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Betrachtung 2026-16
Eine spätsommerliche Radtour führte entlang einer Wasserstraße, die von der sanften Hand vieler Schleusen rhythmisiert wurde. Immer wieder zog ein vertrautes Schauspiel den Blick magisch an: wie die Fluten selbst die schweren Tore verschließen, als hielten sie kurz den Atem an. Gebettet auf ihrem eigenen Element, steigen und sinken die Boote wie von Geisterhand, getragen auf ein neues Niveau, bis die Tore sich langsam wieder öffnen und den Weg zum noch fernen Strom freigeben.
In der Schleusenkammer sind die Wände dunkel. Nur die Fender behüten vor Stößen. Geduldsprobe ist’s obendrein. Aber dann setzt der Skipper die Fahrt mit ausgeruhten Kräften fort.
Hat nicht auch der Himmel Schleusen? Salopp spricht man von ihnen, wenn es kräftig regnet. Aber der Wolkenhimmel sei hier nicht gemeint. Sondern die Frage ist, wie steigen wir vom Alltäglichen auf, um unsere fühlende Seele in die Welten der Himmel zu erheben? Können wir uns auch da einem tragenden Element anvertrauen, durch Tore gehalten, um dann neue Kraft im Gemüt zu erleben?
Ja, was uns da erhebt, wird vor den Stufen des Altars genannt: „Offenbarung“, „Verehrung“, „Andacht“. Jede Weihe-Handlung, jedes Sakrament ist Schleuse, ist Anforderung, hält den Fluss des Alltags auf und eröffnet jenen Weg, von dem der Christus sagen kann, er sei es selbst, sei Wahrheit und sei dem Leben im Geiste gleich. ER selbst ist Tür und Weg zugleich.
Wie jede Schleuse ein Wunder der Ingenieurskunst ist, so ist jedes Sakrament ein Wunder in Gottes kosmischem Plan.
Auch in unseren Biographien gibt es Durchschleusungen, von einer Lebensetappe zur nächsten. Oft treten die Schleusenwärter gar nicht in Erscheinung, fordern kein Schleusengeld. Manchmal bemerken wir den uns gebotenen Hub erst, wenn ein gelingendes Gespräch uns Tore aufschließt.
So wenig wir erinnern von der Schleuse unserer letzten Geburt, so wenig können wir die Stunde wissen, wann sich das letzte Schleusentor öffnet hin zu dem offenen Meer, das unsere Ur-Heimat umspült und belebt. Aber unser Gebet kann schon den Hauch dieses Geistes-Ozeans vorweg erspüren, kann die Seele schon darin eintauchen lassen, noch bevor wir die von Schicksals-Schleusen regulierten Flüsse unseres Erdenseins passiert haben. Dann sind wir erkraftet für die Passagen, die vor uns liegen.
Bettina Wunder
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