Raphaela Pöllmann über ihre Jugend in der Christengemeinschaft
SK: Hallo Raphaela! Wie geht es Dir?
RP: Gut. Ich komme aus dem Nachtdienst und gehe auch heute Nacht wieder in die Klinik – viel passiert da drum rum nicht.
SK: Das glaube ich. Schön, dass wir uns unterhalten können. Es geht mir in diesem Gespräch um die Frage, was die Christengemeinschaft für dich bedeutet. Magst du einmal schildern, wie der erste Kontakt zustande gekommen ist?
RP: Meine Eltern sind beide in der Christengemeinschaft gewesen und ich selbst wurde in Heidenheim getauft, als ich fünf Wochen alt war. Ich erinnere mich noch vage, dass ich als Kind ab und zu in der Gemeinde war. Bei den Kinderfesten und so. Dann sind wir nach Dortmund gezogen und die Sonntagshandlung für Kinder wurde ein regelmäßiger Teil meines Lebens.
SK: Wer war da Pfarrer?
RP: Jukka Kuoppamäkki. Mein Bruder wurde dann konfirmiert, aber zu der Zeit war meine Mutter kein aktives Mitglied mehr. Sie hat es meinem Bruder freigestellt, ob er da mitmachen will oder nicht, so war das dann bei mir auch. Wir zogen nach Münster, aber für mich war klar, ich will konfirmiert werden. Nur gab es in Münster keine Jugendlichen und keinen Konfirmandenunterricht …
SK: Warum war die Konfirmation so wichtig für dich?
RP: Mir war klar, dass das dazugehört. Es war für mich keine Frage. Ich bin dann alle zwei Wochen nach Dortmund gefahren, Dienstagabends war dort der Konfiunterricht mit dem neuen Priester Laurens Hornemann. Ich habe Freunde aus meiner alten Klasse wiedergetroffen. Aber es war für mich gar nicht so wichtig, wer da war. Es waren die Autofahrten mit meiner Mutter, die Gespräche, die wir vor allem danach hatten, denn da haben wir oft die Themen weiterbesprochen, die wir im Konfiunterricht durchgenommen hatten. Es war für mich eine wichtige Zeit. Dann wurde ich konfirmiert und währenddessen hab ich gemerkt, ich suche die Verbindung zum Kultus. Ich habe Ministrieren gelernt. War dann bei der Jugendtagung zur Priesterweihe und bei der Jugendreise nach Rumänien dabei, 2014 war das. Mir war dann klar, dass ich dabeibleibe. Auf der Jugendreise haben wir die internationale Jugendtagung für das nächste Jahr vorbereitet. Die sollte in Dortmund stattfinden, 200, 300 Leute wurden erwartet. Ich war noch nie auf einer Tagung gewesen, war 15 Jahre alt und hatte keinen Plan, hab aber mitorganisiert. Und so ging das immer weiter. Irgendwann war ich Helferin bei Tagungen und Jugendreisen …
SK: Was würdest du sagen, was die Christengemeinschaft in der Zeit für dich bedeutet hat?
RP: Ich habe gemerkt, dass der Kultus für mich das Zentrum war. Ich mochte die Menschen zwar auch sehr gern, aber für mich war der Kultus der Ort, an dem ich zuhause war. Ein Ort, wo ich zur Ruhe kommen konnte neben allem, was man als Teenager so erlebt. Das war für mich auch bei den Jugendreisen das Zentrale: der Kultus. Wir haben während vieler Reisen besondere Orte gesehen, zum Beispiel waren wir in Griechenland in Delphi, und trotzdem war das tollste, dass wir in einer alten Ruine eine Weihehandlung feiern konnten. Das haben auch einige Jugendliche gesagt. Die kannten die Priester aus dem Religionsunterricht, hatten aber mit dem Kultus an sich nicht viel zu tun. Aber in der Abschlussrunde am letzten Tag der Jugendreise haben viele gesagt, dass die Menschenweihehandlung da im Freien ein sehr besonderer Teil dieser Reise für sie war.
SK: Was ist denn das Besondere am Kultus?
RP: Der Kultus bringt einen nochmal anders zu sich und auch zur Geistigen Welt. Innehalten, zuhören und sich mit Menschen und anderen Wesen verbinden – das hat eine reale Auswirkung darauf, wie man handelt, wie man in die Welt rausgeht. Deshalb glaube ich, dass der Kultus zentral ist und eine andere Dimension hat, als wenn man am Lagerfeuer beieinandersitzt. Obwohl das natürlich auch schön ist.
SK: Du bist sehr tatkräftig und organisiert gern, richtig?
RP: Ja. Seit ich damals mit dem Studium zur Hebamme angefangen habe, bin ich beim Verband der Hebammen engagiert und hab da zum Beispiel das Sommertreffen organisiert, was ein bisschen den Jugendtagungen ähnelt – viele junge Menschen kommen zusammen. Aber es gibt für mich einen Unterschied zu den Jugendtagungen. Nach einer Jugendtagung kam eine Jugendliche zu uns, die war vielleicht 15, die hatte mehrere Monate mit der Frage gerungen: warum fühl ich mich so unverstanden von der Welt? Sie hat dann am Ende der Tagung gesagt, dass sie die Verbindung wieder spürt zu anderen Menschen und den Sinn im Leben wieder sehen kann, dass ihr das richtig viel gegeben hat, bei der Tagung zu sein. Das ist für mich der Unterschied. Es ist etwas anderes, eine Jugendtagung zu organisieren, wenn eine 15-Jährige zu dir kommt und sagt, danke dass ihr das organisiert habt, jetzt weiß ich wieder, warum ich hier bin.
SK. Ja, aber echt! Welchen Platz hat die Christengemeinschaft denn jetzt in deinem Leben?
RP: Meine Nichte ist in der zweiten Klasse. Manchmal gehe ich mit ihr in die Sonntagshandlung. Das ist derzeit meine Verbindung. Es ist schwierig mit dem Schichtdienst … Meine Nichte ist ein Kind, die kann nie stillsitzen, außer sie ist in der Kirche. Danach hat sie immer sehr viele Fragen zu dem, was sie da gehört hat.
SK: Da ist sie aber besonders offen …
RP: Ja. Einmal waren wir danach in einem Museum, ich wollte zu einer bestimmten Ausstellung und wir mussten dafür an einer Ausstellung mit Altarbildern vorbei. Die haben wir uns dann angeguckt. Manche Bilder haben an den Isenheimer Altar erinnert. Sie war sehr interessiert, vor allem an der Kreuzigung. Sie hat sich jedes Bild genau angeschaut. Eine ihrer Fragen war: Warum hat die Mutter von Jesus ihn nicht beschützt?
SK: Eine gute Frage.
RP: Ja. Und sie ist erst acht!
SK: Nimmst du in deiner Altersgruppe eine Offenheit für Spiritualität wahr?
RP: Das ist unterschiedlich. Ich glaube es kommt darauf an, wie man sozialisiert wurde oder wie sehr man selbst danach sucht. Ich habe viele Freundinnen, die damit nichts anfangen können, oder für die es nie Teil ihres Lebens war. Sie hören mir zu, wenn ich darüber erzähle, weil es ja ein großer Teil meines Lebens war, aber sie würden nie in die Kirche gehen. Es ist ihnen fremd. Aber es ist schwer, eine pauschale Antwort zu geben, weil es darauf ankommt mit wem man gerade zu tun hat.
SK: Stell dir vor, du stehst vor einer 11. Klasse im Gymnasium und die fragen: warum gehst du in die Kirche?
RP: In der 11. Klasse ist da bestimmt eine gewisse Offenheit, ich würde etwas über den Kultus erklären, die Sakramente. Am einfachsten ist es, die Christengemeinschaft anhand der Differenzierung zu anderen Kirchen zu erklären, weil die Jugendlichen schon was mit Religion und Kultus an sich anfangen können, weil sie das meistens aus der Kindheit kennen.
SK: Es hört sich an, als ob du ein 100%iges Ja zur Christengemeinschaft hast. Ist das richtig?
RP: Ja, das habe ich.
SK: Das ist wirklich schön! Gibt es denn aus deiner Sicht als Insider auch Kritik?
RP: Ja, gibt es auf jeden Fall. Ich finde zum Beispiel, die Lehrfreiheit hat auch Schattenseiten. Es ist eine gute Sache, aber kann auch sehr auseinandergehen in den Gemeinden. Dann ist zum Beispiel wichtig, die Jugendarbeit zu fördern, das sollte keine Sache der Präferenz sein. Es ist wichtig, dass Familien über die Christengemeinschaft erfahren. Nicht dass man missionieren soll. Aber es ist wichtig, dass man die Christengemeinschaft ansprechend macht für Familien. Wenn es nicht klappt, muss man eben als Gemeindemitglied aktiv die Struktur schaffen, die man haben möchte. Als ich nach Köln kam, gab es keinen Jugendkreis. Ich habe gesagt, ich hätte gern einen Jugendkreis und die Priester dort haben gesagt, ok, dann bring 15 Jugendliche mit und wir starten.
SK: Das ist ja schon ein hoher Anspruch.
RP: Ja, aber es ging dann. Weil es von uns damaligen Jugendlichen kam. Ich glaube aber auch, dass an den Seminaren die Jugendarbeit mehr gefördert werden muss.
SK: Ja. Man könnte mehr Handwerk üben, was Jugendpädagogik betrifft. Oder was die Grundvoraussetzungen sind, um sichtbar zu sein.
RP: Genau. Es gibt ja einfache Wege über die Schulen. Wichtig finde ich auch den Austausch unter den Generationen. Beispiel: Wir hatten eine Familienfreizeit, wo die Jugendlichen auf die Kinder aufgepasst haben, dann sah man sich am Sonntag wieder und hatte ein anderes Verständnis füreinander.
SK: Jugendliche könnte man ja auch mehr in die Pflicht nehmen. Dass sie musikalisch etwas zum Gottesdienst beitragen, oder dass die Konfirmierten die Jüngeren einführen.
RP: In der Gemeinde hört man oft: wo sind denn die ganzen Jugendlichen? Es gibt sie! Es gibt eine Webseite über die Jugend in der Christengemeinschaft, die ich irgendwann übernommen habe. Dabei ging es mir darum, die Jugendlichen untereinander zu verbinden, andererseits aber auch, ein Bewusstsein für die vorhandenen Strukturen und Erlebnisse, auch für Erwachsene, zu schaffen.
SK: Wir sind als Christengemeinschaft etwas scheu in unserem Auftreten, findest du auch?
RP: Ja. Ich glaube es hemmt manchmal, wenn wir diesen Grundsatz des Freilassens über alles stellen oder das Missverstehen. Es stimmt ja auch, die Menschen sind frei und dürfen frei entscheiden. Aber man könnte locker mal Aktionen auf der Straße machen, dort was für die Menschen tun, sichtbar werden. Ich glaube, man muss aus der Gemeinde raus gehen um sie zu stärken. In Berührung treten. Ich war mal mit einer Konfigruppe in der Stadt und sie hatten die Aufgabe, Menschen bestimmte Fragen zu stellen – zu Gott und der Welt. Diese Erfahrung, mit Menschen ins Gespräch kommen zu können, die war für die Jugendlichen richtig gut!
SK: Nach Toronto ans Seminar kommen wohl viele auch über den Podcast von Patrick und Jonah, The Light in Everything …
RP: Ja, der Podcast ist genial. Ich habe viele Folgen davon gehört. Es ist in klarer Sprache formuliert, worum es geht. Keiner muss Steiner gelesen haben um zu verstehen, worum es geht. Sie sind ehrlich und spontan. Ich hatte nie das Gefühl, die überlegen vorher genau was sie sagen, aber sie sind persönlich und sprechen sehr bewegend über den Glauben. Das ist, was die Menschen erreicht.
SK: Hast du mal überlegt, ans Seminar zu gehen?
RP: Doch, ich habe lange überlegt. Ich hab mit 18 Abitur gemacht und wusste erstmal nicht, wie es weiter geht. Ich habe dann ein Jahr ein Praktikum in der Christengemeinschaft Köln gemacht. Der einzige Grund, warum ich danach nicht ans Seminar gegangen bin ist, weil ich dachte, ich bin zu jung, ich dachte ich jobbe noch bisschen, und geh dann in fünf Jahren ans Seminar. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit Leib und Seele Hebamme werde.
SK: Wie kam das?
RP: Ich habe mich auf ein Bewerbungsgespräch an einer Uni vorbereitet und mich mit einer Freundin darüber unterhalten. Sie war gerade hochschwanger. Ich habe zum Spaß gesagt: Wenn die mich fragen, was mein Plan B ist, sag ich einfach Hebamme. Das war nur so ein Satz. Und dann kam dieser Vorstellungstag und ganz am Ende wurde ich tatsächlich gefragt: Was wäre Ihr Plan B? Dann habe ich das mit der Hebamme gesagt. Nach dem Gespräch habe ich schon das Gefühl gehabt, dass ich nicht genommen werde und ich wusste auch nicht mehr so genau, ob diese Uni das richtige für mich ist. Eine Woche später kam die Absage. Danach kam der erste Lockdown. Ich hatte Zeit nachzudenken und hab mich dann für ein Praktikum als Hebamme beworben …
SK: Und jetzt bist du mitten im Beruf.
RP: Ja, seit einem halben Jahr. Es ist echt intensiv.
SK: Dann bin ich ja gespannt, ob und wann das Seminar dich wieder ruft …
RP: lacht.
SK: Vielen Dank für das Gespräch!
RP: Sehr gern.
Raphaela Pöllmann wurde 1999 geboren, ist Hebamme und wohnt in Hannover.
