Erfahrungen mit einem Meister aus Minnesota
Jesus loved your old songs too! Jesus hat deine alten Lieder auch geliebt! Dieses Banner war öfters zu sehen während der Konzerte von Bob Dylan in den späten 70er und frühen 80er-Jahren. Es war deutlich nicht beabsichtigt, dass der darstellende Künstler diese Worte übersehen würde. Er sollte schon wissen, wie es seinen Fans jetzt ging. Es war schlimm genug, dass er nicht weiter Songs schrieb wie Like A Rolling Stone, It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding), A Hard Rain’s a-Gonna Fall oder Visions of Johanna, aber damit hätte sich notfalls noch leben lassen. Das Schlimmste war auch nicht – obwohl da die Meinungen schon schneller auseinander gingen –, dass er sich bekehrt hatte und evangelischer Christ geworden war: Jesus, so behauptete er, hatte ihm auf die Schulter getippt und gefragt, warum er, Bob, ihm, Jesus, böse war. Er war ihm nicht böse, hatte er geantwortet, er hatte einfach nicht viel über ihn nachgedacht. Das hatte sich dann bald geändert. Nach einem dreimonatigen Studienaufenthalt in The Vineyard Christian Fellowship in Reseda, Kalifornien, hatte er das Licht gesehen, und aus dem Symbol der Gegenkultur der Sechzigerjahre war auf einmal ein Proselyt geworden, dessen Eifer nichts zu wünschen übrigließ. Da fing er an, sich mit seinem Publikum zu reiben, denn dies war genauso säkular und kirchenfeindlich und Autoritäten verdächtigend wie fünfzehn Jahre zuvor. Die alten Lieder wurden ausnahmslos beseitigt, und stattdessen ertönten Songs wie When You Gonna Wake Up, Saving Grace und What Can I Do for You? Nicht nur bekamen die Zuhörer apokalyptische Predigten zwischen den Liedern, auch die Songtexte selber versprachen keinen fröhlichen Abend mit Musik und Tanz in der Gegenwart einer Folk-Koryphäe:
»My so called friends have fallen under a spell / They look me squarely in the eye and say: Well, all is well / Can they imagine the darkness that will fall from on high / When men will beg God to kill them and they won’t be able to die?«[1]
Meine sogenannten Freunde sind in einen Bann geraten / Sie schauen mir direkt in die Augen und sagen: Nun, alles ist gut / Können sie sich die Finsternis vorstellen, die von oben herabfallen wird / Wenn die Menschen Gott anflehen werden, sie zu töten, und sie nicht sterben können? Die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass die Anwesenden an der Stelle des Konzertes die fünfte Posaune der Apokalypse erkannt haben,[2] aber viel Spaß wird es ihnen ohnehin nicht gemacht haben, derart zugesungen zu werden. Zwar wurde er nicht laut ausgebuht, wie im Jahre 1965 auf dem Newport Folk Festival, als er zum ersten Mal mit der Elektrogitarre auftrat, aber die Entfremdung war deutlich spürbar. Die stille Ablehnung mag sogar peinlicher gewesen sein als die lautstarke Empörung von damals. Dylan, so lautete das allgemeine Urteil, hatte den Faden verloren. Er was ein Auslaufmodell geworden.
Vielleicht, so darf fast fünfzig Jahren später behauptet werden, hat das Publikum nicht immer recht. Es ist zweifelsohne der Fall, dass die Karriere von Bob Dylan mit seiner religiösen Wende einen quasi tödlichen Schlag bekam. Je ernsthafter die Dinge in seinem Leben wurden, umso weniger ernst wurde er selber noch genommen. Die Sixties waren endgültig vorbei, und die Achtzigerjahre sollten Madonna und Michael Jackson gehören. Erst Ende der Neunzigerjahre, mit dem Album Time Out of Mind, würde die trauriger, und weiser gewordene Generation von Mai 1968 wieder aufhorchen und ihn neu hören. Aber wer rückblickend genauer sieht, genauer hört, wird bessere Schlussfolgerungen ziehen als die damaligen, von der Popmusik geprägten Massen. Auch dem jungen Dachs Dylan war es durchaus ernst mit seinem Handwerk, und es war sicherlich nicht ohne Grund, dass Jesus auch seine frühen Lieder geliebt hat. Ein Sinn für spirituelle Gerechtigkeit wohnte schon seinen allerersten Songs inne:
»Let me ask you one question: / Is your money that good? / Will it buy you forgiveness? / Do you think that it could? / I think you will find / When your death takes its toll / All the money you made / Will never buy back your soul.«[3]
Lass mich dir eine Frage stellen: / Ist dein Geld so wertvoll? / Kann es dir Vergebung kaufen? / Glaubst du, dass es das könnte? / Ich glaube, du wirst feststellen / Wenn der Tod dich holt / Dass all das Geld, das du verdienst hast / Dir niemals deine Seele zurückkaufen kann. Oder:
»Through many a dark hour / I’ve been thinking about this / That Jesus Christ was betrayed by a kiss / Well I can’t think for you / You’ll have to decide / Whether Judas Iscarioth / Had God on his side.«[4]
Durch viele dunkle Stunden habe ich darüber nachgedacht / Dass Jesus Christus durch einen Kuss verraten wurde / Aber ich kann nicht für dich denken / Du musst dich entscheiden / Ob Judas Iskariot Gott auf seiner Seite hatte.
Zweitens waren auch seine expliziten, neu gefassten Gospelsongs außergewöhnlich gut. Einen Qualitätsverlust in seinem Schreiben hatten nur verstopfte Ohren wahrnehmen können. Wer würde heute leugnen, dass Every Grain of Sand zum Besten gehört, was in der amerikanischen Musik hervorgebracht wurde?[5] In dem Sinne hatte sich in seinem Schaffen nichts geändert. Die erstaunliche Realität im Leben Bob Dylans ist, dass es keine drei Jahre gab, in denen er nicht originell und auf hohem Niveau musiziert hat. Es gibt keine Lücke bei den Veröffentlichungen. Immer gab es Neues. Von dem ersten Lied seines ersten Albums, Blowin’ in the Wind, ein Klassiker, geschrieben als 21-Jähriger,[6] bis zum letzten Lied seiner letzten Platte, Key West (Philosopher Pirate), eine paradiesische Ode, die uns sanft mit der ganzen Welt versöhnt, geschrieben kurz vor seinem 80. Geburtstag,[7] ist er unaufhaltsam tätig geblieben, was von einer Schaffenskraft zeugt, die sich nur mit dem schöpferischen Bogen eines Goethes vergleichen lasst. Seine kompromisslos auf die Bühne gebrachte Religiosität mag eine kulturelle Anomalie ohnegleichen gewesen sein, der denkbar kühnste Kontrapunkt zu den kapitalistischen Eighties; aus der zeitlichen Ferne heraus ist bei ihm jedoch nur innere Konsistenz festzustellen. Auf die Frage, warum er nicht eine Pop-Platte machte, um so neuen Erfolg zu erzielen, antwortete er: »What’s the use of success if you know you’re a fake?« Was nützt Erfolg, wenn man selbst weiß, dass man eine Fälschung ist?
Dieses Nur-dem-eigenen-Stern-Folgen, dieses
Rücksichtslos-bei-sich-selbst-Bleiben, was auch immer die Geschäftskonsequenzen sind, kurz, alles dasjenige, was wir geneigt sind, Authentizität zu nennen, ist, kombiniert mit dem in der Tat gottgegebenen Talent, mit dem dieser Mann die Erde betrat, dasjenige, was auch mich mittschiffs treffen musste, als ich mit meinen frischen zwanzig Jahren begann, seriös auf seine Musik zu achten. (Mit den schönen Fotos auf Nashville Skyline und Desire, die zur Plattensammlung meiner Eltern gehörten, war ich seit der Kindheit vertraut; das tiefe Tauchen in seinem Back-Katalog erfolgte erst während meines Philosophiestudiums.) Es fällt mir bis heute nicht leicht zu beschreiben, wie es sich anfühlte, zum ersten Mal Foot of Pride zu hören oder Man in the Long Black Coat oder Born in Time oder Blind Willie McTell. Ich hatte es bis dahin nicht einmal für möglich gehalten, dass Musik solche Erlebnisse hervorrufen konnte. Die Seele weitet sich, wird groß und innig und brunnenhaft, wenn sie die Hallen dieser Songs betritt. Der ganze Körper wird zum Ohr. Sie schlucken einen auf, diese Lieder, sie nehmen den Empfänger ganz in sich auf, und ein Mantel von Pracht wird ihm umgelegt. Warum sollten wir das Kind nicht beim Namen nennen und unumwunden sagen, dass das sich vereinen mit diesen Tonen einer geistigen Erfahrung gleichkommt? Denn tatsächlich ist diese Musik, von Beginn bis Ende, durchzogen von Einweihungsrhetorik, was unzweideutig auf die Vergangenheit ihres Urhebers hinweist:
»I fought with my twin, that enemy within.«[8] Ich habe mit meinem Doppelgänger gerungen, diesem inneren Feind. Und »I went into the land of the midnight sun / I met the sons of darkness and the sons of light / In the border towns of despair / I went down where the vultures feed / I could have gone deeper but there wasn’t any need / Heard the tongues of angels and the tongues of men / Wasn’t any difference to me.«[9]
Ich ging in das Land der Mitternachtssonne / Ich traf die Söhne der Finsternis und die Söhne des Lichts / In den Grenzstädten der Verzweiflung / Ich ging hinunter, wo die Geier fressen / Ich wäre tiefer gegangen, aber es gab keinen Grund dazu / Ich hörte die Stimmen der Engel und die Stimmen der Menschen / Für mich gab es keinen Unterschied. Und:
»Just as sure as we’re living / Just as sure as you’re born / Look up, look up, seek your Maker / Before Gabriel blows his horn.«[10]
So sicher wie wir leben / So sicher wie du geboren bist / Schau auf, schau auf, suche deinen Schöpfer / Bevor Gabriel sein Horn bläst. Und:
»We died and were reborn / And then mysteriously saved.«[11]
Wir starben und wurden wiedergeboren / Und dann auf mysteriöse Weise gerettet.
Es versteht sich von selbst, dass diese Zeilen um ein Vielfaches an Bedeutung gewinnen, wenn sie nicht nur landen in dem Leben eines Philosophiestudenten, sondern sich einen Weg bahnen in die Ohren eines der Anthroposophie zugewandten Subjektes. War in dieser rohen Stimme, in der Christus und Ahriman sich gegenseitig zu berühren schienen, nicht auch etwas von dunkler, atlantischer Macht zu spuren? Ahnte ich, indem ich meine Intuitionen in diese Musik hineinschickte, nicht Zeiten vor der Sintflut? »It was in another lifetime, one of toil and blood / When blackness was a virtue, the road was full of mud.«[12] Es war in einem anderen Leben, einem Leben voller Mühen und Blut / Als Dunkelheit eine Tugend war, und die Straße voller Schlamm. Wie dem auch sei, das Schicksal ergab, dass Hunderte von Dylan-Songs, die geistige Welt akustisch bestätigend, zum Soundtrack einer umfassenden Steiner-Lektüre wurden.
Ein ganz besonderes Vergnügen bereitete es mir von da an, Teilgenosse seiner Never Ending Tour zu werden, und alle zwei oder drei Jahre, also jedes Mal, wenn er mit seiner Band in Brüssel, Antwerpen oder Amsterdam war, dabei zu sein, manchmal in der ersten Reihe, einige Meter von ihm entfernt. Diese Abende mit Tony Garnier am Kontrabass, George Receli am Schlagzeug und Donnie Herron am Banjo und an der Geige, gehören zu den besseren meines Lebens, obwohl ich gestehen muss, dass der Hauch von Neid, der mich gelegentlich überkam, als auf der Rückwand der Buhne eine große Krone erschien mit einem wachen Auge darunter – eine Bildmarke, die unverhohlen vermittelte, mit welchem Kraftraum die fünftausend Zuhörer es zu tun hatten –, nur dadurch kompensiert wurde, dass es mir erlaubt war, einige Tage später die Menschenweihehandlung zu halten. Aber solche kleinen inneren Unreinheiten sind letztendlich völlig sekundär. Die Freude darüber, von dieser Musik in der eigenen Existenz bestätigt zu werden, in dem Sinne, dass sie das Vermögen hat, uns an uns selbst zu erinnern, uns zu uns selbst zu führen, der Trost bei Liebeskummer und Krankheit auch, den sie wie keine andere schenken kann, durch viele bittere Monate hindurch, bleibt maßgebend in dem immer erneuten Zugriff auf sie. Die arabischen Trommeln, die er in Sad-Eyed Lady of the Lowlands besang, das heißt die überschwängliche, lebensbejahende Energie, die er freigesetzt hat in vierzig Studio-Alben und mehr als dreitausendsiebenhundert Konzerten, sind ein Geschenk vermutlich nicht für Jahrzehnte, sondern für Jahrhunderte. Bald wird die kalte, schwarze Wolke sich lüften, und er wird an die Himmelspforte klopfen.[13] Die Engel werden mit seinem Tod bereichert sein. Am Ende seines langen Lebens, schaue ich mir diese blauen Augen an, diese edlen Gesichtszüge, aus denen mir alte, orientalische Schönheit entgegen zu leuchten scheint, und kann nur sagen:
Thank you, Bob.
[1] Bob Dylan: Precious Angel, Slow Train Coming, 1979.
[2] Offb 9,6.
[3] Bob Dylan: Masters of War, The Freewheelin’ Bob Dylan, 1963.
[4] Bob Dylan: With God on Our Side, The Times They Are A-Changin’, 1964.
[5] Bob Dylan: Every Grain of Sand, Shot of Love, 1981.
[6] Bob Dylan: Blowin’ in The Wind, The Freewheelin’ Bob Dylan, 1963.
[7] Bob Dylan: Key West (Philosopher Pirate), Rough and Rowdy Ways, 2020.
[8] Bob Dylan: Where Are You Tonight?, Street Legal, 1978.
[9] Bob Dylan: Dignity, Greatest Hits Volume 3, 1994.
[10] Bob Dylan: Sugar Baby, Love and Theft, 2001.
[11] Bob Dylan: Oh Sister, Desire, 1976.
[12] Bob Dylan: Shelter from the Storm, Blood on the Tracks, 1975.
[13] »That cold black cloud is comin’ down/ Feels like I’m knockin’ on heaven’s door.« Bob Dylan: Knockin’ On Heaven’s Door, Pat Garett & Billy The Kid, 1973.
Verfasst von Mathijs van Alstein, geboren 1976, Priester, Zeist (NL)