicke seines Lebens in die Lage kommt, sowohl nach der einen als auch nach der anderen Seite gezogen zu werden, und dass er selbst das Gleichgewicht, die Mitte herstellen muss zwischen diesen beiden.“
Μηδὲν ἄγαν (mäden agan) – Nichts im Übermaß – diese Urtugend stand über dem Eingang in den Apollotempel zu Delphi. In den alten Mysterien und in den Philosophischen Schulen war es ein konkretes Übungsfeld, die Tugenden auszubilden, die das Halten des Gleichgewichts zwischen den Extremen bedeuteten. Diese Mysterienweisheit hat ihren letzten Niederschlag gefunden in der Philosophie
des Aristoteles, der eine Definition der Tugend gibt:
„Tugend ist eine von vernünftigen Einsichten geleitete menschliche Fertigkeit, die mit Bezug auf den
Menschen die Mitte hält zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig.“
Nehmen wir die Tapferkeit, den Starkmut. Sie ist eine immer wieder zu suchende Mitte zwischen Tollkühnheit, Übermut auf der einen und Schüchternheit, Feigheit auf der anderen Seite. Betrachten wir die Fähigkeit der Seele, Interesse zu entwickeln. Auch hier muss immer
wieder das Gleichgewicht gefunden werden zwischen Stumpfsinn und einem Sich-Verlieren in der Hingabe an die Welt.
Durch den Stumpfsinn verliert die Welt uns, durch sinnlose Leidenschaftlichkeit, die sich benebelt in der Hingabe, verlieren wir uns an die Welt. Durch das gesunde Interesse stehen wir moralisch fest auf dem Standpunkt der Mitte, des Gleichgewichts.“
So ist die Mäßigkeit – gesunde Mitte zwischen bloßem Genießen und sich alles Versagen. Und so weiter.
„Es kann überhaupt kein Gutes geben, das als ein einmaliges, ruhiges Gutes bloß angestrebt zu werden braucht, vielmehr entsteht ein Gutes nur dadurch, dass der Mensch fortwährend, wie ein Pendel, nach zwei Seiten ausschlagen kann und durch seine innere Kraft die Möglichkeit des Gleichgewichts, des mittleren Maßes findet.“
Im Johannigebet der Menschenweihehandlung wird von der Welten-Mitte gesprochen, in der die Christus-Sonne reift. Im alten Griechenland nannte man das Orakel zu Delphi den „Nabel der Welt“ (also das Zentrum der Welt). Man bekam von dieser Mitte der Welt die bedeutendsten Impulse für die Entwicklung des Menschen. Im oben genannten Vortrag beschreibt Rudolf Steiner zum Schluss, welche Bedeutung es hat, wenn die Menschen in der Suche nach Gleichgewicht zwischen den zwei Abirrungsrichtungen die Mitte als das Gute, das Moralische ausbilden. Nämlich, dass die Tugenden im aristotelischen Sinne (Μηδὲν ἄγαν – Von nichts zu viel) sich in der Entwicklung steigern und wandeln können und die zukünftigen Hüllen für den Christus-Impuls bilden werden.
Dieser(Christus-)Impuls bedeutet in seiner Entwickelung die Erdenentwickelung selber.“
Das Ostergebet der Weihehandlung nennt den Auferstandenen den Sinn der Erde. Sind die Welten-Mitte und der Sinn der Erde,
sind die Mitte des Menschen und das Werde-Ziel des Menschen ein geistiger Ort?
„Durch das Mysterium von Golgatha ist das größte Individuum eingezogen in die menschliche Entwickelung, und die Menschen werden sich, indem sie vorsätzlich ihr Leben so einrichten, wie es vorhin geschildert worden ist, herumgliedern um den Christus-Impuls, so dass um ihn etwas gebildet wird, was wie eine Hülle um das Wesen, um den Kern sein wird“.

Durch das eigene Ringen um die Mitte bilden wir mit an der Welten-Mitte, an der Christus-Sonne, welche Sinn und Ziel der Erde ist.

Einen mutigen Herbst im Ringen um das Gleichgewicht wünscht