Auf den Spuren des Urchristentums

Auf den Spuren des Urchristentums
Foto: Elfy Riesterer

Ein kurzer Blick auf eine besondere Reise

Es ist ein Geheimtipp, der sich herumspricht: In der Christengemeinschaft in Tiflis, Georgien, werden Reisende sehr herzlich aufgenommen. Regelmäßig nisten sich Jugendgruppen oder Interessierte aus deutschen Gemeinden hier ein, um dann die reiche Geschichte und Landschaft Georgiens zu erkunden.

Im Juni 2026 reisten sechzehn Menschen aus Norddeutschland an. Organisiert hatte diese Fahrt nun zum 4. Mal die Pfarrerin Brigitte Olle. Das Besondere an dieser Reisegruppe war, dass sie nicht „nur“ aus Gemeindemitgliedern bestand. Auch Menschen, die nichts mit der Christengemeinschaft zu tun haben, waren eingeladen worden, sodass ein frischer, lebendiger Austausch möglich war.

Der Flug ging gut, und in der Gemeinde Tiflis fühlten sich die Besucher sofort wohl. Es stand nicht nur für jeden ein Bett bereit – fast alle bekamen Einzelzimmer. Neben einem gemeinsamen Wohnbereich gibt es im Gemeindehaus eine Küche, in der von den georgischen Köchen Gia und Mariam wunderbare georgische Mahlzeiten zubereitet wurden. So durchliefen die Besucher in den gut 10 Tagen ihres Aufenthalts eine köstlich-bunte, kulinarische Reise. Parallel dazu hatte die Pfarrerin Nargizi Tizlarishvilli Bustouren in alle vier Himmelsrichtungen organisiert. Im Fokus: alte Kirchen- und Klosteranlagen.

Die Wurzeln des christlichen Glaubens reichen in Georgien bis in das 1. Jahrhundert zurück, als die Apostel Andreas und Simon Zelotes hier missionierten. Die flächendeckende Christianisierung wird der heiligen Nino zugeschrieben: Der Legende nach heilte die kräuterkundige Christin Anfang des 4. Jahrhunderts die georgische Königin Nana. Als ihr Mann König Mirian III. kurz darauf bei der Jagd von einer plötzlichen Finsternis überrascht wurde und erst nach einem Gebet zu „Ninos Gott“ wieder das Licht sah, trat er zum Christentum über. 337 n. Chr. wurde dann im georgischen Königreich Iberien das Christentum zur Staatsreligion erklärt – früher als im Römischen Reich.  

Nargizi ist nicht nur tatkräftig und hilfsbereit, sie ist eine sprudelnde Quelle an Wissen. Während der Busfahrten und in den Kirchen und Klosteranlagen erzählte sie Geschichten und Legenden und flocht die historischen Hintergründe mühelos mit ein.

Highlights der Tagesreisen waren zum Beispiel die Kinzwissi-Kirche, in der man eine wunderschöne blaue Engelfreske bewundern konnte. Oder der Ort Kutaisi, wo der Legende nach die Argonauten (Helden der griechischen Mythologie) landeten, um das goldene Vlies zu holen. Nicht weit davon soll sich der Felsen befinden, an den Prometheus genagelt wurde.

Eine Besonderheit weit ab der Touristenströme war der Besuch in Nargizis Heimatdorf. Es war eindrucksvoll zu sehen, wie einfach die Menschen hier leben und wie sie doch aus allem etwas machen. Die meisten Familien sind Selbstversorger, sie essen eigenes Gemüse und halten Tiere. Das Sozialsystem ist schlecht (30% der Menschen leben unter der Armutsgrenze), man verlässt sich lieber auf Familie und Freunde. Hier ist der Zusammenhalt spürbar. Der Wahlspruch der Georgier lautet: Kraft durch Einheit. Das gemeinsame Essen, bei dem Brot, Gurken, Tomaten, Käse und Wein nie fehlen dürfen, ist fester Bestandteil eines jeden Tages.

Aber auch die Altstadt von Tiflis ist eindrucksvoll. Auf den Märkten stapeln sich Obst und Gemüse und Berge von bunten Kleidungsstücken und Schuhen. Es duftet nach fremden Gewürzen und natürlich hört man überall Georgisch – eine Sprache, die mit ihren vielen aufeinanderfolgenden Konsonanten keiner anderen gleicht und die auch eine eigene Schrift entwickelt hat. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, wie klein dieses Land ist: Eine Fläche so groß wie Bayern mit nur vier Millionen Einwohnern.

Georgien verbindet als wichtiger Knotenpunkt der Seidenstraße seit Jahrtausenden Europa und Asien. Hier kreuzten sich wichtige Karawanenwege. Händler transportierten Seide, Gewürze und Edelsteine zwischen dem Mittelmeerraum und Ostasien. So prägen alte Karawansereien (Herbergen für Händler) bis heute das historische Stadtbild von Tiflis. Daneben recken sich unfertige Hochhäuser aus Sowjetzeiten und imposante, moderne Bauten in die Höhe. Immer wieder erhält man Aussicht auf die umliegenden Berge des Kaukasus. Vielleicht nennt man Georgien deshalb auch den Balkon Europas.

Am Ende des Tages kehrte die Reisegruppe stets zurück in die wunderbare Oase der kleinen Christengemeinschaft, die sich bescheiden hinter einem rostigen Eisentor verbirgt. Öffnet man es, betritt man einen Naturgarten mit selbstgepflasterten, geschwungenen Wegen und Sitzecken. Man konnte dort abends gut zur Ruhe kommen. Am Sonntag wurde eine Weihehandlung mit deutsch-georgischer Predigt gefeiert – der Priester Joseb Gumberidze spricht deutsch, hat in Stuttgart studiert. Überhaupt ziehen sich die Verbindungen nach Deutschland durch viele Familien. Schon früh wurden in Georgien Keime für die Christengemeinschaft und Anthroposophische Gesellschaft angelegt. 

Nach dem Gottesdienst wurde gemeinsam gegessen. An dieser Mahlzeit nahmen auch Menschen von der Straße teil. Das ist wohl üblich, manche kommen sogar zum offenen Eurythmie Kurs. Deutlich wurde: die ungewöhnlich warmherzige Gastfreundschaft dieser Gemeinde ist nicht nur den Touristen vorbehalten.

Allen nach Menschlichkeit Suchenden – ob Gemeindemitglied oder nicht – will die Christengemeinschaft ein Zuhause sein.

Hier schloss sich der Kreis. Denn mit diesem Motto in ihrer Mitte hatte sich auch die deutsche Reisegruppe in Hamburg auf den Weg gemacht.

Verfasst von Sarah Knausenberger

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