Wie einfach und doch elementar der Blick sein kann: Ich berichte hier von zwei Prüfungssituationen und wie sie überstanden und bestanden wurden. Dies nicht, um zu belehren, und auf keinen Fall, um ein Rezept anzubieten. Es sind nur zwei kurze, lapidare Erzählungen.
Bei den mündlichen Prüfungen zum Abschluss meines Psychologiestudiums sollte ich u.a. auch über die Entstehung und Therapie von Ängsten bei Kindern referieren. Wie üblich war danach mit dem prüfenden Professor und seinem protokollierenden Assistenten über das Referat zu diskutieren. Ich erinnere mich nur noch undeutlich, was ich inhaltlich vortrug. Aber ich habe bis heute klar vor Augen und wusste es seinerzeit aus den Vorlesungen dieses Professors mit aller Deutlichkeit, dass er ein strenger Verfechter der Verhaltenspsychologie und der Verhaltenstherapie (Behaviorismus) war. Ganze Semester haderte ich innerlich mit ihm, weil ich mit der gleichen Absolutheit, wie er Behaviorist war, ein begeisterter Anhänger der Psychoanalyse war. Beide Denkrichtungen standen damals geradezu feindlich zueinander. Die verhaltenstherapeutische Sichtweise auf Entstehung und Veränderung von seelischen Vorgängen und Entwicklungen lehnte ich als mechanistisch, als »seelenlos« ab und meinte es als überzeugter Freudianer besser zu wissen als der Professor.
Nun traten bei der Diskussion unsere beiden gegensätzlichen Standpunkte sehr schnell und sehr deutlich zu Tage. Er vertrat die behavioristische Sicht, ich mit Verve die psychoanalytische. Die Diskussion bekam auf meiner Seite etwas Leidenschaftliches. Der Professor blieb sachlich, aber »stur«, so nahm ich ihn jedenfalls wahr. Der Disput eskalierte. Oder vielmehr: ich eskalierte. Der Prüfer wollte einfach meine Argumente nicht einsehen, so sehr ich mich bemühte. Nach einem erneuten trockenen und grundsätzlichen Statement von ihm entfuhr mir der Ausruf: »Da irren Sie sich aber gewaltig.«
Kaum hatte ich diesen frechen Spruch getan, war mir klar: »Nun hast du es vermasselt. Du hast den Prüfer angegriffen, sogar beleidigt. Du kannst jetzt nach Hause gehen und froh sein, wenn du nächstes Semester noch einmal antreten darfst.«
Ich wurde hinausgebeten. Prüfer und Assistent beraten sich nun, wie üblich, und legen eine Beurteilung fest. Sodann wird der Prüfling wieder ins Zimmer gebeten und ihm wird das Ergebnis mitgeteilt. Mit wachsweichen Knien trat ich also ein. Der Professor sagte in seiner knappen Art: »Sie haben bestanden. Mit ›Sehr gut‹. Auf Wiedersehen und alles Gute.«
War es möglich? Im ersten Moment dachte ich, die beiden machen sich lustig über mich. Es war angesichts meines besserwisserischen und unverschämten Verhaltens ja wohl eher eine Sechs als ein Sehr gut. Erst als ich es schriftlich hatte, glaubte ich es.
Nach einigen Monaten trafen wir uns zufällig auf einer kinderpsychologischen Tagung wieder. Beim Mittagessen in der Mensa saß der Professor wie ich an einem längeren Tisch, mir schräg gegenüber. Sein Blick traf auf mich. Er lächelte, erinnerte sich offensichtlich. Nach dem Essen ging ich zu ihm hin: »Sie erinnern sich offenbar an meine Prüfung.« – »Mit Vergnügen«, sagte er. – »Ich möchte mich entschuldigen. Ich war respektlos. Aber sagen Sie bitte, weshalb haben Sie mich trotz meiner Unverschämtheit bestehen lassen?« – »Nun, inhaltlich waren Sie nicht sehr überzeugend. Aber was mich überzeugt hat, war ihr herzliches Interesse an dem Thema, an der Auseinandersetzung mit anderen Sichtweisen überhaupt.«
Mein »herzliches Interesse« also, etwas doch ganz Einfaches, ein Urphänomen fast, hatte mich die Prüfung überstehen und bestehen lassen.
Bei meinem zweiten Bericht geht es um eine ganz andere Art von Prüfung. Eine Kollegin hat mir einmal davon erzählt.
Ihr jugendlicher Sohn, gerade siebzehn geworden, sei in Zürich in die Punkerszene geraten oder habe sie vielleicht direkt aufgesucht. Manchmal habe sie wochenlang nichts von ihm gehört. Ein paar Mal kam ein kurzer Brief mit der Bitte, ihm Geld zu schicken. Sie hatte keine genaue Vorstellung, wie ein Punkerleben aussieht und sich anfühlt. Sie fürchtete jedenfalls Drogenkonsum, »schlechten Einfluss« von anderen Punkern, kriminellen womöglich.
Eines Tages beschloss sie, zu ihm nach Zürich zu fahren. Da er für ihre Bargeldsendungen die Adresse eines Bekannten angegeben hatte, hoffte sie, ihn mit Hilfe dieses Bekannten zu finden.
Sie habe ihre Aktion, die 600 Kilometer nach Zürich zu fahren, als eine Prüfung gesehen: Bin ich eine richtige Mutter? Sie sagte »richtige Mutter«, sie sagte nicht »gute Mutter«. Sie habe ihren Sohn nicht zu irgendetwas überreden wollen, das habe sie sich vorgenommen, ihm auf keinen Fall Vorwürfe machnen wollen und keinerlei Vorhaltungen. – »Sondern?«, fragte ich. – »Ich wollte ihm nur mein Interesse an seinem jetzigen Leben, natürlich auch an seinem zukünftigen Leben zeigen – nicht wie ich es mir gewünscht hätte, sondern wie er es sah und brauche.« – Und dann sagte sie dasselbe Urwort, das auch der Prüfer ausgesprochen hatte: »Ich wollte ihm mein herzliches Interesse an ihm deutlich machen.«
Der Sohn kehrte wenige Wochen nach diesem Besuch der Mutter zurück, schloss die Schule ab, begann eine Ausbildung. Ein drittes Mal stieß ich auf das elementare, im Alltag kaum gebräuchliche Wort vom »herzlichen Interesse« bei Rudolf Steiner, wenn auch nicht in direktem Zusammenhang mit einer Prüfungssituation: Er verwendet dieses Wort in einer Ansprache an die Eltern bei der Eröffnung der ersten Waldorfschule am 31. August 1919.[1] Er appellierte an die Eltern, die neue Schulrichtung mit »herzlichem Interesse« zu begleiten. Das Neue anzunehmen, zu begleiten kann auch eine Art Prüfung sein. Das aus dem Herzen, also aus dem Zentrum der Leidenschaftlichkeit herrührende Urphänomen des »herzlichen Interesses«, könnte vielleicht auch bei solchen Prüfungen tragen.
[1] Rudolf Steiner: Idee und Praxis der Waldorfschule, GA 297.
Verfasst von Mathias Wais, geboren 1948, Dipl.-Psychologe