Gottesbegegnungen
in der Menschenweihehandlung

… im Wandeln (II)

Mit den Worten »Tut dies zu meiner Erinnerung!« (Lk 22,19) deutet Christus bei der Einsetzung des Abendmahls an, dass uns Christen seine Gegenwart im Feiern des heiligen Mahles verheißen ist. Das griechische Wort für Erinnerung ἀνάμνησις (anamnesis) kann auch als »Vergegenwärtigung« übersetzt werden. Im sakramentalen Geschehen erwarten wir die Gegenwart Christi. Er lädt uns mit jedem Abendmahlsgottesdienst zu Tisch, um sich mit uns zu vereinen. Mit dieser Beitragsserie möchte ich zu dem Versuch einladen, die unterschiedlichen Gottesbegegnungen in der Feier der Menschenweihehandlung zu erkunden – im Wort, im Opfer, im Wandeln, im Einswerden.

Wandlung bedeutet für den Apostel Paulus nicht bloß eine Änderung menschlichen Verhaltens oder eine Korrektur bestimmter Eigenschaften, sondern zielt auf eine fundamentale Umwendung des gesamten menschlichen Wesens. Im 15. Kapitel des ersten Korintherbriefs findet sich eine Passage, aus der sein Verständnis der Wandlung als der Überwindung der Vergänglichkeit, als Eingangstor zur Ewigkeit deutlich wird: Dies aber sage ich, Brüder, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können, auch die Vergänglichkeit nicht die Unvergänglichkeit ererbt. Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, alle aber werden wir verwandelt werden, in einer unteilbaren Zeit, in einem Augenblick, bei der letzten Posaune; es wird nämlich posaunen, und die Toten werden unvergänglich auferstehen, und wir werden verwandelt werden. Denn es ist nötig, dass dieses Vergängliche Unvergänglichkeit anzieht und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anzieht (1. Kor 15,50–53). Im zweiten Korintherbrief findet sich der ergänzende Gesichtspunkt, dass das Bild des Herrn selbst in uns diese tiefgreifende Verwandlung anregt und bewirkt: Wir alle aber, indem wir mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel anschauen, werden in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit verwandelt, wie es vom Herrn des Geistes gegeben wird (2. Kor 3,18).

Kreuz und Auferstehung des Denkens

Im Wandlungsteil der Menschenweihehandlung wird den Feiernden die Gestalt des am Kreuze leidenden Christus als Bild vor die Augen gerufen. Er erscheint als das Wortwesen, durch das das Göttliche den Menschen wieder gegeben wird: … denn es wird am Kreuze tragen der Leib das neue Bekenntnis; und es wird vom Kreuze fließen im Blute der neue Glaube … Wir schauen in diesem Augenblick mit dem inneren Auge auf den, der durch seinen Leib und sein Blut zum Träger und Spender eines verwandelten Bekennens und eines verwandelten Glaubens wird. Im nächsten Augenblick der Feier ergeht der Aufruf: Nehmet dieses auf in euer Denken. Damit werden wir auf den Weg gewiesen, der vom Schauen zum Erkennen, vom Wahrnehmen zum Verstehen führt. Die damit beginnende Verwandlung unseres Sinnens wird nun in zwei weiteren Schritten aufgezeigt: Im nächsten Schritt wird gesagt, dass das denkend Aufgenommene in uns zu einem Lebendigen werden soll: Und so lebe in unsern Gedanken: / Das neue Bekenntnis / Der neue Glaube. Der dritte Schritt markiert die vollständige Verwandlung, indem nun davon gesprochen wird, dass Tod, Auferstehung und Offenbarung Christi nicht mehr von uns gedacht werden, sondern dass vielmehr die Stufen seiner Wandlung in uns zu denken beginnen: So denket in uns Chrisi Leidenstod; Seine Auferstehung; Seine Offenbarung durch alle folgenden Erdenzeiten.

Mathijs van Alstein hat diese Worte in seinem jüngst erschienenen Buch Im Wirbel der Moderne als die Vergegenwärtigung des Pfingstereignisses gewürdigt: »Die Auferstehung als Subjekt des Denkens im Menschen – wohlgemerkt: nicht als Objekt des Denkens –, das ist, was Pfingsten geschieht! (…) Diese Kraft, die göttlich ist und allein schon deswegen auch denkt, sucht sich einen Ort in der Wesenheit, für die sie überhaupt aufgebracht wird: den Menschen. Das eröffnet völlig neue Dimensionen des innerlichen Lebens für diese Menschenwesenheit. Denn wenn sie sich beruhigt und hinhorcht auf das, was in der Tiefe in ihr vorgeht, wird sie nicht etwas Totes vorfinden, sondern etwas, das den Tod ständig besiegt: Eine Quelle kann gefunden werden, aus der Wasser nicht für das zeitliche, sondern für das ewige Leben quillt (Joh 4,14). Gedanken werden aufsteigen, die nicht nur lebendig sind, sondern auch Leben spenden.«[1]

Erde und Himmel – Opfer und Gnade

Kehren wir noch einmal zurück zum Beginn des Pauluszitats, in dem von Fleisch und Blut als den Trägern der Vergänglichkeit die Rede ist. Der Anblick des Gekreuzigten zeigt zunächst gerade das Vergehende, das dem Tod Unterworfene, aus dem keine Unvergänglichkeit hervorgehen kann. Im Zugehen auf seinen Tod hat Christus während der Einsetzung des Abendmahls davon gesprochen, dass er in Brot und Wein seinen Leib und sein Blut an die Seinen hingeben werde. Für uns Christen kann das bedeuten: Im heiligen Mahl empfangen wir im Zeichen von Brot und Wein den Keim der Unvergänglichkeit, die in seinem Leib und Blut gegeben ist, der aus dem Ringen mit dem Tod den Wandel in die Auferstehung geschaffen hat. Damit ist aber die Trennung von Himmel und Erde, die Entfernung zwischen Gott und Mensch schon ein Stück weit aufgehoben: Der deutliche Schritt aus dem Paradies in die wachsende Autonomie des Menschen muss nicht ein Dauerzustand bleiben, er kann vielmehr zu einer Wiedervereinigung des für eine vergängliche Zeit Getrennten führen.

Als Menschen können wir unsere Seelen in Gebet und Opfer zu Gott erheben, unser Irdisches dem Himmel entgegentragen. Und das Wirken Gottes kann uns in seiner Gnade und seinem Segen aus himmlischen Höhen entgegenkommen. In einem der Wandlungsgebete heißt es: Deines Geistes Gnade-Kraft wirke erdenwärts wie dieses Opfer strebet himmelwärts. Dies darf natürlich nicht im Sinne einer mechanischen Ökonomie verstanden werden, in der sich die Gnade durch das Opfer »kaufen« ließe, vielmehr bleibt eine feine Distanz zwischen den beiden Bewegungen: Im Opfern kann ich nicht bei mir als Person stehen bleiben, sondern gebe mich Gott in freier und auch freilassender Hingabe hin. Das Wort »wie« meint ja auch nicht den gleichen Umfang, sondern die gleiche Art und Weise. So richtet wohl auch Gott seine Gnade nicht nur auf das Ego eines jeden Menschen aus, sondern nimmt den Einzelnen in seiner Barmherzigkeit in eine auf die Menschheit zielende Qualität auf.

Ein Aspekt der Gegenläufigkeit von Himmlischem und Irdischem lässt sich auch darin erkennen, dass die Grenzen zwischen Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit nicht scharf getrennt, sondern übergänglich sind: Wir nehmen das Unvergängliche in unser Vergängliches auf – aber damit wird die Vergänglichkeit nicht einfach abgelegt. Die Unvergänglichkeit ist uns vielmehr als ein Keim eingeschrieben. So hat Christus auch den Tod auf Golgatha nicht aus der Welt ausgelöscht, er hat ihm vielmehr – um noch einmal Paulus zu zitieren – den Stachel genommen: Wo ist, Tod, dein Sieg? Wo ist, Tod, dein Stachel? (1. Kor 15,55). Und Paulus fährt fort: Aber der Stachel des Todes ist die Sünde, aber die Kraft der Sünde das Gesetz (1. Kor 15,56).

Ziel der Wandlung: Die Sünde besiegen

Die Gottesbegegnung in der Wandlung setzt das Prinzip des »Christus in uns« voraus: Weil er als ein göttlicher Menschenbruder in uns lebendig sein und wirken kann, ist er uns kein grundsätzlich Fremder. Sein Einwohnen schafft zugleich auch Wohnung und Heimat für uns in ihm. Das ist die eine Seite dieser Begegnung, sie ist auf die am Anfang gegebene und zugleich künftig verheißene Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott und Gottes mit dem Menschen gegründet. Eine andere Seite der Begegnung ist aber auch die zwischen uns als (Sünden-)Kranke mit dem Heiler, der uns die Gesundung schenkt. Darin sind wir nicht gleich, sondern in Ungleichheit aufeinander bezogen. Man kann noch etwas deutlicher formulieren, worin in der Gottesbegegnung mit ›Christus in uns‹ die Unterschiedlichkeit zu erkennen ist: Christus hat das Menschsein erfahren, aber er hat im Sieg über den Tod auch den sündenkranken Anteil des menschlichen Leibes verwandelt, sodass er den Seinen nach der Auferstehung mit einer andersartigen Leiblichkeit erschienen ist. Die Verheißung seiner Gegenwart im Feiern des Abendmahls bezieht sich auf diesen Auferstehungsleib, der zwar leiblich, aber nicht materiell gedacht werden kann. In der Wandlung feiern wir das Geheimnis der Leibverwandlung, das sich historisch hinter dem Stein im Grab auf Golgatha vollzogen hat, für alle Sinne offenbar in der Mitte des Altars. Wir werden jedes Mal zu Zeugen, wenn das Opferbrot und der Opferwein im Erheben und Herunterführen von seinem reinen Leib und seinem reinen Blut ergriffen und in ihn selbst verwandelt wird. Wir geben uns im Opfern an ihn hin und wir empfangen sein Opfer, das er uns entgegenträgt.

Als Empfangende bedürfen wir jedoch einer Form der religiösen Bescheidenheit, die für manche Zeitgenossen eine Herausforderung darstellt: Um die Ungleichheit zwischen uns selbst als die der Heilung Bedürftigen und ihm als dem die Heilung Spendenden zu realisieren, muten wir unseren Ohren und Herzen zu, dass sie auch in diesem heiligen Moment einmal ihre Unvollkommenheit und Schwäche berühren, um aus dieser Berührung der Bitte um Heilung Kraft geben zu können. In der Sprache der Menschenweihehandlung heißt dies gegen Ende des Wandlungsteils: Wir können vor Dir nicht Werke tun; / Wir möchten vor Dir die Sünde besiegen / durch Christus, durch den Du, o Vatergott / schaffest, gesundest und durchseelest … In diesen Worten lebt das Bekenntnis, dass wir mit unseren Werken aufgrund der noch nicht geheilten Sündenkrankheit nicht an die Realität und geistige Kraft der Werke Gottes heranreichen, sondern seines Beistandes und seiner Barmherzigkeit bedürfen, um vor dem Vatergott und durch Christus die Sünde besiegen zu können.


[1] Mathijs van Alstein: Im Wirbel der Moderne. Vom Geisteskampf im 21. Jahrhundert, Stuttgart 2026, S. 81.

Verfasst von Ulrich Meier, geboren 1960, Priester in Hamburg

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