Gedichte von Paul Celan gelten manchen Kennern von Lyrik des 20. Jahrhunderts als absoluter Höhepunkt schöpferischer Sprache. Meine ersten studentischen Begegnungen mit diesen Texten waren sehr merkwürdig: Ich hatte den Eindruck, so gut wie gar nichts zu verstehen, und gleichzeitig war ich sofort von der ungewöhnlich starken Musikalität dieser Art des Sprechens eingenommen. Erst nach und nach konnte ich mir die „Inhalte“ bewusst machen, die unauflösbar mit der Form des jeweiligen Gedichtes verquickt sind. Rückblickend kann ich sagen, mein Leben als Musiker und überhaupt als Künstler wäre ohne diesen seitdem durch viele Jahre hindurch wirkenden Ein-Fluss wohl anders verlaufen.
In den 1990er Jahren lernte ich in Kassel den ebenfalls intensiv mit Celan verbundenen SchauspielerAxel Eichenberg kennen, und wir beide haben damals mehrere Aufführungen mit diesen ungewöhnlichen Texten gestaltet, er als Sprecher, ich improvisierend am Flügel. Nach langer Zwischenzeit haben wir nun diesen Impuls erneuert und in der Kasseler Gemeinde einen Abend mit dem Titel „Gespräch im Gebirg“ gegeben. So ist ein höchst ungewöhnlicher, poetischer Prosatext Celans überschrieben, der eine Sonderstellung zwischen all den Gedichten unserer lyrisch-musikalischen Aufführung einnimmt, die wir jetzt in Hannover nochmals realisieren werden.
In einem Interview mit Axel Eichenberg las ich den Satz: „Die vielfältigen Schichten eines Gedichtes wollen im Raum zwischen Du und Ich sich wandelnde Wortgestalt werden. Das Du im Ich und das Ich im Du.“ – Und in einem Celan-Gedicht finden sich die Worte: „Wer / sagt, dass uns alles erstarb, / da uns das Aug brach? / Alles erwachte, alles hob an.“
Thomas Reuter