Gottesbegegnungen in der Menschenweihehandlung

Gottesbegegnungen in der Menschenweihehandlung

… im Wort (I)

Mit den Worten »Tut dies zu meiner Erinnerung!« (Lk 22,19) deutet Christus bei der Einsetzung des Abendmahls an, dass uns Christen seine Gegenwart im Feiern des heiligen Mahles verheißen ist. Das griechische Wort für Erinnerung ἀνάμνησις (anamnesis)kann auch als »Vergegenwärtigung« übersetzt werden. Im sakramentalen Geschehen erwarten wir die Gegenwart Christi. Er lädt uns mit jedem Abendmahlsgottesdienst zu Tisch, um sich mit uns zu vereinen. Mit dieser Beitragsserie möchte ich zu dem Versuch einladen, die unterschiedlichen Gottesbegegnungen in der Feier der Menschenweihehandlung zu erkunden – im Wort, im Opfer, im Wandeln, im Einswerden.

Das Schöpferwort

Die Entstehung der Welt, der Uranfang alles Seins und Lebens, geschieht entsprechend der jüdisch-christlichen Weltsicht durch das Erklingen des Schöpferworts der Elohim: Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht (1. Mose 1,3). Am Anfang der Schöpfung steht demnach weder ein Bild noch eine Gebärde, sondern das Tönen aus dem Mund eines Gotteswesens, das die Welt, ihre Elemente und die sie bevölkernden Lebewesen aus sich selbst hervorgehen lässt. Stille wird Klang, Klang wird Wort und Wort wird Wirklichkeit. Im Wort erwacht das unfassbare Ungeschaffene zur erfahrbaren Realität des Geschaffenen. Das Wort erweist sich als Brücke vom Geistigen zum Sinnlichen. Die Innenseite seines geistigen Sinns liegt hinter der Außenseite seiner sinnlichen Erscheinung. Was geschah in der Weltenpause zwischen dem Nennen des Lichts und dem Werden seines ersten Glanzes? Wie atmeten sich die Schöpfergeister in die Welt hinaus und wie trägt die Welt fortan den Keim des Schöpferischen in sich?

Nach dem ersten Schöpfungsbericht, in dem die sieben Tages-Schritte der Gottesoffenbarung aus dem Wirken der Schöpfergeister (Elohim) geschildert wird, findet sich in der Genesis der zweite Schöpfungsbericht, der damit beginnt, dass die Gottheit JHWH (Jahwe) dem aus »Staub vom Erdboden« geformten Menschen den Atem des Lebens einbläst. Wieder ist es der göttliche Hauch, der schöpferisch wirksam wird, indem er dem Menschen übergeben wird. Bevor dieser jedoch seine eigenen Worte als die Namen der lebendigen Vielfalt um sich herum wirksam werden lässt, kommt es zu einer ersten Begegnung des Schöpfers mit seinem Menschen, indem Gott sich ihm zuwendet und erste Worte zu ihm spricht: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben (1. Mose 2,16–17). Welches Drama liegt für den Menschen bereits in diesem ersten Gewahrwerden eines göttlichen Gegenübers: Ihm wird das Leben inmitten der Paradiesgeschöpfe geschenkt, wenn er in der Gegenwart des göttlichen Gebotes bleibt – und zugleich der Tod verheißen, wenn er dem göttlichen Wort zuwiderhandelt. Hier klingt bereits zart die Frage nach der Würde, der Reinheit des Menschen gegenüber Gott an, die sich im Umgang mit seinen Gedanken, Worten und im Handeln zeigen kann.

Ungeachtet der Spannung zwischen Leben und Tod, Reinheit und Unreinheit folgt erst einmal eine Gebärde göttlichen Zulassens, indem der Schöpfer Raum für das Namengeben des Menschen gibt: JHWH formte aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde (1. Mose 2,19). Hohe Verantwortung für die Pflege der Schöpfung lässt sich daraus ableiten, dass Gott seine Geschöpfe dem Wortwirken des Menschen unterstellt, denn in dem Vers heißt es weiter: Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte sein Name sein. Es ist nicht einerlei, wie wir im Reden, Erkennen und Handeln untereinander und mit allen Mitgeschöpfen umgehen: Erweisen wir uns dem Geist des Gotteswortes gegenüber gehorsam oder entfernen wir uns davon? Bevor ich auf dieses Thema zurückkomme, soll das schöpferische Wort von einer anderen Seite aus beleuchtet werden, nämlich im Zusammenhang mit der griechischen Logos-Lehre.

Christus und die griechische Logos-Philosophie

In seinem Buch Die Logoslehre zeigt Wilhelm Kelber den auf dem Boden der antiken griechischen Philosophie gewachsenen Verständniszugang zum Sohnesgott Christus auf. Dieser kann nach den ersten Versen des Johannesevangeliums als das schöpferische Prinzip der Welt und des Menschen erkannt werden. Kelber fasst seine Gedanken im Schlusswort des Werks in folgende Worte: Die Logoslehre war die reifste Frucht der griechischen Gedankenwelt. Sie wurde zum Samen der Erkenntnis des Christus als des Weltenwortes, des göttlichen Sohnes.[1] Ausgehend von einem Satz des Heraklit von Ephesos (* um 520 v. Chr.; † um 460 v. Chr.) führt Kelber zuvor den Kern und »Lebensnerv« der Logoslehre in fünf Schritten aus: Wenn Heraklit sagt: Der Seele ist der Logos eigen, der aus sich selbst wächst,[2] weise er damit auf den Keim im Menscheninnern, aus dem sich das Menschenwesen in die Zukunft hinein entwickeln kann. In einem Ausspruch des römischen Philosophen Lucius Annaeus Seneca (* etwa im Jahre 1 in Corduba; † 65 n. Chr. in der Nähe Roms) findet Kelber einen Hinweis auf den Hintergrund dieser Notwendigkeit des Wachstums für den Menschen über das Natürliche hinaus: Die Natur gab uns den Logos unvollständig. Aber er kann vollendet werden. Diese Vervollkommnung wird dem Menschen dadurch möglich, dass der Logos selbst als Mensch in die Welt geboren ist. Das wird in den Worten des Johannesprologs unmittelbar gesagt: Und der Logos ward Fleisch (Joh 1,14). Kelber führt dazu aus: Die christlichen Logoslehrer verstanden die Menschwerdung des Logos so, dass damit das Samenkorn eines hundertfachen Logoswerdens in das Saatfeld der Menschheit gelegt war.[3] Den vierten Schritt, in dem das Ich des Menschen als Keim in dieses Wachstum einbezogen ist, findet Kelber im Brief an die Kolosser: Die Hoffnung ist für euch in den Himmeln aufbewahrt. Ihr habt vorher von ihr gehört im Logos der Wahrheit, der im Evangelium spricht. Er ist zu euch gekommen und trägt Frucht und wächst wie im ganzen Kosmos, so auch in euch (Kol 1,5–6). Im fünften Schritt erscheint schließlich das Wachsen des göttlichen Logos zugleich in der Welt und in den Menschen. Dafür zeugt ein Vers aus der Apostelgeschichte: Und der Logos Gottes wuchs, und die Zahl der Jünger wurde groß … (Apg 6,7).

Unreinheit und Reinigung des Menschenwortes

Das menschliche Wort steht im Sinne des bisher Dargestellten auch für unser Denken, für unsere Beziehungen und unser Verhalten zur Welt, zu unseren Mitgeschöpfen und zu uns selbst. Es liegt in unserer Verantwortung, ob wir damit der Wahrheit, dem Wesen und der Würde anderer gerecht werden oder ob wir darin fehlgehen. Liegen wir im »Namengeben« falsch, vergehen wir uns nicht nur an denen, denen wir damit Unrecht zufügen, sondern fallen auch selbst von dem Niveau des reinen Umgangs mit der Umgebung ab. In einem Streitgespräch Jesu mit Schriftgelehrten geht es um die Frage der rituellen Reinigung. Seine Gesprächspartner nehmen Anstoß daran, dass die Jünger vor dem Essen nicht die vorgeschriebene Reinigung der Hände vollzogen haben. Jesus antwortet ihnen: Nichts, was außerhalb des Menschen ist und in ihn hineinkommt, kann ihn verunreinigen; sondern was aus ihm herauskommt, das ist es, was den Menschen verunreinigt (Mt 7,18). Vor den Jüngern führt er etwas später aus, worin diese Unreinheit im Einzelnen besteht: Denn von innen, aus dem Herzen des Menschen, kommen die bösen Gedanken hervor, Ehebruch, Unzucht, Mord, Diebstahl, Geiz, Bosheit, Betrug, Zügellosigkeit, Neid, Lästerung, Hochmut, Unvernunft (Mk 7,21–22). Bezogen auf die beiden Bewegungen in der Schöpfung bedeutet das: Der Atem Gottes, der auch heute in uns einziehen kann, verunreinigt uns nicht, wohl aber unser eigenes Wortwirken in falschen Urteilen, in negativen Gefühlen und destruktiven Handlungen, die der Unreinheit unseres von Gott entfremdeten Herzens entspringen.

Der erste Teil der Menschenweihehandlung, in dessen Mitte die Lesung des Evangeliums steht, ist als Zeit-Raum für eine erste Gottesbegegnung in jeder Feier gestaltet: Im Hören des Gotteswortes kann der Atem des Schöpfers empfunden werden, der als lebendiger und lebensspendender Strom bis in unser Herz einzieht. Es war nicht zu allen Zeiten der Kirchengeschichte deutlich, dass der feierlichen Lesung aus der Heiligen Schrift der Charakter eines heilenden Rituals zukommt. Hier geht es jedoch um die Berührung mit dem Lufthauch Gottes, der seit dem Beginn der Welt für seine fortwährende Gegenwart zeugt. Im Wortstrom vom Altar suchen unsere Ohren und Herzen, womit sie sich als dem »reinen Leben« Christi an diesem Tag neu erfüllen und reinigen möchten. Wie lässt sich nun beim Hören des Evangeliums bemerken, dass darin göttliche Wirksamkeit liegt? Dazu ein Beispiel: Beim ersten Besuch von Konfirmandengruppen im Zugehen auf die Feier des Sakraments übe ich meist das gemeinsame Nacherzählen eines Evangelienstücks. Am Schluss frage ich sie nach ihren Erlebnissen bei dieser Aktivität. Oft dauert es etwas, bis das Naheliegende klar ist: Die Worte des Evangeliums lassen Bilder in der eigenen Seele entstehen. Das geschieht ja auch sonst im Hören von Geschichten. Auf die Frage, was nun mit den besonderen Bildern aus dem Leben und Wirken Jesu Christi in der Seele vor sich geht, antwortete einmal ein Konfirmand: »Die kommen irgendwie zu den Bildern aus meinem Leben dazu.« Diese Antwort hat mich sehr berührt.

Es gehört ja zum Ritual der Lesung des Evangeliums in der Menschenweihehandlung, dass sich die Anwesenden zum Hören erheben. Für mich liegt in dieser liturgischen Handlung weit mehr als ein Aufstehen aus Höflichkeit oder bei gesellschaftlichen Anlässen: Es geht dabei um die Erhebung des Herzens, um das fein angedeutete Erklimmen einer Höhe, die das Aufnehmen des Schöpferatems zu einem reinigenden Augenblick machen kann.


[1]Wilhelm Kelber: Die Logoslehre, Stuttgart 1958, S. 271.

[2]Fragment DK 22 B 115 (ψυχῆς ἐστι λόγος ἑωυτὸν αὔξων).

[3]Siehe Fußnote 1.

Verfasst von Ulrich Meier

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