Wir begrüßen unseren neuen Erzoberlenker Christward Kröner
Ein schriftliches Interview
Sarah Knausenberger: Lieber Herr Kröner, ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zu der neuen großen Aufgabe, die Sie übernommen haben.
Können Sie sich kurz vorstellen: Wo sind Sie aufgewachsen? Wie kamen Sie zur CG und wann wurden Sie geweiht?
Christward Kröner: Ich bin in Norddeutschland aufgewachsen und habe die Christengemeinschaft bereits in meinem Elternhaus kennengelernt. Eine prägende Priesterpersönlichkeit in der Kindheit und Jugend war Frank Hörtreiter, dessen Konfirmandenunterricht und Jugendkreis unvergessen sind. Die Weihe empfing ich 1990 in Stuttgart durch Taco Bay.
Sarah Knausenberger: Am 4. Juni wurde Ihnen das Amt des Erzoberlenkers in Stuttgart übertragen. Darf man erfahren, wie so eine Zeremonie abläuft?
Christward Kröner: Die Einsetzung in das Amt des Erzoberlenkers erfolgt während einer Synode innerhalb einer Menschenweihehandlung unter Priestern, in der die drei Oberlenker in einer besonderen Art zusammenwirken.
Sarah Knausenberger: Freuen Sie sich auf die neue Aufgabe?
Christward Kröner: Ich freue mich und bin dankbar dafür, dass ich seit 36 Jahren in der Christengemeinschaft und für die Christengemeinschaft als Priester tätig sein darf. Das ist ganz unabhängig von einem speziellen Amt, das auf Zeit übernommen wird. Aber natürlich lässt sich auch die konkrete Aufgabe – wie alles im Leben – leichter bewältigen, wenn sie mit Freude und Zuversicht ergriffen wird. Darum bemühe ich mich.
Sarah Knausenberger: Können Sie das Amt des Erzoberlenkers umreißen?
Christward Kröner: Man kann die gesamte, weltweite Priesterschaft als einen Kreis empfinden. Dieser Kreis braucht – das liegt schon in der Definition des Begriffes „Kreis“ – einen Mittelpunkt. Die Aufgabe, sich als einen solchen Mittelpunkt zu fühlen und ein Bewusstsein für den ganzen Kreis und alle einzelnen Priester zu pflegen, ist mit dem Amt verbunden. Allerdings steht der Erzoberlenker da nicht allein, sondern in engem Zusammenhang und intensiver Zusammenarbeit mit den Oberlenkern, dem Siebenerkreis sowie der ganzen Lenkerschaft.
Sarah Knausenberger: Warum gibt es eine Hierarchie in der Christengemeinschaft und was ist der Unterschied zu der Hierarchie in beispielsweise einer Firma?
Christward Kröner: Wir haben in der Christengemeinschaft keine pyramidale Hierarchie, sondern eine horizontale. Alle Priester haben dieselbe Weihe empfangen. Innerhalb der Priesterschaft gibt es in verschiedenen Organen eine gegliederte Verantwortung. Man kann sich das als konzentrische Kreise vorstellen, die um den Mittelpunkt herum bestehen: Die drei Oberlenker – sie bilden mit vier Lenkern zusammen den „Siebenerkreis“ -, die Leitung der Priesterschaft – die Lenker in den verschiedenen Regionen wie eine Erweiterung des Siebenerkreises, und schließlich der schon erwähnte große Kreis der gesamten Priesterschaft.
Alle gehören der Hierarchie an. Sie wurde schon gebildet, bevor der neue Kultus gestiftet wurde – ihre Einrichtung war Voraussetzung dafür, dass uns die neuen Sakramente anvertraut werden konnten. So ist eine wesentliche Funktion und Aufgabe der Hierarchie die Reinhaltung des Kultus. Unter Kultus verstehen wir die religiösen Handlungen, welche wir in der Christengemeinschaft vollziehen. Der einheitliche Kultus ist das identitätsstiftende Gegengewicht zur Lehrfreiheit der Priester, zur Glaubens- und Bekenntnisfreiheit der Mitglieder. Wir sind eine Kultusgemeinschaft und uns verbindet, dass wir die gottgegebenen Sakramente mit den Menschen in den Gemeinden feiern und pflegen wollen. Aus ihrer Kraft bildet sich Gemeinde – und das ist das eigentliche Ziel des sakramentalen Wirkens.
Gäbe es nicht die einigende Kraft des Kultus, die von dem ausgeht, dessen Gegenwart wir im Kultus zu erleben hoffen, wäre unsere Gemeinschaft im gegenwärtigen Zeitalter des – berechtigten – Individualismus vermutlich schon längst auseinander geflogen …
Ferner obliegt der Leitung die Verantwortung für die Seminare, die Entscheidung, wer zur Weihe zugelassen werden kann und der ganze Bereich der Entsendung.
Eine Hierarchie, die „von oben“ Anweisungen geben würde hinsichtlich irgendwelcher Lehrinhalte, oder bezüglich der Gestaltung des Gemeindelebens, haben wir nicht.
Sarah Knausenberger: Wo sehen Sie Baustellen in der Christengemeinschaft?
Christward Kröner: Ich würde lieber von Entwicklungspunkten sprechen. Ich glaube, die Formen der Zusammenarbeit sind weiterzuentwickeln. Zwischen Priestern und Mitgliedern in den Gemeinden, zwischen den Priestern. Wir sind eine Entwicklungs- und Lerngemeinschaft. Viele Bereiche des Gemeindelebens können immer wieder angeschaut und neu gegriffen werden. Soweit ich sehe, geschieht das auch vielfach. Die Priester und die Gemeinden können sich vielleicht noch mehr gegenseitig anregen, Erfahrungen des Gelingens auszutauschen. Alles, was heute unter dem Stichwort „Vernetzung“ läuft, könnte auch unter den Gemeinden den unmittelbar menschlichen Austausch steigern und die Erfahrung von Gemeinschaft – auch über Gemeindegrenzen hinweg – befördern.
Ein Entwicklungspunkt, der Aufmerksamkeit erfordert, ist auch die Finanzierung der Gemeinden. Wir bauen vollständig auf das Freiwilligkeitsprinzip, und das ist gut so. Gleichwohl besteht die Aufgabe, das Bewusstsein für die Notwendigkeiten immer neu zu schärfen – da tragen alle mit, die wollen, dass es die Christengemeinschaft gibt, auch in der Zukunft.
Schließlich meine ich, dass es im Zelebrieren der Sakramente, insbesondere der Weihehandlung, auch künftig darum gehen könnte, dass wir Priester immer mehr das Wort als „Diener des Wortes“ zu sprechen lernen und allerlei persönliche Eigenheiten oder Vorlieben in den Hintergrund treten lassen. Kommt aus der Gemeinde etwa das Echo: „Es lässt sich gut mitbeten“, oder: „Ich wurde nicht durch sprachliche Willkürlichkeiten im Mitvollbringen der Handlung behindert“, dann ist das meines Erachtens ein Zeichen dafür, dass es in die richtige Richtung geht.
Sarah Knausenberger: Was ändert sich gerade grundlegend in der Christengemeinschaft und wie können wir uns darauf vorbereiten?
Christward Kröner: Das, was uns die Identität gibt, ändert sich gar nicht. Das ist jeden Tag gleich – und zugleich, hoffentlich, jeden Tag neu.
Gleichwohl ist die Christengemeinschaft in fortwährendem Wandel begriffen – weil wir Menschen uns ändern, unsere Bedürfnisse, unsere Erwartungen. Und die Lebensbedingungen allgemein ändern sich. Welche Vorbereitung gibt es auf das Leben? Das Leben selbst ist der Lehrmeister. Wenn unsere Gemeinden immer mehr Orte werden, in denen Menschen innerhalb der auf allen Gebieten zunehmenden Hektik Ruhe finden und Kraft schöpfen können, Orte, von denen Wärme, Licht und Zuversicht ausgehen, wo wir an unsere innersten Ziele anknüpfen können sowie Inspiration erfahren und echte menschliche Begegnung möglich ist, in allen Lebensaltern – dann könnte all dies durch die individuellen Schicksale auch heilend und stärkend in den größeren Zusammenhang unserer Gesellschaft ausstrahlen.
Sarah Knausenberger: Worin sehen Sie die brennenden Themen, welche heute die Menschen bewegen, und wie kann die Christengemeinschaft ihnen begegnen?
Christward Kröner: Die Menschen bewegt die Frage von Krieg und Frieden, die Frage, wie sich die KI auf unser aller Leben auswirken wird, die soziale Frage. Ebenso die Frage nach dem Erhalt der Schöpfung und einer menschengemäßen Arbeitswelt.
Wichtig wird sein, die Fähigkeit der Unterscheidung der Geister und das Stärken der individuellen Urteilskraft zu pflegen.
Am Ende geht es darum: Was für ein Menschenbild haben wir? Können wir uns selbst immer mehr als Geistwesen erkennen, die eine vorgeburtliche und nachtodliche Existenz durchlaufen? Pflegen wir die Verbindung mit den Verstorbenen? Werden wir wahrnehmend und erlebend in das Gebiet und die Tätigkeit der Engelwesen hinein?
Wir können in der Christengemeinschaft nicht die Probleme der Welt lösen. Aber wir können vielleicht einen Entwicklungsraum schaffen und offenhalten, in dem Menschen ihre ganz eigenen Ansätze für die Selbst- und Weltverwandlung finden, die sie dann in ihrem jeweiligen Schicksalsumfeld gestaltend verwirklichen können.
