Eigentlich begann alles im Sommer 1979. Ausgedehnte Apfelplantagen, üppiges Grün zwischen den sonnenverbrannten Hügeln Galiläas. Die weißen Kuben der Kibbuzhäuser, umgeben von Laufgräben, Wachtürmen, Schäferhunden und Stacheldraht. Es war eine schwierige Zeit für die Menschen im Norden Israels, unweit der Grenze. Die Gefahr von terroristischen Anschlägen allgegenwärtig.
Ich erinnere mich noch, wie wir abends in der Dunkelheit, von Safed kommend, die heiße Teerstraße aus dem Huletal gen Yiftah bergan stiegen, laut Lieder singend, um von der IDF[1] nicht mit Terroristen verwechselt zu werden. Wir hatten den letzten Bus verpasst. Vielleicht schützte uns unsere jugendliche Naivität. Wir waren jung und frei und genossen das Kibbuzleben, die internationale Gemeinschaft der Freiwilligen. Es gab nicht so viele Möglichkeiten damals, hinaus in die Welt zu kommen. Manche zog es nach Indien. Andere suchten Arbeit in einer Camphill-Gemeinschaft oder einem Freiwilligendienst bei der Aktion Sühnezeichen. Wir wählten die Mitarbeit im Kibbuz. Sechs Tage die Woche arbeiteten wir auf den Feldern, meist pflückten wir Äpfel. Von der Plattform meines Hubsteigers aus konnte ich den Zaun sehen, der die Grenze zum Libanon markierte. Terra Incognita. Verbotenes Terrain. Täglich sah ich den Zaun und spürte Neugier in mir. Die Sehnsucht nach dem Leben dahinter. Die Neugier, zu entdecken, was dieser Zaun mir versperrte.
Ein Vierteljahrhundert sollte es dauern, bis sich meine Sehnsucht erfüllte und ich in den Libanon reiste. Es war im Frühling 2005. Auf dem Märtyrerplatz im Herzen Beiruts standen noch die letzten Zelte der Protestierenden, lagen die letzten Rosen, Boten der Zedernrevolution. Mehr als ein Viertel der libanesischen Bevölkerung hatte sich hier zu Demonstrationen versammelt gehabt, um die syrischen Besatzungstruppen zu vertreiben. Jetzt waren deren Stellungen verlassen, und die Hoffnung auf Neuanfang hatte sich voller Freude als frühlingshafter Blütenteppich über das kleine Land gelegt. Die reich bewachsenen Täler und das Grün der Berge kontrastierten mit dem gleißenden Weiß der Berggipfel, welche sich vor einem blau leuchtenden Himmel abzeichneten. Das Land, in dem Milch und Honig fließt.[2] Tausende Wasserfälle, die aus klarem Quell musizierend zu Tal strömten. Fruchtbarkeit als Zeichen der Zusage Gottes. Ich war überrascht von den Kreuzen, welche die Berggipfel krönten, und dem Klang der Kirchenglocken, welcher die Täler erfüllte. Das war so völlig unerwartet, auf etwas Vertrautes zu treffen in einem fremden Land, auf etwas Vertrautes in einer fremden Form. Das war eine Einladung hinzuschauen, tiefer zu gehen, das scheinbar Vertraute neu zu denken und neu zu entdecken.
Ein Kloster tief in den Bergen hatte es mir besonders angetan: Das Antoniuskloster von Qozhaya im Heiligen Tal. Die nächsten 15 Jahre sollte ich Frühling für Frühling wieder hierher kommen und manches Mal auch im Winter. Das Herz des Klosters war die in eine Felsengrotte hineingebaute Kirche, ihre prachtvolle orientalische Fassade, die breite Plattform davor, die wie ein Kreuzgang zum Wandeln einlud und gleichzeitig wie die Brücke eines Schiffes die umgebende Wildnis überragte. Wildnis und doch gebändigt, über 1.500 Jahre der Natur abgerungen, steile Terrassen, mit Obstbäumen bepflanzt, einstmals mit Getreide bewachsen oder mit Wein. Die Tage waren gerahmt von den Stundengebeten der maronitischen Mönche, ihr rhythmischer Gesang auf Arabisch und manchmal auch Aramäisch. Dazwischen erkundete ich zu Fuß die Schluchten des Heiligen Tals, des Qadishatals. Tag für Tag war ich unterwegs, weitete allmählich den Radius meiner Wanderungen. Es brauchte Jahre, um all die Klosterruinen und alten Wege zu entdecken, die im Dickicht der Sträucher zwischen den Felsen verborgen lagen. Ungläubiges Staunen, wenn ich in zerfallendem Gemäuer alte Fresken aus der Zeit des 12. Jahrhunderts entdeckte. Ehrfurcht, wenn ich auf die Gebeine verstorbener Eremiten stieß. Erst einige Jahre vor meiner ersten Begegnung mit dem Libanon hatte man in einer Höhle dort die Mumien von Frauen und Kindern entdeckt, welche sich am Ende der Kreuzzugszeit vor den anrückenden Mamelucken versteckt hatten und dort verhungert waren. Unterwegs kam ich bei meinen Streifzügen an Gehöften vorbei, deren Bewohner mich mit orientalischer Gastfreundschaft zu einem Kaffee einluden. Frauen, die in Gemeinschaft am Dorfofen Brot buken und mir ein paar warme Fladen mit auf den Weg gaben. An den Sonntagen sah ich sie wieder im Gottesdienst. Allmählich entstand Vertrauen, entstanden Freundschaften. Bei Regenwetter saß ich mit den Bediensteten des Klosters am warmen Ofen zusammen, und wir unterhielten uns. Jahre später sagte mir jemand: »Weißt du, du bist gekommen und hast uns zugehört. Du hast dir Zeit genommen und nicht alles besser gewusst.« Vielleicht ist dies ein Geheimnis gelingender Begegnung: zu lauschen, zuhören, Lernender zu sein. Da kommt auch die Dimension der Zeit mit ins Spiel. Dass wir vertraut werden können. Mit einer Landschaft. Mit den Menschen. Und plötzlich können sich tiefgehende Gespräche ergeben, über Leben und Tod. Und im Spannungsfeld des Unterwegsseins wird uns bewusst, wie viel Verbindendes doch zwischen uns Menschen ist, das nackte Menschsein, welches uns über alle Unterschiede miteinander verbindet: Unsere Freude. Unser Leid. Einmal machte ich auf der Anhöhe Rast, und Maroun, der Schäfer, gesellte sich zu mir, erzählte im Dialekt. Ein verwittertes Gesicht über einer derben Filzjacke. Ich verstand kein Wort. Aber ich hörte zu. Als ich bei meiner Rückkehr ins Kloster meinen Bekannten davon erzählte, lachten sie: »Auch wir verstehen ihn nicht, seine Sprache verstehen nur seine Schafe.« Es ist die Zeit und die Aufmerksamkeit, die wir dem anderen widmen.
Für mich war es nicht zuletzt die Vielfalt des christlichen Glaubens, die Fülle an Formen und Liturgie, der verbindende Urgrund im Christus, der mir zu einem Fundament in der Begegnung mit den Menschen dort wurde. Im ersten Jahr hätte ich am Karfreitag beinahe die Prozession vor der Kirche verpasst. Ich hatte auf Ostern gewartet. Die Gläubigen dort zeigten mir: Ostern ist die Hoffnung auf Auferstehung, Karfreitag ist das Wissen um das Kreuz, welches die Menschen dort täglich hautnah erleben. Beides ist untrennbar miteinander verbunden. Tausende strömen dort jeden Karfreitag zum Kloster, um ihr Leid ans Kreuz zu binden. Weil sie wissen, dass da einer auch ihre Last mitträgt. An manchen Abenden läutete es noch spät an der Klosterpforte, weil Menschen in ihrer materiellen Not und Verzweiflung spirituellen Beistand im Kloster suchten. Manchmal ist das Leben einfach eine Zumutung. Und dann braucht es den Seelsorger mehr denn je.
Einer davon war ein Einsiedler, Vater Dario, der in einem an steiler Felswand klebenden Kloster lebte. Allein mit dem Tal, mit Hitze und Kälte, den schroffen Felsen und einem weiten Himmel. Hunderte Stufen führten steil hinab zu seiner Klausur. Immer wieder suchten die Menschen ihn auf, um seinen Rat zu erbitten, um zu beichten, sich aufzurichten. Auch mich führten meine Schritte so manches Mal zu ihm. Manchmal saß ich einfach im kleinen Hof des Klosters, ohne ihn zu stören. Atmete die Ruhe und Kraft des Ortes ein, die so spürbar war. Dario Escobar war ein Mensch voller Humor und bei allem von großer Einfachheit. In Kolumbien geboren, einst Professor für Theologie und Psychologie, Berater beim Vatikanischen Konzil, hatte er in den Slums von Miami gearbeitet, bevor er sich entschied, alle Welt zu verlassen und als Einsiedler in den Bergen des Libanon zu beten. Ein kleiner Garten auf einer Terrasse unweit der Klause brachte bescheidene Nahrung. Als ich ihn an einem Wintertag besuchte, standen wir auf der Brüstung der Klosterzinnen und schauten über das wilde Land. Er erzählte, dass er jetzt im Winter der einzige Mensch hier im Tale und dass dies das Paradies für ihn sei. Dann schwieg er eine lange Weile. Schließlich sagte er leise: »Es ist fast schon der Himmel.« Am 18. Mai 2026 ist er dorthin zurückgekehrt.
Vieles kann uns die Begegnung mit der Fremde schenken. In der Begegnung mit dem Anderen erlebte ich die Chance, den Wert von Eigenem zu erfahren. Im Libanon war es, dass ich mir erstmals bewusst wurde, was »Einigkeit und Recht und Freiheit« wirklich bedeuten, und dass es weit mehr als Floskeln sind. Ich erlebte Dankbarkeit für das Land, aus dem ich herkam. Und erlebte Dankbarkeit für das Land, welches mich willkommen hieß. Gleichzeitig wurde auch spürbar, wie sehr mich die Fremde immer wieder mit meinen eigenen Empfindlichkeiten, meinen persönlichen Eigenheiten konfrontierte. Der andere kulturelle Code lässt unsere Erwartungen so manches Mal gegen die Wand laufen, führt zu schmerzlichen Missverständnissen. Die Fremde kann so in manchen Momenten ein recht brutaler und doch nützlicher Spiegel für uns selbst werden. So können wir Lernende werden im Wissen um uns selbst. Erspüren, was in uns selbst noch der Heilung bedarf.
Manchmal braucht es den Mut des ersten Schrittes. Alles Weitere ergibt sich dann von selbst. Aus dem ersten Schritt erwachsen alle anderen. Und wagen wir den einen, mag Gott den Rest hinzufügen. So ging es mir mit dem Libanon. Plötzlich öffneten sich Türen und führte mich mein Weg auf den Spuren unserer christlichen Brüder und Schwestern weiter gen Norden, gen Osten, der Sichel des fruchtbaren Halbmondes entlang bis nach Mesopotamien. Dort begegnete ich dann wieder 2.700 Jahren jüdischer Geschichte, begegnete den jüdischen Wurzeln des Christentums und erfuhr, dass jüdisch-christliches Zusammenleben ein ganz anderes und besseres Fundament haben kann als viele in Europa meinen. Aber das ist eine weitere Geschichte.
Mit libanesischen Studenten bestieg ich den Musa Dagh, den Mosesberg bei Antiochia, einen der wenigen Orte, an dem Armenier im Jahr 1915 erfolgreich Widerstand gegen ihre Vernichtung leisten konnten. Ein Professor aus Beirut hatte die Reise initiiert, um seine jungen armenischen Studenten mit mutmachenden Orten ihrer Geschichte zu verbinden, ihr Selbstvertrauen als Grundlage für den Dialog zu stärken. Ein junger Muslim, der sich der Gruppe angeschlossen hatte, antwortete auf meine Frage, warum er mit dabei sei: »Weil ich verstehen möchte, was Vergebung bedeutet.«
In Aleppo konnte ich durch Vermittlung von libanesischen Freunden in dem Gemeindehaus einer syrischen Pfarrgemeinde unterkommen. Das war noch vor dem Bürgerkrieg. Die Nächte waren kurz für mich, denn Abend für Abend versammelten sich Gemeindemitglieder dort zum Spielen, zum Gespräch und zum Austausch. Ein äußerst lebendiges Miteinander. Die Gemeinde war wirklich der Lebensmittelpunkt dieser Menschen. Tagsüber war ich unterwegs und erkundete die Altstadt mit der Zitadelle, ihren Souqs (Märkten) und zahlreichen Kirchen. Die Parks waren grün und voller Wasserspiele. Die Stadt war ungewöhnlich sauber und das Wasser aus der Leitung trinkbar. Am frühen Abend fand ich Erholung im Gottesdienst mit seiner wundervollen syrischen Liturgie. Es war Mai, und jeden Abend fanden Marienandachten statt. Die Kirche war voll. Noch vor weniger als einem Jahrhundert waren etwa ein Drittel der Aleppiner Christen. Als ich weiterfuhr, setzte sich eine junge Lehrerin zu mir in den Bus. Sie hatte mich angesprochen aus Neugierde, um ihr Englisch zu nutzen. Sie nahm einen Umweg in Kauf, um mehr Zeit fürs Gespräch zu haben. Bevor sie ausstieg, bat sie einen Soldaten, für mich Sorge zu tragen, dass ich gut ans Ziel käme. Als dieser den Bus verließ, vertraute er mich einem jungen Mann an. Und der sprach mit dem Busfahrer, damit mich dieser über die Endhaltestelle hinaus an mein Ziel brächte, zu einem Kloster inmitten der syrischen Wüste.
So kann die Fremde sich uns gastlich zeigen. Und vielleicht ist es das, was wir unbewusst suchen, ersehnen. Das Erleben von Beheimatung im Fremden. Dann ist es wie mit der Wüste, als in der Nacht der Regen fiel und morgens ein zarter Blütenteppich die Umgebung des Klosters überzog. In der Hoffnung, das zu erfahren sind wir hinausgezogen. Und sind doch unendlich überrascht, wenn es eintritt. Ein Schimmer des Himmels, ein zartes Versprechen.
[1]Israel Defence Forces
[2] Mose 3,8
Verfasst von Matthias Disch, Berlin