Ein Stück Himmel

Kolumne

Meine ganze Kindheit über sind meine junge Hippie-Mama und ich von Ort zu Ort gezogen. Ich habe dieses Anhalten und Weiterziehen in mein System aufgenommen wie die Bewegung, welche die U-Bahn macht, in der ich gerade sitze. Die eben dazugehört. Sie hält, ein Mann steigt aus, andere steigen ein. Die Tür piept, es geht weiter.

Als ich auszog, wusste ich, dass ich eines niemals werden wollte: eine alleinerziehende Mutter ohne Geld. Ich hab’s anders gemacht. Ich habe geheiratet und meine Kinder sind in zwanzig Jahren einmal umgezogen. Aber diese Bewegung, einen Ort, sobald er vertraut geworden ist, wieder zu verlassen, diese Bewegung, die ich mit meiner Mutter fraglos immer und immer wieder durchexerziert habe, die ist noch in mir drin. Ihr zu folgen, fühlt sich vertraut an. Sie quält mich, ist nicht angenehm. Aber es ist eine Bewegung, auf die ich mich verlassen kann. Sobald ich allein bin, ist sie da, als drängende Stimme: weiter, weiter geht’s.

Warum meine Mutter nie mit mir an einem Ort geblieben ist? Ich habe sie gefragt und sie hat gesagt, das habe sich eben so ergeben.

Ich finde, bleiben ist schwerer als gehen.

Als meine Oma im Sterben lag, saß ich an ihrer Seite. Aber ich weiß noch: ich wollte da nicht sein. Ich wollte mit ihr Himbeeren pflücken und Schafe füttern gehen wie früher. Ich wollte nicht gesagt bekommen, welche Pullis ich erben würde. Ich wollte ihr Röcheln nicht hören, ihren Todeskampf. Ich bin in die Küche gegangen. Dort gab es Kuchen, dort saßen Verwandte, mit denen ich mich unterhielt. Ich wusste, bald würde ich abfahren müssen, bald ginge mein Zug, aber ich habe diese allerletzten Stunden statt bei meiner Oma in der Küche verbracht.

Zum Glück hat sie mich dann noch einmal gerufen. Mein Vater stand schon in der Haustür, um mich zum Bahnhof zu bringen. Aber ich ging nach hinten ins Schlafzimmer, wo Oma lag. Ich habe noch einmal ihre Wange gestreichelt, ihre faltige, weiche Haut. Habe versprochen, für sie zu beten. Mehr gab es nicht zu sagen, nicht mal: Auf Wiedersehen. Ihr Leben war zu Ende, meines fing gerade an. Vielleicht war es das, was ich nicht wahrhaben wollte.

Die Schriftstellerin Anne Lamott schreibt: This business of becoming conscious, of becoming a writer, is ultimately about asking yourself: how alive am I willing to be?

Mein Leben fing an, und in mir trug ich schon lauter widersprüchliche Stimmen. Ich trage sie immer noch in mir, sie sind immer noch laut. Aber man kann auch lernen, diese Stimmen wie einen Radiosender im Hintergrund laufen zu lassen. Mittlerweile habe ich mich einem Ort fest versprochen: dem Schreiben. Es ist seltsam, dass ich das getan habe, denn nirgends ist die Station Selbstzweifel FM so laut. Aber es schwingt auch eine andere Frequenz mit, manchmal bekomme ich sie richtig gut rein. Dann höre ich Sätze wie: How alive are you willing to be? Wie lebendig bist du bereit zu sein?

Verfasst von Sarah Knausenberger, Hamburg

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