Sommer in der Ukraine

Sommer in der Ukraine
Foto: Foto: Yaroslava Black

All That Was East Is West of Me Now

Glen Hansard

Auch die Bedrohung der Geräusche ändert sich von Sommer zu Sommer. In dieser Nacht ist es wieder laut. Im Traum erfährt man die Wirklichkeit subtiler. Das ist doch der Grund, warum man von dem tiefen Brummen der Abwehr nicht aus der Haut fährt, sondern nur kurz aufschreckt und dann den Kopf wieder unter die Decke steckt. Sie patrouillieren den Luftraum über meinem und tausenden anderen Dächern.

Die Hochfrequenzen von zwei Mücken verursachen jetzt keine Aufregung. Die kanadischen Singzikaden im letzten Sommer klangen viel bedrohlicher. Wohlwissend, dass sie die Boten der göttlichen Musen, der Unsterblichen sind musste ich im Traum gegen die andere, Wirklichkeit kämpfen. Jetzt kommt es mir lächerlich vor.

Just in dieser Nacht fliegt Glen Hansad zum Himmel, der freundliche Ire aus Dublin, der Beschützer aller Heimatlosen und Verschreckten, der moderne Minnesänger mit dem großen Herzen. Hoffentlich wird seine Seele nicht durch die Drohnen verscheucht. Glens Lied kommt mir in den Sinn: „All That Was East Is West of Me Now”. Mich interessiert heute Nacht, wie so etwas geographisch geht: allmählich, unbemerkt, leise, im Laufe des Lebens oder durch eine geräuschvolle Erschütterung? Wie ändert man seine Himmelsrichtung? Seine Bestimmung? „Alles, was Osten war, ist in mir jetzt Westen.“. Alles, was im Osten von mir war, ist jetzt Westen? Vielleicht. Am Ende ist alles nur ein Übergang.

Der kleine Sohn von Glen wird seinen Vater nicht mehr sehen. Der kleine Dima und die kleine Anja auch nicht mehr.

In diesem Sommer bringen wir den Kleinen und Großen einige neue Lieder bei. Auf Englisch. Sie lieben es. Diese fremden Klänge bringen Freude. Freude ist nie bedrohlich. Wir bauen in diesem Sommer mit den Kindern Häuser aus Holzabfällen: jeder wird sein eigenes Haus haben und zusammen bauen wir eine bunte Stadt. Kleinere und größere Holzklötzchen werden nach oben hin angespitzt, so dass ein Dach entsteht, und dann nach Lust und Laune bemalt. Neben den Häusern mit farbigen Fensterläden und Blumentöpfen auf den Fensterbänken, entsteht ein Krankenhaus mit dem großen roten Kreuz, ein Katzenhaus für alle heimatlosen Katzen, eine dreiteilige Waldorfschule und eine schöne Kirche mit dem Kreuz auf dem Dach und einem hohen Glockenturm. An einigen Holzfassaden wachsen Blumen, an anderen stehen Schutzengel.  Die Farbe wird üppig aufgetragen. An Farbe darf man nicht sparen. Ich werde noch mehr besorgen müssen. Und auch noch mehr Kinderbücher, damit die Jugendlichen den Kleinen in der Mittagspause und abends etwas vorlesen können. Die Geschichte von Mumins Trollen muss unbedingt dabei sein.

Vor dem Café sitzen zwei bärtige junge Männer. Dem jüngeren hängt ein dreijähriges Kind am Hals. Er hält seinen Vater so fest, dass der kaum Luft bekommt. Der Mann bewegt den Sohn zart zu Seite: „Mij malenkyj budjatschok“, sagt er sanft und lacht – „mein kleines Klettchen“. „Budjatschok“ ist etwas kleines, rundes, flauschiges, was an der Jacke kleben bleibt, wenn wir durch Wald und Wiese schlendern. Ein kleines Mitbringsel ist es. Und in diesem Augenblick auch alles, was der Osten von mir ist.

Der bärtige Mann lacht laut. Er hat knall-orangene Turnschuhe. In ihnen stecken zwei dünne glänzende Prothesen. Bei seinem Freund auf der Bank steckt nur eine Prothese in dem modischen Turnschuh. Beide tragen Shorts, denn es ist 35 Grad draußen.

Ich besorge auch Weiß und Gold, damit wir auf den Häusern, Schulen und Kirchen viele Engel malen können. Heute um 4.45 wurden 74 Raketen und 265 Drohnen abgefeuert. Wer kommt heute zusammen mit Glen in den Himmel? Ein Kind aus Kyjiw, zwei Kinder und fünf Erwachsene aus Dnipro, ein Mensch aus Poltawa, zwanzig wurden in Lviv verletzt. Es wird noch unter den Ruinen gesucht. Jetzt kommt noch eine Meldung aus Krywyj Rih: eine Rakete traf mitten in das Wohnhaus einer Familie. Niemand hat überlebt. Zum Himmel fliegen heute: Artem und Olena und ihre Kinder Mark (18), Dominika (16), Viorika (14), Saharij (13), Asarij (11), Federika (9), Erika (7), Artem (1,6).

Wir bauen und bemalen Häuser in dem Sommerlager an der kleinen Waldorfschule in Horodenka, am Dnister-Fluss in den Vorkarpaten. Jeder wird sein Haus mit sich tragen können. Auf dem blauen Haus lächelt der Engel breit und hält eine Blume in der Hand. Morgens hören wir die Geschichte von dem Königssohn von Irland und seinen schweren Prüfungen bei dem Zauberer der Schwarzen Heide. Abends beten wir zusammen das Vater unser und tragen unsere Hoffnung in den Sternenhimmel. Der kleine Danja will von mir auch ein Haus mit  Engel. Allein schafft er es nicht. Er möchte es nach Hause mitnehmen und dem Vater zeigen, wenn der Vater vom Krieg zurückkommt.

Verfasst von Yaroslava Black, Priesterin in Berlin

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