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Betrachtung 2026-10
«Der Sommerabend liegt im Fieber | Und seine heiße Wange glüht.» So dichtete der junge Rilke. Auch uns umgeben Licht und Wärme in diesen Tagen zur Johanni-Zeit in Überfülle. In dieser Zeit sind Himmel und Erde einander ganz nah.
Aber hatten wir diese Nähe von Himmel und Erde nicht auch an Weihnachten empfunden, in der Stunde des tiefsten Sonnenstands, der kurzen winterlich-frostigen Tage, der tiefdunklen Abende?
Ja, da hatte die Himmelswelt, mit der Geburt des Jesus auf Erden, sich zu uns herabgesenkt. ER sollte ja zum Licht in der Finsternis werden.
Jetzt hingegen, um die genau ein halbes Jahr versetzte Stunde des Jahreslaufs, erleben wir, wie unser Fühlen in die Raumesweiten erhoben, mitgenommen wird. Wir «stürmen in die Sonne hinein» (Rilke).
Ende Dezember, während der Heiligen Nächte, versammelten wir uns unterm Lichterbaum, dem Weihnachtsbaum. Jetzt, kurz nach der anderen Sonnen-Wende, suchen wir den Schatten unter der Schirmkrone eines Laubbaums auf, lassen uns von milder Wärme umhüllen.
Unterm Baum sitzend im Gebet wurde Nathanaël von Christus erkannt:
Es sind kontemplative Momente, in denen auch wir uns dem Göttlichen ganz nahe fühlen können – in Situationen, in denen wir diese Gottesnähe aktiv suchen.
In solchen Augenblicken kommen uns Kräfte zu, von denen wir wissen: Nur mit diesem Zustrom können wir unser Leben in Einklang mit der Welt und mit unserem Schicksal vollbringen. Und mit ihnen können wir unsere Aufgaben ergreifen.
Es ist dann, als riefe in uns eine Stimme: „Ändert Euren Sinn!“ Dieser bekannte Ruf des Johannes ist aktuell, und er wird immer gültig bleiben: „Denn die Himmel sind nahe herbeigekommen.“
In der Weihnachtszeit lasen wir über unseren Altären die Friedensbotschaft der Engelchöre. Sie ist ein Wort, gerichtet an die ganze Erdenmenschheit.
Jetzt verwandelt sich das Wahrwort vom „Guten Willen“ in den Johannes-Weckruf. Mögen wir alle ihn recht hören!
Bettina Wunder
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