Oster-Predigt

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Leben und Tod

Von einer bestimmten Perspektive aus betrachtet ist Sterben die beste Art, um mit dem Leben umzugehen. Unser Leben ist nur dann vollkommen, wenn wir uns auch mit dem Tod vertraut machen; am besten ist es, wenn wir uns mit dem Tod anfreunden.

Stellen Sie sich einmal vor, ein Menschenleben wäre endlos. Niemals sterben: dies wäre das Schlimmste, was uns überkommen könnte. Echtes Leben wäre dann nicht mehr möglich. Es wäre dann mehr nur eine Art von Vegetieren.

Wenn ein Leben auf eine natürliche Art zu Ende geht, ist der Tod meistens eine Erlösung. Wenn jemand schwach und gebrechlich wird, wenn die Last der Jahre und die Sorgen nicht mehr zu ertragen sind, kommt der Tod als Erlöser. Er ermöglicht dann eine andere Art von Leben.

„Das Leben ist die schönste Erfindung der Natur und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben.“ (Goethe)

Ab und zu können wir ein sichtbares Zeichen von „mehr Leben“ sehen – sogar ein Zeichen von Erlösung als Abdruck im sterblichen Körper. Nach dem Todesstreit liegt manchmal ein Ausdruck von erhabener Ruhe und Frieden auf dem Antlitz: der Tod als Erlöser.

Haben wir jemals realisiert, dass der Tod für Christus kein Erlöser war? Im Gegenteil! Er musste nach seinem Tode die schwierigste Aufgabe erfüllen, die auf Erden besteht. Er musste selbst den Tod erlösen! Mit seinem Tode am Kreuz war sein Auftrag auf Erden noch nicht erfüllt. Lange vorher hatte Christus seine größte Aufgabe bereits angekündigt mit den Worten: „Drei Tage und drei Nächte wird der Menschensohn im Herzen der Erde sein.“ (Matth.12,40).

Das Herz der Erde – dies ist das Reich des Todes und der Unterwelt. (Griechisch: „thanatos” und „hades“, Offenbarung 1,18).

Den größten Streit führte Christus nicht auf Erden, sondern im Herzen der Erde, um den Tod und die Unterwelt von innen heraus zu überwinden.

Seit seinem Tod und seiner Auferstehung kann jeder Mensch, der ihn sucht und ihm folgt, den Tod auf eine andere Weise erleben als vorher: nicht länger als Gefangener im Herzen der Erde, sondern getragen im Herzen von Christus. Dank seines Todes ist der Tod nicht länger mehr unser Feind. Er kann uns sogar dabei helfen, Christus zu finden: „in Christo morimur“.

Man kann nicht früh genug damit beginnen, die Kunst des Sterbens zu üben – auch wenn es anfänglich nur „Fingerübungen“ sind. Deswegen hören die Kinder, die in der Christengemeinschaft vor dem Altar stehen, immer wieder, dass der Gottesgeist das Leben in den Tod führt und das, was tot ist, ins Leben. So lernen sie den Geist zu erkennen.

Der Körper von Christus wurde nicht nur in die Erde gelegt. Er selbst hat sich mit der Erde verbunden wie ein Samenkorn – um Frucht zu tragen für die gesamte Welt.

Verfasst von Bastiaan Baan, Priester im Ruhestand

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