Der blinde Bettler

Der blinde Bettler
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Predigt der Woche

In unserer Gesellschaft werden Behinderungen immer noch nicht leicht akzeptiert – im Gegenteil. Ein ganzes Heer von kranken und schwachen Menschen – auch solche mit Fehlbildungen – muss heute am Rande der Gesellschaft leben, für die Öffentlichkeit unsichtbar. Manche bleiben aus eigenem Entschluss isoliert, wohl wissend, dass man sie anstarren wird, vielleicht auslachen – oder noch Schlimmeres.

Gebrechen, Schmerz und Trauer – damit wollen wir am liebsten nicht konfrontiert werden. Dieses Gefühl richtet sich nicht nur gegen Menschen, die ein physisches Leiden haben, sondern noch mehr gegen geistig Verwirrte. Solche möchten wir überhaupt nicht sehen; sie stören unsere Gemütsruhe. Wir schliessen sie aus oder sperren sie in eine Anstalt ein.

Selten machen wir uns klar, dass eine Behinderung auch ein Ansporn sein kann, um völlig neue Fähigkeiten zu entwickeln. Denken wir an einen tauben Menschen, der oft besser sehen kann als andere. Und ein Blinder kann oft besser zuhören als andere Menschen – sogar auch „durch die Worte hindurch“. Dieses „hindurch“ nannte ein Blinder einmal die „moralische Musik“ der Sprache und meinte damit die Absicht, welche hinter den Worten steckt. 

Nicht nur physiche, sondern auch geistig-seelische Gebrechen können auf diese Weise im Leben von einer „Schwäche“ in eine Quelle der inneren Kraft entwickelt werden.

In der Evangelienlesung dieser Woche (Lukas 18) sitzt ein blinder Bettler am Rande des Weges. Die „Normal-Sehenden“ sagen ihm: „Jesus der Nazoräer geht vorbei.“ Aber der Blinde sieht mehr: Als Einziger ruft er Ihn mit Seinem wahren Namen an und bittet Ihn:

„Jesus, Sohn Davids, erbarme Dich meiner!“

Dieser „Sohn Davids“ ist einer der Namen für den Messias. Der Blinde erkennt nicht nur den Menschensohn Jesus, sondern auch den Gottessohn Christus.

Erst wenn der Bettler von seiner physischen Blindheit geheilt ist, sind auch die Umstehenden imstande, richtig zu sehen. Ihre geistige Blindheit ist geheilt, und sie fangen an zu sehen, was ihnen bis dahin verborgen war: „Und das ganze Volk sah es und lobte Gott.“

Durch die Jahrhunderte hindurch klingt der Ruf des blinden Bettlers am Altar nach: „Kyrie eleison – erbarme Dich unser!“ – auf dass wir erkennen, dass wir alle blind sind; auf dass wir erkennen, dass Er uns alle heilen will.

Verfasst von Bastiaan Baan, Priester

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