Eine besondere Freundschaft
Er öffnete seinen hohen Ikea-Schrank im Flur und zeigte mir seine Sammlungen. Er sammelte zweierlei: Hüte und Zigaretten. Vom einen nur das Teuerste, vom anderen nur das Günstigste. »Hüte müssen teuer sein, sonst wirken sie nicht. Bei Zigaretten ist das eigentlich genau umgekehrt«, sagte er, und wir standen eine Weile schweigend vor diesem Schrank.
Dann schloss er ihn wieder, und es war, als hätte er mir sein kleines Heiligtum gezeigt. Ein Heiligtum deshalb, weil es sein Leben so sehr bestimmte: die äußere Form, die Ausstrahlung, die Wirkung, die von ihm ausging. Er war einer, der sich seine Architektur von außen her gab – und daher innerlich, von sich selbst, fortwährend überrascht wurde.
Noch heute trage ich einen dieser Hüte, die damals in diesem Schrank ruhten, mit großem Stolz. Und mit gewissem Stolz und ebenso gewisser Scham rauche ich noch immer die Zigaretten, die er damals rauchte. Nicht, um mir seine Architektur zu geben. Nicht, um zu sein wie er. Sondern, um verbunden zu bleiben. Um mich an ihn zu erinnern. Um mit dieser äußeren Form befreundet zu sein – weil sie, im Falle seiner Persönlichkeit, der einzige Weg war, mit dem Inneren in Beziehung zu treten. Dass wir eine Freundschaft bilden wollten, war von vornherein klar. Wobei ich mir dessen nicht sicher sein konnte: Ich war vierzehn, als wir uns kennenlernten, er bereits über sechzig.
Für unser erstes Treffen saßen wir in einem Wiener Café, am Rande des berühmten ersten Bezirks. Ich bewunderte ihn. Zu diesem Treffen kam es, weil ich ihm einen Brief geschrieben hatte. Kurz zuvor hatte ich ihn auf der Bühne gesehen und war von seinem Spiel stark beeindruckt gewesen. Nie im Leben hätte ich zu hoffen gewagt, dass dieser große und viel bewunderte Schauspieler mir antworten würde.
Aber er tat es – mit einer Postkarte, auf der Karl Valentin abgebildet war, und der Satz: »Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.« Er lud mich ein, zum Gespräch. Und nun saß ich ihm gegenüber.
Jedenfalls vermutete ich es, denn durch die Rauchwolken, die er fortwährend ausstieß, und den Hut, der ihm tief im Gesicht saß, konnte ich ihn kaum erkennen.
»Nun, Matti, wir wollen also Freunde werden«, sagte er und bestellte mit einem geschwinden Fingerzeig zwei Coca-Cola.
»Menschen, die Thomas Bernhard verehren, sind Freunde, weißt du«, fuhr er fort. Ich hatte ihm von meiner Leidenschaft für diesen streitbaren, aber wichtigen österreichischen Dramatiker bereits geschrieben. Immer an der Grenze zur Verrücktheit bewegte sich Thomas Bernhard sowohl im Leben als auch in seinem Werk, seiner Selbstaussage nach. »Das müssen wir auch tun, wenn wir Schauspieler sind«, sagte er.
Verrücktheit – das weiß ich heute – ist nicht Wahnsinn. Sie ist der Versuch, ganz wörtlich genommen, die Welten immer wieder zu verrücken, sie ineinanderzuschieben, damit sie neu werden und wirklicher. Getrennt sind sie nie ganz wirklich. Thomas Bernhard hat sich in Werk und Persönlichkeit gleichsam selbst zu einem Beispiel dieser Verrücktheit gemacht. In beharrlicher Penetranz konnte er nicht anders, als stets an- und auszusprechen, »was ist«. Zum »was es sein sollte« war er nicht fähig. Das führt zur dauerhaften Selbst- und Weltverletzung – aber nicht als Selbstzweck, sondern, um eine Begegnung, ja eine Freundschaft mit der Wirklichkeit zu stiften. Daran ist er mehrmals beinahe zerbrochen. Der Nachsatz dieses Ausspruchs war: »Überschreiten wir diese Grenze, sind wir tot.« Diesen Tod hat Bernhard oft gestreift. Ja, er hat ihn ein Leben lang begleitet.
Er aber – als wir im Café saßen und uns über diesen Thomas Bernhard unterhielten – machte auf mich überhaupt keinen zerbrochenen Eindruck. Im Gegenteil: Immer wieder blitzten durch die Rauchwolken zwei überaus wache, neugierige, frech-freudige Augen hindurch.
Ja, er konnte sich freuen – an allem Unbekannten, Neuen, Unerforschten. Und da saßen wir nun und wollten eine Freundschaft beginnen. Wie macht man das eigentlich?
Freundschaft ist jene Beziehungsform, die einander lassen kann. Sie ist deshalb existenziell, weil sie nichts will, außer bereit zu sein, den anderen in seinem vollen So-Sein anzuerkennen. Sie ist die Grundlage für jede Beziehung.
Die Freundschaft, die wir bildeten, war von dieser Qualität. Ein alter und ein junger Mann – ich glaube, das geht ganz gut. Das ist eine gute Ausgangssituation, um Freundschaft zu schließen. Mit gleichaltrigen Menschen habe ich das bisher in meiner Biographie nicht geschafft. Das muss ich beschämt anerkennen.
Freundschaft bedeutet für mich in erster Linie eine benannte, reale Unterschiedlichkeit. Es ist nur marginal die Abstimmung von Interessen, die Angleichung auf irgendeinem Gebiet. Es ist die Fähigkeit, füreinander unterschiedlich sein zu können.
Ausgehend von dieser Unterscheidung bildet man dann etwas Schließendes – etwas, das nie geschlossen ist, aber fortwährend schließen möchte.
Dieses qualitative Element der Freundschaft, so stelle ich fest, ist auch eine Frage der Generation. Wenn ich, ausgehend von vielen Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen heute, sagen müsste, was Freundschaft bedeutet, dann spricht aus ihnen als Bedürfnis für eine Freundschaft in erster Linie eine Art Verwandtschaft.
Wir brauchen in den ersten Lebenszyklen unseres Schicksals – vielleicht heute mehr denn je – diese Vergewisserung der Verwandtschaft, der Angleichungen, damit so etwas wie Gemeinschaftlichkeit überhaupt erfahren werden kann.
Da wird auch noch in Hierarchien unterschieden unter den Freunden, da gibt es den besten Freund und den zweitbesten Freund und so fort. Und es gibt ebenso ausgeprägt und deutlich bestimmbar den Feind, den, mit dem bewusst keine Beziehung gebildet wird, beziehungsweise in einer grundlegend unterschiedenen Form zu dem, was Beziehungsbildung in der Freundschaft hieße.
Diese Beziehung in der Feindschaft kann dann sichtbar werden in dem unterschiedlichen Ausmaß der Abwendung.
Dass sich diese Haltung im Laufe einer Biographie verändert, ist uns geläufig. Schon in der Pubertät gründet sich ein Selbstbewusstsein, welches dann die gegebenen Strukturen verlassen will, um sich unabhängig von ihnen auf den Weg nach den selbstgewählten, aus dem neuen Selbstbewusstsein heraus geschaffenen Bindungen zu machen.
Manche, wenige dieser alten Kinder- und Jugendfreundschaften können überhaupt hinübergerettet werden in die neuen Weltbezüge. Die ersten Freundschaften von Dauer entstehen häufig in der Zeit des Studiums, im biographischen Moment der Selbstfindung in der Welt.
Enthoben den gewohnten und bis dahin gegebene Strukturen entwickeln sich nun Freundschaften aus den ganz eigenen Suchbewegungen heraus. Und in dem Idealismus, in dem da nach »meinen Menschen« gesucht wird, kann man noch einen Nachhall dessen hören, was einst als Idealismus in den hierarchischen und moralischen Differenzierungen der Beziehungen in der Kindheit und Jugend vorhanden war.
Ausnahmen bestätigen, wie immer, die Regel.
Und selbst wenn ab diesem Moment die Möglichkeit bestünde, sich auf wesentlich unterschiedliche Menschen zu beziehen, können wir doch feststellen: In jeder Freundschaft gibt es neben dem seelischen Grundbedürfnis nach Unterschiedlichkeit immer wieder die Sehnsucht nach Angleichung.
Seien es die Interessen, der Beruf oder irgendwann vielleicht die Kinder.
»Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben lässt für seine Freunde« ( Joh 15,13).
Es ist dieser Satz, der im christlichen Menschen heute wie damals alles verändert. Er läutet die wesentliche Verwandlung der Spannung des Menschen ein: zwischen Gottesknecht und Gottesfreund.
Nicht mehr werden die Nachfolger Jesu Christi Knechte genannt – sie werden zu Gottes Freunden. Damit verändert das Christentum eine grundlegende Haltung des Menschen gegenüber seinem Gott.
Die Aufgabe, die dadurch entsteht, ist enorm. Sie heißt im Johannesevangelium die höchste Form der Liebesfähigkeit des Menschen: die Agape.
Und darin, so meine ich, liegt auch der Punkt, der auf die Wichtigkeit der Unterschiedlichkeit hinweist. Da, wo der andere mir nicht mehr zum Knecht meiner Bedürfnisse oder zu deren Befriedigung wird, sondern zum echten Gegenüber, muss ich zwar die Spannung aushalten, die dadurch entsteht, dass sich zwischen uns in dem Moment der Abgrund der Unterscheidung aufgetan hat; wachsen wir jedoch gegenseitig hinüber über diesen Abgrund, wird es herrlich. Man könnte sagen: Erst da werden wir Freunde, wo wir den anderen als anderen wollen können. Wo die Liebe Brücke wird, hinüber, ins fremde Land. Die Angleichung von Interessen, Lebensumständen und so fort spielt auf einmal bloß noch eine untergeordnete Rolle. Darin steckt fortwährend die Grundhaltung einer Opfertat. Ich opfere die selbstbezogenen Bedürfnisse der Freundschaft und stifte damit erst wahre Beziehung mit meinem Gegenüber. Zugegeben, das macht nicht immer Spaß. Leicht ist es meist auch nicht. Aber es lohnt das gegenseitige Ringen: »Ich will, dass du von mir unterschieden bist – erst dann kann überhaupt etwas zwischen uns leben, ja, sich entwickeln.« In diesem Dazwischen kann ein Mittelpunkt entstehen, der im Laufe der Zeit die geteilten Werte, Interessen und Ideale birgt. Um diesen Mittelpunkt aus den unterschiedenen Perspektiven kreisen, auf ihn zuarbeiten, ja, ihn zu lieben, das können wir die Qualität von Kontinuität einer jeden Freundschaft nennen.
»Nicht die Abwesenheit der Liebe, sondern die Abwesenheit der Freundschaft macht die unglücklichen Ehen,[1] kann Friedrich Nietzsche sagen, und es ist auch heute eine erkennbare Wahrheit. Eine jede Beziehung bedarf der fortwährenden Transformation in die Freundschaft. Es muss dies nicht ausgespielt werden gegen jede Form von romantischer Attraktion oder der Banalität von oberflächlicher, aber Spaß und Freude bringender Begegnung. Es ist dies unbedingt wichtig in einer jeden Biographie. Auch die Albernheit und Sorglosigkeit solcher Beziehungen ist entscheidend. Das allerdings, was Bestand haben soll, braucht die Kontinuität, das Vertrauen in die benannte, gewollte, und überbrückte Unterschiedlichkeit.
Die Freundschaft, die er und ich bildeten, war von der zarten Seite. Einmal, als er schon sehr krank war, besuchten wir gemeinsam die Oper, es wurde Die Zauberflöte gegeben. Aber das spielte eigentlich keine Rolle. Hauptsache Mozart. Das war uns beiden wichtig. Und wie wir da so saßen und schweigend auf die Bühne blickten, noch bevor die Vorstellung begonnen hatte, kam einer und bat ihn um ein Autogramm. Nachdem er jenes bekommen hatte, blickte er uns an und sagte: »Es ist schön, dass Sie Ihrem Enkel die Oper zeigen«. Er antwortete wie aus der Pistole geschossen: »Wenn das mein Enkel wäre, würden wir in den Prater gehen, nicht in die Oper. Wir sind bloß Freunde. Freunde gehen in die Oper.« Der Mann ging schweigend und sichtlich irritiert davon. Später an diesem Abend stritten wir uns noch über die Figur des Sarastro in einer Kneipe. Er fand nicht, dass Sarastro einfach deshalb der Gute wäre, weil er der Sonnenkönig sei. Schließlich hätte er der Königin der Nacht ihr Wertvollstes entrissen, ihre Tochter Pamina nämlich. Ich fand, Sarastro bliebe nichts anderes übrig. Die Dunkelheit müsse besiegt werden. Das sei ihm zu heroisch, antwortete er da. Außerdem sei das religiöses Geschwafel. Aber einigen konnten wir uns dann doch auf etwas: »… an Freundes Hand / Vergnügt und froh ins bessre Land« wandeln, wie es Sarastro singt – das sei doch ein hohes Ziel. Das höchste vielleicht.
Immer wieder kamen wir an diese Schwelle. Immer wieder wurde es regelrecht hitzig zwischen uns, weil wir uns in inhaltlichen Fragen manchmal bis an die Grenze der sozialen Verträglichkeit gegenseitig empören konnten. Manches Mal führte das zum Kontaktabbruch über mehrere Wochen. Bis dann einer von uns anrief und so etwas sagte wie: »Na? Können wir wieder?« Der andere bejahte es meist freudig. Und wir vergaben dem einstigen Feind und wurden wieder neu Freunde. Als er starb, erfuhr ich davon in der Kneipe, in der wir uns über Sarastro gestritten hatten, und ich dachte an die alte Hand, die damals auf dem Tisch gelegen hatte, schon zitternd und schwach, aber mit einer Zigarette zwischen den Fingern.
Mein Freund, dachte ich, das bleibst du hoffentlich.
Erst dann weinte ich.
Matti Bormann-Melchinger, geboren 1997, Priester in München-West
[1] Friedrich Nietzsche: Nachgelassene Fragmente, Gruppe 23 Nr. 72.
Verfasst von Matti Bormann-Melchinger, geboren 1997, Priester in München-West