Bei meiner Arbeit als Krankenschwester begegne ich täglich alten Menschen. Menschen, die nicht mehr darüber sprechen, was sie eines Tages alles tun möchten, sondern darüber, was sie alles getan haben. Und über das, was sie nicht getan haben.
Ich höre von großen Lieben und falschen Entscheidungen, von Kindern, die längst selbst graue Haare haben, von Freundschaften, die ein Leben lang gehalten haben, und von solchen, die wegen eines einzigen Streits zerbrochen sind. Von Reisen, die sie nie vergessen haben. Von Orten, die sie immer sehen wollten und doch nie gesehen haben. Von Ehen, in denen sie glücklich waren, und von Beziehungen, in denen sie viel zu lange geblieben sind. Von Berufen, die ihnen alles bedeutet haben oder von denen sie rückblickend sagen: »Eigentlich wollte ich immer etwas ganz anderes machen.«
Die Menschen, mit denen ich Zeit verbringen darf, erzählen ganz unterschiedliche Geschichten. Und doch treffen sich erstaunlich viele davon irgendwann an demselben Punkt:
»Hätte ich mal …«
»Warum habe ich nicht einfach …?«
»Nun ist es zu spät.«
Und ja, es ist etwas ganz anderes, solche Sätze von einem Menschen zu hören, der tatsächlich am Ende seines Lebens angekommen ist, als von Eltern, Freunden oder Menschen im eigenen Alter, die sagen: »Mach doch mal dies. Probier doch mal das.«
Ja, ja, ich habe doch noch mein ganzes Leben vor mir – denken sich dann vielleicht viele insgeheim. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Denn der Mensch gehört bekanntlich zur Gattung der Gewohnheitstiere. Ein meist friedliches Wesen, das sich bevorzugt in vertrauter Umgebung aufhält und Veränderungen zunächst mit gesundem Misstrauen betrachtet. Seine Nahrung besteht hauptsächlich aus Routine und gelegentlich einem kräftigen Schluck »Warum sollte ich das anders machen?«. Besonders gut gedeiht es zwischen festen Abläufen, bekannten Gesichtern und dem beruhigenden Gefühl, ungefähr zu wissen, was morgen passieren wird.
Und während wir es uns in unseren Gewohnheiten bequem machen, merken wir manchmal gar nicht, wie viel von dem Leben, das wir eigentlich führen wollten, dabei an uns vorbeizieht.
Und dann warten wir. Darauf, dass wir irgendwann weniger Angst davor haben, die falsche Entscheidung zu treffen. Dass wir aufhören, dort nach Nähe zu suchen, wo wir uns längst allein fühlen. Dass wir uns nicht länger kleiner machen, nur damit wir in ein Leben passen, aus dem wir längst herausgewachsen sind. Dass wir den Mut haben, etwas Vertrautes loszulassen, ohne zu wissen, was danach kommt. Dass wir uns erlauben, unsere Meinung zu ändern. Unsere Richtung. Vielleicht sogar unser ganzes Leben. Dass wir eines Morgens aufwachen und uns endlich bereit fühlen.
Und während wir warten, passiert etwas: Unser Leben.
Wir warten so sehr auf die richtigen Momente, dass wir manchmal übersehen, dass ein Leben größtenteils aus ganz gewöhnlichen Momenten besteht.
Vielleicht wirst du dich mit achtzig Jahren nicht an diesen einen stressigen Dienstag erinnern. Vielleicht würdest du aber alles dafür geben, ihn noch einmal erleben zu dürfen: Noch einmal morgens ohne Hilfe aufstehen. Noch einmal barfuß durchs eigene Zuhause laufen. Noch einmal die Kinder streiten hören. Noch einmal mit deiner Mutter telefonieren. Noch einmal über die Zahnpastatube deines Partners schimpfen. Noch einmal selbst einkaufen gehen. Noch einmal mit Freunden an einem Tisch sitzen und über vollkommen belanglose Dinge lachen.
Das Tragische ist vielleicht nicht, dass diese Dinge vergehen. Das Tragische ist, dass wir meistens erst merken, wie wertvoll sie waren, wenn sie nicht mehr selbstverständlich sind.
Zeit macht kein Geräusch, wenn sie verschwindet.
Natürlich bedeutet das nicht, dass wir jetzt panisch unser Leben umkrempeln müssen. Wir müssen nicht kündigen, nach Bali fliegen, Fallschirm springen und jeden Morgen so behandeln, als wäre es unser letzter.
Vielleicht wäre auch das nur eine andere Art, am Leben vorbeizurennen. Denn die Erkenntnis, dass unsere Zeit begrenzt ist, kann uns auf zwei Arten beherrschen: Wir können so tun, als hätten wir unendlich viel davon. Oder wir können versuchen, aus jedem einzelnen Augenblick etwas Unvergessliches zu machen. – Beides nimmt die Gegenwart nicht ganz ernst. Das eine verschiebt das Leben auf später. Das andere überfordert es mit der Erwartung, ständig etwas bedeuten zu müssen.
Vielleicht liegt darin ein Widerspruch, den wir nicht auflösen können: Erst weil unsere Zeit begrenzt ist, bekommt sie Gewicht. Aber sobald wir dieses Gewicht in jedem Moment spüren wollen, wird das Leben schwer.
Vielleicht müssen wir unsere Endlichkeit deshalb nicht ständig vor Augen haben. Vielleicht reicht es, sie nicht mehr zu verdrängen. Denn ein gutes Leben ist vermutlich keines, in dem wir keinen Augenblick verschwendet haben. Das wäre ohnehin unmöglich. Vielleicht ist es eines, bei dem wir irgendwann feststellen können: Ich musste nicht überall gewesen sein. Aber dort, wo ich war, war ich nicht immer schon auf dem Weg woandershin.
Und bei all diesen Gedanken dürfen wir eines nicht vergessen: Die Menschen, die heute am Ende ihres Lebens stehen, haben unter anderen Bedingungen gelebt. Viele hatten nicht die Möglichkeiten, die wir heute haben. Gesellschaftliche Rollen waren enger, finanzielle Abhängigkeiten größer, Scheidungen schwieriger, Lebenswege vorgezeichneter. Nicht jeder unerfüllte Traum wurde aus Feigheit aufgegeben. Deshalb sollten wir die Geschichten alter Menschen nicht hören und denken: Ihr hättet eben mutiger sein müssen.
Vielleicht sollten wir etwas anderes denken: Was können wir aus eurem Leben lernen, solange wir unseres noch verändern können? Denn selten höre ich Menschen sagen:
»Hätte ich doch mehr Überstunden gemacht.« Oder: »Hätte ich meine Wohnung häufiger geputzt.« Oder: »Hätte ich mich mal mehr darum gekümmert, was die anderen über mich denken.«
Am Ende werden andere Dinge groß. Zeit. Gesundheit. Liebe. Versöhnung. Erinnerungen.
Und plötzlich werden Dinge klein, die uns heute manchmal den Schlaf rauben. Ob wir fünf Kilo mehr oder weniger gewogen haben. Ob jemand unsere Entscheidung verstanden hat. Ob wir mithalten konnten.
Vielleicht besteht die Kunst des Lebens darin, diese Größenverhältnisse nicht erst am Ende zu verstehen. Denn eines Tages wird es auch um uns stiller werden. Der gefüllte Kalender, der uns heute manchmal erdrückt, wird leerer sein.
Und vielleicht sitzt dann eine Krankenschwester an unserem Bett. Vielleicht ein junger Mensch, der uns zuhört und innerlich denkt, er hätte noch unendlich viel Zeit.
Und dann erzählen wir und vielleicht sagen auch wir irgendwann: »Hätte ich mal …«
Denn niemand trifft immer die richtige Entscheidung. Niemand nutzt jede Chance. Niemand sagt immer im richtigen Moment das Richtige. Es geht nicht darum, irgendwann ohne einen einzigen Fehler zurückzublicken.
Es geht vielleicht nur darum, dass wir nicht eines Tages feststellen, dass wir unser halbes Leben mit Warten verbracht haben. Auf mehr Mut. Mehr Geld. Mehr Sicherheit. Mehr Zeit. Auf irgendein Zeichen.
Es gibt keinen perfekten Moment. Keinen Tag, an dem plötzlich alle Zweifel verschwunden sind. Keinen Morgen, an dem das Leben vor unserer Tür steht und sagt: »So. Jetzt kannst du anfangen.«
Das hier ist keine Generalprobe. Das ist bereits die Vorstellung.
Deswegen ruf den Menschen an, an den du in letzter Zeit so oft denken musst.
Besuch deine Eltern, auch wenn du nur eine Stunde bleiben kannst.
Mach das Foto, auch wenn du dich heute nicht besonders schön fühlst.
Bleib bei der Umarmung ein paar Sekunden länger. Schick die Nachricht, die du seit Tagen immer wieder tippst und dann doch löschst.
Sag Nein zu Dingen, die dich schon lange mehr kosten, als sie dir geben.
Bewirb dich auf den Job, bei dem du glaubst, noch nicht gut genug zu sein.
Kauf das Ticket. Fahr ans Meer. Nimm den Umweg, wenn du dort glücklicher bist.
Geh schwimmen, auch wenn du deinen Körper heute lieber verstecken würdest.
Frag nach, statt dir noch hundertmal auszumalen, was die Antwort sein könnte.
Fang noch einmal an, auch wenn du dachtest, du müsstest in deinem Alter längst angekommen sein.
Oder sitz einfach mit einem Menschen, den du liebst, in der Küche und trink einen Kaffee. Vielleicht ist genau das eines Tages die Erinnerung, für die du alles geben würdest.
Und wenn irgendwann jemand an deinem Bett sitzt und dich nach deinem Leben fragt, musst du keine Geschichte erzählen, in der alles richtig gelaufen ist.
Es reicht vielleicht, wenn du sagen kannst: Ich habe geliebt. Ich habe Fehler gemacht. Ich habe mich manchmal geirrt. Ich hatte Angst und bin trotzdem manches Mal gegangen. Ich bin geblieben, wo ich bleiben wollte. Ich habe nicht jeden Traum verwirklicht.
Aber ich habe mein Leben auch nicht ständig auf später verschoben. Denn die Entscheidung darüber, welche Geschichte du eines Tages erzählst, triffst du nicht erst mit achtzig Jahren. Du triffst sie an einem völlig gewöhnlichenTag.
Vielleicht genau heute.
Verfasst von Charlotte Grah-von der Wense, geboren 1995, Krankenschwester und Mutter von zwei Kindern, Hamburg