Die Christengemeinschaft
Wiesbaden

Betrachtungen

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Betrachtung 2026-04 – Passion
Im Gang in und durch die Passionszeit kann uns die doppelte Bedeutung des Wortes „Passion“ ein Begleiter sein. Einerseits kann sie erlitten werden; andererseits kann eine Liebhaberei zur Passion werden. Beide Gesten kennen wir aus unserer eigenen Biographie bzw. aus herausgehobenen Biographien einzelner Persönlichkeiten. So hat der polnische Pädagoge Janusz Korczak einmal den südfranzösischen Insektenforscher Jean-Henri Fabre dafür gerühmt, dass dieser Insekten erforschte, ohne sie zu töten oder auch nur zu stören, sondern indem er sie in ihrer natürlichen Umgebung beobachtete, „wenn sie sich fröhlich in den Sonnenstrahlen tummelten, wenn sie kämpften und im Kampf umkamen, wenn sie Nahrung suchten, wenn sie ihre Bauten errichteten, wenn sie Vorräte sammelten. Er war nie empört; mit weisem Blick verfolgte er die mächtigen Gesetze der Natur in ihren kaum wahrnehmbaren Schwingungen. Er war Lehrer für das Volk. Er forschte mit bloßem Auge.“ Soweit zunächst das Korczak-Zitat.
Korczak sei hier genannt als einer, der die Leidenswege des modernen Menschen mutvoll auf sich genommen hat: Er begleitete die ihm anvertrauten jüdischen Kinder freiwillig ins Konzentrationslager und bekannte sich dort, als sie ermordet wurden, dazu bereit, mit ihnen getötet zu werden.
Tief bewegen kann uns diese durchlittene Passion.
Dass Korczak den berühmten Erforscher der Insektenwelt so bewunderte hat seinen Grund in dessen Behutsamkeit, die Korczak auch allen Pädagogen ans Herz legen wollte: Den Appell: „Du, Erzieher, sei ein Fabre in der Welt der Kinder!“ schließt er an das eingangs Zitierte an.
Und dass Fabre seinen Forschungsgegenstand so hingebungsvoll, ja leidenschaftlich, sich zur Aufgabe werden ließ, konnte Korczak als ihm selbst seelenverwandt empfinden. An einem solchen Verbundensein, einem solchen Sich-Einleben in eine Sache, erleben wir die Liebhaberei als Passion.
Passion hat also mit Liebe zu tun wie mit Leiden, und romantische Worte wie „Liebesleid“ lassen dieses Beiderlei erahnen.
Die größtdenkbare Liebestat, die Passion des Christus, Sein unermessliches Leiden an der Menschheit und Seine opfervollste Liebe zu der Menschheit, sind gewiss das Urbild solcher Passion in zweierlei Gewand.
Wenn wir vom Altar her hören von unserem „in Liebe vollbrachten“ Opfer, dann klingt die zweifache Bedeutung von Passion an unser Ohr. Kann dieses Kultuswort auch Alltags-Wirklichkeit werden?
Können wir Korczaks Appell vielleicht verallgemeinern:
Christ, sei Du ein Fabre in der Welt der Menschen! Ja, mehr noch: Sei Du auch ein Fabre in der Welt jener Wesen, die Dich übersteigen!
Den Engeln mit ähnlich behutsamer Hingabe zu begegnen, auch dem Christus selbst mit ähnlich liebender Devotion – „in Freiheit“ – sich hinzuwenden, das kann uns im Gebet zum Fabre werden lassen. Der auf Fabre hindeutete, Janusz Korczak – das ist gewiss –, auch er hat Christus erkannt als seinen helfenden Führer. Anders wäre seine Passion nicht menschenmöglich gewesen.

Bettina Wunder

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