Reisen öffnet mein Herz, erweitert meinen Horizont und füllt mein Leben mit Geschichten

Meine Erlebnisse mit Wohnwagen und Wohnmobil in fremden Landen

Sobald die Tage länger werden, der Sommer seine Ankunft verheißt und die Sonne die Regentage vertreibt, erwacht jenes vertraute Gefühl von Fernweh. Der blaue Himmel grüßt, als wolle er mich hinaus locken in die Weite der Welt. Dann regt sich dieses leise Ziehen in der Seele – eine Art Heimweh nach dem Unterwegs-Sein, das sanft und doch bestimmt spricht: »Komm, brich auf. Geh auf die Räder, mit deinem eigenen Schneckenhaus. Zieh hinaus in die Freiheit.« Es ist ein Ruf, der mich hinausführt aus der Enge des Alltags, aus Pflichten und Gewohnheiten. Ein Ruf, der dazu verlockt, Grenzen zu überschreiten – nicht nur geographische, sondern auch jene in mir selbst. Irgendwohin. In stille Gegenden, fern der überlaufenen Wege, wo der Massentourismus keinen Platz hat und die Welt noch atmen kann.

Und doch: Ganz ziellos ist dieses Reisen nicht. Meine Wege führen mich immer wieder in mein geliebtes Land Polen – zu verlassenen Kultstätten, verwunschenen Friedhöfen, alten Kirchen aus vergangenen Zeiten. Orte, die etwas erzählen, auch wenn niemand mehr dort ist. Orte, die meist abseits liegen, verborgen hinter unscheinbaren Abzweigungen, abseits der Hauptstraße. Wo ließen sich solche Wege besser finden als in den weiten Landschaften Ostpolens – nahe den Grenzen zur Ukraine, zu Weißrussland oder zur russischen Enklave des ehemaligen Ostpreußens? Dort habe ich mit der Zeit ein Gespür entwickelt für Orte, an denen die Wege enden: sei es an einem stillen See, an einem einsamen Flussufer, wo vielleicht nur ein Fischer schweigend seine Angel hält, sei es tief in den Wäldern oder draußen in der »Pampa«, wie man so sagt. Dazu braucht es Vertrauen – jenes stille Vertrauen, in dem der eigene Wille zurücktritt und man einem unsichtbaren Begleiter, einem Schicksalsengel, freie Bahn lässt, in der Gewissheit, dass er einen auf die richtigen Wege führen wird.

Wenn dann plötzlich ein schmaler Schotterweg ohne Hinweisschild von der Asphaltstraße abzweigt, kommt zunächst ein Moment des Zögerns: Kann ich hier noch umdrehen? Was, wenn es eine Sackgasse ist? Doch dann entscheide ich mich dafür, es zu wagen. Solange ich noch rückwärts fahren kann, ist ja alles gut. Keine Campingplätze. Keine Zeltplätze. Einfach irgendwo stehen, umgeben von reiner Natur. Allein. Allein? Nein. Denn meine treuen Seelenwesen – die beiden Hunde – sind immer an meiner Seite. Schweigend geben sie den Ton an, wohin wir ziehen und wo wir übernachten sollen, damit auch sie ihren freien Auslauf haben, fern von Menschen und anderen Hunden, die sie stressen könnten. Erst wenn ich miterleben darf, wie sie voller Freude an fremden Orten umherstreifen, unbekannte Düfte erschnüffeln und neugierig die Welt erkunden, bin auch ich glücklich und zufrieden.

Doch wie hat dieses ganze Abenteuer eigentlich begonnen – das Reisen mit eigenem angehängten Schneckenhaus?

Ab 2001 lebte ich in Cuxhaven. Ein älteres Gemeindemitglied erzählte mir eines Tages von seinen Reisen mit seiner Frau und ihrem Wohnwagen. Er schwärmte davon und zeigte mir viele Fotos aus jener Zeit. Viele Jahre seien sie unterwegs gewesen, sagte er – nun aber seien beide zu alt geworden, um solche Fahrten noch zu machen. In seiner Stimme lag eine Mischung aus Wehmut und Dankbarkeit. Zugleich aber auch eine Begeisterung, die mich ansteckte.

Damals begann ich mich umzusehen – noch in den frühen Zeiten des Internets – und entdeckte schließlich in Bremen einen Händler. Dort fand ich einen sogenannten »Alutropfen«, einen kleinen Wohnanhänger, der inzwischen als Kultgefährt gilt, schlicht und kompakt. Da war eine kleine Sitzecke mit Tisch, die abends zu einem Bett umgebaut wurde, dazu eine einfache Küche. Nicht viel – und doch alles, was man brauchte. Ich kaufte ihn. Mein älterer Campingfreund begleitete mich bei den ersten Schritten. Er erklärte mir, wie man den Anhänger richtig ankuppelt, wie man vorwärts fährt, vor allem aber auch rückwärts manövriert und worauf man achten muss. Da ich als ehemalige Landwirtin gewohnt war, mit Traktoren und Anhängern umzugehen, fiel es mir leicht, mit diesem kleinen Gefährt zu rangieren. Es hatte etwas tief Berührendes: Dieser »alte Camping-Hase«, der selbst nicht mehr reisen konnte, gab seine Erfahrungen mit Freude und Hingabe an mich weiter. Einen besseren Lehrer hätte ich mir nicht wünschen können. Meine erste Fahrt führte mich in die Umgebung von Bremen. Noch suchte ich die Sicherheit eines Campingplatzes. Doch langsam wuchs das Vertrauen – in das Gefährt, in mich selbst und in das Unterwegs-Sein an unbewohnten Orten, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen und nachts die Käuze und Eulen rufen.

Im Laufe der Jahre wechselte ich den kleinen Anhänger gegen einen etwas komfortableren aus, bei dem ich nicht jeden Abend erst das Bett herrichten musste. Nach weiteren zehn Jahren wurde auch dieser nostalgische Wohnwagen gegen ein noch komfortableres Wohnmobil mit Toilette und Dusche eingetauscht – ein volles Schneckenhaus auf dem Rücken! Auch wenn ich mit diesem kleinen Lastwagen nun überall zum Übernachten stehen bleiben darf und in den westlichen Ländern keine Campingplätze anpeilen muss, so verbleiben noch immer etwas nostalgische Gefühle nach dem kleinen »Eriba«, der einfacher und gemütlicher ist als der Selbstfahrer. Dafür besitze ich nun eine eigene Toilette – ein nicht zu unterschätzender Luxus.

In den 25 Jahren des Reisens im eigenen Schneckenhaus durfte ich unzählige wundervolle Zeiten erleben. Andere Länder, andere Völker, Menschen und Sprachen lernte ich kennen. Ein kostbarer Schatz an Erinnerungen, den ich in mir trage. Eine meiner schönsten Reisen noch mit dem Anhänger begann im Südosten Polens. Von Rzeszów aus fuhr ich immer entlang des Flusses Bug, der sich weit nach Norden zieht – zunächst an der Grenze zur Ukraine und später zu Weißrussland – bis hinauf zum Nationalpark Białowieża, dem letzten großen Flachland-Urwald Europas. Stets blieb ich auf der polnischen Seite. Der Bug, dessen Name eine sprachliche Nähe zum Wort »Gott« hat (polnisch: Bóg), wurde mein ständiger Begleiter. Das eigentliche Ziel dieser Reise bestand darin, entlang dieser Grenzlandschaften die Spuren der alten jüdischen Gemeinden aufzusuchen und mich mit der Art zu beschäftigen, wie Juden ihre Toten begraben und ehren. Ich entdeckte alte Friedhöfe und Synagogen – Zeugen einer Kultur, die im Zweiten Weltkrieg beinahe vollständig ausgelöscht worden war. Manche dieser Orte wurden inzwischen restauriert und wieder sichtbar gemacht. Andere Friedhöfe liegen noch immer versteckt abseits der Dörfer, tief im Wald verborgen. So folgte ich immer weiter dem Fluss, der die Grenze markiert, und blickte hinüber in die Ukraine oder nach Weißrussland. Je weiter ich nach Norden kam, desto schmaler wurde der Fluss. An manchen einsamen Stellen trennten mich nur wenige Meter Wasser vom gegenüberliegenden Ufer. Einige Schwimmzüge – und ich wäre in Weißrussland. Keine Grenzwächter. Keine Soldaten. Nur ein hölzerner Pfosten auf der polnischen Seite, geschmückt mit dem weißen Doppel-Adlerwappen, still und wachsam wie ein stummer Hüter der Grenze.

Auf den Spuren jüdischer Kultur im Osten waren nicht nur Friedhöfe Ziel meiner Suche. Auf dieser Reise war es mir ebenso ein tiefes Anliegen, die ehemaligen Arbeits- und Konzentrationslager aus der Zeit des Nationalsozialismus zu besuchen und der vielen Verstorbenen zu gedenken. Unzählige Bücher von Überlebenden mit ihren Erzählungen und Geschichten aus jener eit habe ich in den letzten Jahren gelesen. Ich wollte erkunden, an welchen Orten sie gelebt und gelitten haben – und wo sie gestorben waren. Ich wollte mich innerlich mit den verstorbenen Seelen verbinden und meine Würdigung im Beten an den Orten selbst kundtun.

Es waren vor allem die Vernichtungslager im Osten Polens – Sobibór, Bełżec, Majdanek, Treblinka und andere. Heute liegen sie still und abgelegen da, meist umgeben von Wald in der Abgeschiedenheit – stumme Zeugen einer schrecklichen Herrschaft, die beinahe das gesamte jüdische Leben Polens vernichtet hatte.

Auch wenn viele Besucher diese Orte aufsuchen und schweigend über das Gelände gehen, liegt dort eine eigentümliche Stimmung: etwas Erhabenes, fast Tröstendes, wie in einer großen Kathedrale, in der trotz erlittenem Leid und Schmerz ein tiefer Friede herrscht.

Gerade weil diese Orte fernab der großen Städte liegen, suchte ich mit meinem Gefährt Plätze zum Übernachten direkt angrenzend an diese Stätten. Besonders nachts, wenn die Gedenkstätten geschlossen waren und die letzten Besucher gegangen waren, veränderte sich die Atmosphäre auf eigentümliche Weise. Die Stille wurde dichter, und manchmal meinte ich, ferne Stimmen oder kaum wahrnehmbare Geräusche zu hören, als würde der Ort selbst wieder lebendig werden. Waren es die verstorbenen Seelen, die in der Nacht umhergingen? Solche Gedanken kamen unwillkürlich. Und doch empfand ich keinerlei Furcht, vielmehr eine tiefe Ehrfurcht und eine ernste Gegenwart, als würde das Leid vergangener Zeiten noch immer zwischen den Bäumen, Wegen und Steinen weiter atmen.

Wie versöhnlich und zugleich unerwartet war dagegen mein Aufenthalt in Włodawa, ganz in der Nähe von Sobibór. Die Stadt wurde bereits 1242 in einer altrussischen Chronik erwähnt und entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem Ort, an dem Menschen verschiedener Religionen zusammenlebten: Katholiken, orthodoxe Christen und vor allem Juden. Deshalb nennt sich Włodawa bis heute die »Stadt der drei Kulturen«. Umgeben von Wäldern und kleinen Seen liegt sie still und idyllisch in der Landschaft.

Zu den kulturellen Höhepunkten gehört dort das jährliche »Fest der drei Kulturen«. Als ich nach dem Besuch von Sobibór innerlich doch noch etwas bedrückt von den Eindrücken in diese Stadt kam, hatte ich das Glück, dass gerade an jenem Wochenende dieses Fest stattfand. Nach all den schweren Eindrücken war es wie ein vorsichtiger Hoffnungsschimmer, zu erleben, dass sich Menschen verschiedener Traditionen heute neu begegnen, miteinander musizieren und feiern konnten.

Diese Reise endete schließlich im Nationalpark Białowieża, dem letzten großen Flachland-Urwald Europas, wo sich eine tiefe Kindheitssehnsucht erfüllte. Wollte ich doch seit meiner Kindheit – ähnlich wie Mowgli aus dem Dschungelbuch – mit Wölfen und wilden Tieren im Wald leben. Der Geruch von Wölfen, Wisenten und Elchen bildete einen gewaltigen Gegensatz zur Welt menschlicher Geschichte mit all ihren Kriegen und Zerstörungen. Hier schien die Natur noch eine uralte, unberührte Sprache zu sprechen. Ich erinnerte mich an den Satz eines unbekannten Dichters, der wie ein mystischer Abschluss meiner Reise wirkte: »Was die Natur bewundernswert macht, ist, dass sie nie vollständig entdeckt werden kann. Sie birgt unendlich viele Geheimnisse, die mich immer wieder zum Staunen bringen. Das ist das Erquickliche in jedem Augenblick.«

Polen ist ein reiches Land voller atemberaubender Naturwunder. Fast ein Drittel seiner Fläche ist von Wäldern bedeckt – mein wahres Traumland! Vom Ostseestrand bis hinauf in das Karpatenland findet sich für eine Naturliebhaberin wie mich alles, was das Herz begehrt. Besonders eindrucksvoll empfinde ich die Symbiose von Natur und Kultur, die dort direkt nebeneinander liegen. Dank dieses unabhängigen Reisens konnte ich in Polen zahlreiche kultur- und geschichtsträchtige Orte besuchen, ohne dabei in die großen Städte fahren zu müssen. So war ich nicht nur auf jüdischen, sondern auch auf christlichen Spuren vergangener Zeiten unterwegs.

Es gibt dort die sogenannten »Pfade der Holzkirchen«, auf denen man katholische, aber auch griechisch-katholische Kirchen entdecken kann, die vollständig aus Holz erbaut wurden. Sie befinden sich vor allem im südlichen Kleinpolen und in der Nähe der Karpaten. Diese Kirchen sind wahre Meisterwerke mittelalterlicher Zimmermannskunst aus dem 15. bis 17. Jahrhundert. Welch ein Reichtum offenbart sich, wenn man ihre Innenräume betritt: die farbenprächtigen Ausmalungen der Wände und Decken mit Szenen aus der Bibel und der christlichen Geschichte sind einzigartig. Ganze Glaubenswelten scheinen dort aus Holz, Farbe und Licht zu sprechen.

»Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum«, las ich einmal auf einem Wohnmobil geschrieben. Dieser Satz passt zu meinen Reisen durch Polen und das ehemalige Ostpreußen – Reisen, von denen ich noch unendlich viele Geschichten erzählen könnte.

Auf meinem Gefährt sind hinten fünf fliegende Kraniche vor blauem Himmel abgebildet – Sinnbild der Sehnsucht und der äußeren wie inneren Wanderschaft. Wie oft durfte ich diese scheuen Vögel am Himmel begrüßen, wie sie rufend sich sammeln, um in den Süden zu fliegen. Gar mancher Kranich schenkte mir eine Feder, die vom Himmel herunter segelte. Ein besonderer Schatz in meiner Sammlung.

Es gibt einen schweizerischen Spruch, der das einfache Leben in seiner Doppeldeutigkeit auf treffende Weise ausdrückt: »Me weiss nöd, was me hät, wänn me nüt hät.« (Man weiß nicht, was man hat, wenn man nichts hat.) Vielleicht ist es gerade das, was mich beim Reisen mit meinem Schneckenhaus so frei fühlen lässt. Je älter ich werde, desto tiefer verstehe ich diesen Satz. Denn das Wesentliche meines Lebens passt in keinen Koffer – und auch nicht in ein Wohnmobil. Es sind Erinnerungen, Begegnungen mit Menschen und Tieren, Erfahrungen, Sehnsüchte, Liebe und Glaube – alles, was meine Seele unterwegs gesammelt hat. Gerade diese unsichtbaren Schätze erfüllen mich auf meinen Reisen mit tiefer Dankbarkeit. Sie sind leicht wie die Federn der Kraniche, die über den Globus ziehen, immer wieder aufbrechen und doch zurückkehren.

Verfasst von Marina Gschwind Grieder, Priesterin, Winterthur

Das könnte Sie auch interessieren

Foto: Alexandra Gebhart

Die Christengemeinschaft

Unsere Zeitschrift „Die Christengemeinschaft“ erscheint monatlich als Printausgabe. Sie kann hier erworben oder abonniert werden und liegt in Ihrer Gemeinde…

Zum Thema