Wer leitet eigentlich die Christengemeinschaft?

Wer leitet eigentlich die Christengemeinschaft?
Foto: Julia Knop

Der Siebenerkreis stellt sich vor

Ein schriftliches Interview mit Martin Merckens

Sarah Knausenberger I Lieber Martin, seit wann bist Du Pfarrer?

Martin Merckens I Seit 1996. Die Weihe war damals in Stuttgart, zusammen mit vier anderen Kollegen.

Sarah Knausenberger I Wie bist Du zur Christengemeinschaft gekommen?

Martin Merckens I Vermutlich habe ich mich vorgeburtlich schon dazu entschieden. Ich bin in eine Familie hineingeboren, die schon durch meine Großeltern einen Zusammenhang mit der Anthroposophie und der Christengemeinschaft hatte.

Sarah Knausenberger | Du bist ja nun ganz frisch im Siebenerkreis. Seit wann genau?

Martin Merckens I Seit Anfang Juni diesen Jahres. Innerhalb der Allgemeinen Synode in Stuttgart gab es den Wechsel bei den Oberlenkern. Christward Kröner hat das Amt des Erzoberlenkers von Joao Torunsky übernommen, der altershalber ganz aus dem Siebenerkreis ausgeschieden ist. Oliver Steinrück ist bereits seit 2018 Oberlenker – so arbeiten wir nun in dieser neuen Konstellation innerhalb des Siebenerkreises als Oberlenker zusammen.

Sarah Knausenberger I Wie ändert sich die Perspektive auf unsere Bewegung, wenn man im Siebenerkreis sitzt?

Martin Merckens I Ich muss den Blick auf die weltweite Christengemeinschaft ausweiten. Nun kenne ich bisher nur wenige Gemeinden außerhalb von Deutschland aus direkter Wahrnehmung. Vor 30 Jahren war ich als Praktikant für ein Jahr in Johannesburg. Dort habe ich eigentlich schon ein Gespür dafür bekommen, für das Großartige und Weltumfassende an unserer Christengemeinschaft: Der Kultus bildet das Zentrum für das religiöse Leben, welches dann ausstrahlt in die unterschiedlichen sozialen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hinein. Es ist der einzelne Mensch, der eine Sehnsucht nach einem religiösen Leben entwickelt, dieses pflegt und in einer Gemeinde den Ort findet, wo gemeinsam mehr erreicht werden kann, als wenn man als ohne den Kultus bleibt. Daraus entstehen dann Freude, Kraft und der Wille, etwas von seiner Zeit für die weitere Entwicklung „seiner“ Gemeinde einzusetzen.

Der Siebenerkreis ist ein dienendes Organ für die zentralen kultischen Fragen, den Zusammenhalt der Priesterschaft und damit auch der Gemeinden. Ebenso gehören auch der Austausch mit den Ausbildungsstätten (Priesterseminare) sowie die Gespräche und Entscheidungen, die zur Weihevorbereitung und zur Zulassung zur Priesterweihe gehören.

Sarah Knausenberger I Vermisst Du die „normale“ Arbeit in der Gemeinde?

Martin Merckens I Es ist noch nicht so viel, was ich an „normaler Gemeindearbeit“ vermissen (muss), da ich noch vieles in der/den Gemeinden tun kann. Allein die Programmgestaltung und damit die intentional-gestaltende Kraft für eine Gemeinde ist weggefallen.

Das Wirken in einer Gemeinde sollte nie ganz wegfallen. Aber so wie der Gemeindepfarrer sich neben den drei Säulen unserer Arbeit (Kultus/Verkündigung/Seelsorge) auch mit allen anderen Fragen in seiner Gemeinde auseinandersetzen muss, so schaue ich als Mitglied des Siebenerkreises auf das alltäglich zu Bewältigende und die Herausforderungen der Christengemeinschaft weltweit.

Sarah Knausenberger I Wo siehst du Baustellen in der Christengemeinschaft?

Martin Merckens I Die Christengemeinschaft hat eine großartige Grundlage. Das sind die Menschen, welche die Christengemeinschaft gefunden haben, diese mitgestalten und auch den finanziellen Boden zur Verfügung stellen, dass es überhaupt Priester der Christengemeinschaft geben kann, die freigestellt sind, vom „gewöhnlichen“ Broterwerbsleben.

Strukturelle Herausforderungen haben wir, wenn die Größe einer Gemeinde nicht ausreichend ist, um eine Pfarrerstelle finanziell zu tragen. Es klingt etwas unpersönlich, wenn ich von Pfarrerstelle spreche, aber wir sind an dem Punkt, dass wir zum Beispiel in Deutschland heute mehr Pfarrer oder deren Angehörige im Ruhestand haben, als in Gemeinden entsandte.

Die Gemeinden sind großenteils mehr als fünfzig Jahre alt. Manche bis zu hundert und darüber. Neue Gemeinden wurden in den letzten Jahrzehnten kaum gegründet. Es gibt Kirchen aus dem letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts die auf Zuwachs gebaut wurden, ausgehend von dem damals eben rasanten Wachstum der Gemeinden. Heute sind einige Kirchen einfach auch zu groß.

Eine weitere Aufgabe liegt darin, besonders seit Corona, dass die Teilnahme an der Sonntagshandlung für die Kinder einen starken Rückgang erfahren hat. Da müssen wir viel tun, damit Eltern auf die seelenbildende Kraft dieser Handlung aufmerksam werden.

Zu Beginn, also vor hundert Jahren, hatten es die Pfarrer in den jungen Gemeinden sehr schwer, überhaupt ein Gemeindeleben aufzubauen. Aber dann kam eine Phase, wo das Neue unserer Christengemeinschaft so überzeugte, dass viele Menschen und Familien den Kultus und die Feste aufsuchten. Heute sind wir so etabliert, dass wir gesellschaftlich gesehen stärker herausgefordert sind, das, was wir als das Neue innerhalb der christlichen Entwicklung sein können, auch bis ins Wort, bis in die Darstellung und damit in Abgrenzung zu den alten Kirchenströmungen stärker wieder nach außen tragen müssen.

Sarah Knausenberger I Was ändert sich gerade in unserer Bewegung?

Martin Merckens I Jeder Priester legt wohl einen großen Wert auf eine gesunde und vielfältige Gemeindebildung. Dazu gehört auch, dass Menschen in der Gemeinde weiterhin Verantwortung übernehmen für einzelne Lebensprozesse der Gemeinden. Die Gemeinde ist etwas Lebendiges und bildet eine eigenständige Gestalt aus. Diese Gestalt der Gemeinden wird in Zukunft vielfältiger werden und in kürzeren Rhythmen sich verändern. Vermutlich wird ein kleinerer Teil der Menschen mehr Tragkraft aufbringen; andere Menschen werden nur situativ dazukommen und die geistige Kraft des kultischen Lebens dennoch erfahren können.

Auch denke ich, wird mehr über das Sterben, die Erlebnisse an der Todesschwelle, aber auch über das Geborenwerden und in dem Zusammenhang auch über das vorgeburtliche Leben selbstverständlicher gedacht und gesprochen werden. Allein unsere Taufe regt schon an, einmal intensiver über den Sinn des Lebens nachzudenken, wenn man sich als ein Gesandter aus der vorgeburtlichen Welt denken lernt.

Sarah Knausenberger I Wie können wir uns darauf vorbereiten?

Martin Merckens I Dazu können wir hinaus in die Natur schauen und überall wahrnehmen: Leben ist Veränderung, Leben ist Wandlung, Leben ist, in Übergängen Mut für das unbekannte Neue zu entwickeln. Ohne Veränderung stirbt das Leben. Die Zukunft ist eigentlich schon da, nur wir sehen sie nicht so deutlich. Die Zeiten sind unsicher, Sorgen und Ängste sind allgegenwärtig. In den Wintermonaten sind unsere Bäume kahl, es ist kalt, es kann ungemütlich sein, aber die Knospen an den Bäumen tragen schon die grünen Baumkronen des nächsten Sommers, jedenfalls als Keime, als Potential in sich. Man kann sich jeden Tag fragen, wo hatte ich ein solches Erlebnis, wo die Zukunft mir schon Vertrauen schenkte? Zur Vorbereitung der Zukunft gehört, dass manches einfach losgelassen werden muss. Erstarrt eine Gemeinde in alten Gewohnheiten oder hat keine finanzielle Tragkraft mehr oder wenn sich die Menschen nicht trauen, das Ministrieren zu erlernen, wenn es nicht genügend Priester gibt, dann müssen Gemeinden sich auch auflösen dürfen. Es könnte aber auch eintreten, dass wie aus dem Nichts sich an einem anderen Ort eine neue Gemeinde bildet … mit Pioniergeist, mit neuen Formen der Gemeindebildung, und den Sakramenten wieder Raum schenkt. Es kommen sicherlich auch wieder die Zeiten, in denen junge Menschen in großer Anzahl zu den Ausbildungsstätten strömen, weil sie aus dem Vorgeburtlichen entsprechende Impulse mitbringen und die Christengemeinschaft gefunden haben. Das ist ja nicht immer selbstverständlich – da wir noch eine sehr klein sind.

Sarah Knausenberger I Worin siehst du die aktuellen Themen, die heute die Menschen bewegen, und wie kann die Christengemeinschaft ihnen begegnen?

Martin Merckens I In erster Linie sind es die Fragen der Lebenskräfte und das Bewältigen der alltäglichen Aufgaben. Es fehlt oft die Zeit zur Langeweile, da die digitale Welt uns von uns selbst ablenken kann. Auch gibt es heute viele einsame Menschen. Einsamkeit als Krankheit. Im Ärzteblatt kann man lesen: „Chronische Einsamkeit macht nicht nur unglücklich, sondern ist mit einer Vielzahl an körperlichen und psychischen Erkrankungen verbunden“, schreibt Einsamkeitsforscherin Prof. Dr. Maike Luhmann von der Ruhr-Universität Bochum in einer Expertise für das Kompetenznetz Einsamkeit (KNE)“.[1] Die Bundesregierung hat 2022 eine Strategie gegen Einsamkeit auf den Weg gebracht. Einsamkeit ist ein gesellschaftliches Phänomen, welches nach Heilung ruft. Religiöse Gemeinschaften, wie auch die Christengemeinschaft, haben die Gemeindebildung als einen wesentlichen Auftrag. Heißt es doch zum Beispiel in der Priesterweihe, dass der Priester die Menschen „taufend“ um den Altar versammeln möge. Den Mittelpunkt bildet der Christus. Ich möchte sagen, dass es eine schöne Aufgabe ist, die Entwicklung von Mensch und Erde in Zusammenhang mit der Beziehung zu Christus sehen zu lernen und entsprechend sein Beitrag leisten zu dürfen – auch aus dem Siebenerkreis heraus.


[1] https://www.aerzteblatt.de/archiv/einsamkeit-ein-schmerzhaftes-gefuehl-656d78b8-c9f0-4bf9-b8a5-1a264353c81d (abgerufen am 12.3.26)

Das Interview führte Sarah Knausenberger

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