Interview mit Christward Kröner, Erzoberlenker der Christengemeinschaft
Ulrich Meier | Priester aus aller Welt waren Zeuge, als du auf der Internationalen Synode Anfang Juni in dein neues Amt als Erzoberlenker eingesetzt wurdest. In deiner Ansprache im Anschluss an die Feier hast du von deiner Hoffnung gesprochen, dass unsere Gemeinden sich immer mehr zu Orten der Wärme entwickeln können. Was hattest du bei dieser Formulierung im Sinn?
Christward Kröner | Ich habe damit gemeint, dass von den Gemeinden etwas ausstrahlen könnte, was eine michaelische Qualität ist. Michael wird von Rudolf Steiner nicht nur als der lichtvolle Gedankenfürst charakterisiert, der den Widersacher bekämpft, sondern auch als ein Wesen, das die Welt in Liebe bejaht, Wärme um sich hat und diese Wärme in die Welt trägt. Meine Bild ist, dass von unseren Gemeinden etwas an Herzenswärme ausgehen kann, so dass die Menschen, die sich dort miteinander verbinden, um religiös tätig zu sein, sich so angenommen fühlen, wie sie sind, und sich »zu Hause« fühlen können. Wärme verbinden wir ja oft auch mit einem Gefühl von Heimat oder von Zuhausesein. Bildlich gesprochen: wir legen den Mantel ab, weil es warm genug ist. In diesem Sinne fände ich es schön, wenn unsere Gemeinden immer mehr zu Orten würden, an denen Menschen sich beheimaten, an denen sie sich seelisch aufgehoben und erkraftet fühlen. Das steht für mich hinter diesem Wort »Wärme«.
Ulrich Meier | Als Nächstes kommt die Frage nach dem Menschen Christward Kröner. Magst du ein, zwei Dinge aus der Zeit erzählen, als du noch nicht Priester warst, die für dich wesentliche biographische Erfahrungen waren?
Christward Kröner | Ich kann auf zwei prägende Erfahrungen blicken, in den Jahren, bevor ich Pfarrer wurde. Diese Zeit war durch die Studienfelder Musik und Medizin gekennzeichnet. Beides hat zentral mit dem Menschen zu tun. Ich habe sehr gern Musik gemacht, insbesondere Kammermusik. Da kann man für jede soziale Interaktion viel lernen. Wenn man im Streichquartett spielt, geht es ja darum, dass man hört, was die anderen spielen, und sich gemeinsam in den Dienst eines Werkes stellt. Jeder übernimmt seinen Part. Das kann nur gelingen, wenn das instrumentale Können sich mit der Demut verbindet, einer Sache dienen zu wollen und die anderen auch in ihr Recht und in ihre Kraft zu setzen, in ihrer Fähigkeit in Erscheinung treten zu lassen. Das war für mich sehr wichtig und es begleitet mich auch durch das Berufsleben als Priester. Und die Musik selbst als Kunst hat die Möglichkeit, Seele und Geist zu erheben. Wenn ich auf die Kultusmusik schaue, ist das ein Gebiet, auf dem wir in Entwicklung sind und wo ich meine, dass noch etliche Schritte gegangen werden können, damit die Musik im Kultus ihre Kraft und Fähigkeit immer angemessener ausbilden kann, zu verbinden, Brücken zu bauen und die Seelen atmen zu lassen.
Ulrich Meier | Und die Medizin?
Christward Kröner | Ich erinnere, wie es mich berührt hat, durch zwei Semester an einem Seziertisch zu stehen und den ganzen physischen Leib des Menschen in Bewunderung und Staunen mittels Skalpell und Pinzette zu »dekonstruieren«, zusammen mit den Kommilitonen. Dies Wunderwerk »menschlicher Leib« zeigte jedes Mal: Ja, wir können ihn auseinandernehmen, aber die Kräfte, die ihn gebildet haben, finden wir so nicht, die sind in dem toten Menschen nicht mehr anwesend. Daraus entstand eine Frage, die mich durch die Jahre weiter begleitete: Wie lässt sich ein Verständnis und eine Wahrnehmung von den Bildekräften unseres Leibes gewinnen?
Ulrich Meier | Nach der Weihe hast du verschiedene Gemeinden kennengelernt und in den vielen Jahren seit 1990 dadurch auch den geschichtlichen Wandel der Christengemeinschaft vor Ort erlebt. Gibt es etwas, was du aus deiner Arbeit als Gemeindepfarrer gern dazustellen möchtest?
Christward Kröner | Meine erste Entsendung ging nach Südafrika, vorher habe ich Praktikum in London gemacht. Das hat den Blick über den deutschen Tellerrand hinaus erweitert. Inzwischen glaube ich alle Priester, die weltweit arbeiten, zu kennen. Es hat sich im Laufe der 21 Jahre, die ich nun in der Leitung mitarbeite, auch so etwas wie ein Empfinden für die Größe der Christengemeinschaft und die Verschiedenheit in den unterschiedlichen Erdgebieten ausgebildet. Dieses Gefühl für die Größe ist verbunden mit einem Gefühl von großer Dankbarkeit: dass an so vielen Orten Menschen da sind – Gemeindemitglieder und Priester –, die das, was uns anvertraut ist, unter jeweils ganz eigenen und zum Teil auch schwierigen Verhältnissen pflegen und durchtragen und so die Flamme, die in der Gründung entzündet wurde, am Leben erhalten. Die Bedingungen einer Einwanderungsgemeinde, wie ich sie in Johannesburg erlebt habe, wo Menschen ganz verschiedener Nationen sehr initiativ zusammenarbeiten, sind natürlich ganz andere als in einer deutschen ländlichen Gemeinde, aber es ist ihnen gemeinsam, dass sie durch das Wesentliche getragen sind, das überall denselben Geist atmet.
Ulrich Meier | Wie hast du den zeitlichen Wandel erlebt? Es sind verschiedene Orte, aber es gibt ja auch, jedenfalls für meine Wahrnehmung, unterschiedliche Entwicklungen in der Zeit, die sich auch in unseren Gemeinden geltend machen und über die ich mich zum Teil sehr freue.
Christward Kröner | Ich würde sagen, dass sich im Laufe der Zeit die Qualität des Miteinanders verändert hat. Die Möglichkeiten der Zusammenarbeit von Priestern und Mitgliedern und das Gefühl der gemeinsamen Verantwortung unterliegt einem Wandel. Dazu gehört ein größeres Bewusstsein davon, dass es nun, nachdem die Phase der zahlreichen Kirchenbauten erst einmal abgeklungen ist, verstärkt darum gehen könnte, Gemeinschaft zu bilden und Wege zu finden, sich miteinander und aneinander zu entwickeln.
Ulrich Meier | Das sehe ich auch so. Ich erlebe ein gesundes Erwachen des Selbstbewusstseins der Mitglieder gegenüber den Priestern in den Gemeinden, das es für meine Wahrnehmung vor 30, 40 Jahren so noch nicht gegeben hat.
Christward Kröner | Ich glaube, das ist ein fälliger Entwicklungsschritt, der das Bewusstsein dafür schärft, dass wir alle gemeinsam das tragen, was uns in der Christengemeinschaft verbindet und dass wir gemeinsam dafür verantwortlich sind.
Ulrich Meier | Du blickst nun auf 21 Jahre Arbeit im Siebenerkreis zurück. Jetzt ordnet sich die Gruppe wieder einmal neu. Wie erlebst du die Zusammenarbeit von Lenkern und Oberlenkern mit dem Erzoberlenker im Siebenerkreis? Das ist wahrscheinlich eine Frage, die auch unsere Leser interessieren wird: Was bleibt und was ändert sich?
Christward Kröner | Jeder und jede, die neu in den Kreis eintreten, verändern den ganzen Kreis. Manchmal begegnet mir die Vorstellung, der Erzoberlenker säße in einer engen Klause, einsam vor sich hinbrütend um die wichtigsten Entscheidungen für die Christengemeinschaft zu treffen. Aber das ist mitnichten der Fall. In Wirklichkeit ist er in vielfache Gremienarbeit eingebunden, in ganz verschiedene Arbeitszusammenhänge. Das beginnt mit der Gemeinschaft der Oberlenker und setzt sich fort im Siebenerkreis, in dem vier Lenker mitwirken, und setzt sich weiter fort in die verschiedenen Lenkerkonferenzen hinein. Dass der Erzoberlenker etwas allein entscheidet, ist nur für den Fall vorgesehen, dass keine Einmütigkeit erzielt werden kann. Dann kann der Kreis darum bitten, dass der Erzoberlenker etwas entscheidet. Das ist aber in der Vergangenheit nur äußerst selten vorgekommen. Zentral geht es darum, zusammenzuarbeiten.
Wenn man den Erzoberlenker als eine Art Mittelpunkt dieser Kreise und des gesamten Priesterkreises anschaut, ist es auch notwendig, dass der Mittelpunkt ein Bewusstsein hat von der Bewegung des Kreises. Wenn sich der Kreis bewegt und der Mittelpunkt verharrt, gerät der Mittelpunkt plötzlich an den Rand. Der Kreis muss schauen: Wo ist unser Mittelpunkt? Aber der Mittelpunkt muss auch schauen: Wo will der Kreis hin, damit das Verhältnis von Punkt und Kreis gewahrt bleibt. Das ist eine Wechselwirkung. Insofern steht man als Erzoberlenker in allen entscheidenden Fragen für die Christengemeinschaft immer im Feld der Zusammenarbeit mit den anderen Verantwortungsträgern, letztlich mit allen Priestern.
Ulrich Meier | Das Bild von Mittelpunkt und Umkreis bringt mich zu meiner nächsten Frage: Auch für unsere Zeit ändert sich ja das Verständnis von Führung in Organisationen. Für mein Verständnis finden sich dort interessante Bewegungen, Führung neu zu beschreiben, Führungsstile zu befragen, nach anderen Formen zu suchen. Wie erlebst du Führung innerhalb der Christengemeinschaft?
Christward Kröner | Mein Bild von der Leitung oder Führung der Christengemeinschaft ist das einer ermöglichenden Führung, einer dienenden Leitung. Die Leitung ist kein Selbstzweck, sondern soll ein gedeihliches Leben in den Gemeinden ermöglichen. Das ist ihr Sinn. Rudolf Steiner sagt den Lenkern, dass sie dafür sorgen sollen, dass immer etwas dafür geschieht, dass »die Sache ihren Fortgang nimmt«. Das deutet ja schon darauf hin, dass da ein Strom ist, der fließen möchte, aber der in Hinderungen geraten kann, und dann wird aus dem frischen Wasser vielleicht Brackwasser. Die Aufgabe der Leitung wäre dann, Hindernisse überwinden zu helfen, aus dem Weg zu räumen, damit das, was wir nicht selber hervorbringen, aber was das Wesentliche unserer Gemeinschaft ist, dass das strömen und fließen kann. Dazu gehören dann im unmittelbaren Ausüben eines Leitungsamtes natürlich bestimmte Vollmachten, die notwendig sind, damit dieser Strom weiterfließen kann. Wir haben keine Top-down-Führung, wie es sie in manchen Organisationen gibt. Wir haben auch keine »geistliche Leitung«, sondern wir vertrauen auf die Inspirationskraft und das Intuitionsvermögen jedes Priesters und jeder Priesterin, die das Christentum unmittelbar aus ihrem Geist heraus verkündigen und ihr Amt als Priesterin oder Priester verwalten. Auf diesem Feld würde ich mich nie als derjenige fühlen, der die Richtung vorzugeben hätte. Was nicht heißt, dass die Leitung nicht auch Initiativen entfalten könnte oder sollte, aber Initiativen, die immer abzuprüfen sind an der Bereitschaft, sie mitzutragen, und an der Frage: Wie einleuchtend ist es für die anderen, die sich dann frei in diese Initiative hereinstellen können? Es wird sich also immer um ein Gemeinschaftswerk handeln, wie es seit Pfingsten als Zukunftsbild dem Christentum voranleuchtet.
Ulrich Meier | Vor Kurzem gab es auf Initiative von Eva Scheffler eine Begegnung mit der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Hamburg, an der ich beteiligt war. Vorher habe ich überlegt: Was sagst du, wenn sie fragen: Was ist eure Stimme im Chor der christlichen Kirchen und Gemeinschaften? Daher nun meine nächste Frage: Was denkst du darüber? Wie denkst du über Ökumene und Interreligiösen Dialog?
Christward Kröner | Die Christengemeinschaft ist einzigartig, aber nicht allein seligmachend. Wir sind nicht so besonders – aber uns ist etwas sehr Besonderes anvertraut. Wechselseitige Anerkennung sollte unter allen christlichen Gemeinschaften leben, die diesen Namen verdienen. Das wäre Ausdruck von innerer Freiheit und Souveränität. Letztlich entscheidet sich die Frage der Christlichkeit an der gelebten Beziehung zu dem gegenwärtigen auferstandenen Jesus Christus. Die Christengemeinschaft würde in den religiösen Zusammenhängen als eine Stimme ertönen, die erkennbar neben dem Evangelium auch aus der Quelle der Anthroposophie schöpft, nicht in einem dogmatischen Sinne, sondern in einer anregenden, erneuernden, den Horizont erweiternden, Zugänge schaffenden Ergänzung. Für mein Empfinden kann die Anthroposophie und das Evangelium-Verständnis, das durch sie möglich wird, vieles, was im Christentum verschüttet zu werden droht, neu beleben.
Ulrich Meier | Nach meiner Wahrnehmung gibt es durchaus auch Interesse an dieser Stimme, an den Fragen nach einem esoterischen Christentum. Dies vertritt zum Beispiel Professor Enno Edzard Popkes aus Kiel, für den das Thomas-Evangelium eine geheime Lehre Jesu enthält, die verdrängt wurde, aber heute die Glaubensvielfalt befördern und den Dialog mit Andersgläubigen verstärken könnte.
Christward Kröner | Wir haben Lehrfreiheit für die Priester sowie Bekenntnis- und Glaubensfreiheit für die Mitglieder der Christengemeinschaft. Es kann ja nur eine Bereicherung für uns sein, wenn wir mit anderen in Dialog treten. Zugleich hoffen wir, dass andere das, was bei uns lebt, möglicherweise auch als eine Bereicherung erfahren können. Es gibt kein Argument in der Welt, denke ich, das gegen Dialog spricht.
Ulrich Meier | Popkes vertritt ja in seiner Kirche die Ansicht, dass die Lehre einer Entwicklung des unsterblichen Teils der Seele über verschiedene Inkarnationen hinweg von Jesus selbst verkündet worden sei.
Christward Kröner | Das ist ja nur erfreulich, wenn erkannt würde, dass der Gedanke der Reinkarnation nicht im Widerspruch zum Christentum steht, sondern sich als ein eminent christlicher erweisen kann.
Ulrich Meier | Zum Schluss möchte ich die Frage nach der Zukunft stellen: Wohin geht die Reise der Christengemeinschaft in den nächsten 20, 50, 100 Jahren? Was kann sich, was darf sich noch entwickeln?
Christward Kröner | Das Leben entwickelt sich an den Herausforderungen der Gegenwart, in der jeder von uns steht. Zugleich bin ich überzeugt davon, dass wir in den Sakramenten ein Geistesgut pflegen, durch das wir uns entwickeln können, und das seiner Natur nach gar nicht alt werden kann. Denn es ist durch den gegeben, mit dem wir uns verbunden fühlen wollen und der von sich sagt: Siehe, ich mache alles neu (Offb 21,5). Im Grunde geht es darum, dass er dort als gegenwärtig erlebt werden kann, wo wir miteinander Sakramente feiern. Das ist vor 100 Jahren genauso aktuell gewesen wie heute und wie es in 100 Jahren aktuell sein wird. Das ist der Kern unserer Identität. Was an Gemeindelebensformen da ist, was als Verkündigungsformen da ist, das kann sich wandeln, aber es wird immer Bezug nehmen auf diesen entscheidenden Kern. Ich bin kein Hellseher, aber ich meine wahrzunehmen, dass es heute eine tiefe Sehnsucht und ein tiefes Bedürfnis nach Religiosität und Spiritualität gibt. Meine Hoffnung ist, dass Menschen auch in Zukunft erleben, dass sich das, was uns verheißen ist, immer wieder ereignet und dass wir in den Gemeinden Räume bilden können, in denen sich Menschen so begegnen, dass dieses Geschehen Wirklichkeit werden kann.
Ulrich Meier | Für mich ist es eine gewisse Sorge, dass die Christengemeinschaft zahlenmäßig im Rückgang ist. Auf der anderen Seite habe ich große Hoffnungen, dass sich unsere Gemeinden auch in schwierigen Zeiten dadurch auszeichnen werden, dass uns die unmittelbare Begegnung von Mensch zu Mensch gelingt. Das könnte in die Gegenwart ausstrahlen, in der wir der Gefahr ausgesetzt sind, uns selbst und unsere Menschlichkeit in der zu nahen Beziehung zu Maschinen zu verlieren.
Christward Kröner| Das ist auch meine Hoffnung. Denn ich möchte ernst nehmen, dass kleine Entitäten im Geistigen eine große Wirksamkeit entfalten können – wie etwa auf dem medizinischen Feld die Homöopathie darauf gründet, dass nahezu keine Stofflichkeit vorhanden ist, aber ein Prozess angeregt wird, der das Ganze durchdringt. Wenn ich darauf blicke, was in der Seele der Menschheit alles allein schon durch das mediale Dauerfeuer an Wogen auf- und abflutet und mich dann frage: Was bedeutet es, dass an vielen Orten jeden Tag die Menschenweihehandlung gefeiert wird, dass Menschen ihre Seelen für dieses Geschehen öffnen und ihre Herzenskräfte zusammenströmen lassen, dass da ein lebendiger, seelisch-geistiger Klang entsteht, der durch das Getöse der Gegenwart hindurch seine stille, aber unverwechselbare Wirksamkeit entfaltet? Da kommt es auf die rein äußere Größe nicht in erster Linie an. Deshalb bin ich froh und dankbar, dass auch heute Menschen da sind, die das zu ihrer Sache machen. Wir pflegen etwas immer Gleiches, das aber fortwährend tiefer, höher und inniger werden kann und das seine Größe nicht durch die Abwechslung, sondern in der Wieder-Holung offenbart.
Ulrich Meier | Ich finde, das ist ein sehr schönes Schlusswort. Vielen Dank!
Das Interview führte Ulrich Meier, Priester in Hamburg