Abschied und Übergang: die Aussegnung

Die Aussegnung gleicht einem Anfang, nachdem zuvor ein Erdenleben endete.

Der Tod kann auf so viele verschiedene Arten und Weisen an uns herantreten, wie es Menschen gibt. Ein Lebensende kann überraschend, schlagartig eintreten, ebenso kann sich ein Sterben über lange Zeit hinstrecken und die ungewisse Frage aufkommen lassen, wann wird es sein, dass der letzte Atemzug getan werden wird? Der Sterbende und sein soziales Umfeld leben auf diesen Übergang zu. Nach der Geburtsschwelle gehört die Schwelle des Todes zu den individuellsten Erlebnissen, die wir als Menschen haben. Diejenigen, die diesen Weg begleiten, gehen die Schritte zur Schwelle hin mit, und können manchmal nur erahnen, was in den bewegenden, unruhigen und in den friedvollen, ruhigen Phasen in den Seelen vorgeht. Auch bei innigster Begleitung können sich im fortgeschrittenen Prozess Personen im selben Raum befinden und bemerken, dass, obwohl man sich gemeinsam auf dem Weg befindet, man doch nicht mehr auf derselben Schritthöhe ist. Der Sterbende schreitet auf einer anderen Ebene. Er ist bei uns im Hier und Jetzt und zugleich einen Schritt weiter. Dies betrifft sein Bewusstsein und damit sein Erleben.

Manchmal erwarten die Sterbenden eine Begegnung mit einem bestimmten Menschen, den sie gerne noch einmal sehen, ja, vielleicht sogar etwas mit ihm klären wollen. Das gehört zum Erdenabschied mit dazu, zumindest kann eine Begegnung und eine damit zusammenhängende Klärung dieses Scheiden erleichtern. Andere warten auf den Moment des Alleinseins, um diesen Weltzusammenhängen Lebewohl zu sagen. Ein Loslassen, um auf das Neue zuzugehen und es zu ergreifen, drückt sich bis zum Ausströmen des letzten Atemzuges aus. Nun ist die Gewissheit da, die Brust hebt und senkt sich nicht mehr. Der Leib, der Diener des Lebens, liegt zurückgelassen da. Die Körperwärme kündet noch eine Weile von diesem Leben und verflüchtigt sich nach und nach.

Was als Leibeshülle zurückbleibt, wurde einst von höherer Warte aus zur Verfügung gestellt. Ein Geschenk, um diese Biographie zu gestalten. Es ist nicht irgendeine Substanz, die zurückgelassen daliegt. Dieser Erdenstoff war durchdrungen von Seele und Geist. In der Natur gibt es keine andere Stofflichkeit, die von einer Individualität durchströmt und durchflammt ist wie der menschliche Leib. Dies ist der Grund, weshalb wir mit Leichnamen sorgsam und würdig umgehen. Es gilt nicht nur das nahe Verhältnis zu dem, was einst Wohnstätte eines Geistes war, sondern darüber hinaus einen Übergang des menschlichen Leibes in die Natur zu gestalten. In der Natur gibt es eine solche »moralische« Substanz nicht. Natürlich kann man einwenden, im Körper finden wir Elemente wie überall auf der Welt, doch nirgendwo ist mit ihnen ein Wesen verbunden, welches die Gabe des Freiheitserwerbes verliehen bekam. Kein anderes Lebewesen kann in solch tiefe Sinnkrisen kommen wie der Mensch, und zugleich ist es ihm gegeben, seinem Leben einen Sinn zu verleihen. Wir prägen uns in unseren Leib ein und deshalb gibt es die Bestattung statt einer Entsorgung der Leichname. Der Umgang mit den Toten ist der Menschheitsgeschichte tief eingeschrieben. Die Archäologie gibt Kunde von Bestattungsformen, wie sie in uralten Zeiten gepflegt wurden. Eine Hochkultur zeichnet sich u.a. durch das Handeln im Umkreis des Todes aus.

Die Aufbahrung ist mehr als nur eine gute Gewohnheit. Hier konnte in Zusammenhängen der Christengemeinschaft an Traditionen des Abschieds angeschlossen werden. Vielleicht wurde sogar ein gewisser Beitrag zum Hindurchtragen geleistet, als sich zu Zeiten des Wirtschaftswunders eine Tendenz zum schnellen Wegbringen des Leichnams etablierte. Mittlerweile lassen sich Bestattungsunternehmen und Friedhöfe wieder mehr darauf ein, und dennoch wird in unserer Gesellschaft eine dreitägige Aufbahrung im Zuhause kritisch gesehen. Sie ist aber meist gut zu bewerkstelligen. Im Bestattungsritual der Christengemeinschaft ist die Anwesenheit des Leibes vorgesehen, auch wenn es sich um eine Kremation handelt. Der erste Teil des Bestattungsrituals konkretisiert den Ort der Feierlichkeit. Es wird das Sterbehaus genannt. Wenn es die Umstände erlauben, ist die Aufbahrung im Haus des Verstorbenen eine nicht nur klassische Handhabung, sondern zudem eine segensreiche Zeit für Angehörige und den Verstorbenen. Das Haus oder die Wohnung waren der letzte Lebensmittelpunkt.

Darüber hinaus findet nach gehaltener Aussegnung ein zweiter Auszug, nämlich aus dem Sterbehaus statt, nachdem sich drei Tage zuvor der Auszug aus dem menschlichen Leib vollzogen hat. Es gibt Kirchen und Gemeindegebäude der Christengemeinschaft, die über einen Aufbahrungsraum verfügen. Bei Belegung der Räume, ob an der offenen Bahre oder mit geschlossenem Sarg, breitet sich eine erhabene und würdige Stimmung aus. Ein Mensch ist da, und doch nicht, einzig sein Leib. Allein der Anblick einer Leibeshülle lässt eine menschliche Anwesenheit vermuten. Und noch mehr: im Raum ist die höhere Gegenwart des Verstorbenen zu erahnen.  In unseren räumlichen und zeitlichen Grenzen kann geistige Nähe erfahrbar werden. Es geht eine große Ruhe von dem abgelegten Leib aus. Eine Ruhe, die fortwährend ausstrahlt. So weben Ruhe und Aktivität als Gegensätze ineinander.

Der erste Teil des Bestattungsrituals findet im engen Familienkreis oder bereits für die Öffentlichkeit statt. Es ist kein Ritual, das viel Zeit einnimmt, doch wird in den Bereich der geistigen Dauer hinübergeführt. Die Ritualworte werden in eine Stille hineingesprochen. Im besten Fall findet die Feier nach drei Tagen statt. Die Anwesenden werden wie Zeugen in einen Vorgang mit hereingenommen. Für den Verstorbenen ist es ein weiterer Fortgang seiner Entwicklung im Nachtodlichen. Er geht in eine noch größere Ruhe, ja, er wandert wie hinein in diese Seelenruhe. Der Vorangegangene wird im Ritual als Entschlafener benannt, sogar zweimal. Und es ist nicht allein die Ruhe, sondern auch das Licht des Geistes, das ihn umfangen wird. Der Verstorbene ist in der Welt des Geistes, und diese erschließt sich ihm weiter. Beim Erleben der Aussegnung sind die Anwesenden mit einbezogen. Die Sphäre der Ruhe, der Aktivität und des Wortes kann bei Bestattungsfeierlichkeiten die Schwelle nahekommen lassen. Sehr berührend ist der Moment, wenn der »ewige Geist« angesprochen wird. Für alle ist einleuchtend, dieser Geist ist mit dem Verstorbenen. Wie umfangen dürfen sich die Beiwohnenden fühlen, wenn sie hören, dieser »ewige Geist« ist mit ihnen. Das Getrenntsein, der Abschied, ist ein Stück weit aufgehoben, da der Geist vereint bzw. umhüllt.

Dann wird eine weitere Seite angesprochen, und zwar die innere. Christus ist in ihm und in uns. Der Name des Verstorbenen wurde bisher nicht genannt. Der »ewige Geist« ist einer Anrede ähnlich. Christus wird angesprochen, dem diese Wege, Inkarnation und Exkarnation, nur allzu bekannt sind. So bekannt, dass er der Führer der Seelen ist. Die Nähe von außen und von innen möge den Entschlafenen als auch die Mitfeiernden erfüllen. Ergriffen sollen sie werden von dem großen Menschheitsgebet, welches uns der Jesus Christus gelehrt und mit auf den Erdenweg gegeben hat. Es ist durchaus berührend, das Vaterunser an den großen Wegstationen zu hören und mitzubeten. Auch jetzt ist der Name des Verstorbenen noch nicht ausgesprochen worden, dennoch sind alle innerlich auf ihn gerichtet. Noch zwei weitere Male wird später das Vaterunser für diesen Menschen gesprochen, im zweiten Teil des Bestattungsrituals, der eigentlichen Bestattung am Erdengrab oder, bei einer Feuerbestattung, in einem Abdankungsraum und in der Weihehandlung für den Verstorbenen. Ab da ist es in die Hände derjenigen gelegt, die dem Verstorbenen künftig im persönlichen Fürbittgebet nahe sein und ihn begleiten möchten. Doch seine Wegorientierung wird der »ewige Geist« sein, der ihn die »Kraft des Lebens« finden lässt. Und es wird deutlich, dass der Verstorbene fortan in eines anderen Willen lebt. Wer so lebt, der stimmt in den höheren Willen ein. Und wer so mitwirkt, der darf ein Diener genannt werden. Wiederum werden die Anwesenden als beteiligte Mithandelnde angesprochen. Ihnen wird verdeutlicht, in welcher Welt sie sind, doch durch ihre geisterfüllten Herzen senden sie ihre Gedanken zu dem Verstorbenen, dessen Name zum ersten Mal an dieser Stelle genannt wird. Der Entschlafene tritt in eine andere Welt. Eine Welt, die der Christus für uns errungen und für unser nachtodliches Sein erschlossen hat. Es liegt in diesen Ritualworten ein Hinweis, dass sich durch die Tat des Christus etwas für die sogenannten Verstorbenen verändert hat. Das erschlossene, oder darf man sagen, das aufgeschlossene »Seelenauge« der Menschheit hat eine neue Wahrnehmung für das höhere Sein. Eine sehr heruntergebrochene und einfache Deutung könnte es z.B. umschreiben mit: die Zeit der antiken nachtodlichen Dunkelheit ist vergangen.

Die letzten Worte der Aussegnung sind dem Beginn des Rituals gleich, als in die Ruhe hinein die Wanderung der Seele in eine neue Seinsform und das Eintreten des Geistes in die Lichtwelt verkündet wurden. Ein großes Vertrauen zum geistigen Fortgang vertieft sich. In diesem Zusammenhang wird nicht mehr von dem Entschlafenen gesprochen, sondern es ertönt zweimal der Name. So ist es der Name, der als Letztes zu Gehör kommt. Als abschließende Handlung wird Weihwasser über dem Leichnam versprengt. Bei geschlossenem Sarg wird dies ebenso gehandhabt.

Musik kann bei der Aussegnung erklingen, doch ist die Stille dieses Rituals an Größe nicht zu überbieten.

Im Anschluss wird der Sarg geschlossen. Wenn nicht bereits im Vorfeld das Antlitz mit einem Tuch bedeckt wurde, so war es die letzte Gelegenheit, um mit Augen zu sehen, wer im Sarg liegt. Nach Absprache können die Angehörigen bei der Schließung dabei sein und auch helfen. Mit den Gedanken ganz bei dem Verstorbenen ist es ein weiterer Moment des Abschiednehmens. Beim endgültigen Verschließen durch Zudrehen der Schrauben wird deutlich, es ist mehr als ein gewöhnlicher Vorgang. Alles ist für die Bestattungsfeier vorbereitet. Der nächste Schritt in diesem Abschiedskultus kann folgen, während sich im Geistigen ein Empfangskultus vollzieht.

Verfasst von Marcel Frank, geboren 1975, Priester, Schwäbisch Hall

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