Wie reift in einem Menschen der Entschluss, den Priesterberuf zu ergreifen? Graham Ibell aus Neuseeland teilt seine Geschichte.
Mein Weg zum Priesterseminar
Es waren die Sterne, die mich ins Priesterseminar geführt haben. Sowohl in dem Sinne, dass sich mein Studium hier als verwoben in meinem Schicksal anfühlt, als auch in dem Sinne, dass meine Arbeit als Astrologe meine Religiosität erweckte und mich schließlich zu Christus brachte.
Ich wuchs als fünftes von sieben Kindern in einer atheistischen Familie auf, in einer kleinen Stadt in Neuseeland. Die Atmosphäre unserer Familie und meine kindliche Sensibilität führten dazu, dass meine tieferen Fragen – nach Wahrheit, Tod und Gott – nie wirklich beantwortet wurden. Doch nachdem ich von zu Hause ausgezogen war, begann ich ernsthaft nach Antworten zu suchen. Nach einer kurzen Karriere als Botaniker ermutigte mich meine Frau, mit ihr einen Astrologiekurs zu besuchen. Das veränderte alles für mich. Mit 27 zog ich nach Großbritannien, um dort zu studieren. Schnell verspürte ich ein starkes Gefühl der Vertrautheit mit den Welten, die sich mir dadurch eröffneten.
Durch das Deuten der Horoskope meiner Klienten, durch das ständige Erkennen der Spuren der spirituellen Welt im Leben der Menschen und durch das tiefe Verständnis dafür, wie eng das Leben auf der Erde mit den Planetenbewegungen verwoben ist, begann ich, eine Beziehung zu Gott aufzubauen. Durch die intensive und persönliche Erfahrung, einem Menschen beim Deuten seines Horoskops wirklich zu begegnen und seine Biografie und sein Schicksal auf diese Weise offenbart zu bekommen, fand ich zu einer lebendigen Verbindung mit Christus. Mein Interesse an der Heilung von Körper und Seele fand in dieser Arbeit Ausdruck. So wuchs in mir das Gefühl, Menschen in ihrer Beziehung zum lebendigen Christus helfen zu können.
Durch die Waldorfschule meiner Kinder kam ich schließlich mit der Anthroposophie in Berührung und schloss mich im Laufe der Jahre Studiengruppen, der Anthroposophischen Gesellschaft usw. an. Nach unserer Rückkehr nach Neuseeland 2008 besuchte ich regelmäßig die Menschenweihehandlung, wenn der Pfarrer die kleine Gemeinde in Wellington besuchte. Ich hatte schon seit einigen Jahren den Wunsch, eine Kirche zu finden, wo ich mich wohlfühle – eine mit Tiefgang, Intelligenz und Schönheit. Meine ersten Erfahrungen waren schwierig; ich empfand sie als kalt und unnahbar, und sie erinnerte mich unangenehm an meine Kindheitserinnerungen an die Kirche. Doch offensichtlich war etwas in mir angerührt worden. Da die Menschenweihehandlungen jedoch nur einmal im Monat stattfanden, dauerte es einige Jahre, bis ich sagen konnte, dass ich wirklich meinen eigenen Zugang gefunden hatte.
Ein immer stärker werdendes religiöses Feuer in meinem Herzen
Im Jahr 2012 verstarb meine Frau – der wohl prägendste Moment meines Lebens. Um meinen Schmerz zu lindern und das Geschehene zu verstehen und verarbeiten, begann ich mich intensiv mit dem Tod und dem Leben jenseits der Schwelle auseinanderzusetzen. Und ich verstand die Menchenweihehandlung plötzlich ganz anders. Mit dem immer stärker werdenden religiösen Feuer in meinem Herzen, dem Ruf, Christus direkter zu dienen, und dem Wunsch, mich stärker in der Gemeinschaft zu engagieren, fühlte ich mich zunehmend zum Priestertum hingezogen. Gegen Ende dieser Zeit wuchs in mir das Gefühl, dass meine Arbeit als Astrologe einer Erneuerung bedurfte: Ich sehnte mich nach umfassenderen und längerfristigen Beziehungen, als sie mir diese Arbeit bieten konnte, und nach der Hülle einer tiefgründigen spirituellen Tradition.
Ich musste jedoch noch unsere Söhne großziehen, daher musste das Priesterseminar warten. Rückblickend waren diese etwa zehn Jahre eine wichtige Vorbereitungszeit, in der ich durch die intensiven Herausforderungen der alleinigen Elternschaft sowohl spirituell als auch weltlich sehr gewachsen bin.
Um mich selbst noch einmal zu prüfen, begann ich vor einigen Jahren, meinem langjährigen Interesse an der Psychologie Carl Jungs folgend, eine Ausbildung in Zürich. Ich glaubte, meinen innerlichen Ruf zum Priestertum durch die Rolle des Psychoanalytikers verwirklichen zu können. Schon nach wenigen Semestern, in denen ich mit der Vereinbarkeit von Steiners und Jungs Menschenbild rang, erkannte ich, dass ich eine tiefere Beziehung zu Gott, zum Evangelium und zu den Sakramenten brauchte. Schließlich war ich bereit, mich für das Priesterseminar zu bewerben.
Mit nur rudimentärem Schul-Deutsch schien das Priesterseminar in Toronto der logische Weg. Doch ich wollte schon immer eine Fremdsprache sprechen und fühlte mich, vielleicht karmisch bedingt, zu diesem Teil Europas hingezogen. Für einen Neuseeländer, der am Rande der europäischen Kultur lebt, war eine Reise ins pulsierende Herz Europas sehr anziehend. Und dieses Wechselspiel zwischen Peripherie und Zentrum ist ein grundlegender Thema meines Wesens.
Es erweist sich jedoch — teilweise aufgrund meiner begrenzten Deutschkenntnisse — als größere Herausforderung als erwartet, sowohl was die Studieninhalte als auch mein Zugehörigkeitsgefühl innerhalb der Seminargemeinschaft betrifft. Langsam, aber sicher mache ich Fortschritte und bin deshalb mit einem vorsichtigen Stolz erfüllt. In gewisser Weise ist dies genauso wichtig wie die Priesterausbildung selbst und kann mir durchaus helfen, möglicherweise ein besserer Priester zu werden.
Tief in mir spüre ich, dass dieser Ort – das Priesterseminar in Stuttgart – und dieser Weg mir Kraft geben und dass ich genau dort bin, wo ich im Moment sein muss.
Es ist wahrhaftig, meinem Stern zu folgen.
Verfasst von Graham Ibell, 1. Jahr am Priesterseminar Stuttgart
