Auf der Suche nach etwas, das bleibt

Auf der Suche nach etwas, das bleibt
Foto: Foto: Sarah Knausenberger

Über den Gründergeist der Nachkriegszeit und die Entstehung der Lukas-Kirche

Wer hat eigentlich unsere Kirche vor über fünfzig Jahren gebaut? Und wie kam das?
Um mehr darüber zu erfahren, treffe ich mich mit Gerd Schmidt-Bardow, einem der Gründungsarchitekten.

Gerd Schmidt-Bardow, 96 Jahre alt, empfängt mich in seinem Häuschen in Hamburg-Berne. Diese Siedlung, erzählt er, wurde bis 1929 fertiggestellt. Viele der jungen Familien, die hier einzogen, kamen aus der Reformbewegung, waren offen für neue Ideen.  Als Dr. Hemleben, Pfarrer der Christengemeinschaft und studierter Biologe, damit begann, Seminare über biologisch-dynamische Landwirtschaft zu halten, wurden die gut besucht. Auch das Wohnzimmer seiner Eltern, erinnert sich Gerd Schmidt-Bardorf, wurde mal zu einem kleinen Auditorium umgebaut.  Dr. Hemleben soll von einer „geistigen Geografie“ gesprochen haben: Es gebe Gegenden, in denen die Menschen offen sind für spirituelle Gedanken. Der Nordosten Hamburgs scheint so eine Gegend zu sein. Es gab hier bald etliche Mitglieder der Christengemeinschaft.

Mit einigen Freunden fuhr der junge Gerd Schmidt-Bardorf bis zum Ausbruch des Krieges regelmäßig in die Gemeinde in Hamburg-Mitte, denn dort leitete Dr. Hemleben einen Jugendkreis. Das war damals, ohne die heutigen Verkehrsmittel, noch eine kleine Weltreise, die es aber wert war, denn „Dr. Hemleben machte das sagenhaft gut“, so Schmidt-Bardorf.

Nach dem Krieg besuchten die Jugendlichen Tagungen der Christengemeinschaft und unternahm auch sonst viel gemeinsam. Man träumte von einem eigenen kleinen Jugendheim. Während eines Wochenendausflugs in der Heide stießen die jungen Leute auf einen verfallenen Schafstall. Wenn man den renovieren dürfte, wäre er wunderbar geeignet! Die Freunde beschlossen, Kontakt mit dem Bauern aufzunehmen. Nervös erschienen sie zum ersten Termin – und sahen im Bauernhaus die Weleda-Nachrichten auf dem Tisch liegen. Da wussten sie, es würde gut werden. Der Bauer – Herr von Hörsten –, hatte tatsächlich nichts vor mit dem Schafstall. Macht mal!, sagte er.

Gerd Schmidt-Bardorf hatte 1950 Abitur gemacht und eine Maurerlehre absolviert, sein Freund Jürgen Karsten war Soldat gewesen und hatte auf der Bauschule studiert. Die jungen Menschen waren voller Tatendrang, und unter der Aufsicht von Jürgen Karsten machten sie sich an die Arbeit. Baumaterial wurde über Feldwege gekarrt, Wände hochgezogen, das Dach neu gedeckt. 1952 wurde der Schafstall eingeweiht. In den folgenden Jahren fanden hier viele Tagungen der Christengemeinschaft statt, Waldorfschulklassen kamen für Landwirtschaftspraktika oder Klassenfahrten.  

Die Mitglieder des Hamburger Jugendkreises gründeten in den folgenden Jahren Familien. Sie wünschten sich einen Altar in der Nähe, um mit ihren Kindern die Sonntagshandlung feiern zu können. Pfarrer Helgo Bockemühl kam einmal im Monat nach Hamburg-Volksdorf. Hier wurde in der Haushaltsschule Vörn Barkholt der Gottesdienst abgehalten. Dafür mussten zwei Klassenzimmer geräumt, der Klappaltar aufgebaut und der lilafarbene Stoff an die Wand gehängt werden – eine Prozedur, die Stunden dauerte. Davon hatten die jungen Familien bald genug. Jürgen Karsten, Christoph Wuppermann und Berd Schmidt-Bardorf – mittlerweile alle Architekten – machten Entwürfe für einen Kirchenbau.

Noch in keiner Stadt hatte es eine Tochtergemeinde gegeben, nicht einmal in Stuttgart. Aber das Schafstall-Projekt hatte Gewicht. Nach mehreren Gesprächen willigte die Gemeinde in Hamburg-Mitte in die Vorschläge ein und am 5.2.1963 fiel der Baubeschluss. Einige glückliche Umstände kamen dann zusammen. So wurden in Hamburg-Volksdorf noch Grundstücke vergeben. Rögeneck 25 war als Sondergebiet ausgewiesen. Die Intiativgruppe bewarb sich dafür – und bekam es.

Aber: ohne den Stuttgarter Segen zu bauen, war damals noch unmöglich. G. Bockemühl, der Hausarchitekt der Anthroposophen in Süddeutschland, musste mitsprechen dürfen. Er machte einen Entwurf, der jedoch den Rahmen sprengte. Kein zweites Goetheanum – eine moderne Dorfkirche sollte es werden. Ein Bau, der die täglichen Anforderungen erfüllte und bezahlbar war. Man einigte sich auf einen Kompromiss, dann wurde gemeinsam der Bauantrag eingereicht. Die Bauführung übernahm das Büro Karsten-Wuppermann.

Michaeli 1969 wurde die Lukas-Kirche eingeweiht. Sie blühte auf und wurde die größte Gemeinde Deutschlands, zeitweise sogar der ganzen Welt.

Auf meine Frage, woher die große geistige Offenheit seiner Generation komme, antwortet Gerd Schmidt-Bardorf, dass es das Erleben des Krieges und der NS-Zeit gewesen sein muss. Wie der Gaza-Streifen heute aussieht, das war damals Deutschland. Alles war kaputt.  Den jungen Menschen war auf schmerzliche Weise bewusst, wie schnell das Existentielle zerbrechen kann. Sie waren auf der Suche nach etwas, das bleibt, das innere Substanz hat. Sie fanden es in der Gemeinschaft und in den Sakramenten.

Verfasst von Sarah Knausenberger

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