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Betrachtung 2025-06 (zum Evangelium Lk. 9;12-17)
In seinem Gedicht «Alle» spricht Conrad Ferdinand Meyer zunächst über das Brotbrechen mit den Jüngern und kommt dann in der letzten Strophe auf folgendes Bild:Es sprach der Geist: Sieh auf! – Die Luft umblaute Ein unermesslich Mahl, soweit ich schaute. Da sprangen reich die Brunnen auf des Lebens Da streckte keine Schale sich vergebens, Da lag das ganze Volk auf vollen Garben; Kein Platz war leer, und keiner durfte darben.
„Und der Tag begann sich zu neigen.“ – Die Sonne ist gerade am Untergehen, und Christus, die Jünger und die 5000 versammelten Menschen befinden sich an einem einsamen Ort.
Wir alle betreten täglich „einsamen Ort“: Jeden Abend, wenn das Tagewerk vollbracht ist, legen wir unser Haupt nieder, sind an einsamem Ort – ganz allein mit uns selbst, wartend darauf, dass der heilsame Schlaf über uns komme und uns gesundende, stärkende Kräfte für den kommenden Tag zukommen lasse. Wir treten vor eine Schwelle. Es ist die Schwelle vom Tag zur Nacht. Mut und Vertrauen braucht es, um diese Schwelle zu überschreiten. Denn was mit uns geschieht, jenseits dieser Schwelle, das liegt im Verborgenen, im Finsteren, im Unbekannten. So auch am Morgen, wenn die Sonne erwacht, am Horizont aufsteigt: Auch da überschreiten wir eine Schwelle – die Schwelle aus der Nacht heraus in den Tag hinein. Und auch an dieser Schwelle brauchen wir Mut und Vertrauen, so dass wir sie überschreiten können. Denn auch, wenn wir in den Tag hinein erwachen, wissen wir nicht, was er uns bringen wird.
Aus der Kindererziehung, der Heilpädagogik, der Sozialtherapie wissen wir, dass es Kinder und Erwachsene gibt, die nur schwer einschlafen können, ja man könnte sagen, die Angst haben vor der Nacht. Oder Kinder, die am Morgen oder nach dem Mittagsschlaf weinend aufwachen. Die Angst vor dem Tag, der ihnen noch ein wenig fremd ist, bewirkt: Die Sphäre nächtlichen Schlafes, die der Seele doch so vertraut ist, zu verlassen, also die Geistige Welt zu verlassen, fällt noch schwer. [Damit will durchaus nicht gesagt sein, die Eltern gäben dem Kind nicht genügend Vertrauen in die Welt, schafften nicht genügend Hülle.]
Denn je nachdem, was wir vorgeburtlich oder im vergangenen Leben durchlebt, vielleicht durchlitten haben, nach dem gestaltet sich unsere jetzige Konstitution und damit auch das Ängstlich-Sein gegenüber dem Tag oder der Nacht. Diese Angst, wir bringen sie mit in unser jetziges Dasein.
Gerade die heutige Zeit, so wie sie geworden ist, stellt immer höhere Anforderungen an jene Kräfte, die wir aus dem Nachtschlaf mitbringen: Wir benötigen diese gesundenden Kräfte aus dem Wirken der Nacht mehr denn je. Damit gewinnt die Pflege eines gesunden Tag-Nacht-Rhythmus’ immer mehr an Bedeutung. Wendet man den Blick zur Welt hin, kann man sagen: Sie, die Welt, braucht unsere gesunden Kräfte aus der Nachtsphäre immer dringlicher.
In diesem Sinne sind wir alle heute die Apostel, zu denen der Christus spricht: „So gebt ihr ihnen zu essen!“
Das ist der Auftrag an uns Menschen heute. Selbst wenn wir den Christus vor zweitausend Jahren nicht sinnlich-physisch erlebt haben, so erleben wir ihn doch im Nachtbereich. Und ER hat in unser Wesen die Wegzehrung von Brot und Fisch hinein versenkt.
Dieser Schatz will heute aus dem Grund unserer Seele gehoben werden, auf dass die Speisung der Fünftausend durch uns eine neue, wunderbare Wirklichkeit finde.
Bettina Wunder
– Pfarrerin –
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