Im Zentrum des Johannes Evangeliums mit seinen langen Abschiedsreden von Christus an seine Jünger steht ein rätselhafter Satz. Was will Christus uns wohl sagen mit diesen Worten?
„Steht auf, lasst uns weitergehen“ (Johannes 14,31).
Danach fährt er fort, als ob er diesen Satz nicht ausgesprochen hätte. Am Ende seiner Rede erhebt er sich schließlich, um zusammen mit seinen Jüngern nach Gethsemane zu gehen, dem Ort des Verrates. Dieses „weggehen“ bedeutet: dem Tod entgegen. Die Tatsache jedoch, dass diese rätselhafte Aussprache schon viel früher fiel, bedeutet, dass Christus auch noch etwas Anderes meinte. Im Bewusstsein, dass die dunkelste Nacht auf Erden angebrochen war, sagt er: „Steht auf, lasst uns von hier weggehen.“ Damit sagt er: „Was immer auch in meinem Leben geschehen wird – ich werde auferstehen und den Weg gehen, der für mich bestimmt ist.“
Die folgenden Kapitel im Johannes Evangelium zeigen, was dies für uns bedeutet. In jedem dieser Kapitel – bis zu seiner Gottverlassenheit am Kreuz – erklingt die Frage:
Wer teilt den Weg mit mir?
Wer bleibt mit mir verbunden wie die Rebe mit dem Weinstock?
Wer betet mit mir in der Stunde meiner Versuchung?
Wer steht mir bei in der Stunde meines Todes?
Niemand war bei ihm in seiner Verlassenheit in Gethsemane – seine Jünger konnten der Anfechtung des Schlafes nicht widerstehen.
Können wir in unserem täglichen Leben mit seinen Rückschlägen versuchen, einen solchen Weg abzulegen? Jeder Tag unseres Lebens verlangt, uns aufzurichten; hinter uns zu lassen, was uns vertraut und lieb war; nicht aufzugeben; Ja zu sagen zum Leben, was es auch von uns verlangt. Wer bereit ist, diesen Weg zu gehen, geht ihn mit Christus, der uns ruft, jeden Tag: „Steht auf, lasst uns weitergehen!“
Auf menschlich bescheidene Weise hat Hermann Hesse diesen Appel in folgendem Gedicht ausgedrückt:
Stufen
Wie jede Blüte welkt
Und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Verfasst von Bastiaan Baan, Priester
