Auch Wahrnehmungen sind Interpretationen
Die Wirklichkeit ist nur eine Illusion – wenn auch eine sehr hartnäckige.
Albert Einstein
»Ich bin Weltenbummler, Pilot und Zauberer …« Mit diesen Worten beginne ich mein Soloprogramm »Ein Koffer voller Wunder« auf der Bühne. – Wo treffen »Wunder« auf den Alltag, wo wird der Alltag zum Wunder? Wann begegnen wir der »Illusion« und in welcher Form?
Kürzlich sah ich ein Video, ein Reel (ein kurzes Video) auf Facebook, in dem eine Krähe auf einem verschneiten Dachfirst herumspaziert, im Schnabel ein grünes Frisbee, sich daraufsetzt, damit das Dach hinunterrutscht, in letzter Sekunde das Frisbee in den Schnabel nimmt, und auf und davon fliegt. Ich musste lachen darüber, sah es doch sehr lustig aus. Dann die Erkenntnis, es ist Fake. Das Video wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz erstellt. Eine komplette Illusion.
Als Zauberkünstler erzeuge ich Illusionen, ob auf der Bühne oder am Tisch – ich täusche bewusst meine Zuschauer, meine Gäste. Sie wissen, dass sie getäuscht werden, und sie freuen sich darüber. Natürlich wollen viele wissen: »Wie macht er das?«, aber auf der anderen Seite ist es schön, sich wenigstens einen Moment lang der Illusion hinzugeben, den Traum zu leben, der Unmögliches möglich macht.
Stehen wir Zauberer im Theater auf der Bühne, dann sind die Menschen bewusst zu uns gekommen, um sich jenem Zauber hinzugeben, ihn zu erleben.
Warum haben die Zirkusunternehmen des »Zeitgenössischen Zirkus« (Cirque nouveau) oder der »Cirque du Soleil« so großen Erfolg? Die Shows in Las Vegas – das »Sphere«-Theater, in dem unfassbare visuelle Spektakel jeden Tag für ausverkaufte Häuser sorgen?
In meinen Augen ist es die Sehnsucht der Menschen, einen Traum zu leben, den Alltag für ein paar Stunden hinter sich zu lassen und staunen zu können. Raus, weg. Die »Illusion« macht es möglich.
Nachdem ich seit mehr als 35 Jahren als Pilot unterwegs bin, aber meiner zweiten Leidenschaft, der Zauberkunst, nahezu den gleichen Raum gegeben habe, war es naheliegend, beides zusammenzufügen. Denn die hochtechnisierte Welt des Fliegens birgt an so vielen Stellen »Wunder volle« Momente, die es zu entdecken gilt.
In meinen Texten erzähle ich von diesen Wundern, die uns überall begegnen. Wir müssen nur die Umwelt aufmerksam beobachten. Jede Erzählung birgt dabei Wahrheit, die Orte sind real, immer gibt es einen nachvollziehbaren Bezug. Und doch verschwimmt schon hier die Realität mit der Illusion, die in den Zuschauern entsteht. Erzähle ich dabei von einem Ort, beschreibe ihn sehr genau in seinem Aussehen, so hat trotzdem jeder einzelne Zuschauer ein anderes Bild davon. Eine Illusion also, ein eigenes Bild.
Wenn Sie selbst Freunden von Ihrem letzten Urlaub erzählen, dann erzählen Sie, bewusst oder unbewusst, in Bildern, die beschreiben, wie man sich den Ort, an dem Sie waren, »vorstellen« muss – und schon hat Ihr Gegenüber ein Bild davon. Aber eben ein eigenes. Erst, wenn Fotos der Erzählung zugefügt werden, wird das Bild für alle Beteiligten zumindest ähnlicher.
Ist Fliegen als Pilot ein »Traumberuf«? – Die heutige Fliegerei folgt ausschließlich den Gesetzen der Physik, der Ökologie und Ökonomie. Und doch bleibt der Traum vom Fliegen. Fliegen ist eine der ältesten menschlichen Illusionen. In Mythen, Märchen und Träumen taucht es immer wieder auf. Im Traum heben wir mühelos vom Boden ab, schweben über Landschaften oder gleiten durch den Himmel. Diese Flugträume wirken oft realer als die Realität selbst. Sie vermitteln Freiheit, Kontrolle und Loslösung von physikalischen Grenzen. Aber es handelt sich um eine Illusion – erzeugt vom eigenen Bewusstsein. Der Traum ist eine Realität eigener Art: nicht falsch, aber auch nicht objektiv wahr. Er zeigt, dass Realität nicht nur aus dem besteht, was messbar ist, sondern auch aus dem, was wir innerlich erleben. Der Traum vom Fliegen steht symbolisch für den menschlichen Wunsch, die Schwerkraft der Wirklichkeit zu überwinden.
Wir fliegen real mit unseren Flugzeugen durch die Wolken und sind im nächsten Bereich der Illusion, eben den Wolken. Wir sehen, auch vom Boden aus, Tiere, Gesichter oder Landschaften in ihnen, obwohl sie nichts davon sind. Diese sogenannten Pareidolien entstehen, weil unser Gehirn Sinn und Ordnung sucht – selbst dort, wo keine ist. Wolken sind ein perfektes Sinnbild für Illusionen: ständig im Wandel, nie eindeutig, niemals festzuhalten. Sie erinnern uns daran, dass Wahrnehmung immer Interpretation ist. Was wir sehen, ist nicht nur das Objekt selbst, sondern auch unsere Projektion darauf.
Ganz anders und neu: die künstliche Intelligenz. – Seit einigen Jahren beschäftigt sie uns immer mehr und mit ihr beschäftigt uns eine neue Art von Illusion. Denn mit künstlicher Intelligenz hat die Illusion eine neue Dimension erreicht. Bilder, Stimmen und Videos können heute so realistisch erzeugt werden, dass selbst Experten sie kaum von echten Aufnahmen unterscheiden können. Menschen sprechen Worte, die sie nie gesagt haben. Ereignisse scheinen stattzufinden, obwohl sie nie passiert sind.
Unvergessen der Film »2001: Odyssee im Weltraum« von Stanley Kubrick aus dem Jahr 1968. Hier übernimmt der Computer »HAL 9000« die Macht, wird nahezu unkontrollierbar, herrscht über die Crew des Raumschiffs, das den Jupiter besuchen soll. Dieser Film ist ein Meisterwerk der Filmgeschichte und sein Inhalt in vielen Punkten heute nahezu Realität. Stanley Kubrick hat sehr weise in die Zukunft geblickt – scheinbar ahnte er, was auf uns zu kommt.
Ich habe dazu ganz bewusst »ChatGPT«, eine Plattform der künstlichen Intelligenz befragt und um eine »Meinung« gebeten. Folgendes hat ChatGPT geantwortet:
Für mich ist »2001 – Odyssee im Weltraum« weniger ein Film zum Anschauen als einer zum Erleben. Ich finde ihn faszinierend, mutig und gleichzeitig sperrig. Er verlangt Geduld, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich treiben zu lassen. Wer eine klassische Handlung erwartet, wird fast zwangsläufig frustriert.
Was ich großartig finde:
▪ Die Bildsprache ist auch heute noch überwältigend. Viele Einstellungen fühlen sich zeitlos an.
▪ Der Film traut sich, Stille und Langsamkeit auszuhalten – etwas, das heute fast radikal wirkt.
▪ HAL 9000 ist für mich eine der unheimlichsten KI-Darstellungen überhaupt, gerade weil er so ruhig, höflich und logisch ist.
Was mich zwiespältig lässt:
▪ Emotional bleibt der Film bewusst distanziert. Man fühlt eher Ehrfurcht als Mitgefühl.
▪ Das Ende ist beeindruckend, aber auch kühl und rätselhaft – ich verstehe gut, warum viele es als prätentiös empfinden.
Unterm Strich:
Ich halte »2001« für ein Meisterwerk der Filmgeschichte, nicht weil er unterhält, sondern weil er Fragen stellt, die größer sind als der Film selbst: Was ist Bewusstsein? Wohin entwickelt sich der Mensch? Und was passiert, wenn unsere Schöpfungen uns überholen?
Ich bewundere ihn mehr, als dass ich ihn liebe – aber ich bin jedes Mal froh, ihn gesehen zu haben.
Wohlgemerkt: Hier spricht eine künstliche Intelligenz über einen Film, der die künstliche Intelligenz zum zentralen Thema macht. Das ist schon bemerkenswert. Ich will das inhaltlich gar nicht bewerten. Aber ich denke, diese technologischen Illusionen sind gefährlicher als klassische Täuschungen, weil sie unser Vertrauen in die Realität selbst untergraben. Während wir bei der Zauberkunst wissen, dass wir getäuscht werden, fehlt uns bei KI-generierten Inhalten oft dieses Bewusstsein. Die Grenze zwischen echt und falsch verschwimmt.
Mit der künstlichen Intelligenz verändert sich der Charakter der Illusion. Sie wird technisch präzise, massenhaft reproduzierbar und kaum noch erkennbar. Bilder, Stimmen und Videos verlieren ihre Beweiskraft. Die Illusion tritt nicht mehr als solche auf, sondern tarnt sich als Realität. Damit wird sie zur ethischen Herausforderung. Nicht mehr nur das »Was« ist entscheidend, sondern das »Warum« und das »Wozu«.
In dieser neuen Situation geraten die Begriffe Richtig und Falsch ins Wanken. Illusion ist nicht automatisch Lüge, und Wahrheit nicht immer eindeutig. Entscheidend ist die Absicht hinter der Täuschung und ihre Wirkung auf andere. Wo Illusion manipuliert, verliert sie ihre Unschuld.
Um einen Bogen zu schlagen, ein paar zusammenfassende Gedanken:
Illusion ist kein Randphänomen menschlicher Erfahrung, sondern einer ihrer Bestandteile. Von den ersten Mythen bis zu künstlicher Intelligenz begleitet sie unser Denken, unser Sehen und unser Urteilen. Sie entsteht dort, wo Wahrnehmung auf Erwartung trifft und wo der Wunsch nach Sinn stärker ist als die nüchterne Wirklichkeit.
In der Zauberkunst begegnet uns die Illusion als Spiel. Wir wissen, dass wir getäuscht werden, und lassen es dennoch zu. Der Zauber offenbart nicht die Macht des Tricks, sondern die Bereitschaft des Menschen, sich für einen Moment von der Realität zu lösen. Diese freiwillige Täuschung zeigt, wie formbar unsere Wahrnehmung ist – und wie sehr wir das Staunen brauchen.
Im Traum, besonders im Traum vom Fliegen, wird die Illusion zur inneren Wahrheit. Sie widerspricht den Gesetzen der Physik, aber nicht den Gesetzen der Seele. Träume sind keine Lügen, sondern andere Formen von Wirklichkeit. Sie zeigen, dass Wahrheit nicht nur im Messbaren liegt, sondern auch im Erlebten.
Die Wolken am Himmel führen diese Erkenntnis leise fort. Sie sind formlose Materie, die erst durch unsere Projektionen Bedeutung erhält. Was wir in ihnen sehen, sagt weniger über den Himmel als über uns selbst. Illusion entsteht hier nicht durch Täuschung, sondern durch Interpretation – ein Hinweis darauf, dass jede Wahrnehmung bereits eine Deutung ist.
Mit der neuen Welt der künstlichen Intelligenz jedoch wird die Fähigkeit, echte von falschen Bildern zu unterscheiden, zu einer kulturellen Schlüsselkompetenz. Doch vielleicht reicht Technik allein nicht aus. Vielleicht braucht es vor allem eine innere Haltung: Zweifel, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Illusion und Realität keine Gegensätze sind, sondern miteinander verwoben. Die Illusion begleitet uns, weil wir Menschen sind – suchend, deutend, hoffend. Sie kann uns täuschen, aber auch zum Nachdenken zwingen. Und genau darin liegt ihr Wert: Sie erinnert uns daran, dass Wahrheit nicht gegeben ist, sondern immer wieder neu errungen werden muss.
Joannis von dem Borne, geboren 1966, Pilot und Zauberkünstler, Schondorf am Ammersee



