The world is closing in
And did you ever think
That we could be so close, like brothers
The future’s in the air
I can feel it everywhere
Blowing with the wind of change
Take me to the magic of the moment
On a glory night
Where the children of tomorrow dream away
In the wind of change.[1]
Die Welt rückt näher zusammen.
Und hättest du je gedacht,
dass wir uns so nahe sein könnten – wie Brüder?
Die Zukunft liegt in der Luft.
Ich kann sie überall spüren,
getragen vom Wind des Wandels.
Bring mich zum Zauber dieses Augenblicks,
in einer glorreichen Nacht,
in der die Kinder von morgen
im Wind des Wandels ihren Träumen nachträumen.
Der Song der bis heute bestehenden und erfolgreichen Hardrock-Band Scorpions vertont Anfang der 1990er-Jahre eine Stimmung, ja, die Luft der Veränderung. Er sollte so etwas wie eine »Hymne der Wende« werden, und es ist bemerkenswert, dass er angesichts der zahlreichen gegenwärtigen, auffälligen und unauffälligen Veränderungen noch keine globale zweite Renaissance erlebt hat. Beschreibt der Protagonist darin doch die in der Luft liegende Zukunft. Sie ist noch nicht da, aber er kann sie schon spüren. Man möchte vermuten, er riecht sie schon durch den vergehenden Staub des Alten hindurch.
Welch eine zarte Hoffnung liegt da im Vergehen des Gewordenen, im Fall der Mauern, die, warum auch immer, standen, um die Zukunft aufzuhalten, sich dahinter zu verstecken oder das Fremde am Eindringen zu hindern. Der »Wind of Change« macht Lust auf die Zukunft, er trägt die Freude am Unbekannten, er dringt zart in unsere verfestigten Strukturen ein und schafft Freiraum, damit endlich Bewegung entstehen kann, wo Erneuerung nottut.
Können wir ihn heute hören, diesen Wind? Spüren wir, wie er uns um die Nase weht? Beflügelt er unser Tun? Oder übersehen wir ihn im Schock darüber, dass wir zunehmend empfinden, dass nichts mehr bleiben kann, wie es war? Dass jegliches Tradierte zur Folklore verkommt und wir uns selbst fremd werden, dort, wo wir noch darauf bestehen, Gewohntes gewohnt zu belassen?
Und auch das, was einst über den anderen Menschen galt, gilt nicht mehr. Er ist individuell geworden. Justus ist jetzt Veganer, Sophie hieß mal Tom, Erwin trägt jetzt eine »Make America Great Again«-Kappe und ein blaues T-Shirt, Anna hat ihren gut bezahlten Job in einer Bank aufgegeben und eröffnet jetzt ein Yoga-Studio, und der ewig erfolglose Musiker Paul lässt sich jetzt von der KI Werbejingles erzeugen und verdient auf einmal viel Geld.
Und all diese sitzen jetzt an einem Tisch zum Abendessen, und ein jeder braucht nicht nur seine eigene Mahlzeit, sondern auch sein eigenes Besteck; nicht einmal die Teller können dieselbe Farbe haben. Zugegeben, das ist eine stereotype und überzeichnete Darstellung. Und dennoch lässt diese doch eigentlich zu begrüßende Neuigkeit – dass jeder so leben kann, wie er es für richtig hält, dass die Lebens- und Persönlichkeitsgestaltung in die eigene Freiheit entlassen ist – mitunter Orientierungslosigkeit und Angst entstehen. Angst darüber, dass wir nicht mehr wissen, woran wir uns ausrichten sollen, wenn nichts Gewohntes mehr Bestand hat.
Und dann ist da noch die Entwicklung, dass wir uns zunehmend von bisher jedenfalls mitteleuropäisch sicher geglaubten demokratischen Systemen und Gebräuchen verabschieden müssen und wir nur sorgenvoll darauf blicken können, was dann kommt. Wissend, wozu der Mensch imstande ist, wozu wir selbst imstande sind, wie sollte uns da nicht angst und bange werden, wenn die Säulen der demokratischen Grundordnung zu bröckeln scheinen?
Kurzum: Als Bewegung für religiöse Erneuerung können wir die Moderne als eine echte Prüfung verstehen.
Und jetzt kommt die gute Nachricht:
Die Prüfung bestehen wir nicht. Jedenfalls nicht, wenn wir die Gesetzmäßigkeiten einer Prüfungssituation als einen Moment der zu widerstehenden Versuchung begreifen.
Jenes können wir an der gegenwärtigen Situation des institutionellen Christentums ablesen. Es kann mit dem Blick auf alle messbaren Parameter einer Institution konstatiert werden, dass wir uns in einer Krise befinden. Eine Krise, die wir auch als eine existenzielle Prüfung empfinden können.
Mehr denn je wird es heute entscheidend sein, ob wir es vollbringen, unseren Blick auf das Messbare zu schärfen, um zu sehen, was hinter den Phänomenen des Abschwungs als eine dem Zeitverhältnis enthobene räumliche Bewegung zu entdecken ist.
Jene räumliche Bewegung können wir als eine Formverwandlung alles Institutionellen heute wahrnehmen. Dieser Wahrnehmung nachdenkend, können wir sagen, dass alles, was wir als den Abschwung der institutionellen Gegebenheiten wahrnehmen – sei es die immer geringere Anzahl der Menschen in den Gemeinden, der langsame, aber deutliche Schwund der finanziellen Mittel, die fehlende Initiativkraft oder der Aktionismus, mit dem heute allzu gerne, auch und vor allem in der Christengemeinschaft, darauf geantwortet wird –, zwar ein Symptom ist, an dem wir leiden können. Gerade für unsere Christengemeinschaft stellt sich aber die Prüfungsfrage, ob wir anhand dieser internen Krise erstarren und damit langsam verenden oder den Umschwung in einen vertiefenden Blick hinter die Fassade dieser Symptome wagen.
Das erste Konzil in der langen Kirchengeschichte kann bereits in der Apostelgeschichte, Kapitel 15, nachvollzogen werden. Wir nennen es auch das »Apostelkonzil«. Es war in der frühen Kirche die erste große Bewährungsprüfung des Christentums. Musste es doch entscheiden, ob der neue Bund in Christus die Zugehörigkeit zum Gottesvolk weiterhin an die mosaische Tora bindet oder ob Christus selbst zur entscheidenden Grundlage dieser Zugehörigkeit wird.
Weitestgehend entscheidet es sich, abgesehen von einigen grundlegenden Forderungen an die »Heidenchristen« wie den Verzicht auf Götzendienst und manche kultische Praktik, für die letztere Sichtweise.
Theologisch kann eine interessante Spannung zu dieser Entscheidung mit den Worten Jesu in der Bergpredigt (Mt 5,1–7,29) entstehen. Hier wird davon gesprochen, dass Christus nicht gekommen sei, das alte Gesetz aufzulösen, sondern es zu erfüllen. Diese Worte hatten die Apostel wohl noch nicht als Verschriftlichung vorliegen, aber sie als diejenigen, für die diese Predigt gehalten war, trugen sie in ihren Herzen. Und dennoch ist so neu, was durch das Ereignis von Golgatha in die Welt gekommen ist, dass sie, diese Spannung empfindend, nicht anders entscheiden konnten.
Vielleicht dürfen wir heute fragen, ob es aus christlicher Perspektive nicht eben jene Frage ist, die sich nach wie vor stellt: Wie kommen wir vom Gesetz, von der gottgegebenen Moralpredigt, hin zu einem konsequent individuellen und zugleich der kosmischen Ordnung entsprechenden modernen Begriff christlicher Moral?
Oder anders gedacht: Wie kann sich aus dem Alten das Neue entwickeln und auf diesem Weg der Erneuerung seine Bewegungen so formen, dass es das Alte nicht tötet, sondern es in Liebe, Demut und Dankbarkeit aus seiner Verantwortung entlässt und damit einem Entwicklungsgang in die Zukunft wieder zuführt?
Das ist die Prüfungsfrage.
Ein jeder, der versucht, eine allgemeine Antwort zu geben, wird durchfallen. Denn ein jeder Antwortversuch wird sich auf ein bestimmbares Ziel ausrichten wollen, welches der Bewegung misstraut, die im Sinne der Erneuerung fortwährende Re-Formation entstehen lassen möchte.
Gelernt haben wir, dass wir Prüfungen bestehen müssen, sonst sind wir gescheitert. Und wenn wir für unsere geliebte Gemeinschaft die Gegenwart tatsächlich als eine Prüfung verstehen wollen, stellt sich ganz selbstverständlich die Empfindung ein: Wir müssten nur die Aufgabe verstehen, die uns da gestellt wird, dann werden wir sie schon bestehen. Dann werden wir eine Institution der Gegenwart sein, dann werden die Menschen schon in den haltlosen Auf- und Abschwüngen unserer Zeit ihr spirituelles Bedürfnis entdecken und bei uns zu stillen suchen.
Dabei vergessen wir gerne, dass das Zentrum unserer religiösen Erneuerung ein in seiner äußeren Form unveränderlicher Kultus ist. Wir könnten noch weiterdenken und feststellen, dass die Grundlage der Religion in ihrer äußeren Form immer die regelmäßige Wiederholung von Form und Ritus ist.
Neben der Tatsache, dass dies in der eben beschriebenen Gegenwart von unschätzbarem Wert ist, weil es nicht bloß Orientierung bietet, sondern zudem auch Gelegenheit zu einer immer neu ausgerichteten Beziehung des Menschen zu seinem Gott in einer dennoch vertrauten Form bietet, könnten wir ja eine weitere existenzielle Erfahrung des Lebens mit dem Kultischen in Gemeinschaft ernst nehmen.
Das Wunder des Sakramentes ist die Erfahrung der Verwandlung der Zeit in den Raum. Wenn ich also vor Gott stehe und meine zeitliche Schicksalslinie die Wandlung in ein Räumliches, ein Bild der beweglichen und bewegten Form, erfahren darf, wie verändert dies meinen Blick auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft!
Ich verlasse das Gebiet des Messbaren und trete ein in eine wahrhafte Begegnung mit dem Wesenhaften meines Schicksals. Es ist dies nicht zwingend eine angenehme Erfahrung, aber es ist der Bereich, in dem mein Glaube gleichsam existenziell wie wahrhaft spirituell werden kann, weil ich meinem Schicksal als Wesen, als bewegtem Raum begegne.
Diese Wandlung ist nur möglich durch den, der die Wandlung selbst ist, der sich hingibt, sein Ich so sehr, so existenziell, dass es in uns individuell existent werden kann.
Und so ist die Prüfung eben nichts, was wir bestehen können oder müssen. Es ist eine zentrale Aufgabe des modernen Christen, die Prüfung der Moderne als einen Versuch zu verstehen, über das Messbare hinauszuwachsen, indem wir in uns, individuell und gemeinschaftlich, einen Aufmerksamkeitsraum bilden, der in Freude und Liebe das Neue willkommen heißt, auch wenn er seine Bewegungen noch nicht kennen kann.
Zu lernen ist jenes – und das ist das faszinierende Doppelbild –, indem wir unsere Formen und Riten bewusst und frei und dennoch in der gebotenen Kontinuität begreifen. Das gelingt uns nicht, indem wir bei jeder auftretenden Frage unmittelbar Antwort geben, sondern indem wir kontemplativ auf die Suche gehen, uns selbst zurücknehmen, dicht und klein werden und immer wieder von vorne beginnen.
Und so ist unsere Gegenwart zwar vielleicht eine Prüfung für den Fortbestand der Christengemeinschaft, und nichts sagt uns, dass wir sie bestehen. Aber wir können, nein, wir müssen unseren Blick wandeln, so wie wir diese Erfahrung in unserer eigenen Seele machen können, und lernen, die Bewegung wahrzunehmen, die sich in der Verwandlung der Form zeigt, die nicht messbar, aber offenbarend ist.
Nun, in der Herbstzeit, am Ende des Kirchenjahres, wird in der Menschenweihehandlung die Apokalypse des Johannes wieder zu hören sein. Wir können mit Johannes fühlen: Die Apokalypse Christi zeigt sich dort, wo Erneuerung stattfindet.
Die Prüfung der Gegenwart kann uns Apokalypse sein, wenn wir die Antwort vermeiden und aufhorchen, was sie uns sagen will. Wir sind uns selbst als reizvolle Prüfung aufgegeben.
Take me to the magic of the moment
On a glory night
Where the children of tomorrow share their
dreams
With you and me.
[1] Scorpions: Wind of Change, Autor und Komponist: Klaus Meine, Mercury Records 1990.
Verfasst von Matti Bormann-Melchinger, geboren 1997, Priester, München-West