Freundschaft – seltenes Glück

I need a brand new friend who doesn´t need me.

– Jim Morrison

Es heißt, Paul McCartney sei überwältigt gewesen, als er zum ersten Mal Joe Cockers Version von »With a little help from my friends« gehört habe. Erst da habe er erkannt, welche Dimensionen der von ihm und John Lennon geschriebene Song barg. Dimensionen, die ihm, dem Schöpfer, verborgen geblieben waren. Nicht Ringo Starr, der Leadsänger der Aufnahme für das achte Studioalbum der Beatles, sondern Joe Cocker, ein fremder Sänger, hatte ihm diese »mindblowing experience« ermöglicht.

Oh, I get by with a little help from my friends /

Mm, I get high with a little help from my friends /

Mm, gonna try with a little help from my friends

Zu den Dimensionen einer Freundschaft, die ich erst spät als solche begriffen habe, gehört die der Diskretion, von der der tschechisch-französische Autor Milan Kundera in seinem Essayband »Verratene Vermächtnisse«[1] erzählt: Bei einem Spaziergang über den Friedhof von Reykjavik habe ihn sein isländischer Gastgeber zum Grab seines besten Freundes geführt und berichtet, wie Verwandte und Bekannte nach dessen Tod versuchten, von ihm Geheimnisse des Verstorbenen zu erfahren. Er habe geschwiegen. Aus einem besonderen Grund. »Ich habe nichts verraten. Denn ich hatte nichts zu verraten. Ich habe es mir verboten, die Geheimnisse meines Freundes kennen zu wollen, und ich kenne sie nicht.« Kundera hörte ihm überrascht zu. Schon als Kind hatte man ihn gelehrt, der Freund sei derjenige, mit dem man seine Geheimnisse teile und der im Namen der Freundschaft sogar darauf bestehen dürfe. Doch für den Isländer war Freundschaft etwas anderes. »Sie bedeutet, ein Wächter vor dem Tor zu sein, hinter dem der Freund sein Privatleben versteckt; sie bedeutet, derjenige zu sein, der dieses Tor niemals öffnen wird; der niemandem erlauben wird, es zu öffnen.«

Liest man Erfahrungsberichte über Freundschaften, fallt auf, dass die Gegensätzlichkeit dabei ein wesentliches Element ist – so wie in Connie Palmens Roman »Die Freundschaft«.[2] Eine der vielen Differenzen der Protagonistinnen liegt in der Gesprächigkeit der Ich-Erzählerin, dem Alter Ego der niederländischen Autorin, und der Schweigsamkeit ihrer angebeteten Freundin. Die Ich-Erzählerin meint, das Konstruieren von Gegensätzen in der Freundschaft sei ein wichtiges Erkenntnisinstrument. Erst wenn man das Gegenteil von dem, was man denke und tue, durch die Existenz der anderen vor Augen gehalten bekomme, begreife man sich selbst und letztlich die Welt. Die Begründung liefert ihr die Physik: »Kurz gesagt läuft es darauf hinaus, dass die Erklärung einer sehr komplexen Erscheinung, Licht zum Beispiel, die Heranziehung zweier sich widersprechender Vorstellungen, die unmöglich miteinander zu verknüpfen sind, erforderlich macht.«

Folgt man dieser Beobachtung, hatten die Publizistin Erika Mann und ihre Freundin und Geliebte, die Schauspielerin Therese Giehse, die Chance, ein Traumpaar zu werden und zu bleiben, denn ihre Gegensätzlichkeit musste nicht konstruiert werden. Sie begann schon bei der Geburt: Therese wurde als Nesthäkchen in eine Familie mit vier wesentlich älteren Geschwistern hineingeboren. Erika hingegen war die Erstgeborene in einer berühmten Familie, der fünf weitere Kinder folgten. Therese, die unbeobachtet im Schatten der Großen aufwuchs, entwickelte früh ein »alleiniges« Verantwortungsgefühl für sich selbst, wahrend sich Erika Jahr für Jahr mehr Verantwortung für ihre rasch wachsende Geschwisterschar auferlegte. Therese konnte als Kind gut ohne familiäre Aufmerksamkeit leben, Erika wollte diese mit allen verfügbaren Mitteln erlangen. Übertreiben, Geschichten erfinden und lügen gehörten bei der »Prinzessin vom Lügenland« dazu. Therese war bis über die Schmerzgrenze hinaus eine unbedingte Wahrheitsliebhaberin. Auch äußerlich bildeten die beiden von Anfang an ein eindrucksvolles Gegensatzpaar: die junge Therese war dick und rothaarig, Erika dunkelhaarig und mager – wie ein wilder Zigeunerjunge, so ihr Bruder Klaus. Ein besonders verblüffender Gegensatz, auf den ich bei der Recherche zu meinem Porträt der beiden Frauen stieß, bestand darin, dass Erika sich nie von ihrer Familie gelöst hatte und die Rollen Tochter und Schwester hervorragend beherrschte, wahrend Therese sich früh von ihrer Familie unabhängig machte.

Die Aufzählung der Gegensatze ließe sich noch lange fortsetzen, doch irgendwann entdeckt man das Gemeinsame: Beide haben es lebenslang vermieden, über sich selbst zu sprechen, und wenn es unumgänglich war, so wenig wie möglich von sich preisgegeben. Therese stand zu ihrer »Alleinigkeit«, Erika lebte in »turbulenter Einsamkeit«, wie Thomas Mann einmal bemerkte.

Zwei Frauen, die sich in ihrer jeweiligen Einsamkeit trafen und liebten und ein gemeinsames Projekt realisierten: die Gründung des kritischen Kabaretts Pfeffermühle in München vor dem Hintergrund des düstersten Kapitels deutscher Geschichte. Das Exil, in das sie gemeinsam gingen, erwies sich als Beziehungszerstörer, so dass die Trennung unvermeidlich war. Und so endet die Geschichte ihrer Liebe mit Thereses Abreise aus Amerika, wo Erika ihre Zukunft sah. Doch die Freundschaft blieb lebenslang bestehen.[3]

In meinem ersten Buch zum Thema »Freundschaft« stehen die Malerin Paula Modersohn-Becker und die Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff im Mittelpunkt.[4] Auch Clara und Paula sind sehr verschieden. Clara ist groß, kräftig, still – Paula ist klein, zierlich, munter. Nicht auf den ersten Blick, sondern erst bei der genaueren Betrachtung erkennt man, dass Paula innerhalb dieser Beziehung die aktive Rolle einnimmt. Sie ist von Claras Wildheit und Eigenständigkeit fasziniert. Ihre Eroberungsversuche haben Erfolg. Clara wird ihre Freundin. Paula ist eine phantasievolle Verführerin, die Frauen, Männer und Kinder vor allem mit geistigen und spielerischen Mitteln an sich bindet. Ihre Lust zu leben ist ansteckend. In Claras und Paulas wohl glücklichstem Freundschaftsjahr 1900, dessen erste Monate sie gemeinsam in Paris verbringen, heißt es in Paulas Briefen immer wieder »Clara Westhoff und ich«:

»Clara Westhoff und ich wohnen nebeneinander und tafeln in traulichem Verein.«

»Clara Westhoff und ich hatten gemeinschaftlich nur zwei Sous in der Tasche.«

»Clara Westhoff und ich fabrizierten in den Festräumen einen Pudding mit Mandelgeschmack und einen mit Erdbeergeschmack.«[5]

Das Glück der Freundschaft hält nicht für immer. Als Clara 1901 Rilke heiratet, tritt sie in einen Veränderungsprozess ein, der durch Anpassung und Unterordnung charakterisiert ist. Paula sieht fassungslos zu. Sie versucht, das Gespräch mit Clara nicht abreißen zu lassen, macht immer wieder neue Ansätze, schreibt, beklagt das Unausgesprochene, aber Clara hüllt sich in Schweigen, selbst wenn sie antwortet. Wehmütig erkennt Paula, dass ihre beiden Leben sich getrennt haben. Sie vermisst nun schmerzlich den Haltepunkt, den ihr die Freundschaft zu Clara bedeutet hat.

Das erinnert an die Protagonistin in Connie Palmens Roman, die rückblickend nach der Trennung von ihrer Freundin erkennt: »Ich wusste noch nicht, dass dies einmalig war und ich niemals wieder so mit jemandem zusammen sein würde wie damals, in diesen Stunden, mit Ara.« Doch Clara und Paula kommen sich später wieder naher, wie Clara im »Buch der Freundschaft«[6] erklärt: »Entwicklungen lassen sich nicht gemeinsam durchmachen. Heute will es mir scheinen, als sei unser Weg, mehr als wir wussten, der gleiche gewesen, der nur dem zeitlich nahen Blick nicht so deutlich erkennbar war.« Die Freundschaft wird erst gestoppt durch Paulas frühen Tod 1907, der Trauer und Fassungslosigkeit erzeugt.

Als Paulas Mutter einmal das Grab ihrer Tochter besucht, findet sie dort eine Schüssel mit Granatäpfeln, Birnen, Feigen, Bananen und weiß sofort, wer diese dort aufgestellt hat. Sie schreibt Clara im November 1908 einen Brief, bedankt sich und bittet: »Und wenn Sie wiederkommen bitte finden Sie eine halbe Stunde für mich, damit wir miteinander sprechen können von der, die mir so traurig fehlt und die Sie mehr liebte als einen anderen Menschen auf der Welt.« Für die Mutter ist es lebensnotwendig, über ihre geliebte Tochter zu sprechen, weil sie nicht mehr mit ihr sprechen kann.

Das Schlimmste, was man den Toten antun kann, ist das Schweigen über sie, weiß der französische Philosoph Jacques Derrida. In seinem Buch »Lyotard und wir« fordert er: »Wenn man den Freund überlebt hat und von Stund an jeder Möglichkeit beraubt ist, sich an ihn zu wenden, an ihn selbst, wenn man dazu verurteilt ist, nur noch über ihn zu sprechen, über das, was er war, was er dachte und schrieb – dann sollte man dennoch versuchen, über ihn zu sprechen.«[7]

Der Dichter Rainer Maria Rilke tut das in seinem »Requiem für eine Freundin«[8], das er ein Jahr nach Paula Modersohn-Beckers Tod schrieb. Schreiben musste, denn sie forderte ihn dazu auf. Während sich andere Verstorbene »im Totsein« zu Hause fühlten, gab sie keine Ruhe:

»Nur du, du kehrst / zurück; du streifst mich, du gehst um, du willst / an etwas stoßen, dass es klingt von dir / und dich verrät.«

Er ist erstaunt, wie nahe sie ihm kommt.

»Ich glaubte dich viel weiter. Mich verwirrts, / dass du gerade irrst und kommst, die mehr / verwandelt hat als irgend eine Frau.«

Vor allem irritiert ihn, dass sie ihm nicht so erscheint, wie er sie in Erinnerung hat, was einem Widerruf gleichkommt:

»Warum kommst du anders? / Was widerrufst du dich? Was willst du mir / einreden, dass in jenen Bernsteinkugeln / um deinen Hals noch etwas Schwere war / von jener Schwere, wie sie nie im Jenseits / beruhigter Bilder ist.«

Als er endlich erkennt, dass die Verbindung mit der Freundin nicht einmal durch deren Tod zu lösen ist, wendet er sich an sie mit einer Bitte:

»Wenn du noch da bist, wenn in diesem Dunkel / noch eine Stelle ist, an der dein Geist / empfindlich mitschwingt auf den flachen Schallwelln, / die eine Stimme, einsam in der Nacht, / aufregt in eines hohen Zimmers Strömung: / So hör mich: Hilf mir.«

Rilke erkennt, dass sein Gespräch mit Paula und damit ihre Freundschaft niemals enden und bei jeder Lektüre seines Requiems weitergetragen wird.


[1] Milan Kundera: Verratene Vermächtnisse (Übersetzung Susanna Roth), München 1994.

[2] Connie Palmen: Die Freundschaft (Übersetzung Hanni Ehlers), Zürich 1996.

[3] Gunna Wendt: Erika und Therese. Erika Mann und Therese Giehse – Eine Liebe zwischen Kunst und Krieg, München 2018.

[4] Gunna Wendt: Clara und Paula. Das Leben von Clara Rilke-Westhoff und Paula Modersohn-Becker, München 2023.

[5] Günter Busch und Lieselotte Reinken (Hg.): Paula Modersohn-Becker in Briefen und Tagebüchern, Frankfurt 1979.

[6] Clara Rilke-Westhoff in Rolf Hetsch (Hg): Das Buch der Freundschaft, Berlin 1932.

[7] Jacques Derrida: Lyotard und wir (Übersetzung Susanne Lüdemann), Berlin 2002.

[8] Rainer Maria Rilke: Requiem für eine Freundin, Leipzig 1936.

Verfasst von Gunna Wendt, geboren 1953, Schriftstellerin, München

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Foto: Alexandra Gebhart

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