Abrahams Kinder

Wenn wir von den Wurzeln unseres religiösen Lebens sprechen, dann scheint es selbstverständlich zu sein, dass das Christentum aus dem Judentum entstand. Gar nicht so selten suchen wir Hilfe bei Praktiken, Bräuchen und Traditionen des heutigen Judentums, um uns die Lebenswelt des Christus Jesus besser vorstellen zu können. Nun ist es zwar so, dass die Juden der damaligen Zeit nach den mosaischen Gesetzen lebten, aber gewiss nicht in der Form, wie das dann später fortentwickelt wurde oder gar wie es heute lebt. Dazwischen liegen auch im Judentum zweitausend Jahre Entwicklung, nicht zuletzt durch die Zerstörung des Tempels durch die Römer eine Generation nach Golgatha, durch den Talmud, der erst nach dem Christusereignis entstand, und durch die Jahrhunderte im Exil, in denen man sich bemühte, die Formen trotz der Zersplitterung im Äußeren auch ohne den Tempel zu bewahren. Trotzdem stellen wir uns oft das Judentum in neutestamentarischen Zeiten dem heutigen Judentum sehr ähnlich vor. Ich hörte einmal einen Pfarrer im Religionsunterricht davon sprechen, dass doch im Hause des Zimmermanns Josef von Nazareth sicherlich auch ein Exemplar des Alten Testamentes stand, so dass der kleine Jesus mit diesen Geschichten aufwuchs …

Dass es natürlich noch keine Bücher gab in jenen Tagen, darüber müssen wir kein Wort verlieren: Man begab sich in die Synagogen, die Versammlungshäuser, wo aus den verschiedenen Schriftrollen gelesen wurde — aus dem Schatz der Mosesbücher, der Torah, der Propheten, der Nevi’im, der geschichtlichen und poetischen Schriften, der Ketuvim. Diese Dreiteilung gab es damals schon etwa seit 300 Jahren, und die einzelnen Bücher waren teilweise noch viel älter. Aus dieser Sammlung war im dritten vorchristlichen Jahrhundert die griechische Septuaginta, die erste Übersetzung der Hebräischen Bibel, in Alexandria übertragen worden. Mit den großen Bildern dieser Texte lebten die Menschen, mindestens die Männer, die durch die Gesetze verpflichtet waren, sie immer wieder zu hören, zu vergegenwärtigen und zu den Wallfahrtsfesten im Tempel auch zu leben.

Die heutige Bibel der Juden, die in diesem Kontext natürlich nicht »Altes« Testament heißt, weil ja kein »Neues« darauf folgt, sondern schlicht Bibel oder nach dem hebräischen Akronym Tanakh, entstand dann erst durch die Schriftgelehrten des Mittelalters im Exil, die Masoreten, die nach ihrer Reform der Schrift benannt sind, die Vokalpunkte in den rein konsonantischen Text einführten, dessen Aussprache ohne diese Hilfe in Vergessenheit zu geraten drohte.

Das Christentum übernahm zunächst diese Bibel als Geschichte der Vorbereitung der Heilsereignisse, so dass ihre Bilder durch die »Vorfahren« Jesu und seiner Zeitgenossen auch in den Bildern des Neuen Testamentes auftauchen. Erst in den Zeiten der frühen Kirchenväter veränderte sich dann die Reihenfolge der einzelnen Teile der Bibel – die Schriften wurden in die Mitte gestellt, die Propheten rückten – gewissermaßen als Ausblick – an den Schluss.

Insofern haben das heutige Judentum und das heutige Christentum eine gemeinsame Wurzel – das antike Judentum, vor der Zerstörung des Tempels, vor dem Talmud, vor den Masoreten und vor vielen Bräuchen und Gewohnheiten, die erst in nachchristlichen Zeiten entstanden sind. So gab es beispielsweise im vorchristlichen Judentum noch keine Bar-Mitzwa-Feier, keinen Übergangsritus, durch den dreizehnjährige Jungen vollverantwortliche Mitglieder der religiösen Gemeinschaft wurden. Daher sind auch die Interpretationen, nach denen der Zwölfjährige im Tempel zu diesem Fest dorthin gebracht wurde, eine recht willkürliche Deutung des Wallfahrtsfestes Pessach als eine Art Vorläufer unserer Konfirmation. Auch das Chanukka- und das Purimfest existierten zwar rudimentär schon zu Jesu Zeiten, haben aber erst in späteren Jahren die Bedeutung und Form angenommen, in der sie heute begangen werden.

Das heutige Judentum hat also in nachchristlichen Zeiten ähnlich große Entwicklungen durchgemacht wie das Christentum mit seinen verschiedenen Strömungen, die im Laufe der Jahrhunderte zum bunten Bild dieser »Weltreligionen« beitragen.

Rund sechshundert Jahre nach dem Christusereignis entstand dann mit dem Islam noch einmal eine neue religiöse Strömung aus diesem selben Strom heraus. Zwar wurden die alten Texte nicht wörtlich übernommen, aber ihre großen Bilder und Erzählungen sind im Koran durchaus anwesend, so dass wir von den drei »abrahamitischen« Religionen sprechen, die wie aus einer Wurzel heraus ganz unterschiedliche Entwicklungen durchmachten. Die Schöpfung der Welt an den sechs Wochentagen, das Bild des Opfers des Sohnes, die heiligen Mahlzeiten, insbesondere von Brot und Wein, beziehungsweise im Islam den Weintrauben, die Bedeutung des heiligen Wortes, der Heiligen Schrift, in alledem finden sich viele ursprünglich gemeinsame Elemente des Ur-Judentums, die sich in verschiedene Richtungen entwickelt haben.

Am siebten Tage sollst du ruhen …

»Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebten Tag sollst du ruhen«, heißt es in der Hebräischen Bibel, wie wir das »Alte Testament« auch nennen können, um die gemeinsame Grundlage und nicht das Unterscheidende zu betonen. Dabei war der siebte Tag natürlich nicht der christliche Sonntag, sondern der Sabbat, so wie ihn Gott seinem Volk in der Schöpfungsgeschichte verordnet: Der Tag, an dem Gott nach vollendeter Arbeit ruhte. Und überhaupt waren die Tage natürlich nicht Tage im heutigen Sinne …

Und Gott hatte am siebten Tag sein Werk vollendet, das er gemacht hatte; und er ruhte am siebten Tag von seinem ganzen Werk, das er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn, denn an ihm ruhte er von seinem ganzen Werk, das Gott schuf, als er es machte (1 Mose 2,2–3).

Aus dem Rhythmus der Schöpfungswoche wurde die Zeiteinteilung der Juden, dann der Christen, später der Muslime und schließlich der ganzen Welt. Es kann uns schon seltsam berühren, dass es nach wie vor – seit Beginn der christlichen Ära und inzwischen ziemlich unangefochten – weltweit eine Siebentagewoche gibt. Natürlich gab es Kulturen, die diese Zeitordnung noch nicht kannten, und in der jüngeren Geschichte auch Versuche, an die Stelle einer göttlichen Ordnung die verstandesbetonte Willkür des Menschen zu setzen, indem eine Zehn- oder Fünftagewoche verordnet wurde, wie nach den Revolutionen in Frankreich und der früheren Sowjetunion, aber letztlich haben diese neuen Zeiteinteilungen sich nicht durchgesetzt. Selbst der Versuch, grundsätzlich auf einen Ruhetag zu verzichten, ist in der Regel gescheitert, weil sich beispielsweise in der englischen Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg zeigte, dass damit die Produktivität nicht etwa anstieg, sondern zurückging. Es scheint im Menschen etwas zu geben, das mit der Siebentagewoche, in einer Art innerem Rhythmus zusammenklingt.

Wie steht es um die Eigentümlichkeiten der einzelnen Wochentage? In den europäischen Sprachen haben die Tage Namen, im Hebräischen (und später auch im Arabischen) heißen sie mit Ausnahme des Sabbat (und im Arabischen des Freitags) schlicht der erste, zweite, dritte … Tag. Der Freitag ist vielleicht noch der Rüsttag, im Arabischen der Tag der Versammlung, aber ansonsten gibt es keinen Bezug zu besonderen Himmelswesen oder Erdentatsachen … Und doch – am ersten Tage, an dem das Licht »wurde«, geschehen andere Dinge als am dritten Tage, an dem traditionell geheiratet wird, weil Gott die Fruchtbarkeit ins Leben rief, und vielleicht auch weil er zweimal sah, dass es gut war. Wenn es also im Neuen Testament heißt, dass es am dritten Tage eine Hochzeit gab, ist das für jüdische Ohren ganz einfach am Dienstag, aber eben auch an dem Tag, an dem die Fruchtbarkeit in die Welt kam.

Und welchen Tag werden wir wie heiligen? Der Sabbat ist explizit erwähnt, mit der Anweisung zu ruhen, die in den Zehn Geboten folgt. Der Sonntag ist der Tag des Ursprungs, soweit er als erster Tag verstanden wird. Die Christen verstehen ihn eher als achten Tag – etwas völlig Neues, das doch auch wieder der Ursprung eines neuen Wochenzyklus ist. Ruhen muss man da eher nicht. Diejenigen Christen, die das Ruhegebot des Dekalogs ernst nehmen, ruhen wie die Juden am Sabbat, nicht am Sonntag. Es sollte ja kein Jota weggenommen werden von den Gesetzen … Als dann der Prophet Mohammed in Anlehnung an Juden und Christen, die er ja als Völker des Buches durchaus religiös respektierte, einen Tag der Versammlung wählte, war es der Freitag, der sozusagen noch nicht besetzt war. Zugleich war es der sechste Tag, der Tag der Schöpfung des Menschen …

Mit der Zeit entdeckten die Menschen die Charaktere der Wochentage immer mehr, sie bekamen in den verschiedenen Kulturen Namen, die mit den Planetenqualitäten mehr oder weniger zusammenhingen. Trotzdem blieben sie auch verbunden mit den Tagen der Ur-Schöpfungswoche. Zahlenqualitäten, Schöpfungsereignisse und Entwicklungsstadien, wie die Planeten in ihrer Zuordnung zu kosmischen Kräften sie darstellten, blieben und bleiben dabei natürlich erhalten. Erst in den heutigen Zeiten einer größeren individuellen spirituellen Freiheit wird uns klar, dass das alles keine Gegensätze sein müssen, sondern dass ein ungeheurer Reichtum darin begründet ist.

Im Christentum erleben wir das insbesondere in der Karwoche, in der die Tage mit ihren Ereignissen in vielen Details auf die Ur-Ereignisse der Schöpfung hinweisen. Es ist einleuchtend, dass manches nur am Dienstag, am Mittwoch, am Donnerstag geschehen konnte – und die Ruhe des Sabbats als Durchgang durch das Totenreich gehört natürlich auch dazu!

Der Ursprung der vielfältigen göttlich-menschlichen Ordnungen liegt in der Schöpfungsgeschichte – eine Wurzel, aber viele Möglichkeiten damit umzugehen … Es tut vielleicht unseren verhärteten Vorstellungen ganz gut, sich in die Lebensformen der anderen einzufühlen, die Sichtweisen der anderen »Kinder Gottes« zu schmecken. Dann verweht vielleicht etwas von der überheblichen Haltung des »Wir brauchen das nicht mehr«, das vermeintlich aus der Freiheit von festen Vorschriften herrührt, die aber zugleich die Freiheit zur Hinwendung zu verschiedenen spirituellen Wegen sein kann, nicht Freiheit »von«, sondern Freiheit »zu« etwas.

Brot und Wein

Als zweites Beispiel sei hier noch kurz skizziert, wie das Motiv von Brot und Wein sich durch die Hebräische Bibel zieht, um dann im Christusleben zur Grundlage der immer wieder in die Zeit hineinrufbaren Wandlungstat zu werden, die der Mensch nun selbst aufsuchen und mit den Christuskräften gemeinsam vollbringen kann.

Die erste gemeinsame Erwähnung findet sich in der kurzen Begegnung zwischen Abraham und Melchizedek. Abraham empfängt vom König der Gerechtigkeit, der zugleich ein Priester des höchsten Gottes ist, Brot und Wein, und in seinen Dienst tretend gibt er ihm dafür den Zehnten. Damit ist der Stammvater des Gottesvolkes aufgenommen in den Heilsplan des El Eljon, der wie der Gott aller Götter über allen Volksgöttern steht. Die Geschichte des Volkes bekommt eine besondere Bedeutung für die Heilsgeschichte der ganzen Menschheit.

Später wird der Sabbat mit Brot und Wein begrüßt – wie ein kleines Pessach, immer eine Befreiung aus der Knechtschaft des Erdenlebens, eine Bekräftigung des Gottesbundes. Aus diesem Pessach-Mahl, dem Seder, dem Fest der Ordnung, wird dann vor dem Kreuzestod das Abendmahl, die Eucharistie, die in allen christlichen Gemeinschaften auf Brot und Wein gegründet ist. Leib und Blut, Wandlung des irdischen Leibes in geistig-göttliche Substanz, sie gründen sich auf die Geschichte des Volkes Israel.

Das Brot des Sedermahles ist ungesäuert, als Zeichen der Zeitnot, in der es nicht mehr möglich war, den Gärungsvorgang abzuwarten. Nur in der Pessach-Woche wird im Judentum ungesäuertes Brot gegessen. So wird es beim letzten irdischen Mahl des Christus Jesus auch gewesen sein, denn nach Aussage der Evangelien hielt er das Mahl in dem Bedürfnis, der Liturgie des Festeskreises zu entsprechen. Dann aber fügte er etwas, sich selbst, hinzu. Und so entstand ein neues Brot, ein neuer Wein, eins mit Leib und Blut des Menschensohnes, ein Mahl, das wir zu seiner Vergegenwärtigung feiern können. Dieses Mahl hat einen Bezug zum Auszug aus der Knechtschaft des Irdischen, das wiederum die Gaben des Melchizedek wiederaufleben lässt. Zwar ist die Liturgie heute eine andere, die rituellen Speisen sind zum Teil aus neuerer Tradition – aber Brot und Wein gehören immer dazu.

Das Sohnesopfer

Abrahams Kinder — das waren Ismael und Isaak. Die meisten Muslime stellen sich vor, dass mit dem Sohnesopfer, das im Koran ohne Namensnennung beschrieben wird, Ismael gemeint sein musste. Er, der viel zu erleiden hatte, der ausgestoßen wurde aus der Erbfolge, passt gut ins Bild, dass es er sein sollte, den Abraham zum Opfer vorbereitete. Umso größer die Freude, wenn der Geächtete dann gerettet wird durch Gottes Ratschluss!

Juden und Christen sehen dagegen Isaak, den Sohn der Sarah, an der Stelle des Opfertieres. Gott prüft Abraham in seiner Treue. Nur so können Vater und Sohn letztlich Ahnherren des Christus Jesus werden. Auch dieses Motiv, das Motiv des Opfers, der Hingabe, des Gottesgehorsams, finden wir im antiken Judentum. Es wird zum Urbild von Kreuzestod und Auferstehung, ohne das die Zeitenwende nicht verständlich wäre.

Die abrahamitische, mosaische Religion, die Religion der Propheten, sie leben in ihren Geschichten und Bildern vor, was dann zu Bausteinen der Religionsströmungen des heutigen Judentums, Christentums und auch des Islams wurde. Zeitgemäßes, Neues wächst aus den uralten Wurzeln immer wieder hervor. Alles verwandelt sich in der Zeit, und so sind auch die Grundmotive des Christentums in der Geschichte Gottes mit seinem Volk schon gegeben. Oder wie es Paulus im 11. Kapitel des Römerbriefes sagt:

Wenn nun einige von den Zweigen ausgebrochen wurden,

du aber, der du ein wilder Ölzweig bist,

in den Ölbaum eingepfropft wurdest

und Anteil bekommen hast an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums,

so rühme dich nicht gegenüber den Zweigen.

Rühmst du dich aber, so sollst du wissen:

Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.

Verfasst von Ilse Wellershoff-Schuur, geboren 1958, Priesterin, Oldenburg

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