Selig sind, die Frieden schaffen …

Angesichts der Kriege dieser Welt

Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, dass wieder (?) Frieden wird in der Welt? Ich brauche die Kriege nicht einzeln aufzuzählen – die großen und die kleinen, die, die uns näher sind – je nach Standpunkt – und die, die wir kaum wahrnehmen. Dazu die unterschwelligen, die wir noch nicht als »Krieg« bezeichnen möchten, die Kriege in der digitalen Welt, die gegen unsere Umwelt, die zwischen sozialen Gruppen und all die Kriege, die wir führen zwischen kleinen und größeren Gruppen, in den Gemeinschaften, Wirtschaftsunternehmen und Familien. Wie kann uns da die Seligkeit der Bergpredigt erreichen? Und letztlich – was ist denn dieser Frieden, dieses Heilsein, das da gemeint ist?

Der Friede kommt in unserer Menschenweihehandlung vor, der großen Verwandlungstat am Altar. Da ist er wie eine Eigenschaft des Christus selbst, der friedvoll zur Welt steht, dieser unperfekten Welt im Werden, und der uns versichert, dass sein Friede auch bei uns sein kann — weil Er ihn uns gibt. Woraufhin wir darum beten, dass Er uns dazu erkraften möge in unserem Denken und Wollen, in unserer Gesinnung und in unseren Taten. Und schließlich sei er mit uns, der Friede. »Mit« — vielleicht ist das mehr als »in« uns? Wer kann das schon von sich behaupten, dass ihr oder ihm der Friede überall hin folgt, es friedlich wird im Umfeld, so wie es in vielen Begebenheiten des Christuslebens berichtet wird?

Der Friede ist jedenfalls nicht dort, wo wir die Kriege der Welt einfach nur nicht an uns heranlassen. Wo wir uns weigern, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass es die Kriege gibt, dass sie Gründe haben, viele Aggressionen, viel Abwehr, viel gekränktes Selbstbewusstsein, viel Angst, viel Hass und manchmal auch nur der Wunsch, sich vor einem übergriffigen Stärkeren zu schützen. Das alles zu ignorieren und sich zu verstecken hinter der Selbstgerechtigkeit, so etwas für sich selbst nicht zu wollen, zeugt davon, dass man solche Herausforderungen noch nie bestehen musste. Ja, der Christus lehrt, die andere Wange hinzuhalten, nicht nur das Hemd, sondern gleich den Mantel hinzugeben – aber die Bergpredigt spricht das Individuum an, nicht die Gemeinschaften. Ich kann das für mich so halten – aber berechtigt es mich, auch die Wange meines Kindes hinzuhalten oder den Mantel des frierenden Alten am Wegesrand zu verschenken? Wie halten wir es mit der Verantwortung für andere, Schutzbefohlene, Schwächere, die Kinder einer zukünftigen Zeit?

In der Bergpredigt ist bei genauerer Betrachtung tatsächlich die Rede von den Friedenschaffenden, denen die den Frieden aktiv herbeiführen, und nicht etwa von denen, die Auseinandersetzung, Streit, Krieg für sich passiv ablehnen oder anderen einen Frieden predigen, der für diese nicht ohne große Opfer zu haben ist. Für mich ist das eine relativ neue, durchaus auch befreiende Erkenntnis. Es erlöst mich von den Angriffen meiner Lehrer in den 70er Jahren, die als Pazifisten gern mal alle Soldaten als professionelle Killer bezeichneten, was mich als Soldatenkind in eine merkwürdige Lage brachte. Mein Vater war für mich ein Mann mit starkem Gewissen und einer starken Moral, der sich nach meinem jugendlichen Eindruck viel mehr Gedanken über diese Fragen gemacht hatte als so mancher, der damals das Wort Frieden nur allzu wohlfeil für sich beanspruchte. Tatsächlich kannte und kenne ich nämlich nicht nur viele Friedensaktivisten unter denen, die alles Militärische ablehnen, sondern auch gerade unter denen, die sich als Soldatinnen und Soldaten für den Frieden engagieren – in aller Welt. Es geht in der Guten Botschaft gerade um diejenigen, die aktiv für den Frieden eintreten, wie auch immer, und nicht nur darum, den Frieden im Wort zu führen und ihn herbei zu wünschen oder gar von anderen einzufordern.

Was nun die Chancen angeht, die offenen Kriege, die ich etwas näher und aus eigener Anschauung kenne, in nächster Zeit zu beenden, muss ich leider zugeben, dass ich nicht daran glaube, dass im Nahen Osten oder in der Ukraine ganz plötzlich ein echter Frieden ausbrechen wird. Alle Waffen abzuschaffen würde selbstverständlich helfen, aber wahrscheinlich könnte man bestenfalls die Gutwilligen dazu bringen, das zu tun, so dass sie dann den Aggressoren noch schutzloser ausgeliefert wären als zuvor. Es zeigt sich in den letzten Jahrzehnten, dass keine internationale Organisation so etwas erzwingen kann, geschweige denn, dass Aggressoren sich solchen Gremien überhaupt unterwerfen würden. Man denke nur daran, wer sich alles nicht dem Internationalen Strafgerichtshof anschließen will … Dafür gibt es in gewisser Weise sogar rationale Gründe, denn die internationale Gerichtsbarkeit ist mitunter auch nicht frei von Vorurteilen, und davor haben einige mehr Angst als andere. Und obwohl es natürlich den heutigen Vorstellungen einer idealen Welt näher zu kommen scheint, von allen zu fordern, ohne Waffen zu leben, oder vielleicht ganz einfach die Rüstungsindustrie zu verbieten, scheint mir das gerade deshalb kein aussichtsreicher Ansatz für ein wirkliches Friedenschaffen in unserer Zeit zu sein. Das Bemühen um diplomatische Lösungen ist für das Erreichen äußerer Waffenstillstandslösungen dringlich und wichtig. Aber solange die den Konflikten zu Grunde liegenden Probleme nicht gelöst werden, werden diese immer neue Kriege hervorbringen.

Die Lage ist kompliziert. Und wahrscheinlich soll sie das auch sein, vielleicht ist das ein Symptom unserer Zeit. Vielleicht sollten wir aus einer höheren Warte auf die Dinge schauen, auf größere Zeiträume, auf die Menschheit als Ganzes, die sich in einer Entwicklung befindet, von der die heutigen dringlichen politischen und sozialen Probleme nur ein kleiner Ausschnitt sind:

Im Urbeginne war kosmische Einheit, Ur-Frieden. Dann kam die Schöpfung, und mit ihr der Mensch, der sich mit dem Sündenfall auf den Weg in die Freiheit machte. In grobem Zeitraffer betrachtet geht es darum, dass wir als Menschheit immer individueller werden, um uns dann irgendwann wieder eine göttliche Ordnung geben zu können, eine neue Gemeinschaft des Himmlischen Jerusalems. Der Weg geht über Entfremdung und Bewusstseinsbildung, über die Zwischenstufe der Gruppenbildung, zuerst in Stämmen und Völkern, dann allmählich in immer weniger blutsgebundenen Gruppen. Die modernen Nationen waren irgendwann dazu notwendig und gut, aber mit dem Fortschreiten der Möglichkeiten des einzelnen Menschen wird alles Gruppendenken zu einem Hemmschuh der Entwicklung einer neuen Moral. Der Egoismus, der zunächst der individuellen Freiheit dient, erweitert sich auf die Gruppen. Je mehr sich aber zeigt, dass die Menschheit damit in Richtung Niedergang absinkt, desto mehr müssten wir die Liebe zum Anderen entwickeln. Es sollte niemand glücklich sein können, solange irgendwo noch ein Menschenbruder, eine Menschenschwester leidet. Insofern sind die übernationalen Organisationen mit ihrer Definition der Allgemeinen Menschenrechte Teil einer gesunden Entwicklung. Die Nation, das einzelne Volk in einem Land dagegen muss sich in vielerlei Hinsicht verändern, umfassender, sozialer und größer werden, sich auf immer mehr Menschen erstrecken. Wenn sich Nationen nicht im Einklang mit der Individualisierung aller Menschen entwickeln, werden sie bald nicht mehr gesund, nicht mehr lebensfähig sein.

Dasselbe gilt für alle »alten Gruppen«, die nicht mit vollem Bewusstsein immer wieder neu ergriffen werden. Die Kriege der heutigen Zeit haben viele Themen, aber das vorherrschende, das man in jedem Konflikt findet, ist eigentlich die Frage der »alten Gruppen« und des individuellen Bewusstseins. Das dürfen wir natürlich nicht schematisch anwenden, aber symptomatisch entdecke ich viele Elemente, die wie Parallelen zu den individuellen Prozessen in der heutigen Menschheit wirken.

Dazu zwei Parabeln:

Ein Mann hat seine Frau getreu den früheren Rollenbildern, die in ihrer Zeit berechtigt gewesen sein mögen, über Jahrzehnte in seinem Haus gehalten, ohne dass er ihr eine eigene Entwicklung zugestand. Sie war einfach ein Teil seines Hauses, durfte keine eigenen Interessen pflegen, vielleicht ihre Sprache nicht sprechen, kein eigenes Geld verdienen. Vielleicht hat er sie sogar geschlagen, jedenfalls fühlte sie sich gewaltsam dominiert. Nun ändern sich die äußeren Verhältnisse: Die Frau bekommt das Recht, aus dem Haus auszuziehen. Glücklich beginnt sie mit ihren Kindern ihr eigenes Leben, wendet sich neuen Interessen zu, die Kinder atmen auf, alle lernen neue Freunde kennen. Der Mann ist natürlich betroffen, hat große Verlustängste und bedroht die Frau zunächst aus der Ferne. Irgendwann erträgt er es nicht mehr, vielleicht als sie überlegt, mit einem anderen Mann oder neuen Freunden zusammenzuziehen. Er überfällt sie und wendet dabei Gewalt an. Darf sie Gegengewalt anwenden? Soll jemand die Kinder schützen? Müssten wir helfen? Oder ist es schlicht ihr Schicksal, in das sie sich »schicken« sollte? Verstehen wir die verletzten Gefühle des Mannes so gut, dass wir ihm recht geben und finden, sie sollte ihre neuen Freiheiten nicht verteidigen, um gewaltfrei zu bleiben? Und wer soll dann die Kinder aufziehen? In Brechts Kaukasischem Kreidekreis (oder dem salomonischen Original in der Bibel …) beweist derjenige Mensch, der das vom Zerreißen bedrohte Kind als Erster loslässt, dass seine Liebe größer ist, und bekommt das Kind dann zugesprochen. Aber wo ist Salomo, der weise Richter?

Die zweite Parabel ist komplizierter. Eigentlich lässt sie sich kaum in Kürze erzählen. Es geht um ein Land, um »zwei« Völker, vielleicht sind es eigentlich noch mehr. Jeder möchte das Land für sich. Manche möchten es nur für sich, andere wären zufrieden, einfach als gleichberechtigte Bürger dort leben zu können. Und im Laufe der Geschichte haben sich Ängste, Traumata und Hass so zugespitzt, dass komplett verschiedene Erzählungen darüber entstanden sind, wem das Land warum gehören muss. Dieser Knoten lässt sich zwar pragmatisch durchschlagen, aber Gerechtigkeit entsteht dadurch nicht, weil keiner sich je ganz gesehen, ganz geschützt vor den Aggressionen der Gegenseite fühlt. Und die Traumata, die durch Generationen in allen Richtungen erlitten wurden, sind so tief, dass keine einfache Lösung aus demselben Denken und Empfinden, das den Schlamassel hervorgebracht hat, gefunden werden kann. Wie kann man sich hier selbst angemessen im Kontext von Nationen, Völkern, Konfessionen, Gruppen auch innerhalb der Völker, von Stämmen und heute auch von politischen Fraktionen und Strömungen verstehen? Nichts wird allen gerecht. Und so bleibt es eine Frage des individuellen Standpunktes, wem man mehr Recht zugestehen will. Was aber, wenn Länder gar niemandem »gehören« würden? Immer noch wäre da viel gebrochenes Vertrauen, viele Ängste und viel Hass aus vergangenem Unrecht. Aber es gibt auch den Blick auf die Menschen selbst, die leiden, wenn sie Angehörige verlieren, die Angst haben, weil ihnen »Gruppenhass« entgegenschlägt. Es ist deutlich: Man kann die Lösung nicht von oben verordnen. Auch hier geht es um das Ausbilden individueller Moral, die auch darin bestehen kann, sich einfach den »Anderen« zuzuwenden im Wunsch nach Verstehen, nach Mitleiden, nach Füreinander-Eintreten.

Die erste Parabel spricht von Russland und der Ukraine und die zweite stellt den wohl eher misslungenen Versuch dar, das Heilige Land zu charakterisieren. Des einen Terrorist ist des anderen Freiheitskämpfer. Gleichzeitig gibt es gerade in Israel/Palästina die erstaunlichsten Initiativen, die sich inzwischen in alle Welt erstrecken, überall dorthin, wo Menschen von dem Konflikt betroffen sind. Es geht darum, dass Menschen einander als Menschen wahrnehmen und nicht in erster Linie als Angehörige verschiedener Gruppen. Dass sie einander Menschenrechte zugestehen. Da ist der Kreis der Eltern, die Kinder im Konflikt verloren haben, da sind die Friedenskämpfer, die früher Soldaten oder Terroristen/Freiheitskämpfer waren. Die vielen israelischen Menschen, die trotz aller Grausamkeiten der Besatzung dafür eintreten, den Palästinensern in den besetzten Gebieten so oder so zu helfen … Vor kurzem hat sich ein früherer israelischer Polizeipräsident einer arabischen Partei angeschlossen, weil es so nicht weitergehen kann, weil man miteinander reden, gemeinsam für das Wohl aller eintreten muss … Zum Zeitpunkt, da dieser Artikel geschrieben wird, wissen wir natürlich noch nichts darüber, wie die Wahl Ende Oktober ausgehen wird, aber aller Wahrscheinlichkeit nach wird es eine wenn auch starke Minderheit bleiben, die sich der Menschlichkeit so sehr verpflichtet fühlt, dass sie dafür große Opfer bringt. Wo wäre das anders, wo wären wir …?

Der Grundkonflikt bleibt – Entwicklung des individuellen und liebevollen Menschen, der vor der Wahl steht, in einen Wandel einzuwilligen, um für eine bessere Welt zu kämpfen gegen die Kräfte der Beharrung auf dem alten Gruppendenken. Überall drohen die Versuchungen, es sich individuell auf der Erde gemütlich zu machen, nur für das eigene Wohlergehen zu leben. Das scheint ein friedliches Leben zu sein. Aber es lebt die Möglichkeit, die innere Freiheit zu ergreifen, die Menschheit, die Erde in guter Weise weiterzuentwickeln. Die größte Gegenkraft der freien Individualität ist die Gesinnung, die Angst vor Wandel hat, die Wandel, Veränderung »des Teufels« findet (frei nach Alexander Dugin, einem der Ideologen des »Putinismus«, der im Entwicklungsgedanke eine Erfindung des Westens sieht, um die Moral Russlands zu zerstören). Die Sehnsucht nach einer besseren Welt von gestern, die es so nie gegeben hat, ist die wesentliche Triebkraft des Autoritarismus, der heute in Ost wie in West seine Anhängerschaft hat, die angstbesetzt den immer freieren Menschen ablehnt und verhindern will. Die Möglichkeit zu irren, gehört zur Freiheit notwendigerweise dazu. Sie ist Voraussetzung für eine gedeihliche Weiterentwicklung des Menschseins. Mein höchster Respekt gilt denen, die versuchen, unser Gemeinwohl so zu organisieren, dass eine solche Entwicklung ökologisch, sozial und wirtschaftlich überhaupt möglich bleibt.

Wirklicher Friede wird erst sein, wenn dieses heutige Menschheitsstadium überstanden ist, was voraussichtlich noch Jahrhunderte, Jahrtausende dauern wird. Bis dahin müssen wir Waffenstillstand schließen, wo immer es geht, und ansonsten den »Frieden mit der Welt« pflegen, der im Herzen entsteht, das sich mit Christus einen kann in Liebe zur Welt und zu den Menschen – den Friedenschaffenden wie denen, die dem Frieden (noch) im Wege stehen. Für mich ist der erreichbare Friede der, in dem ich lernen kann, mit liebevollem, verständnisvollem Blick auf das Geschehen um mich herum zu schauen und wo ich Seine Liebe ausstrahlen lassen kann auf alle Menschen – die ohne Waffen wie diejenigen, die sie aus welchen Gründen auch immer gerade tragen müssen.

Verfasst von Ilse Wellershoff-Schuur, geboren 1958, Priesterin, Oldenburg

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