Die Christengemeinschaft
Wiesbaden

Betrachtungen

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Betrachtung 2026-08

Durch alle Wesen reicht der eine Raum: Weltinnenraum.
Die Vögel fliegen still durch uns hindurch.
O der ich wachsen will,
Ich seh’ hinaus – Und in mir wächst der Baum.
Ich sorge mich – und in mir steht das Haus.
Ich hüte mich – und in mir ist die Hut.

Ein bekannt gewordenes Wort aus diesem Gedicht-Ausschnitt (aus R. M. Rilke: „Es winkt zu Fühlung …“) gibt Rätsel auf: «Weltinnenraum». Kennen wir Raum doch nur als etwas uns Umgebendes, ein Außen, umschlossen von nahen Wänden oder von fernem Firmament. Allenfalls nennt man seelische Empfindungen einen Innenraum. — Aber wie reicht ein Inn’res der Dinge auch „durch uns hindurch“? Die Gedicht-Zeilen nennen drei Tätigkeiten: • Ich seh’ hinaus, mache mich also kundig und vertraut; • ich trage Sorge; • ich behüte. Was die beiden ersten verbindet, nennen wir Interesse – die Brücke zwischen der zweiten und der dritten ist Verantwortlichkeit. Und das Paar aus Interesse und Verantwortung ist unsere Liebe-Fähigkeit, Hingabe, Hin-Neigung zu „allen Wesen“. Rilkes Dichterwort bringt das wunderbar zum Ausdruck.

„Dies ist mein Geistesziel: Dass ihr zueinander die Liebe übt, mit der ich euch geliebt habe,“ spricht Christus zu seinen Jüngern (Joh 15).

Welch ein Auftrag! Wie ist ein solcher überhaupt zu erfüllen? Eigentlich können wir dieser Aufgabe gar nicht gerecht werden, solange wir so bleiben wie wir nun mal sind. Es ist demnach ein Weg, den wir zu beschreiten haben – u. U. ein langer, mühsamer Weg.

Wenn man eine lange Wanderung vor sich hat, nimmt man Gepäck mit, um den Weg bewältigen zu können. Woraus besteht nun unser „Gepäck“ auf dem Weg zu dem im Evangelienwort beschriebenen Ziel, dem Auftrag des Christus nachzukommen, irgendwann? Was ist – im Bilde gesprochen – in unserem Rucksack darinnen?

In demselben Evangelium wird uns die Reise-Ausstattung genannt: • Durch SEin gesprochenes Wort sind wir rein, und ER bleibt unser Innenraum, wann immer wir uns in IHm beheimaten. Das ist die größte Dimension von „Weltinnenraum“. • Wir sind die geliebtesten aller Wesen, denn größer kann Liebe nicht sein als die existenzielle Hingabe des Christus für die Menschheit.

Unser „Rucksack“ könnte nicht reicher ausgestattet sein ☺︎. — Und nun? Nun geht es darum, SEine Liebe, die in uns wirkt, auch auszustrahlen, indem wir selbst liebefähig werden durch unsere Taten.

Das Tun, die Tat, ist neben der Liebe ein weiteres großes Mysterium: Was haben wir schon alles getan in unserem Leben, uns bemüht um andere Menschen; am Ende mussten wir uns oftmals sagen: Es hat nicht gereicht. – Anderes haben wir vollbracht, von dem wir rückblickend sagen können, dass es Momente waren, in denen unsere eigenen Impulse zum Schweigen, zur Ruhe kamen, ja in denen wir nur uns ganz öffneten dem allem, was kommen will. Wohl auch: dem der kommen will.

Da war ER in uns und wir in IHm.

Immer wieder, treu, können wir uns vornehmen: «Ich will mich heute dessen würdig erweisen, dass ER in mir ist.» Dann werden wir – wenn die Zeit dafür reif ist – mit einem sicheren Herzenswissen erleben, dass von IHm etwas zu uns strömt und von uns etwas zu IHm.

Wir werden tief empfinden, dass durch unser Wesen „der EINE Raum“ reicht, der all-umfassende, und dass wir – in Freiheit – etwas von unserer Substanz hinopfern: In mir wächst, was sich mir gegeben, und für den Umkreis wird zur Gnade, dass ich mich hingegeben.

Das ist das Mysterium der Liebe.

Bettina Wunder

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