Vorgeschichte und Erbe des Christentums

Man muss nicht unbedingt ein Fan der britischen Komikergruppe »Monty Python« und ihrer Religions- und Gutgläubigkeitssatire »Das Leben des Brian« sein, um sich bewusst zu machen, wie viele konkurrierende religiöse und politische Parteien, Widerstandsgruppen und jüdische Glaubensrichtungen es vor 2000 Jahren im römischen Palästina gab. Ein aufmerksames Lesen der Evangelien genügt auch schon. Aber wir machen uns vielleicht zu selten klar, wie leicht das entstehende Christentum selbst wieder hätte in Vergessenheit geraten können. Leicht hätte man es für nichts anderes halten können als eine weitere dieser Gruppen oder Sekten. Dass das nicht geschehen ist, dass diese Form religiöser Erneuerung sich in rasender Geschwindigkeit rund um das Mittelmeer im ganzen römischen Reich ausbreiten konnte und nur gut 300 Jahre später zur Staatsreligion erhoben wurde, ist eine äußerst erstaunliche Tatsache. Dafür muss es Gründe geben, und wir wollen der Frage nach diesen Gründen hier ein wenig nachgehen.

Nun war im römischen Reich die Vielfalt der Religionen groß, sie wurden alle weitgehend toleriert. Das war so lange kein Problem für die Staatsmacht, wie diese Religionen den Staat und das Kaisertum anerkannten und selbst gegenüber den Opferriten der staatlich legitimierten römischen Götter keine Kritik übten. Es gab vielerlei religiöse Einflüsse, nicht nur aus dem ganzen »Imperium Romanum«, sondern auch aus allen Gebieten des Hellenismus, d.h. den Gebieten, die Alexander der Große einst erreicht hatte, bis hin nach Persien und Indien. Wer die Geburtsgeschichten am Anfang des Matthäus- und des Lukas-Evangeliums aufmerksam liest, wird wiederum die Einflüsse der persischen Zarathustra-Religion bei Matthäus ebenso zart wie die buddhistischen Einflüsse bei Lukas angedeutet finden. Die ebenfalls persische Mithras-Religion war bei römischen Legionären beliebt. Ihr Einweihungsritus mit einem dreitägigen todesähnlichen Schlaf und einer anschließenden Auferweckung versprach und bewirkte eine lebensverändernde Erweckung und Kräftigung der Sinne und des Mutes, auch zum Kampf und zum Durchstehen schwieriger Bedingungen. Auf ihren Kultstätten wurden später oft Kirchen errichtet, in denen, wenn auch auf andere Weise, ja auch Tod und Auferstehung das zentrale Thema waren. In Rom z.B. lässt sich unter der Kirche San Clemente bis heute das ursprüngliche Mithräum besichtigen, mitsamt dem Steinsarg, in dem der Schlaf der einzuweihenden Kandidaten stattzufinden hatte.

Die Ausbreitung des Christentums aber geschah auf den Spuren der jüdischen Gemeinden. Auch das Judentum gab es als staatlich anerkannte Religion rund um das Mittelmeer in allen Gebieten des römischen Reiches. Und obwohl diese Gemeinden auch missionarisch tätig waren und neue Mitglieder (»Proselyten«) aufnahmen, und obwohl dabei ihr strenger Monotheismus eine gewisse Anziehungskraft entfaltete, galten sie doch als ethnische Gruppe mit einer eigenen Religion, was einen gewissen Schutz vor Verfolgungen bot. Die Christen aber galten aus staatlicher Sicht zunächst überhaupt nicht als religiöse Gruppe, sondern als etwas ganz anderes, nämlich als Anhänger eines (gekreuzigten) Terroristen und Verbrechers. Von daher genossen sie keinerlei Schutz.

Paulus, der sich im besten Sinne berufen fühlte, das Christentum auch nichtjüdischen Menschen zugänglich zu machen, begann seine Mission doch grundsätzlich zuerst in der jüdischen Gemeinde eines jeden Ortes, den er besuchte. Er war Jude, er war als Pharisäer hoch anerkannt gewesen, und der Kern seiner Botschaft war, dass der schmachvoll hingerichtete, ebenfalls jüdische angebliche Verbrecher Jesus von Nazareth eben kein Verbrecher war, sondern der erwartete Messias, der Gesalbte, der Christus. Die schmachvolle Kreuzigung konnte also nicht auf einer eigenen Schuld des Gekreuzigten beruhen, sondern nur auf stellvertretend übernommener Schuld. Deshalb kann auch auf die Kreuzigung die Auferstehung folgen. Oder anders herum betrachtet: Jeder Mensch darf sich mit Christus gekreuzigt und auferstanden fühlen. Spezielle Einweihungsprozeduren sind nicht mehr nötig, um geistige Erlebnisse zu haben. Es genügen die beiden Sakramente, die von allen christlichen Kirchen bis heute anerkannt werden: in der Taufe oder in der Erinnerung daran sich mit Christus gekreuzigt und gestorben zu fühlen; in der Teilnahme am Abendmahl sich mit Christus auferstanden zu fühlen. Dabei ist noch zu bedenken, dass diese beiden Sakramente im Anfang des Urchristentums durchaus noch als eine Art lebensverwandelndes Nahtoderlebnis empfunden wurden und keineswegs als etwas Äußerliches oder gar rein symbolisch. Eine solche Erlebnisabschwächung wurde erst später möglich und denkbar. Das ist ein erster Aspekt der Anziehungskraft der entstehenden christlichen Gemeinden: Die neuen Inhalte wurden nicht einfach nur gedacht und propagiert – sie wurden erlebt. Und diese Erlebnisse waren tiefgreifend und lebensverwandelnd.

Dass auf diese Weise die ganze Einweihungskultur der Antike neu gedacht und allen interessierten Menschen zur Verfügung gestellt wurde, darin scheint mir der eigentliche Kern der großen Anziehungskraft des »neugeborenen« Christentums zu liegen. Hinzu kam die im Rahmen der damaligen Möglichkeiten erstaunliche Gleichberechtigung innerhalb der christlichen Gemeinden: »Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid eins in Christus Jesus« schreibt Paulus an die Gemeinde in Galatien (Gal 3,28). Dass diese Beteiligung aller Gesellschaftsschichten nicht ganz ohne soziale Konflikte blieb, lässt sich im 1. Korintherbrief nachvollziehen (1 Kor 11). Dass es aber überhaupt ein Gemeinschaftsleben mit regelmäßigen Zusammenkünften gab, dafür waren wiederum die jüdischen Gemeinden das Vorbild. Die römische Staatsreligion kannte ein solches separates Gemeindeleben nicht, denn sie war voll in das staatliche Gemeinwesen integriert.

Wie in allen antiken Einweihungs- und Mysterienreligionen hielten auch die Christen zunächst die Inhalte ihrer religiösen Zusammenkünfte streng geheim. Deshalb wissen wir auch so gut wie nichts darüber, wie sie im 1. Jahrhundert gestaltet waren. Nachdem Paulus im eben genannten Kapitel seines 1. Korintherbriefes eine Trennung der Abendmahlsfeier vom gemeinsamen Essen angeregt hatte, damit nicht alles schon aufgegessen war, wenn die Sklaven und ärmeren Arbeiter endlich nach der Arbeit zur Feier hinzukommen konnten, herrscht darüber Schweigen. Dann, im 2. Jahrhundert, brechen die ersten »Apologeten« unter den Kirchenvätern dieses Schweigen, um die abenteuerlichen Anschuldigungen zu entkräften, die über die Christen kursierten.

Auf diesem langen Wege nun, der überall in den jüdischen Gemeinden begann, ihre Schriften beibehielt, und das Christentum als deren Vollendung und Erfüllung verstand, haben wir als Christen eine ganze Vorgeschichte mit »geerbt«. Sie ist tief in uns verankert und hat alle christlichen Kulturen viel stärker geprägt als die lokal jeweils vorhandenen Mythen und Erzählungen. Sie enthält die Mythologie der zwei biblischen Schöpfungsgeschichten von der Schöpfung in sieben Tagen und vom Paradies, dazu vom Beginn der Erdenmenschheit. Dann die Erzvätergeschichten als Vorgeschichte des ursprünglich nomadisch lebenden jüdischen Volkes, den Auszug aus einer ersten, unfreien Sesshaftigkeit in Ägypten und 40 Jahre erneutes Nomadenleben. Es folgt das Sesshaftwerden in Palästina mitsamt göttlicher Gebote zur Vertreibung und Ausrottung anderer Völker, die für uns schwer verständlich sind, weil sie nach heutigen Maßstäben als Völkermord zu gelten hätten. Dann die Richterzeit, die Königreiche von Saul, David und Salomo mit dem Übergang vom tragbaren zum permanenten Tempel. Dazu tiefgründige Gebets-, Weisheits- und Liebes-Poesie aus diesen Zeiten, die Geschichte der getrennten Königreiche in Israel und Judäa, der Kriege, Deportationen, Exile und teilweiser Wiederkehr mit Wiederaufbau des Tempels. Dazwischen und durch alle diese Zeiten hindurch die Bücher der Propheten, die das Volk der zwölf Stämme oder seine getrennt lebenden Teile an seine ursprünglichen Aufgaben erinnern und eine Zukunftserwartung entwickeln, aus der die Hoffnung auf einen Messias entsteht.

Und auf alledem baut nun das Christentum langsam, nach und nach, ein völlig neues Verständnis dessen auf, was ein Messias, ein Gottesgesalbter, ein »Christos« in Wirklichkeit sein kann: keiner, der die Welt mit einem Schlag repariert und in Ordnung bringt, was natürlich sehr nett und erstrebenswert wäre, und was auch in vielen anderen Religionen, inklusive in einigen der nun und auch später entstehenden »Christentümer« erwartet wird, auch wenn es der menschlichen Freiheit Hohn spräche. Nein, sondern einer, der alle großen Religionsströmungen der Welt vereinen und auf einen neuen Weg bringen kann. Oder einer, der – solange diese erste Möglichkeit noch zu sehr in der Zukunft liegt – zumindest dem Chor der Religionen eine neue Stimme hinzufügt, die es vorher so nicht gab: das Prinzip der Einweihung, des Sterbens und Loslassens, damit Neues geschehen kann. Dies konnte als ein Erlebnis, das allen Menschen relativ leicht zugänglich ist, ganz in den Mittelpunkt gestellt werden, indem es seitdem als christlicher Gottesdienst universell gefeiert wird.

Nun lebt aber in dem erwähnten Chor der Weltreligionen auch das Judentum weiter fort und ist natürlich ganz und gar nicht einverstanden mit der Übernahme der Messias-Idee durch die Christen. Die Auseinandersetzung damit prägt somit auch das Judentum weiter. Was heute von Christen als »Altes Testament« bzw. von Juden als »Gesetz (Thorah), Propheten (Neviim) und Schriften (Chetuvim)« (abgekürzt »Tanach«) genutzt und bezeichnet wird, ist in der heutigen fest gefügten Form erst das Ergebnis dieser Auseinandersetzungen. Und ebenso lässt sich auch der Islam, der sich erst im 7. Jahrhundert zu dem erwähnten Chor der Religionen hinzugesellt, als eine Reaktion auf die vielen theologischen Streitigkeiten zwischen Juden und Christen und von Christen untereinander deuten: »Hört auf zu streiten, es ist alles ganz einfach!« wäre dann die Botschaft dieser neuen Stimme im Chor, unabhängig davon, dass auch diese neue Stimme sich bald vervielfältigen und neue Gruppen und Strömungen bilden wird, die den Streit untereinander dann wieder fortsetzen. So funktioniert eben unsere Menschheit, so funktioniert Bewusstseinsentwicklung: erst das Erlebnis, dann die Erklärungen, dann der Streit darüber, welche Erklärung die richtige ist. Dann werden – solange der Verstand und das »Entweder-oder« im Vordergrund stehen – die einen ausgeschlossen und die anderen einigen sich durch Kompromisse auf Dogmen, die geglaubt werden müssen. Erst heute setzt sich langsam, nach und nach, aber leider noch nicht überall, dann die Erkenntnis durch, dass alle Erlebnisse Recht haben und sich gegenseitig befruchten können, auch wenn sie verschieden sind.

So weit reicht zunächst das schöne Bild vom »Chor der Religionen«. Als Christen dürfen wir aber, in aller Vorsicht, noch die schon einmal erwähnte weitere Hoffnung als Überzeugung hinzufügen: dass der lebendige Christus selbst viel mehr ist als ein Religionsstifter, der nur eine Stimme zum Chor hinzugefügt hat. Dass er in ferner Zukunft die Menschen einen wird, in all ihrer auch religiösen Verschiedenheit. Dass er die ganze Menschheit vorbereitet auf neue Schritte der Entwicklung, die er dann auch weiter begleiten wird. Und dass diese Entwicklung über den Tod unserer materiellen Welt hinaus wirksam sein wird, bis hin zu einem neuen Himmel und einer neuen Erde.

Verfasst von Michael Bruhn, geboren 1959, Priester in Berlin

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